Staatliches Schulamt
für den Landkreis Gießen/Vogelsbergkreis
Newsletter
Kulturelle Bildung in Gießen
Nr. 9 im Schuljahr 2014/2015
Fachberatung Kulturelle Bildung
Michael Meyer
Gießen, 18.03.2015
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
dieser Kultur-Newsletter hat im Gegensatz zu den anderen laufenden Newslettern einen einzigen Schwerpunkt: Es geht hier um kulturelle Bildung an Schulen, speziell bezogen auf Sprachen, exemplarisch soll dies am Beispiel des Faches Deutsch veranschaulicht werden.
Kulturelle Bildung will Schulalltag verändern, will Horizonte erweitern, ausgehend vom
Kind/Jugendlichen.
"In dieser Welt ist (scheinbar) alles zu haben, dennoch wächst erkennbar das Bedürfnis „zu spüren, dass
es mich gibt“ (Schülertext) : Denn mitten im Überangebot der Erlebniswelten reduziert sich die Möglichkeit, sich noch in Ruhe auf etwas einzulassen, herauszufinden, was man selber bewegen, gestalten,
verändern und kreativ neu erschaffen kann." (Grundlagentext:
http://kultur.bildung.hessen.de/kulturelle_praxis/Kuprax_grundlagentext/Konzept-kuprax.html)
Gilt es doch gerade in Deutsch Lust auf Literatur zu machen, ein Gefühl für Sprache lustvoll zu
vermitteln. Ich habe versucht, Anregungen zusammenzutragen.
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Ästhetische Zugänge im Fach Deutsch
KulturSchulen treten an, Curricula zu entwickeln, in denen ästhetische Zugänge für alle Fächer geschaffen werden
sollen. Aber was sind konkret ästhetische Zugänge? Salopp formuliert: Wie ein Bett sollen alle Fächer à la Frau
Holle ausgeschüttelt und nach kreativen Potentialen „abgeklopft" werden, um dann mit den SuS auf gemeinsame
Entdeckungsreise zu gehen. Geschlossene Curricula sind dafür weniger geeignet, man weiß also nicht so genau,
wohin die Reise geht. Um kreative Potentiale freizusetzen, kann man beispielsweise mit erlebnispädagogischen
Methoden arbeiten (Stichwort: außerschulische Lernorte), Anleihen bei musischen Fächern machen (Kunst, Musik, Darstellendes Spiel) oder Unterrichtsinhalte in kleine (fächerübergreifende) Projekte integrieren, die einer
größeren Öffentlichkeit präsentiert werden. Eigentlich alles, was nicht nach Lehrer-Hempel-Pädagogik und Lernstoff-Implementierung mittels Trichter klingt. Weg von verstaubten Lerninhalten und -methoden, hin zu lustvollem, eigenverantwortlich selbstständigem Handeln .
Exemplarisch und etwas holzschnittartig soll dies einmal am Fach Deutsch konkretisiert werden:
• Außerschulische Lernorte
Ob Wandertag, Studienfahrt oder Exkursion : Allen ist gemeinsam, Schule wird bewusst verlassen,
schulischer (Lern-)alltag durch alternative Lernzugänge eingetauscht. In Deutsch bieten sich eine Fülle
von Möglichkeiten an, diese Anlässe produktiv zu nutzen. Die Klassenfahrt an die Nordsee in Verbindung
mit der Lektüre des Schimmelreiters von T. Storm, eine Fahrt auf den Spuren von..., aber auch
Museumsbesuche mit besonderen museumspädagogischen Konzepten sind lohnende Ziele (Wortreich in
Bad Hersfeld, Kommunikationsmuseum in Frankfurt, Brüder-Grimm-Museum in Kassel, Caricatura in
Frankfurt....). Die Kunsthalle in Gießen kann -abgesehen von hervorragenden Angeboten von
Studierenden der Kunstpädagogik zu aktuellen Ausstellungen- aufgesucht werden, um Kunstwerke als
Schreibanlässe zu nutzen, Theater-Standbilder zu entwickeln...
