Zusammenfassung – STAND 19.05.2015
Rudolf Kammerl
Medienbildung - (k)ein Unterrichtsthema?
Die Dynamik des digitalen Wandels ist nach wie vor ungebrochen.
Die Durchdringung der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen entwickelt sich weiterhin
dynamisch. Nach den Zahlen des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest stieg
die Internetnutzung Jugendlicher an einem durchschnittlichen Tag von 134 Minuten (2009) auf
192 Minuten täglich (2014). Das Smartphone, das heute von rund 90 % aller Jugendlichen
genutzt wird, um auf Online-Angebote zuzugreifen, war 2009 noch kaum verbreitet. Ebenso
steigt der Anteil an jüngeren Kindern, die digitale Medien nutzen, stetig an. Die Gruppe der 6-7Jährigen, die täglich oder fast täglich einen Computer verwenden, ist zwischen 2010 und 2014
um 75% gewachsen.
Die Entwicklung der schulischen Medienbildung zeigt in Deutschland eine geringere Dynamik
als im internationalen Vergleich.
Seit 2009 hat es eine Reihe von Initiativen und Positionspapieren gegeben, die auf die Stärkung
der schulischen Medienkompetenzförderung abzielten (z. B. BMBF 2009, Initiative „Keine
Bildung ohne Medien“ 2010, AGs „Medienkompetenz“ und „Bildung und Forschung“ der
Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Dt. Bundestages 2013). Von
Seiten der Kultusminister der Länder wurde der Stellenwert der schulischen Medienbildung
durch den Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) 2012 gestärkt. Dabei wurden konkret
acht zentrale Handlungsfelder benannt, die geeignet sind, die Medienkompetenzförderung im
Schulsystem verbindlicher zu verankern und ihre Qualität zu sichern.
Aktuelle Studien zeigen aber auch, dass die schulische Medienbildung in Deutschland aktuell
weniger präsent ist als anderswo. Nach der internationalen Vergleichsstudie ICILS 2013
(International Computer- and Information Literacy Study) liegt der Anteil der Lehrpersonen in
Deutschland, die eine mindestens wöchentliche Nutzung berichteten, bei 34,4% und damit
deutlich unter dem internationalen Mittelwert (61,5%). Auch wurden die befragten
Achtklässlerinnen und Achtklässler hinsichtlich ihrer IT-bezogenen Fähigkeiten in Deutschland
besonders wenig durch Lehrpersonen unterstützt. In allen hierbei berücksichtigten
Dimensionen lag Deutschland hinten im Schlussfeld.
Der KMK-Beschluss benennt richtungsweisende Handlungsfelder.
Zentralen Fokus der Expertise bildete die Fragestellung, inwiefern der Beschluss der KMK zur
schulischen Medienbildung in den Bundesländern Hamburg und Schleswig-Holstein umgesetzt
wurde. Als Handlungsfelder wurden benannt:
1.
Lehr- und Bildungspläne: Aktualisierung, konkrete Verankerung, schulische
Medienbildungspläne, Zertifizierung und Dokumentation erworbener Medienkompetenz
2.
Lehrerbildung: Medienkompetenz und medienpädagogische Kompetenzen für Lehrkräfte
ausreichend und verbindlich in der 1. und 2. Phase sowie in der Fort- und Weiterbildung
3.
Schulentwicklung: angepasste Medienbildungskonzepte in jeder Schule
4.
Ausstattung und technischer Support: anforderungsgerechte Ausstattung, Entlastung der
Lehrkräfte von technischer Betreuung
5.
Bildungsmedien: aufwandsarme und rechtssichere Verfügbarkeit (Online-Distribution),
auch außerhalb der Schule
6. Urheberrecht und Datenschutz: neue rechtliche Herausforderungen, schulische
Multiplikatoren-Netzwerke, Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen (z. B.
Landesbeauftragter Datenschutz)
7.
Außerschulische Kooperationspartner
8.
Qualitätssicherung und Evaluation: Bestandteil der internen und externen Evaluation und
Qualitätssicherung
Für Hamburg wurde darüber hinaus das Rahmenkonzept Medienkompetenzförderung
berücksichtigt.
Dokumentenanalyse und Experteninterviews zeichnen ein Bild der Lage.
Im ersten Schritt wurden amtliche Dokumente (aus Bundes- und Landesebene), in denen
Themen der Medienbildung sowie deren Integration im Rahmen formaler
Bildungseinrichtungen behandelt werden, mittels einer Dokumentenanalyse gesichtet. Im
zweiten Schritt wurden Experteninterviews mit Akteuren der Administrative und der
Wissenschaft über (regionalspezifische) Deutungen von sowie Umgangsweisen mit amtlichen
Vorgaben geführt. Die Auswertung der Experteninterviews soll in Zusammenführung mit der
Dokumentenanalyse zu einem umfassenden Bild der aktuellen Relevanz schulischer
Medienbildung verhelfen.
