Studie Mai 2014
ENERGIEMARKT INDIEN
Impressum
Herausgeber
Verbindungsbüro Deutsch-Indisches Energieforum (DIEF)
c/o Deutsche Gesellschaft für
Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Köthener Str. 2
10963 Berlin
Deutschland
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Verbindungsbüro Deutsch-Indisches Energieforum (DIEF)
c/o Deutsche Gesellschaft für
Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
1st Floor, B-5 / 2 Safdarjung Enclave
New Delhi – 110 029
India
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W: www.energyforum.in
Das Deutsch-Indische Energieforum wurde 2006 von der deutschen Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und
dem indischen Premierminister Dr. Manmohan Singh ins Leben gerufen. Es soll die Zusammenarbeit in den
Bereichen Energiesicherheit, Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Investitionen in Energieprojekte sowie
gemeinsame Forschung und Entwicklung fördern. Am Forum aktiv beteiligt sind die indische und die deutsche
Regierung, öffentliche Institutionen und die Privatwirtschaft. Das IGEF Verbindungsbüro (Support Office) in
Berlin und Neu-Delhi unterstützt den bilateralen Dialog und ist die erste Kontaktstelle für alle Interessenten.
Autor
BRIDGE TO INDIA Pvt. Ltd.
N-117, Panchsheel Park, New Delhi – 110017
T: +91 11 46081579
W: www.bridgetoindia.com
BRIDGE TO INDIA ist ein deutsch-indisches Beratungsunternehmen
mit Fokus auf den indischen Energiemarkt.
Gestaltung
www.coxorange-berlin.de
Titelbild
© Simon Kraus – Fotolia
Inhaltsverzeichnis
1
Indien im Überblick
8
Geographischer, klimatischer,
politischer, gesellschaftlicher
Überblick8
1.2 Bevölkerung und
Bevölkerungswachstum 10
1.3 Wirtschaft und
Wirtschaftswachstum 10
1.4 Wichtigste Industrien
12
1.5 Die Indische Verfassung 12
1.6 Energie: Bedeutung des Energiedefizits
für Wirtschaft und Entwicklung
13
2.1 Indiens Energieverbrauch:
Überblick und Trends
14
2.1.1Primärenergieverbrauch
14
Wichtige Akteure auf dem
3
indischen Strommarkt
36
3.1 Wichtige Ministerien
3.2 Wichtige Behörden
3.3 Wichtige Akteure auf dem Strommarkt
3.3.1 Zentralstaatliche Akteure
3.3.2 Bundesstaatliche Akteure 3.3.3 Privatwirtschaft
36
37
39
39
40
45
4Energiepolitik
46
1.1
2
Der Indische Energiemarkt 14
2.1.2 Import von Energieträgern
2.1.3 Indiens Energieverbrauch im
internationalen Vergleich
2.2Energieressourcen
2.2.1Kohle
2.2.2Erdöl
2.2.3Erdgas
2.2.4 Nukleare Brennstoffe
2.2.5Wasserkraft
2.2.6 Erneuerbare Energien
2.3 Der indische Strommarkt
2.3.1Stromerzeugungskapazität
2.3.2Stromverbrauch
2.3.3 Stromdefizit 2.4 Internationaler Stromhandel
2.4.1 Handel mit Bhutan
2.4.2 Handel mit Nepal
2.5 Strompreise
16
17
18
18
21
22
25
26
26
27
28
30
31
33
33
33
34
4.1 Fossile Brennstoffe: Öl, Gas und Kohle 46
4.2Klimapolitik
47
4.2.1 Der National Action Plan on
Climate Change (NAPCC) 48
4.2.2 Internationale Klimapolitik
48
4.3 Die Strompolitik
49
4.3.1 Strompolitik: Politische Initiativen
50
4.3.2 Strompolitik: Probleme
52
4.3.3 Strompolitik: Lösungsansätze
52
4.3.4 Das PAT Schema
52
4.4 Indien in internationalen Foren
54
4.5 Parteien, Meinungsführer,
Organisationen54
5.1 Das Hochspannungsnetz
56
5
Übertragungs- und
Verteilungsnetz 56
5.2
Herausforderungen im
Hochspannungsnetz58
5.2.1 Die „Green Energy Corridors“ 59
5.2.2 Der öffentliche Sektor (CPU und SPUs) 61
5.2.3 Der Privatsektor
61
5.3.4Stromhandel
61
5.3 Stromverteilung 62
5.3.1Übertragungsverluste
62
5.3.2 Das R-APDRP-Programm
63
5.2.3 Ländliche Elektrifizierung 64
5.3.4 Der Privatsektor 64
5.4 Marktchancen für deutsche
Unternehmen64
Inhaltsverzeichnis | Energiemarktstudie Indien
3
6Thermische
Stromerzeugung
6.1
6.2
6.3
6.4
66
Der zentralstaatliche Sektor
67
Der bundesstaatliche Sektor
68
Der private Sektor
68
Kraftwerke für den freien Stromhandel
(merchant power plants)
69
6.5 Stromerzeugung für den Eigen­bedarf
(captive power plants) 70
6.6 Internationale Investitionen
70
6.7Kohlekraftwerke
71
6.7.1 Der zentralstaatliche Sektor
72
6.7.2 Der bundesstaatliche Sektor
72
6.7.3 Der private Sektor
73
6.7.4Ultra Mega Power Projects (UMPPs)
73
6.7.5Kraft-Wärme-Kopplung
74
6.8Gaskraftwerke
74
6.9Dieselkraftwerke
76
6.10 Hemmnisse für die thermische
Stromerzeugung77
6.10.1Regulatorische Rahmenbedingungen 78
6.10.2Ungleiche, nicht transparente Marktbedingungen78
6.10.3Government Relations
79
6.10.4Zugang zu Land und lokaler
Infrastruktur79
6.10.5Verfügbarkeit von Brennstoffen
79
6.10.6Verfügbarkeit von ausgebildeten Arbeitskräften79
6.10.7Verfügbarkeit von Komponenten und Maschinen
80
6.10.8Finanzielle Durchführbarkeit und Zahlungsrisiken (SEBs)
81
6.10.9Politische und sicherheits­bezogene Probleme
81
6.10.10 Kriminelle Strukturen und
Koruption (in bestimmten Staaten)
81
6.10.11 Marktchancen für deutsche
Unternehmen
81
4
Energiemarktstudie Indien | Inhaltsverzeichnis
Erneuerbare Energie
7
in Indien
7.2
84
Renewable Purchase
Obligations (RPO)
86
7.3 Hemmnisse bei der Entwicklung
erneuerbarer Energien in Indien
89
7.4 Sollte Indien ein EEG nach deutschem
Muster einführen?