Gerade in Deutsch bietet sich auch eine andere Institution an: das Stadttheater. Vom einfachen
Theaterbesuch eines Kinder-und Jugendtheaterstückes (z.B. Tschick) , über besondere Angebote des
Theaters: von der Vor-und Nachbereitung einer Aufführung durch Ensemblemitglieder bis zur XXLNewsletter 9 / 2014 2015 Kulturelle Bildung vom 18.03.2015, Seite 2 von 16
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Variante: das aktive Begleiten einer Stückentwicklung vom ersten Lesen über die Bauprobe bis zur
Generalprobe. Die SuS werden es danken.
• Methoden aus DS, Kunst, Musik…
Das Drama mit dem Drama: Eine schon bewährte Methode ist die szenische Interpretation, das Bauen von
Standbildern zur Erhellung der Figurenkonstellationen, Szenisches Lesen oder das Anfertigen von MiniaturBühnen bestimmter Szenen. Aus Balladen kleine Theaterstücke bauen. Politisches Kabarett nicht nur analysieren, sondern selber machen. Lit.zu Szenischem Interpretieren:
http://www.carlsen.de/sites/default/files/1304_Metamodell_Szenisches_Interpretieren.pdf
http://www.fachdidaktik-einecke.de/7_Unterrichtsmethoden/szenisches_interpretieren.htm
http://www.studienseminarkoblenz.de/medien/fachseminare/DE/05%20Studientag%20Interpretation/02%20Szenisches%20(PPT).ppt
Lyrik: Ein Text, als eingedampfte, verdichtete Sprache kann auch wieder entfaltet, Anlass zu eigenen
Sprachkreaturen werden. Oder: Worte aus Gedichten, ausgeschnitten aus farbigen Journalen und
Zeitschriften, ergeben wiederum eigene Strukturen, Resonanzen neuer Bedeutungsgehalte.
Anregung aus der Literatur:
Ein literarisches und ein optisches Vergnügen, Gedicht und Collage zugleich: Aus Zeitungsausschnitten
und Bildern setzt Herta Müller ihre Texte zusammen, so dass jedes einzelne Gedicht zu einer ebenso verspielten wie künstlerisch konsequenten Collage wird. Ein wunderbares, unvergleichliches Buch, das zeigt,
zu welchen spielerischen Formen die poetische Phantasie finden kann. (aus Prospekt des Hansa-Verlags)
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Spannende Experimente, die sprachreflexiv verwendet, Sensibilität für den eigenen Wort-Gebrauch
vermitteln, zumindest Spaß am Wortklamauk entstehen lassen.
Rhythmisierungen aufgreifen (chorisches Sprechen, Texte tanzen, Choreographien dazu entwickeln,
vertonen, rappen...).
Edition Poeticon
Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht: Haben Verse ein Geschlecht? Was ist das für eine Natur, von der die
sogenannte Naturlyrik spricht? Kann sich Gewalt in Gedichten freisetzen? Schreibt Geschichte Gedichte oder
machen Gedichte auch Geschichte? Was hat Lyrik mit Identität, was mit Chemie zu tun? Wie denkt man poetisch?
Die Edition Poeticon ist ein Forum für poetologische Reflexionen, eine Reihe zum Nach-, Um- und Weiterdenken. In der Lyrik eröffnen sich Erfahrungsmöglichkeiten eigener Art. Wie hängen sie mit den Begriffen zusammen, die unsere Diskurse bestimmen und unsere Lebenswelt prägen?
Aus: http://www.belletristik-berlin.de/edition-poeticon-05-08/#sthash.7ycKzoRs.dpuf
Visuelle Poesie
http://www.planetlyrik.de/franzobel-hrsg-kritzi-kratzi/2014/12/
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Manchmal ist einfach nicht mehr drin , als hechelnd des Regens zu harren .
http://www.zintzen.org/2010/07/02/hundstage-minimal-konkret-poetisch/
Vergleichen, selber machen, übertragen, Geschichten/Gedichte dazu schreiben.
