STIFTER
JAHRBUCH
NEUE FOLGE 29
2015
Impressum
Herausgeber
Adalbert Stifter Verein e. V.,
Hochstraße 8, 81669 München
Verantwortlicher Redakteur
Jozo Džambo
Redaktionelle Mitarbeit
Franziska Mayer
Druckvorlage
Tomislav Helebrant
Graphiken auf Seiten
6, 8, 36, 58, 80, 110, 142,
160, 189, 190, 243, 244, 258
Andreas Opperer
Gesamtherstellung
Druckerei und Verlag Steinmeier,
Deiningen
Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung
für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses
des Deutschen Bundestages
ISBN 978–3–940098–12–2
Inhalt
Peter Becher
Zwischen den Weltkriegen
7
Adalbert Stifter Verein
Jahresbericht 20149
Wissenschaftliche Beiträge und Essays
Raimund Paleczek
Jaroslav Hašek, die Herrschaft Protiwin und die ­Fürsten Schwarzenberg
37
Michel Reffet
Das Attentat von Sarajevo in literarischer Fiktion
59
Robert Michel
Aus eigener Werkstatt
81
Helmut Wilhelm Schaller
Gerhard Gesemann – Slawist und Balkanologe an der Deutschen Universität
Prag 1922–1944
111
Kateřina Čapková
Zuflucht für Prominente. Die Tschechoslowakei und ihre Flüchtlinge aus
NS-Deutschland und Österreich
143
Régine Bonnefoit
Oskar Kokoschkas pazifistisches und politisches Engagement in Prag
161
Rezensionen
Stefan Albrecht (Hrsg.): Die Königsaaler Chronik (Thomas Krzenck)
191
Adalbert Stifter: Schriften zu Politik und Bildung. Texte (Franz Adam)
195
3
Inhalt
Bernhard Dieckmann: Verblendung, Volksglaube und Ethos. Eine Studie zu Adalbert
Stifters Erzählung „Der beschriebene Tännling“ (Johannes John)
198
Bernard Bolzano: Erbauungsreden des Studienjahres 1816/17 (Peter Demetz)
203
Johannes Jetschgo: Im Zeichen der Rose. Reise in eine europäische Provinz zwischen
Donau und Moldau (Klaus Hübner)
206
Hartmut Binder: Kafkas Wien. Portrait einer schwierigen Beziehung (M. Theresia
Wittemann, OSF)
209
Marta Marková: Unglück auf fast allen Seiten. Milena – Staša – Jarmila. Kafkas Elternrevolte und weibliche Rebellion (Anna Knechtel)
212
Max Brod: Ausgewählte Werke (Franz Adam und Franziska Mayer)
216
„Ich gehe mit Kremserweiß schlafen und stehe mit Zinnoberrot auf!“. Emil Orliks „Kamelbriefe“ an Oskar Loerke 1913–1932 (Franziska Mayer)
223
Marta Marková: Familienalbum. Erzählungen aus Mähren und Böhmen (Stefan Zwicker) 226
R enata Cornejo, Sławomir Piontek, Izabela Sellmer, Sandra Vlasta (Hrsg.): Wie
viele Sprachen spricht die Literatur? Deutschsprachige Gegenwartsliteratur aus Mittelund Osteuropa (Natalia Shchyhlevska)
230
Joseph Wechsberg: Heimkehr (Jozo Džambo)
233
Vlastimil Artur Pólak: Die Stadt der schwarzen Tore. Gedichte aus Theresienstadt /
Gesammelte Gedichte 1938–1990 (Peter Ludewig)
237
Roman Kopřiva: Internationalismus der Dichter. Einblicke in Reiner Kunzes und Jan
Skácels literarische Wechselbeziehungen mit einigen Bezügen zur Weltliteratur (Peter
Demetz)240
Zeitschriftenschau
Aussiger Beiträge. Germanistische Schriftenreihe aus Forschung und Lehre, Jg. 8
(2014), Band 8
Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder, Band 54
(2014), Heft 1
Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder, Band 54
(2014), Heft 2
4
245
247
249
Inhalt
Germanoslavica. Zeitschrift für germano-slawische Studien, Jg. 25 (2014), Heft 1
Jahrbuch des Adalbert-Stifter-Institutes des Landes Oberösterreich, Bd. 21 (2014)
Studia Germanistica. Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis,
č. 13 (2013)
Studia Germanistica. Acta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensis,
č. 14 (2014)
Adressen der Mitarbeiter
251
252
254
256
259
Bildnachweis261
5
190
Rezensionen
Hartmut Binder: Kafkas Wien. Portrait einer schwierigen Beziehung. Prag: Vitalis
2013. 456 S. ISBN 978-3-89919-282-7. 49,90 €.
Fünf Jahre nach Kafkas Welt (vgl. Rezension in Stifter Jahrbuch 23/2009),
einem Werk, das in inhaltlicher Fülle
und Opulenz der Ausstattung seinem
umfassenden Titel voll und ganz gerecht wird, schließt einer der renommiertesten Kafka-Kenner unserer Tage
mit diesem „Portrait“ eine bisher empfindlich wahrgenommene Lücke. Kafka und Prag – der Literaturbewanderte
weiß darüber aus dem Effeff zu berichten. Doch wem fällt zu Wien auf Anhieb mehr ein, als daß die Sanatorien,
in denen sich der kranke und schließlich sterbende Schriftsteller aufhielt,
im näheren Umfeld der Reichshauptstadt liegen?