90
7.5Windenergie
91
7.5.1 Marktpotenzial und Marktgröße
91
7.5.2 Entwicklung des Windmarktes
93
7.5.3 Marktstruktur 96
7.5.4 Wichtige Gesetze und Förderungen
97
7.5.5 Abschreibungen und
steuerliche Anreize
98
7.5.6 Banking and Wheeling
98
7.5.7Importzölle
98
7.5.8 Finanzierungsförderung 98
7.5.9 Wichtige Projekte (abgeschlossen und
geplant)98
7.5.10 Marktchancen für deutsche
Unternehmen99
7.6Solarenergie
99
7.6.1 Marktpotenzial und Marktgröße
100
7.6.2Sonneneinstrahlung
100
7.6.3 Entwicklung des Solarmarktes
100
7.6.4 Marktstruktur 102
7.6.5 Wichtige Gesetze und Förderungen
102
7.6.6 National Solar Mission (NSM)
102
7.6.7 Wichtige Programme von
Bundesstaaten103
7.6.8 Anlagenspezifische Einspeisetarife
104
7.6.9 Abschreibungen und
steuerliche Anreize
104
7.6.10Subventionen
104
7.6.11Importzölle
105
7.6.12Existierende Projekte
105
7.6.13Marktchancen für deutsche
Unternehmen106
7.7Biomasse
106
7.7.1 Marktpotenzial und Marktgröße 106
7.7.2 Entwicklung des Biomasse-Marktes 108
7.7.3Marktstruktur
109
7.7.4 Existierende Projekte
110
7.7.5 Wichtige Gesetze und Förderungen
110
7.7.6 Marktchancen für deutsche
Unternehmen112
7.8 Kleine Wasserkraft
113
7.8.1 Marktpotenzial und Marktgröße
113
7.8.2 Entwicklung des Marktes für
kleine Wasserkraft
114
7.8.3 Wichtige Gesetze und Förderungen
115
7.8.4 Existierende Projekte
117
7.8.5Chancen für internationale
Unternehmen117
8
Deutsche Investitionen
in den indischen
Energiesektor
8.1
8.2
8.3
8.4
8.4.1
8.4.2
8.4.3
8.4.4
8.4.5
8.4.6
8.4.7
118
Deutsche Investitionen
in Indien 118
Welche Bundesstaaten?
118
Alleine oder mit Partner?
118
Mögliche Ansprechpartner
für deutsche Investoren
119
Gesellschaft für internationale
Zusammenarbeit (GIZ) (besonders
für PPPs) 119
KfW Bankengruppe Indien
120
Deutsch-Indisches Energieforum
(IGEF)121
Germany Trade and Invest (GTAI) 121
Exportinitiativen Erneuerbare
Energie und Energieeffizienz
121
Deutsche Energie Agentur (dena)
121
Deutsch-Indische Handelskammer
(Indo-German Chamber of
Commerce, IGCC)
122
Inhaltsverzeichnis | Energiemarktstudie Indien
5
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Abb. 2: Abb. 3: Abb.4: Abb. 6: Abb. 7: Abb. 8: Karte Indien (Survey of India)
Nominales Buttoinlandsprodukt von Indien, China und Deutschland (2003–13)
Weltweiter Verbrauch von Primär­energie­ressourcen nach Verbrauchsland in 2012 (MTÖE)
Entwicklung des Primärenergieverbrauchs in Indien seit 1980
Prozentualer Anteil des durch Import gedeckten Primärenergieverbrauches (pro Energieträger)
Geschätzter prozentualer Importanteil der Primärenergiequellen im Jahr 2030
Vergleich des durchschnittlichen Wachstums im Energieverbrauch von Indien mit China,
den USA und Deutschland (2002 bis 2012)
Abb. 9: Vergleich des Primärenergieverbrauchs in MTÖE pro Millionen Einwohner von Indien
mit China, USA, Deutschland (2012)
Abb. 10: Vergleich des Primärenergieverbrauchs in MTÖE relativ zur Wirtschaftsleistung
von Indien mit China, USA, Deutschland (2012)
Abb. 11: Entwicklung des Kohleverbrauchs (Stein- und Braunkohle) in Indien seit 1981)
Abb. 12: Ölverbrauchentwicklung seit 1980 in Indien
Abb. 13: Gasverbrauch in Indien seit 1980
Abb. 14: Das indische Gas-Netz
Abb. 15: Atomkraft in Indien seit 1980
Abb. 16: Wasserkraft in Indien seit 1980 (erzeugter Strom in TWh)
Abb. 17: Prozentualer Anteil der installierten Kapazitäten zur Stromgewinnung in
Indien (September 2013)
Abb.18: Staatliche und private Stromerzeugung in Indien in 2013
Abb. 19: Entwicklung der installierten Stromkapazität in Indien seit 1985 in Indien Abb. 20: Prognostizierter Kapazitätszuwachs während des 12. Fünfjahresplans (2012–17)
Abb. 21: Szenarien für die Entwicklung der notwendigen Grundlast-Stromkapazitäten bis 2017
Abb. 22: Elektrizitätserzeugung in Indien seit 1990
Abb. 23: Stromdefizit in Indien bei Spitzenlast
Abb. 24: Stromdefizit bei Grundlast in Indien seit 1998 in Milliarden kWh (BU)