Nicolas Mahler: Der Mann ohne
Eigenschaften: Musils Mammutwerk - vom Meister des Minimalismus, Suhrkamp-Verlag
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Freies Schreiben. Bilder werden auf eine Wand projiziert, dazu schreiben alle assoziativ
Texte, wichtig: ohne Pause weiterschreiben. Diese Texte können kleinen selbstgedrehten Filmen unterlegt
werden. Musik kann als Schreibanlass gewählt werden. Ein Schüler aus dem Jahrgang 13 meinte in einem
Rhetorik-Projekt einmal: Es sei das erste Mal seit der Klasse 5, dass er ohne klaren (eingrenzenden)
Arbeitsauftrag einfach so schreiben durfte. Wie arm ist Schule eigentlich, wenn Deutschunterricht nur
noch aus zweckgerichtetem Tun, nur noch zielgerichtet und fremdbestimmt abläuft und damit eigene
Kreativität verschüttet.
Wortfeldarbeit: 0,05 Prozent beträgt der Leitzins der Europäischen Zentralbank. 1 140 000 000 000 Euro
will EZB-Präsident Mario Draghi bis September in die Finanzmärkte pumpen. Was kaum in Worte zu
fassen ist, hat im Volksmund viele Begriffe: Asche, Bimbes, Eier, Holz, Kies, Knete, Kohle, Kröten,
Mammon, Moos, Mücken, Peanuts, Piepen, Pinke, Schotter, Zaster. Das Saarland hat begonnen,
Regionalismen zu erforschen. …..
Assoziationsschnipsel: Videoclip. Hörstück. Der rasende Reporter. Klassenzeitung. Zeitungstreff in
Gießener Zeitungen. Debatten führen. Reden entwickeln. Der eigene Fantasy-Roman...
• Projekte
•
Autorenlesungen, Kurzfilmfestival organisieren, Teilnahme an Ausschreibungen, Ausstellungen machen,
Literaturquiz oder Quiz über Literaturepochen....
• Lesefähigkeit
In seiner Rede zur ersten Staffel der KulturSchulen in Hessen zitiert Michael Gonszar Bieri mit
den Worten:
Der Gebildete ist ein Leser. Doch es reicht nicht, ein Bücherwurm und Vielwisser zu sein. Es gibt
- so paradox es klingt - den ungebildeten Gelehrten. Der Unterschied: Der Gebildete weiß Bücher
so zu lesen, dass sie ihn verändern. Das ist ein untrügliches Kennzeichen von Bildung: dass einer
Wissen nicht als bloße Ansammlung von Information, als vergnüglichen Zeitvertreib oder
gesellschaftliches Dekor betrachtet, sondern als etwas, das innere Veränderung und Erweiterung
bedeuten kann, die handlungswirksam wird. Der Gebildete wird auch durch Poesie ein anderer,
und er sieht die Welt danach anders“. (Bieri)
http://kultur.bildung.hessen.de/kulturelle_praxis/kultschu/Kulturschulen_Material/Festakt_Rede_M.Gonszar.html
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Ähnlich äußert sich anlässlich der Leipziger Buchmesse Christopher Schmidt in der Süddeutschen
Zeitung (13.3.2015:
"Ein Buch aber ist mehr als sein jeweiliger 'Contest' und Lesen etwas anderes als die Aufnahme von Information....Anstatt die Zerstreuung zu befördern, dient das Buch der inneren Sammlung und Konzentration.
Es schult die Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken. Und genau das ist es, was man Lesefähigkeit
nennt.
Lesen ist alles andere als ein passives Geschehen. Und partizipatorisch wird ein Buch nicht erst, wenn alle
daran mitschreiben, es lässt seine Leser viel mehr immer schon teilhaben. Literatur setzt Fantasie frei, indem sie die Fantasie bindet - jene, die Bücher für ein undemokratisches Mittel der Kommunikation halten,
übersehen das gerne. Durchlesen ist ein hässliches Wort, es bezeichnet einen Vorgang; lesen aber ist ein
Zustand, ein Glückszustand."
