WISSENSCHAFT
Gespräch mit Günter Stamerjohanns: Fortschritte beim satellitengestützten Navigationssystem GALILEO
Das richtungsweisende EU-Projekt
Das Interview führte Andrea Leiber
GALILEO ist ein gemeinsames Projekt der EU und der Europäischen Raumfahrtbehörde
ESA zur Entwicklung eines zivilen satellitengesteuerten Navigationssystems. Galileo
Industries wurde im Jahr 2000 vor allem auf Betreiben der Politik als Hauptauftragnehmer
für den Aufbau der GALILEO-Infrastruktur sowohl im Weltall als auch auf dem Boden
gegründet.
Herr Stamerjohanns, Sie sind seit November 2003 Geschäftsführer von Galileo Industries mit der
anspruchsvollen Aufgabe, nationale und industrielle Interessen der konkurrierenden Gesellschafter zu
bündeln. Wie steht es um die innereuropäische Konkurrenz? Sind hier alle Kämpfe ausgestanden?
Nicht ganz. Die Aktionäre von Galileo Industries sind EADS Astrium GmbH (Deutschland) und EADS Astrium
Ltd (Großbritannien) mit zusammen 43 Prozent, Alcatel Space (Frankreich), Alenia Spazio (Italien) mit je 21,5
Prozent und GSS (Spanien) mit 14%. Es wird erwartet, dass Thales (Frankreich) in Kürze sechster Aktionär wird.
Wir sind dabei, die bereits bestehende Partnerschaft möglichst breit weiterzuentwickeln, so dass wir wohl in den
nächsten Wochen ein gemeinsames Angebot abgeben können, das im Sinne der ESA nicht nur inhaltlich optimiert
ist, sondern unter Einbeziehung miteinander konkurrierender Subunternehmer auch aus Kostensicht.
Große Mitbewerber gibt es keine?
Nein. Das wäre bei einem so komplexen System wie GALILEO, für das man alle in Europa vorhandenen
Ressourcen zusammenführen muss, um Fehler in der Qualität zu vermeiden, auch nicht sinnvoll. Es wird
allerdings, wie bereits angedeutet, starken Wettbewerb auf den unteren Ebenen geben. Man darf nicht vergessen,
dass es sich bei GALILEO um ein ESA/EU-Projekt unter Beteiligung von insgesamt 15 Nationen handelt, die
einen Rückfluss der von ihren Ministerien und Agenturen eingezahlten Gelder erwarten.
Amerika besaß in den vergangenen 30 Jahren mit GPS das einzige satellitengestützte Navigationssystem von
weltweiter Bedeutung. Wie realistisch sind die europäischen Erwartungen, die USA würden die Beendigung ihrer
Monopolstellung durch GALILEO widerstandslos akzeptieren und mit Europa tatsächlich kooperieren?
Mit der Erkenntnis seitens der Amerikaner, dass GALILEO nicht mehr aufzuhalten ist, hat sich das Klima spürbar
verbessert. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir im Rahmen der Verhandlungen mit den USA auch hinsichtlich
der Einbindung weiterer Länder - wie z.B. China, Israel und Indien - zu guten Ergebnissen kommen werden.
Immerhin stellen GPS und GALILEO Technologien dar, die nationale Sicherheitsbelange tangieren. Daher werden
wir im Interesse aller Beteiligten umsichtig argumentieren und agieren.
Im Februar wurde mit dem Draft Agreement ein großer Schritt in der Zusammenarbeit mit den USA gemacht. Mit
vollständiger Unterzeichnung der Verträge wäre der Weg frei für eine Win-Win-Situation auch der Verbraucher,
die nach der Implementierung von GALILEO mit einem Gerät die doppelte Anzahl von Satelliten nutzen könnten.
Wann werden die Verhandlungen abgeschlossen sein?
Das wird voraussichtlich im Sommer der Fall sein und hat bereits positive Auswirkungen auch auf industrieller
Seite. US-Firmen und -Institutionen signalisieren den ausgeprägten Wunsch nach enger Kooperation. Dies kann
man nur begrüßen, vorausgesetzt, europäische Firmen werden im gleichen Maße am zukünftigen GPS III System
beteiligt werden wie die Amerikaner möglicherweise an GALILEO. Wir sind nicht daran interessiert, auf Kosten
der europäischen Steuerzahler einseitig Leistungen in den USA einzukaufen.