Abb. 25: Preisentwicklung an den beiden Strombörsen IEX und PXIL (in Rupien/kWh)
Abb. 26: Nationale Energiesparziele unter PAT (2012–15)
Abb. 27: Das indische Hochspannungsnetz (> 400 kV, 2011)
Abb. 28: Typische Lastenkurve an einem Tag in Indien
Abb. 29: Geplante Stromevakuierung von erneuerbaren Energien bis 2030
Abb. 30: Stromerzeugung in Indien nach Sektoren (in GW, 2013)
Abb. 31: Thermische Kraftwerke in den Regionen Indiens (September 2013)
Abb. 32: Strompreise am freien Strommarkt in Indien
Abb. 33: Installierte Kapazität aus Kohlekraft werken in Indien nach Sektor (September 2013)
Abb. 34: Kohlekraftwerksbetreiber der indischen Bundesstaaten (September 2013)
Abb. 35: Private Kohlekraftwerksbetreiber in Indien (in MW), September 2013)
Abb. 36: Gaskraftwerke in Indien (September 2013)
Abb. 37: Gaskraftwerke in Indien nach Betreiber (September 2013)
Abb. 38: Dieselkraftwerke in Indien nach Sektor (2013)
Abb. 39: Dieselkraftwerke in Indien, Marktanteil (in %) nach Betreiber (September 2013)
Abb. 40: Erneuerbare Energien: Geschätztes Potenzial und installierte Kapazität in Indien
Abb. 41: Windkraftkapazitäten weltweit 2012 (neu installiert und gesamt, in MW
Abb. 42: Windenergiedichte in Indien bei 80 m Höhe (C-WET und Shakti Foundation)
Abb. 43: Installierte Gesamtkapazität nach Bundesstaaten (Oktober 2013, in MW)
Abb. 44: Installierte Gesamtkapazität (in MW) und Wachstum (in %) in Indien
6
Energiemarktstudie Indien | Abbildungsverzeichnis
9
11
15
15
16
17
17
17
18
19
22
23
24
26
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28
29
29
30
30
32
32
35
53
56
58
60
66
67
70
71
72
73
75
75
76
77
84
91
92
93
94
Abb. 45: Wachstum der installierten Windkapazität in Bundesstaaten (März 2011–12, in %)
Abb. 46: Installierte Kapazität in Indien; Szenarien (in MW und GWh)
Abb. 47: Marktanteile für Windkraft in Indien (2012, in %)
Abb. 48: Karte der Sonnenstrahlung in Indien
Abb. 49: Durchschnittliche Einspeisetarife für Solarstrom (Freiflächenanlagen) in den
einzelnen Bundestaaten
94
95
96
104
Verzeichnis der Tabellen
Tabelle 1:Geschätzter Kohlebedarf nach Abnehmern in Millionen
20
Tabelle 2:Geschätzte Kohleförderung in Indien (2009–2012) in Millionen Tonnen
21
Tabelle 3:Stromdefizit pro Bundesstaat (2012–13)31
Tabelle 4:Vergleich der Strompreise unterschiedlicher Bundesstaaten in Rupien/kWh (2013)
34
Tabelle 5: Die Akteure im indischen Strommarkt
39
Tabelle 6: Übersicht der bundesstaatlichen Akteure in
Stromerzeugung, -übertragung und -verteilung
41
Tabelle 7: Vom PAT Schema erfasste Unternehmen 53
Tabelle 8: Installierte Hochspannungsleitungen und Umspannwerke in Indien (März 2013)
Tabelle 9: Jährliche Herstellung von Komponenten in Indien
80
Tabelle 10: Entwicklung der erneuerbaren Energie in Indien in MW installierter Kapazität
85
Tabelle 11: Herstellungskosten für Strom in Indien von verschiedenen Energieträgern (2013)
86
Tabelle 12: RPO Ziele einzelner Bundesstaaten bis 2022
87
Tabelle 13: Staatliche Fördermaßnahmen für Windenergie in Indien
97
Tabelle 14: Jährliche Erzeugung von Biomasse und Potenzial für die Stromerzeugung in einzelnen
indischen Bundesstaaten (Daten von 2002 bis 2004) 107
Tabelle 15: Subventionen unter dem Biomass Power/Co-Generation Programm
110
Tabelle 16: Anreize für die Stromerzeugung aus Biomasse durch die Bundesstaaten (2013)
111
Tabelle 17: Potenziale für kleine Wasserkraftanlagen in den indischen Bundestaaten
113
Tabelle 18: Subventionen der indischen Regierung für kleine Wasserkraft 115
Verzeichnis der Tabellen | Energiemarktstudie Indien
7
1
Indien im Überblick
1.1 Geographischer, klimatischer,
politischer, gesellschaftlicher
Überblick1
Die Republik Indien umfasst den größten Teil des
südasiatischen Subkontinents, zu dem Indiens
Nachbarländer Pakistan (im Westen), Nepal und
Bhutan (im Norden), Bangladesch (im Osten) und
Sri Lanka sowie die Malediven (im Süden) gehören.