Das wäre ein schönes Ziel für den Deutschunterricht: den Beweis anzutreten, dass dies so ist.
Ganz unabhängig vom Inhalt kann man das natürlich auch nicht sehen. Abgesehen von einer klaren klassenspezifischen Lesekultur (14 % der Deutschen greifen zu keinem Buch, die meisten davon haben nur einen Hauptschulabschluss), was als Herausforderung gelten sollte, stellt sich die
Frage nach der „richtigen" Lektüre.
Wir haben Verleger junger Independent-Verlage der Belletristik angefragt, was sie denn Schulen
als Tipps geben würden, im Deutschunterricht als Lektüre zu verwenden. Ein Verleger hat geantwortet und uns folgende Literatur genannt:
Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeifenheini
(Zitat aus der Verlagsgeschichte)
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Lieber Herr Meyer,
Ihre Anfrage ehrt uns. Leider sind wir z.Zt. ein wenig im Stress vor der Leipziger Buchmesse, erlauben Sie mir daher
nur ein recht kurzes Statement:
Zunächst kann ich kaum für Hessen sprechen, selbstredend fällt mir Büchner ein, aber: wem nicht? Und ich gehe
davon aus, dass wir uns auf Titel von Deutschsprachigen Autorinnen und Autoren beschränken sollen.
Neben den üblichen Klassikern unter denen, unter Berücksichtigung Hessens, vielleicht noch Ludwig Börne ein besonderer Platz einzuräumen wäre (und selbstverständlich immer wieder Georg Weerth!), und neben jüngeren Titeln wie Wolfgang Herrndorfs "Tschick", die völlig zurecht Eingang in den Lehrplan gefunden haben, will ich also
eher auf einige Titel verweisen, die m. E. sowohl im Literaturkanon als auch in der Schule eine größere Rolle spielen
sollten, obschon sie zum Teil nur wenig Beachtung gefunden haben in den Feuilletons (der Einfachheit halber verweise ich, nach kurzer Begründung, immer auf die Website des Verlags):
- Peter Hacks, "Der Bär auf dem Försterball", ein Kinderbuch, das auch Nichtkinder lieben, und
das vergnüglich von Hierarchien erzählt (und ja, ich weiß, auch dieses Buch ist längst Teil des Lehrplans, aber eben
auch: unvermeidlich): http://www.eulenspiegel-verlag.de/programm-1/titel/282-der-baer-auf-demfoersterball.html
- F.W.Bernstein, "Die Gedichte", einfach ein großer, zugleich aber eben auch sehr tiefsinniger
Spaß: http://www.kunstmann.de/titel-0-0/die_gedichte-411/
- Lena Gorelik, "Lieber Mischa", aber das gibt es ja bereits als Schulbuch:
http://www.lenagorelik.de/book/lieber-mischa/
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- Benjamin Stein, "Die Leinwand", ein Roman, der buchstäblich von zwei Seiten aus gelesen
werden kann, und der damit auf überaus packende Art verdeutlicht, wie anders Menschen Situationen einschätzen und wie verschieden die Definitionen von "Wahrheit" sind:
http://www.dtv.de/buecher/die_leinwand_14077.html
- Dietmar Dath, "Deutschland macht dicht", ein "Bilderbuch", das ein Roman ist und
überbordet vor Ideen und Sprachkunst. Nicht einfach, aber mitreißend für alle Neugierigen:
http://www.suhrkamp.de/buecher/deutschland_macht_dicht-dietmar_dath_42163.html
- Susanne Schädlich, "Herr Hübner und die sibirische Nachtigall", ein auf Fakten basierender
Roman, der zeigt, wie verbeamtete Politik selbst jene niederdrückt, die ihr eigentlich zustimmen:
http://www.droemer-knaur.de/buch/7788870/herr-huebner-und-die-sibirische-nachtigall
- Kathrin Röggla, "Irres Wetter", um dem Berlin-Bild im Fernsehen mal die Realität mit allen
Schön- und Hässlichkeiten entgegen zu setzen:http://www.fischerverlage.de/buch/irres_wetter/9783596151318
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- Marcel Beyer, "Flughunde", weil es sein muss:
http://www.suhrkamp.de/buecher/flughunde-marcel_beyer_39126.html
- Olga Martynova, "Mörikes Schlüsselbein" ein sehr schöner Roman darüber wie Künstler
erwachen, wie Kunst entsteht:
http://www.droschl.com/programm/buch.php?book_id=765
- Maria Leitner, "Elisabeth, ein Hitlermädchen", ein Roman von 1937, der die Schrecken der Nazizeit noch nicht in vollem Ausmaß beschreiben kann, aber sehr genau zeigt, mit welchen Methoden die Nazis die
Jugend verführt haben:
http://www.aviva-verlag.de/programm/elisabeth-ein-hitlerm%C3%A4dchen/
- Michel Bergmann, "Die Teilacher", ein leicht zugänglicher Roman, der das jüdische Leben
unmittelbar nach dem Krieg beleuchtet:
http://www.dtv.de/buecher/die_teilacher_14030.html
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Aus unserem Verlag möchte ich folgende Bücher vorschlagen:
- Milo Rau, "Hate Radio" - ein Stücktext mit Materialien über den Genozid in Ruanda, wirklich nur älteren Jugendlichen zu empfehlen, aber hier ist viel über die Verquickung von Popkultur, Ideologie und
Massenmord zu erfahren: http://www.verbrecherverlag.de/book/detail/671 (gibt es auch bei der Bundeszentrale
für pol. Bildung als Studienausgabe)
- Giwi Margwelaschwili, "Verfasser unser. Ein Lesebuch", ein Buch, das in die Welt dieses
deutschsprachigen Dichters einführt, der Literatur über Literatur schreibt und somit als eine Art Erzähler der Erzähltheorie gelten kann - und dabei ungemeine Lesefreude macht:
http://www.verbrecherverlag.de/book/detail/713
- Hans Schweikart, "Es wird schon nicht so schlimm!", eine kurze Novelle mit Materialien, es
geht um das Leben von Juden und "jüdisch Versippten" in der Nazizeit - dadurch, dass der Autor mit den Menschen (Meta und Joachim Gottschlak), die als Vorlage für seine Figuren dienten, vertraut war, hat der Text eine
ungewöhnlich direkte Wirkung:
http://www.verbrecherverlag.de/book/detail/756
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- Chaim Noll, "Der goldene Löffel", in diesem Roman geht es um das Aufwachsen in der
DDR-Nomenklatura, die auch nicht verhindern kann, dass der Protagonist seinen eigenen Kopf entwickelt:
http://www.verbrecherverlag.de/book/detail/360
Ich hoffe, ich konnte mit diesen paar Hinweisen Ihrer Anfrage ein wenig gerecht werden, und bitte um Nachsicht,
doch gerade ist es aus oben genannten Gründen leider eng mit der Zeit.
Mit freundlichen Grüßen
Jörg Sundermeier
•
Literaturkanon
Das Kultusministerium
In Hessen gibt es einen Literaturkanon, der verbindlich für das Zentralabitur regelt, welche Lektüre gelesen werden muss.
Abitur 2015
Interessant ist der Vergleich zu anderen Bundesländern (laut Übersicht des Stark-Verlages):
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Abi-Pflichtlektüren 2016
in Baden-Württemberg 2016:
Deutsch (allgemeinbildende Gymnasien + berufliche Gymnasien):
Büchner, Dantons Tod
Frisch, Homo Faber
Stamm, Agnes
Naturlyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart
Bundle KE - Dantons Tod+Homo faber+Agnes
Englisch:
Walls, Half Broke Horses
Latein:
Ovid, Metamorphosen - Text ( wortgetreue Übersetzung)
Deutsch (Berufskolleg, Fachschulen - Fachhochschulreife):
Goethe, Die Leiden des jungen Werther
Wedekind, Frühlingserwachen
in Berlin und Brandenburg 2016:
Deutsch:
Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi. (GK)
Lessing, Emilia Galotti. (GK)
Lessing, Nathan der Weise. (LK)
in Bremen 2016:
Deutsch:
Döblin, Berlin Alexanderplatz (LK)
Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts (GK+LK)
Fallada,Kleiner Mann - was nun ?