Medienbildung in Hamburg – verbindliches Aufgabengebiet „Medienbildung“ aber wenig
verbindliche oder breitenwirksame Medienpädagogik in der Lehrerbildung
In den Hamburger Bildungsplänen ist Medienbildung als verpflichtendes, fächerübergreifendes
Aufgabengebiet „Medienerziehung“ sowie als Teil einzelner Zielkompetenzen in
Fachlehrplänen, unter anderem auch in der Leistungsbewertung, für alle Schulformen fest
verankert. Seit dem Schuljahr 2013/14 wurde zudem der Hamburger Medienpass für die
Klassenstufen 5 bis 8 verpflichtend eingeführt. Offizielle Zahlen zur Umsetzung und zum Erfolg
dieser Maßnahme gibt es aber nicht. Eine systematische Recherche ergab, dass knapp weniger
als die Hälfte aller staatlich weiterführenden Schulen die Zielvorgaben unter anderem in
schuleigenen Medienprofilen berücksichtigen. Auf Ebene der Einzelschule liegen
Medienentwicklungspläne vor, welche technische, organisatorische, personelle und
pädagogische Rahmenbedingungen bestimmen; demnach erfolgt die technische Ausstattung
den individuellen Vorgaben entsprechend. Alle staatlichen Schulen haben einen schnellen
Internetanschluss und verfügen über unterschiedliche Geräte (u. a. Notebooks und Interactive
Whiteboards), Wartung und Support kann über mehrere Kanäle (LI, BSB, Hersteller) erreicht
werden. Der Hamburger Bildungsserver bietet Lehrkräften einen freien Zugang zu
fachbezogenen und -übergreifenden Bildungsmedien. Die frei zugängliche Materialsammlung
der FWU-Mediathek richtet sich darüber hinaus seit dem Schuljahr 2014/15 auch an
Schülerinnen und Schüler. Urheberrecht und Datenschutz sind als thematische Bestandteile im
Bildungsplan sowie im Hamburger Medienpass zu finden. Auch in der Lehrerbildung wird das
Thema verpflichtend (in der zweiten Phase) aufgegriffen. Im Kontext der Lehrerbildung findet
sich Medienbildung in der zweiten (Vorbereitungsdienst) und dritten Phase (Fort- und
Weiterbildung) als formal obligatorisches, aber wenig breitenwirksames Modul. In der ersten
Phase (Lehramtsstudium) ist das Thema „Neue Medien“ als eines von drei prioritären
Schwerpunktthemen optional wählbar. Nur eine Minderheit aller angehenden Lehrkräfte
erhält somit eine medienpädagogische Grundbildung in dieser Phase. Die Zusammenarbeit von
Schulen und außerschulischen Institutionen mit dem Ziel der Medienbildung ist
flächendeckend, wobei eine strukturierte Übersicht dieser Kooperationen fehlt. Diese
Angebote richten sich zum Teil auch an Eltern. Abgesehen von selbst- und
einzelprojektbezogenen Evaluationen existiert eine systematische und insbesondere
längsschnittliche Evaluation zur nachhaltigen Qualitätssicherung sämtlicher Maßnahmen
bisher nicht. Im Schuljahr 2015/16 ist eine solche für den Hamburger Medienpass geplant.
Medienbildung in Schleswig-Holstein – kaum verbindliche Medienbildung in den Lehrplänen,
aber teilweise medienpädagogische Pflichtmodule in der Lehrerbildung
Im Lehr- und Bildungsplan der Grundschule (seit 1997 unverändert) werden Medien
fächerübergreifend als ein Aufgabenfeld von allgemeiner pädagogischer Bedeutung
aufgeführt. In den jeweiligen Lehrplänen der Sekundarstufen I und II wird Medienbildung nur
implizit als eine der fächerübergreifenden, pädagogischen Aufgaben aufgelistet und findet bei
der Leistungsbewertung kaum Beachtung. In den neuen Lehrplänen für Deutsch (Sek I und II,
2014) finden sich Überarbeitungen, die einen Bezug zum KMK-Beschluss erkennen lassen. Wie
viel Aufmerksamkeit der Medienbildung letztendlich zukommt, liegt im Ermessen der
Einzelschule. Das Medienpädagogische Landeskonzept von 2010 soll dazu dienen, die bisher
stattgefundenen Anstrengungen zur Medienkompetenzförderung zu bündeln und empfiehlt
einen Medienpass für Schülerinnen und Schüler, welcher eine Teilnahme an medienbezogenen
Angeboten dokumentiert. Im Bereich der Lehrerbildung ist in der ersten Phase an der
Universität Flensburg seit 2008 für alle Lehramtsstudierenden der Grund- und Mittelstufe ein
verpflichtendes Modul „Medien und Bildung“ vorgesehen. Es besteht zusätzlich die
Möglichkeit, ein Zertifikat „Medienkompetenz in Bildung und Schule“ zu erwerben. An der
Universität Kiel ist die „Medienpädagogik/Bildungsinformatik“ als eines von mehreren
Modulen optional wählbar. Das Qualifizierungs- und Fortbildungsangebot im Bereich der
Medien ist für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie z. T. deren Eltern groß und wird von
unterschiedlichen Institutionen ausgerichtet. Das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen
Schleswig-Holstein (IQSH) bietet zu Fragen rund um die technische Ausstattung Beratungsund Hilfsangebote an. So steht z. B. noch nicht allen Schulen ein Internetanschluss zur
Verfügung. Die IQSH-Mediathek stellt für Lehrkräfte aktuell ca. 24.000 bildungsrelevante
Medienangebote bereit, die Abrufzahlen sind mit mindestens 10.000 Medien pro Monat hoch.