Im Osten grenzt Indien an Myanmar (früher Burma)
und im Norden an China (Tibet). Mit circa 3,3 Millionen Quadratkilometern ist Indien das flächenmäßig siebtgrößte Land der Erde und etwa zehnmal
so groß wie die Bundesrepublik Deutschland.2
Die wichtigste Stadt im Norden ist die Hauptstadt
Neu Delhi, im Westen die Wirtschaftsmetropole
Mumbai (früher: Bombay), im Osten die bengalische Stadt Kalkutta (früher: Calcutta), und im
Süden die IT-Hochburgen Bengaluru (früher Bangalore) und Hyderabad sowie Chennai (früher:
Madras). Die indische Republik besteht aus 28
Bundesstaaten und sieben Union Territories (Gebiete, die direkt der Zentralregierung in Neu Delhi
unterstellt sind).
Über 75% der Bevölkerung spricht indogermanische Sprachen (zu denen auch die meisten europäischen Sprachen gehören), wobei die meistgesprochene Sprache das nordindische Hindi ist.
25% sprechen verschiedene dravidische Sprachen
(Südindien). Über 80% der Menschen sind Hindus,
13% Muslime.
Außerhalb der Gebirgsregionen dominiert im
nördlichen und zentralen Indien ein subtropisches
Kontinentalklima. In den Küstenregionen und im
Süden herrschen hingegen tropische Klimaver1
2
8
Know India, Website (http://bit.ly/1iBj0Rf).
CIA World Factbook, Website (http://1.usa.gov/Igstgo).
Energiemarktstudie Indien | Indien im Überblick
hältnisse. Im Norden schwanken die Temperaturen
im Jahresverlauf erheblich von 5 bis 10 °C um die
Jahreswende, bis weit über 40 °C im Mai / Juni. In
den südlichen Küstenregionen ist es über das ganze
Jahr konstant heiß (zwischen 25 und 35 °C).3
Die relativ abgeschlossene Geographie des südasia­
tischen Subkontinents hat eine stark ausgeprägte und unabhängige Kulturlandschaft entstehen
lassen. Diese ist extrem vielfältig und hat im geschichtlichen Verlauf viele prägende Einflüsse von
außen erhalten. Über den Handel an den Küsten
Südindiens sowie über das nordwestliche Flachland fand ein regelmäßiger Austausch mit anderen
Kulturen statt. Ab dem 11. Jahrhundert stieg der
Islam zu einer mächtigen Religion in Südasien auf,
wodurch eine indo-islamische Kultur entstand.
Hinterlassenschaft aus dieser Zeit ist auch der
berühmte Taj Mahal in Agra. 1858, nach etwa 100
Jahren expandierendem britischen Einfluss durch
die Ostindien-Gesellschaft, wurde Indien zu einer
britischen Kronkolonie. 1947 wurde das Land als
demokratische Republik in die Unabhängigkeit
entlassen. Mit 788 Millionen Wahlberechtigten im
Jahr 2013 ist Indien die bei weitem größte Demokratie der Welt.4
Von 1947 bis in die frühen 1990er Jahre wurde Indien fast durchgehend von der säkularen Kongress­
partei regiert. Die Partei ging direkt aus dem im
späten 19. Jahrhundert gegründeten indischen
Nationalkongress und der Unabhängigkeitsbewegung unter der Führung von Mahatma Gandhi und
Jawaharlal Nehru hervor. Letzterer wurde Indiens
erster und am längsten amtierender Ministerpräsident (1947 bis 1964). Seit den 1990er Jahren ist
die Zeit der Alleinherrschaft der Kongresspartei zu
Ende. Regierungen wurden seither stets von Koa­
litionen gestellt. Die Kongresspartei blieb zwar
3
4
Know India, Website (http://bit.ly/1cts1EJ).
Election Commission of India (http://bit.ly/17WNWXk).
Quelle: Survey of India – Political Map
Abb. 1: Karte Indien (Survey of India)
Indien im Überblick | Energiemarktstudie Indien
9
stärkste Partei, konnte aber nicht immer und nur
mit verbündeten Regionalparteien die Regierung
bilden. So wurde die Kongresspartei bei den Wahlen 1999 durch die National Democratic Alliance
(NDA) unter Führung der zweitgrößten Partei im
Land, der rechtskonservativen, hindunationalistischen Volkspartei Bharatiya Janata Party (BJP) für
eine Legislaturperiode abgelöst. Seit 2004 gelang
wiederum die kongressgeführte United Progressive Alliance (UPA) an die Macht bis zum bisher
letzten Regierungswechsel im Mai 2014, bei dem
die BJP eine eindeutige Mehrheit erhielt und den
aktuellen Premierminister, Narendra Modi, stellt.
Schon im Vorfeld der Wahlen wurde Modi deutlich
als Favorit gehandelt, während Rahul Gandhi, Kandidat der Kongresspartei, die Wähler nicht überzeugte. Das Ergebnis spiegelt den weitverbreiteten
Wunsch nach Entwicklung und wirtschaftlichem
Wachstum wieder – Themen, die den Wahlkampf
Modis dominiert haben – und die sinkende Bereitschaft, den von den vergangenen Koalitionsregierungen erzeugten Reformstau zu tolerieren.
Außenpolitisch liegt Indien in einer Region mit
vielen zwischenstaatlichen Spannungen, was sich
auch auf die Energieversorgung auswirkt. Das Verhältnis zu Pakistan und China ist durch territoriale
Streitigkeiten stark belastet. Auch die Beziehung
zu Bangladesch ist durch Differenzen bei Wasserrechten und Migration angespannt. Indien hat ein
traditionell gutes Verhältnis zu Russland sowie
der arabischen Welt. In den letzten Jahren hat sich
auch die Beziehung zu den USA deutlich verbessert und läuft auf eine strategische Partnerschaft
hinaus. Europa spielt für die indische Außenpolitik
dagegen eine nur untergeordnete Rolle.