Hoffmann, Der Sandmann (LK)
Kafka, Die Verwandlung. (GK)
Kafka, Der Proceß. (LK)
Kafka, In der Strafkolonie. (GK)
Kafka, Das Schloss. (LK)
Lyrik der Romantik (GK+LK)
in Hamburg 2016:
Deutsch:
Kleist, Der zerbrochne Krug (GK+LK)
Sophokles, König Ödipus (GK+LK)
Kafka, Der Verschollene
in Hessen 2016:
Deutsch:
Brecht, Die heilige Johanna der Schlachthöfe (E-Book)
Büchner, Lenz. (LK und GK)
Fontane, Frau Jenny Treibel. (LK und GK)
Goethe, Faust I. (LK und GK)
Hoffmann, Der Sandmann
Kafka, Der Proceß. (LK)
Kafka, Die Verwandlung. (GK)
Kleist, Die Marquise von O. (LK)
Kleist, Prinz Friedrich von Homburg. (GK)
Lyrik der Romantik. KE Spezial (GK+LK)
Lyrik des Expressionismus. KE Spezial (GK+LK)
Schiller, Die Jungfrau von Orleans. (LK)
Süskind, Das Parfum. (LK)
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Englisch:
Lee, To kill a Mockingbird
Shakespeare, Othell0 (LK)
Französisch:
Camus, L' Etranger. KE 61 (LK)
in Niedersachsen 2016:
Deutsch:
Remarque, Im Westen nichts Neues
Englisch:
Fitzgerald, Der große Gatsby (EA)
Kureishi, My Son the Fanatic (E-BOOK) (alle)
Miller, Death of a Salesman (alle)
Miller, The Crucible
Shakespeare, Romeo and Juliet - Romeo und Julia (EA)
Shakespeare, The Merchant of Venice - Der Kaufmann von Venedig (EA)
in Nordrhein-Westfalen 2016:
(Erhöhtes Anforderungsniveau = LK, grundlegendes Anforderungsniveau = GK)
Deutsch:
Bundle KE für das ABI GK (Verwandlung,Hiob,Kabale und Liebe) (17%Preisvorteil)
Bundle KE für das ABI LK (Process, Kabale und Liebe, Hiob) (17%Preisvorteil)
Kafka, Der Proceß (LK)
Kafka, Die Verwandlung (GK)
Lyrik der Gegenwart (LK)
Lyrik der Romantik (alle)
Lyrik des Expressionismus (alle)
Roth, Hiob. (LK und GK)
Schiller, Kabale und Liebe. (LK und GK)
Reflexion über Sprache.
Abi-Trainer- Deutsch (GK) (alle Schwerpunkte enthalten)
Abi-Trainer- Deutsch (LK) (alle Schwerpunkte enthalten)
im Saarland 2016:
Deutsch:
Goethe, Faust I. (alle)
Goethe, Faust II. (E-Kurs)
Goethe, Iphigenie auf Tauris. (G-Kurs)
Lyrik der Romantik. (alle)
Sophokles, Antigone. (alle)
Sophokles, König Ödipus. (alle)
Zum Mythos Antigone.(alle)
Zum Mythos Ödipus.(alle)
in Sachsen 2016:
Deutsch:
Anouilh, Antigone (LK)
Becker, Jakob der Lügner. (LK und GK)
Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame. (LK)
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Dürrenmatt, Die Physiker. (GK)
Hochhuth, Die Berliner Antigone. (GK)
Kafka, Der Proceß. (LK)
Rilke, Lyrik. (LK)
Schiller, Maria Stuart. (LK)
Shakespeare, Hamlet. (LK)
Sophokles, Antigone. (LK und GK)
Zum Mythos Antigone. (alle)
in Schleswig-Holstein 2016:
Deutsch:
Allgemeinbildende Schulen:
Goethe, Das Lyrische Schaffen (alle)
Grass, Im Krebsgang. (alle)
Berufliche Gymnasien:
Medea. Ein Mythos und seine Bearbeitungen. (alle)
Wolf, Medea. (alle)
Französisch:
MoliÈre, le Malade imaginaire
Keine Pflichtlektüren im Abi 2016
In Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, in Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Auffallend ist, dass in der Regel in den anderen Bundesländer wesentlich weniger Pflichtlektüre zu lesen
ist – was auch Sinn macht, da dann stärker im Sinne der kulturellen Bildung und auch schülernäher gearbeitet werden kann. Zu hören ist, dass langfristig auch in Hessen eher thematische Schwerpunkte gesetzt werden sollen, anstatt konkrete Literaturangaben zu nennen. Das wäre sehr hilfreich.