Wo steht bei diesem Projekt Russland?
Jetzt, nach den Wahlen in Russland, möchten wir die Verhandlungen, die wir bereits begonnen hatten, wieder
aufnehmen, sofern dies von Seiten der Russen gewünscht wird. Das betrifft jedoch vor allem die politische Ebene
und geht nur unter starker Einbeziehung der EU.
Welche konkreten Fortschritte macht GALILEO?
Der erste Testsatellit GSTB V2 wird im Oktober 2005 - aus Kapazitätsgründen - mit einer russischen Sojus Rakete
vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan gestartet werden. Dazu muss man wissen, dass Sojus
ein Joint Venture zwischen der EADS und Russland ist.
Wann können wir mit einem konkreten Nutzen von GALILEO rechnen, und welche Anwendungen sind
vorstellbar?
Das gesamte System wird 2008 vollkommen funktionsfähig sein. GALILEO entstand aus dem Wunsch der
Europäer heraus, mehr Unabhängigkeit von GPS zu erhalten. GPS untersteht militärischen Richtlinien. Damit gibt
es keine Möglichkeit, regresspflichtige Leistungen abzufordern, falls GPS-Signale einmal nicht erreichbar sein
sollten. GALILEO schafft hier Sicherheit. GALILEO wird zudem in der Präzision der gesendeten Informationen
GPS überlegen sein, weil unser System auf dem neuesten Stand der Technik sein wird. Neben den in der
Öffentlichkeit bereits besser bekannten Anwendungsmöglichkeiten wie der Ortung und Ermittlung der
Geschwindigkeit von Fahrzeugen gibt es eine ganze Reihe weiterer Perspektiven, wie zum Beispiel Anwendungen
im Bereich der Pflege von Behinderten oder Senioren, bei Justiz und Zoll zur Feststellung des Aufenthaltsortes
von Verdächtigen oder bei Grenzkontrollen, im Bauwesen, bei Not- und Rettungsdiensten oder auch im
Freizeitsport. Navigation beruht auf exakten Zeitsignalen: Die Atomuhren an Bord der GALILEO-Satelliten
ermöglichen weltweit eine exakte Zeitangabe im Milliardstelsekundenbereich. Dies eröffnet ganz neue
Perspektiven für zeitkritische Netzwerke wie Kraftwerke oder den Zahlungsverkehr von Banken. Die Kombination
von Navigation, Information und Telekommunikation verspricht eine Potenzierung der Möglichkeiten zum
Beispiel auf dem Unterhaltungssektor. Wir können bisher lediglich erahnen, welches Gesamtpotenzial in diesem
neuen System steckt.
Was sagen Sie zum Thema Toll Collect?
Toll Collect wird in der Öffentlichkeit zu Unrecht häufig in Verbindung gebracht wird mit satellitengestützter
Technik. Dazu kann ich nur sagen: Eine erfolgreiche satellitengestützte Navigation gibt es schon lange - Autos
fahren damit, Schiffe fahren damit. Wenn es Probleme gibt, entstehen diese auf der Erde durch die Veränderung
oder Verzögerung von Signalen oder Fehler in den Empfängergeräten von Lkws.
Kann man GALILEO als Modell für eine zukünftige Zusammenarbeit in Europa betrachten?
Ja, mit Fug und Recht. GALILEO ist das erste gemeinsame Projekt von EU und ESA, noch dazu ein
Großprogramm, an dem alle Länder der EU beteiligt sind und in dem substantielle wirtschaftliche und
arbeitsplatzpolitische Interessen berührt werden. In Zukunft werden außerdem die neuen Beitrittsländer hinzu
kommen, die im Moment bei GALILEO noch keine Rolle spielen. Dies alles spiegelt sich übrigens bereits heute
im Arbeitsalltag von Galileo Industries wieder. Die Anteilseigner erwarten von mir als Chef der Firma die
Reflexion nationaler Kapazitäten, das heißt, sie erwarten eine Einbindung von Mitarbeitern aus ihren Ländern, mit
allen damit verbundenen positiven und anregenden Problemen für unsere Personalabteilung. Auch im
Management sind wir durchgängig gemischt. So erleben wir auf der Mitarbeiterebene unserer Firma, wenn Sie so
wollen, bereits täglich einen Vorgriff auf das zukünftige Europa im besten Sinne. Auch darauf sind wir stolz.
(Copyright: Andrea Leiber, 2004)

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