1.2 Bevölkerung und
Bevölkerungswachstum
Mit seinen 2013 etwa 1,22 Milliarden Einwohnern
ist Indien nach China (circa 1,35 Milliarden Einwohner) das bevölkerungsreichste Land der Erde.
Die Bevölkerung ist mit einem mittleren Alter von
26,7 Jahren im internationalen Vergleich auffallend jung5. Die durchschnittliche Lebenserwar-
tung liegt momentan bei knapp 67 Jahren.6 Das
Bevölkerungswachstum ist in den letzten Jahren
auf jährlich 1% gefallen. Dennoch wird Indien nach
aktuellen Schätzungen bis 2030 China als bevölkerungsstärkstes Land ablösen (mit dann ca. 1,5
Milliarden Einwohnern).7
Über 60% des zu erwartenden Bevölkerungswachstums wird voraussichtlich in den ärmeren
und wirtschaftlich weniger dynamischen Bundesstaaten des Landes, zum Beispiel im nördlichen
„Cow Belt“ von Rajasthan bis Bihar, stattfinden.
Diese Entwicklung kann zu einer deutlichen Steigerung der regionalen Ungleichheiten führen und
politische wie soziale Spannungen auslösen. Weiterhin liegt die offizielle männliche Geburtenrate
signifikant über der weiblichen (1,08 Jungen zu
einem Mädchen)8, was im Allgemeinen auf die kulturelle Diskriminierung von Mädchen und Frauen
zurückzuführen ist.
Indien beherbergt einige der größten und am
schnellsten wachsenden Mega-Städte. Obwohl es
nach wie vor ein vornehmlich ländlich geprägtes
Land ist (2011 lebten weniger als 31,3% der Bevölkerung in städtischen Gebieten), ist die Urbanisierungsrate mit 2,5% eine der höchsten weltweit.
Nach Hochrechnungen der Vereinten Nationen
werden bis 2050 circa 55% der Inder in Städten
leben, was einer Gesamtsteigerung von über 550
Millionen Menschen entspricht. Die schon heute
vielerorts mangelhafte städtische Infrastruktur
gerät damit unter noch größeren Druck.9
1.3 Wirtschaft und
Wirtschaftswachstum
Indiens nominales Bruttoinlandsprodukt (BIP) betrug im Jahr 2012 112 Billionen Rupien (1,4 Billio­
nen Euro) (Vergleich Deutschland 2012: 2,6 Billionen Euro). Nach Kaufkraftparität liegt Indien mit
298 Billionen Rupien (3,7 Billionen Euro) sogar noch
vor Deutschland (2,6 Billionen Euro) und ist damit die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das
CIA World Factbook (http://1.usa.gov/Igstgo).
Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung, 2009.
8
CIA World Factbook (http://1.usa.gov/Igstgo).
9
UN-Report: The World Urbanization Prospects, The 2011
Revision (http://bit.ly/Hnp1zs).
6
7
Weltweit: 29,4 Jahre, China: 36,3 Jahre, Deutschland: 45,7
Jahre; Quelle: CIA World Factbook, Website (http://1.usa.gov/
Igstgo).
5
10
Energiemarktstudie Indien | Indien im Überblick
Pro-Kopf-Jahres-Einkommen nach Kaufkraftparität
in Indien lag 2012 bei 240.312 Rupien (3.004 Euro).10
Nach der Unabhängigkeit war die indische Wirtschaft lange Zeit von starker Reglementierung, Protektionismus und Staatsbetrieben gekennzeichnet.
Das hat zu weit verbreiteter Korruption, ineffizienten
Prozessen und einem gebremsten Wachstum11 geführt. Die nationale Wirtschaftspolitik unter Nehru
und seinen Nachfolgern war zentralistisch, sozialistisch und auf Selbstversorgung anstatt auf internationalen Handel ausgerichtet. Erst 1991, als Indien mit
einem Staatsbankrott konfrontiert war, änderte sich
die Wirtschaftspolitik. Die damalige Regierung unter
Narasimha Rao (Kongresspartei) setzte tiefgreifende
Reformen, hin zu einem marktorientierten System,
durch. Von da an wurde die Wirtschaft schrittweise
liberalisiert und der Wettbewerb gefördert. Internationalen Unternehmen wurde in vielen Bereichen
Zugang zum indischen Markt ermöglicht. Zwischen
2003 und 2008 lag das Wirtschaftswachstum (BIP)
konstant zwischen 8% und 10%. 2008 sank es aufgrund der weltweiten Finanzkrise auf knapp über 4%,
nur um sich dann wieder in 2009 und 2010 zwischen
8% und 10% einzupendeln. Seit 2011 allerdings kühlt
das Wachstum spürbar ab. 2012 lag es nur noch bei
World Bank Database (http://bit.ly/17STBLW).
Man nannte das lange Zeit die „Hindu Rate of Growth“: Das
Wachstum überstieg nie den Wert von 3,5%, was wenig mehr
war als das Bevölkerungswachstum.
10
11
etwas über 4%.12 Die Gründe hierfür scheinen diesmal hausgemacht zu sein: strukturelle Mängel in
der indischen Wirtschaft (z. B. der zu schwach ausgeprägte Industriesektor), das Ausbleiben von notwendigen Reformen, aber auch die Abhängigkeit von
Energieimporten spielen eine Rolle. Langfristig geht
man jedoch davon aus, dass Wachstumsraten von
8% realisierbar sind. Goldman Sachs schätzt, dass
Indien im Jahr 2050 mit einem Bruttoinlandsprodukt
von über 2.480 Billionen Rupien (ca. 63 Milliarden
Euro), nach China und vor den USA die zweitgrößte
Volkswirtschaft sein wird.13 Siehe Abbildung 2.