Eine Plattform speziell für Schülerinnen und Schüler, die eine Schnittstelle zur Mediathek
darstellt, ist in Planung. Themen zu Jugendschutz, Prävention, Urheberrecht und Datenschutz
werden im Rahmen des medienpädagogischen Präventionskonzepts (2014) im Kreis Schleswig-
Flensburg und durch Angebote der ULD (Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz)
behandelt. Das Präventionskonzept begleitet bei Schulentwicklungsprozessen außerdem die
Weiterentwicklung von Angeboten zur Medienkompetenzförderung und zum Medieneinsatz.
Auf Nachfrage von Schulen unterstützt das IQSH diese bei ihrer medienbezogenen
Qualitätsentwicklung und -sicherung. Außer der Begleitforschung zu den Konzepten
„Medienkompetenzförderung in Lübeck“ und „MediaMatters!“ existieren keine Evaluationen
zur Umsetzung der Medienbildungskonzepte. Die Schulen können Kooperationen zu
verschiedenen Partnern aufbauen, welche Fortbildungen, Beratungsangebote und
Medienprojekte organisieren.
Umsetzung, Qualität und Breitenwirksamkeit der Maßnahmen müssen verbessert werden.
Die 2012 (unter der Präsidentschaft von Hamburg) formulierten Zielsetzungen der
Kultusministerkonferenz zur schulischen Medienbildung sind aktuell noch nicht erreicht.
Ebenso sind existierende Rahmenkonzepte auf Landesebene nicht voll realisiert worden. Die
Notwendigkeit der Medienkompetenzförderung an Schulen ist aber – auch mit Blick auf soziale
Ungleichheit und Chancengerechtigkeit – gewachsen. Daraus ergeben sich folgende
Empfehlungen:
•
Existierende Beschlüsse umsetzen.
Weder der Beschluss der KMK noch die bestehenden Landeskonzepte (HH
Rahmenkonzept
Medienkompetenzförderung,
SH
Medienpädagogisches
Landeskonzept) wurden bislang vollständig umgesetzt. Insbesondere betrifft dies:
1.
die ausreichende und verbindliche Verankerung medienpädagogischer Anteile
in allen Phasen der Lehrerbildung
2. die gezielte Förderung der Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern an
allen Schulen, sowie die Dokumentation von deren Kompetenzentwicklung
3. die Evaluation der schulischen Medienbildung
•
Aktualität
und
Qualität
Medienentwicklungspläne).
der
Medienbildung
sichern
(Materialien,
Durch die Dynamik des digitalen Wandels sind besondere Anstrengungen erforderlich,
um die Aktualität und Qualität der genutzten Unterrichtsmaterialien für die schulische
Medienbildung zu sichern. Hierzu ist auch Forschungsförderung notwendig – sowohl zu
den Inhalten wie auch zur Didaktik der schulischen Medienbildung.
•
Vorhandene Angebote stärker in die Fläche bringen.
Bereits bestehende Angebote zur schulischen Medienbildung, wie z. B. der Hamburger
Medienpass, sind Lehrkräften zum Teil nicht bekannt. Zur Sicherung der
Breitenwirksamkeit ist die Bekanntheit zu erhöhen. Dies gilt auch für die
Erwachsenenbildung.
•
Kennzahlen einer breitenwirksamen Medienbildung ermitteln und Nutzen der
Maßnahmen evaluieren.
Zur Unterstützung der Schulentwicklungsprozesse sollten repräsentative Kennzahlen
erhoben werden. Dabei sind die unterschiedlichen Systemebenen zu berücksichtigen
(Schüler, Lehrer, Schulleitungen).
•
Medienbildung mit Blick auf Bildungsbiografien und Übergänge im Bildungssystem
weiter entwickeln.
Notwendig ist ein aufeinander aufbauendes Bildungsangebot. Von Kita bis Hochschule
ist eine Bildungskette zu etablieren, bei der aufsteigende Kompetenzniveaus gesichert
werden.

zusammenfassung