Mit der ihm eigenen und so bewundernswerten Akribie hat Hartmut Binder Details zusammengetragen
und Bezüge hergestellt, die den wissenschaftlich Interessierten, den Liebhaber des k. u. k. Mikrokosmos und
den Neueinsteiger gleichermaßen auf
ihre Kosten kommen lassen. Entstanden ist dabei weniger ein Städtebuch als
ein Panoptikum politischer und literarischer Ereignisse, die mit den Besuchen des Kaisers Franz Joseph in Prag
beginnen und mit Kafkas Aufenthalten in Wien zu Kongressen und Autorenlesungen (VII) sowie als Liebender
(X–XI) beziehungsweise Kranker (XII)
enden. Sicher wird man das – buchstäblich sehr gewichtige – Buch kaum in
einem Zug durchlesen, doch die zahlreichen, mehrheitlich erfrischend unbekannten Fotografien sowie die Einteilung in zwölf Großkapitel ermöglichen
ein Schmökern im besten Sinne.
Für Kafkas Jugend- und Schulzeit
ist besonders die Auswertung der damals eingesetzten Unterrichtswerke in
Deutsch, Geschichte und Geographie
erhellend; zeigt sie doch, welche (patriotischen) Vorstellungen und Ideale in
den Schülern geweckt werden sollten.
Glaubhaft kann Binder so nachweisen,
daß hieraus Kafkas spätere „Vorliebe
für militärische Bilder und Kampfme209
Rezensionen
taphern“ (S. 19) ihren Ursprung hat.
Die Kapitel über Volkstheater (III) und
Kabarett (IV) gewähren einen umfassenden Einblick in das jeweilige Genre, an dem sich Kafka eigenen Aussagen zufolge immer wieder ergötzte und
aus dem er nicht wenige Anregungen
zog. Den Mittelpunkt der Darstellung
nimmt das fast hundertseitige Kapitel
„Schriftsteller“ (V) ein, das erfreulicherweise nicht nur die Auseinandersetzung mit mehr oder weniger begabten Zeitgenossen, sondern auch das
ambivalente Verhältnis zu österreichischen Klassikern wie Grillparzer, dem
sich Kafka in seiner Junggesellenproblematik biographisch-psychologisch
verwandt fühlte, und Stifter beleuchtet.
Besonders detailreich wird „der Fall
Karl Kraus“ (VI) im Zusammenhang
mit Kafkas Faszination für Die Fackel ausgeführt. Warum dies – zumindest zu Lebzeiten des Dichters – eine
einseitige Beziehung blieb, begründet
Binder mit Kraus’ Desinteresse für Erzählliteratur.
Dem Liebhaber der Literaturtopographie haben es sicher die diversen
Auszüge aus dem historischen Wiener
Stadtplan, die um eine entsprechende, mit Kafka in Beziehung stehende
Legende erweitert wurden (S. 244 f.;
338 f.; 364 f.), sehr angetan, laden sie
doch zur heutzutage so gern unternommenen Spurensuche ein. Ein wienkritisches Kapitel, das sich nicht von
ungefähr auch mit dem spezifischen
„Wiener Judenhaß“ (S. 299) beschäftigt, verbirgt sich hinter dem sprechen210
den, von Raoul Aurnheimer stammenden Titel „Grabplattenbewunderer“
(VIII). Binder geht hier Kafkas Vorbehalten gegen eine übersteigerte Autoreferenzialität der Wiener, ja der
Österreicher insgesamt nach, die sich
besonders in den Jahren des Ersten
Weltkrieges bis zur Ablehnung verstärken, und resümiert: „Kafka wollte
nicht mehr zu denen gehören, die wie
es in der Volkshymne hieß, mit vereinter Kräfte Walten den Bestand der
Monarchie sicherten“ (S. 309; Hervorhebung im Original). Unter der Überschrift „Nach Ungarn“ (IX) findet sich
die Dokumentation zweier Reisen,
die Kafka einmal mit seiner Schwester Elli zu deren an der Front stehendem Mann sowie mit Felice Bauer zu deren Verwandten in Budapest
unternommen hat. Immer mußte dabei
Wien zumindest gestreift werden. Dieses stärker biographisch geprägte Kapitel leitet über zur Schilderung von
Kafkas Freundschaft mit Milena Pollak-Jesenská, deren ehelicher Wohnsitz
Wien war. Das Schlüsselerlebnis, der
gemeinsame Ausflug in den Wienerwald am 1. Juli 1920, nimmt dabei
den größten Raum ein und offenbart
in seiner fast lückenlosen Rekonstruktion von der Straßenbahnfahrt über die
Wahl des Waldweges Binders Ehrgeiz
zur Verdichtung und Vergegenwärtigung zentraler Ereignisse. Bei aller
Genauigkeit – der Anmerkungsapparat genügt immer wissenschaftlichem
Anspruch – wird so fast romanhafte
Spannung erzeugt.
Rezensionen
Im wahrsten Sinne von der Wiege, das heißt in diesem Fall von der
dem Herrscherhaus huldigenden Namensgebung, bis zur Bahre reicht
die Dokumentation. So wird der, der
in Prag das Licht der Welt erblickte,
schließlich wieder dorthin überführt:
Nach Kafkas Tod im Sanatorium Kier-
ling bringt man den Metallsarg mit seinem Leichnam zum Wiener Franz-Josefs-Bahnhof, um ihn von dort mit dem
Zug in seine Heimatstadt zu transportieren.
M. THERESIA WITTEMANN, OSF
(Plankstetten)
211

Rezension im Stifter Jahrbuch