Trotz des wirtschaftlichen Fortschritts sieht sich
Indien noch immer mit großen Entwicklungsherausforderungen konfrontiert. Mehr als 400 Millionen Menschen in Indien leben unterhalb der Armutsgrenze – das sind etwa ein Drittel der Armen
weltweit. In einigen Bundesstaaten ist die absolute
Anzahl der Armen aufgrund des Bevölkerungswachstums in den letzten zehn Jahren sogar gestiegen. Innerhalb Indiens fallen einige Bundesstaaten, wie zum Beispiel Uttar Pradesh oder Bihar
(die zusammen fast die gleiche Bevölkerungszahl
wie die USA haben), besonders ab.14
12
World Bank Database (http://bit.ly/17STBLW); Offizielle
indische Statistiken (z. B. der Planungskommission oder der
Reserve Bank of India) basieren auf dem indischen Finanzjahr
(April bis März) und nicht dem Kalenderjahr. Daher weichen
diese Angaben unter Umständen ab.
13
Goldman Sachs Global Economics Paper 169, Juni 2008
(http://bit.ly/IhXArO).
14
Weltbank Website, Indien Überblick (http://bit.ly/1h26qWS).
Abb. 2: Nominales Buttoinlandsprodukt von Indien, China und Deutschland (2003–13)
Indien im Überblick | Energiemarktstudie Indien
11
1.4 Wichtigste Industrien
1.5 Die Indische Verfassung
Nach der Unabhängigkeit 1947 wollte Indien durch
planwirtschaftliches Vorgehen eine solide industrielle Basis schaffen. Diese Politik war nur teilweise
erfolgreich. Heute trägt der Industriesektor etwa
26% zum BIP bei (in Deutschland 28%) und beschäftigt rund 18% der Erwerbstätigen (Deutschland: 26%). Im Vergleich dazu trägt die Landwirtschaft, in der 60% der Arbeitskräfte beschäftigt
sind, nur 17% zum BIP bei (Deutschland: 2% der
Arbeitskräfte, 1% des BIP). Die wichtigste Säule
des indischen BIP ist der Dienstleistungssektor
mit 57% des BIP (in Deutschland 71%).15 Damit hat
Indien einen, für ein Schwellenland, überdurchschnittlich entwickelten Dienstleistungssektor.
Allerdings wird der Dienstleistungssektor nicht
in der Lage sein, den stetig steigenden Anteil Erwerbsfähiger aufzunehmen. Laut dem Census von
2011 werden ca. 113 Mio. Menschen im Alter von
15 – 60 Jahren als arbeitssuchend oder erwerbsfähig ohne Beschäftigung gezählt.16 Entsprechend
bemüht sich die neue Regierung verstärkt darum,
die Kapazitäten im Produktionssektor zu erhöhen.
Das indische Rechtssystem basiert auf der am
26. November 1949 unterzeichneten Verfassung.
In der Präambel wird Indien als souveräne, sozialistische, säkulare und demokratische Republik
beschrieben. Indien hat außerdem eine föderale
Struktur, in der sowohl die Union als auch die einzelnen Bundesstaaten legislative Macht besitzen. 18
Die Kompetenzverteilung erfolgt über drei Listen.
Liste I beschreibt die Themen, für die das in Oberund Unterhaus (Lok Sabha und Rajya Sabha) gegliederte indische Parlament verantwortlich ist.
Hierzu gehören etwa Verteidigung, Außenpolitik
und der Bundeshaushalt. Liste II beschreibt die
Zuständigkeiten der Landesparlamente (Vidhan
Sabha). Auf Liste III stehen Themen, für die sowohl
das indische Parlament als auch die Parlamente
der Bundesstaaten zuständig sind. Für den Energiesektor sind folgende Listeneinträge relevant:
•Liste I (Union): Atomenergie, Bodenschätze
(Minen, Öl- und Gasförderung), überregionale
Wassersysteme
•Liste II (Bundesstaaten): Wasserversorgung,
Bewässerungs- und Kanalsysteme, Abwassersysteme, Wasserspeicherung und Wasserkraft
• Liste III (beide): Stromerzeugung und -übertragung
Im Falle widersprüchlicher Entscheidungen zu
Themen der Liste III, muss sich die Gesetzgebung
der Bundesstaaten, der aus Delhi unterordnen. Da
Initiativen allerdings oft auf beiden Ebenen gestartet werden und in Fokus und Umfang nicht immer
deckungsgleich sind, entsteht eine oft verwirrende
Vielfalt an Regelungen.
Nach der wirtschaftlichen Liberalisierung durch
umfassende Reformen in den 1990er Jahren hat
sich gezeigt, dass viele indische Konzerne im internationalen Wettbewerb bestehen können. Große
Konzerne wie Tata, Birla oder Reliance Industries
dominieren die Landschaft der indischen Geschäftswelt und werden in der Regel von Familien kontrolliert. Wichtige Industriezweige in Indien
sind die Bergbau- und Metallindustrie, Energieerzeugung, Infrastruktur-Dienstleistungen, die Automobil-, Textil-, Pharma- und Chemieindustrie
sowie der Maschinenbau. Aufgrund ihres schnellen Wachstums und ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit wird die IT- und Outsourcing-Industrie als große Erfolgsgeschichte des modernen
Indiens betrachtet. Während sie 1998 nur 1% des
BIP ausmachte, waren es 2009 bereits knapp 6%.
Andere schnell wachsende Wirtschaftszweige sind
Tourismus, Kommunikation und Luftfahrt.17
CIA World Factbook, Website (http://1.usa.gov/Igstgo).
Times of India 24.09.2014, S.11
17
India in Business, Website (http://bit.ly/JhcIXr).