Kritik: Gegenwartsliteratur ist Mangelware.
Vielfalt statt Einfalt
Argumente für die kulturelle Bildung:
•
In der Wissenschaft wird heftig gestritten, welche Auswirkungen Kulturvermittlung auf Kinder
und Jugendliche hat, so gibt es eine Studie „der wow-Faktor“. Dort wird festgestellt, dass
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qualitativ hochwertige Kulturvermittlung einen ausgeprägten Nutzen für die Gesundheit und das
soziale und kulturelle Wohlergehen der Kinder aufweise. Es zeigte sich in einer verbesserten
Einstellung zur Schule und zum Lernen, einer gesteigerten kulturellen Identität und einem Gefühl
von persönlicher Zufriedenheit und Wohlergehen. Gleichzeitig werden durch Bildung, die für alle
Unterrichtsfächer kreative und künstlerische Pädagogik verwendet – also Bildung durch Kunst
und Kultur –, die akademischen Leistungen insgesamt erhöht, Unzufriedenheit mit der Schule
reduziert und die positive kognitive Übertragung gefördert. (Anne Bamford über die Auswirkungen von
Kulturvermittlung auf Kinder und Jugendliche und die Schlüsse aus ihrer weltweit durchgeführten Studie „The Wow Factor“.)
•
Im Jahr 2008 existierten in der Kultur- und Kreativwirtschaft rund 238.300 Unternehmen und
Selbständige. Sie erzielten zusammen ein Umsatzvolumen von insgesamt 132 Milliarden Euro
und konnten rund 763.400 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen Voll- oder
Teilzeitarbeitsplatz bieten. Zusammen mit den Selbständigen arbeiten in der Kultur- und
Kreativwirtschaft in Deutschland rund eine Million Erwerbstätige. Insgesamt konnte die Kulturund Kreativwirtschaft damit im Jahr 2008 schätzungsweise einen Beitrag in Höhe von rund 63
Milliarden Euro zur Bruttowertschöpfung leisten" (nach Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der
Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland (2009), S. 5). Damit liegen Kultur- und
Kreativwirtschaft nach der Bruttowertschöpfung hinter der Autoindustrie, aber vor der
Chemischen Industrie und der Energiewirtschaft. Eine fast unüberschaubare Zahl von
Kulturwirtschaftsberichten auf Länderebene und auch von Kommunen bestätigt die Bedeutung
der Kulturwirtschaft immer wieder neu. (nach Gonszar, s.o.)
Nun ist dieser Newsletter wieder einmal sehr lang geworden. Hoffentlich können viele von
Ihnen dem Newsletter interessante Informationen entnehmen, die Lust machen auf kreative Praxis und auch motivieren, verstärkt Gegenwartsliteratur zu nutzen.
In diesem Zusammenhang möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei dem Verleger des
Verbrecherverlages, Herrn Sundermeier, bedanken, der mit seinen kommentierten Lektüretipps sicherlich vielen Anregungen geben konnte!
Herzliche Grüße
Michael Meyer,
Fachberater für kulturelle Praxis
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