Die Exekutive besteht auf zentraler Ebene aus dem
Premierminister und seinem Kabinett und auf Bundesstaatenebene aus dem Chief Minister of State
und seinem Kabinett. Das indische Kabinett wurde
von der neuen BJP-Regierung von 77 Ministerposten mit teilweise sehr spezifischen Portfolios19 auf
45 Ministerposten reduziert. Allerdings bestehen
die Ministerien in ihrer bisherigen Organisationsstruktur und Zuständigkeit bisher unverändert weiter, einige Minister betreuen entsprechend mehrere
Portfolios. Im Energiesektor ist nun Piyush Goyal als
„Minister of State (Independent Charge)“ für die folgenden Ministerien zuständig:
15
16
12
Energiemarktstudie Indien | Indien im Überblick
18
19
Supreme Court of India, Website (http://bit.ly/18nfaXO).
The Cabinet Secretariat, Website (http://bit.ly/1c6EYo5).
•das Ministry of Power (Strom),
•das Ministry of New and Renewable Energy (Solar,
Wind, Biomasse, kleine Wasserkraft) und
•das Ministry of Coal (Kohle).
Ob durch die Zuordnung der drei Ministerien der
gewünschte Effekt, Planungsunsicherheiten zu
beseitigen und Zuständigkeiten eindeutiger zu
regeln, erzielt wird, bleibt abzuwarten. Auch wird
sich noch bestätigen müssen, ob die Erneuerbaren
Energien darüber eine deutliche Aufwertung erfahren. Darüber hinaus sind das Ministry of Petroleum
and Natural Gas (Öl und Gas) und das Ministry of
Environment, Forest and Climate Change (Umwelt,
Wälder und Klimawandel) für den Energiesektor
von Bedeutung. Letzteres hat erst im Zuge der
neuen Regierungsbildung Klimawandel als drittes
Schwerpunktthema erhalten, was darauf hin deutet, dass die neue Regierung die Herausforderungen des Klimawandels anerkennt und sich diesen
auch im nationalen Kontext verstärkt widmen will.
Als Rechtssystem hat Indien das Common Law mit
einer Mischung aus legislativer Initiative und Präzedenzfällen (case law) von den Briten übernommen. Die Judikative ist unabhängig und kann neue
Gesetze einer juristischen Prüfung unterziehen.
Das höchste Gericht und die letzte Berufungsinstanz ist der Supreme Court.20 Darauf folgen die
High Courts der einzelnen Bundesländer und
schließlich die District Level Courts.21 Das indische
Rechtssystem funktioniert nur in Teilbereichen
gut. Der Supreme Court, zum Beispiel, gilt als sehr
integer, umsichtig und durchsetzungsstark. Aber
vielerorts hat Korruption die Gerichte, besonders
auf den unteren Ebenen, infiltriert. Insgesamt ist
das System so stark überlastet, dass die Bearbeitung mancher Fälle sich viele Jahre in die Länge
ziehen kann und somit eine Rechtssicherheit de
facto nur bedingt existiert.
1.6 Energie: Bedeutung des Energiedefizits für Wirtschaft und
Entwicklung
Indien hat große Probleme, die Infrastruktur (vor
allem in den Städten) schnell genug aufzubauen,
um mit den wirtschaftlichen und gesellschaftli20
21
Supreme Court of India, Website (http://bit.ly/18nfaXO).
Indian Courts, Website (http://bit.ly/InnCKT).
chen Veränderungen Schritt halten zu können. Der
Energiesektor ist dabei von zentraler Bedeutung.
Energieknappheit gefährdet allerdings nicht nur
das rasante Wirtschaftswachstum in den Städten
und Industriezentren, sondern auch die Ärmsten
des Landes, da eine zuverlässige Grundversorgung
mit Strom in weiten Teilen noch nicht gegeben ist.
Laut einer indienweiten Untersuchung im Jahr
2011 nutzen nur etwa 55% der Haushalte Elektrizität für die Beleuchtung. Der Rest greift auf Kerosinlampen zurück.22 Die fehlende oder unzuverlässige Stromversorgung auf dem Land verschärft
den Entwicklungsgegensatz zwischen den Regionen und Städten, die vom Wachstum der Wirtschaft
profitieren und den weiten Teilen des Landes, in
denen sich die Lebensumstände nicht ändern.
Dieser Gegensatz beschleunigt die Abwanderung
vom Land und birgt ein erhebliches soziales Konfliktpotenzial. Aber selbst in den wirtschaftlich
erfolgreichen Regionen führt eine unzuverlässige
Stromversorgung zu erheblichen wirtschaftlichen
Verlusten und hemmt das Wachstum.
Der Ausgleich des Energiedefizits sowie die Deckung des steigenden Energiebedarfs haben für
den indischen Staat höchste Priorität. Um diese
Ziele zu erreichen, werden massive Förderprogramme aufgelegt, die Privatisierung des Strom-,
Öl- und Gassektors vorangetrieben und internationale Investoren angeworben. Der indische Staat
alleine hat nicht die finanziellen Möglichkeiten, das
Energieproblem zu lösen und ist daher auf eine
enge Zusammenarbeit mit dem privaten Sektor
angewiesen. Das eröffnet deutschen Unternehmen
interessante Marktchancen, die nachfolgend besprochen werden.
Ein Thema, das der indischen Regierung besonders Kopfzerbrechen bereitet, ist das negative
Handelsdefizit. Im Finanzjahr 2012 / 13 stieg es auf
4,8% des BIP. Energieimporte, insbesondere von
Öl, Erdgas und Steinkohle, sind die wichtigsten
Ursachen dieses Defizits.23
22
Census of India 2011, Availability of Amenities and Assets
(http://bit.ly/1ik2zDi).
23
Reserve Bank of India, Macroeconomic and Monetary
Developments, First Quarter Review 2013–14, p. 17
(http://bit.ly/1fI0moL).
Indien im Überblick | Energiemarktstudie Indien
13
2
Der Indische Energiemarkt
2.1 Indiens Energieverbrauch:
Überblick und Trends
Indiens Energiebedarf ist in den letzten Jahren stark
gestiegen. Dieser Trend wird wohl auf abseh­bare
Zeit anhalten. Er wird von Indiens starkem Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum getrieben,
sowie von sich verändernden Gesellschaftsstrukturen hin zu städtischen, mobilen Lebensentwürfen. Der Prozess der Entwicklung, des Wachstums
und der Modernisierung folgt im Wesentlichen
dem westlichen, sehr energieintensiven Modell
des 19. und 20. Jahrhunderts, in dem Wirtschaftswachstum mit einem vergleichbaren Wachstum an
Energieeinsatz korreliert.
Indiens Energieintensität, der zusätzliche Energieeinsatz, der für 1% zusätzlicher Wirtschaftsleistung benötigt wird, lag im Jahr 2011 bei 0,62%. Der
Indikator beinhaltet auch nicht kommerziell gehandelte Energieträger (z. B. Feuerholz, Kuhdung).
Er fällt seit Jahren konstant. Im Jahr 1981 lag er
noch bei 1,09%.24
Die Elektrizitätsintensität der indischen Wirtschaft,
der prozentuale Zuwachs an Stromverbrauch, der
mit 1% Wirtschaftswachstum korreliert, ist von
ungefähr 3,14% in den 1950er Jahren auf 0,97% in
den 1990er Jahren gefallen.25 Im Jahr 2007 lag er
bei etwa 0,73%, was besonders daran lag, dass Indiens Wachstum bisher nicht so stark auf steigende Industrieproduktion, wo die Intensität bei 1,91%
liegt, sondern mehr auf dem sich dynamisch entwickelnden Dienstleistungssektor beruhte, wo die
Intensität nur 0,11% beträgt.26
Im schwierigen globalen Energie- und Klimakontext gesehen, aber auch für eine langfristig nachhaltige Entwicklung Indiens, ist eine stärkere EntTwelfth Five Year Plan, p. 130 (http://bit.ly/HpF1BL).
Übersicht des indischen Strommarktes 2008, Indiacore.
26
Powering India: The Road to 2017, McKinsey, 2009
(http://bit.ly/1gjaAwa).
24
25
14
Energiemarktstudie Indien | Der Indische Energiemarkt
kopplung des Wachstums vom Energieverbrauch
sowie die Nutzung nachhaltiger, nicht vom Import
abhängiger Energiequellen dringend von Nöten.
Um Indiens zu erwartendes, starkes zukünftiges
Wachstum energietechnisch möglich zu machen,
werden sowohl auf der Angebots- wie auf der Nach­
frageseite radikale Veränderungen notwendig sein:
Die Energiewirtschaft sollte leistungsfähiger gestaltet werden und neue Energiequellen, insbesondere
die Solarenergie, sollten stark ausgebaut werden.
Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass die Energieintensität Indiens noch weiter gesenkt werden
kann. Das könnte durch effizientere Nutzung der
Ressourcen passieren, aber auch durch das so genannte „Leapfrogging“ zu modernen, die Ressourcen schonenden Technologien und Lebens­weisen.
2.1.1Primärenergieverbrauch
Wie in Abbildung 3 gezeigt, hat Indien 2012 ca.
4,5% (564 MTOE) der weltweit genutzten Primärenergieressourcen27 (12.476 MTOE) verbraucht.
Damit ist das Land der international viertgrößte
Primärenergiekonsument. Indiens Anteil ist damit
bedeutend größer als noch vor zehn Jahren, als er
bei 3,2% lag. Das entspricht einem absoluten Zuwachs von 1,3% oder etwa dem halben Energieverbrauch von Deutschland im Jahr 2012. Doch im
Vergleich zum Anteil an der Weltbevölkerung von
17,6%, ist er nach wie vor gering. Wenn sich Indien
in Zukunft ähnlich entwickelt wie China (19,3% des
Energieverbrauchs, 22% der Bevölkerung), würde
das bedeuten, dass Indiens Anteil am Energieverbrauch in Zukunft stark wachsen wird.28 Siehe
27
Primärenergieressourcen beinhalten alle kommerziell
gehandelten Brennstoffe. D.h. Holz, Torf, tierische Abfälle
werden nicht mit einbezogen, obwohl diese in vielen Ländern
eine große Rolle spielen. Diesbezüglich gibt es allerdings keine
aussagekräftigen Statistiken.
28
World Bank Database, Website (http://bit.ly/17mUj6e) für
Bevölkerung; BP, Statistical Review of World Energy, 2013 für
Energie (http://bit.ly/1iRIYNZ).
Abb. 3: Weltweiter Verbrauch von Primärenergieressourcen nach Verbrauchsland in 2012 (MTÖE).29
Seit 1980 hat sich Indiens Primärenergieverbrauch
bei einer relativ konstanten durchschnittlichen
Steigungsrate von 5,3%30 pro Jahr mehr als verfünffacht. Siehe Abbildung 4 Entwicklung des Primärenergieverbrauchs in Indien seit 1980.31
Szenarien der Planning Commission of India gehen
davon aus, dass die Energieversorgung bis 2032 bei
einer anvisierten jährlichen Wachstumsrate des
BIPs von 8% bzw. 9% um das Drei- bis Vierfache,
im Stromsektor sogar um das Fünf- bis Sechsfache ansteigen muss, um das Wirtschaftswachstum
29
BP, Statistical Review of World Energy, 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
30
Bridge to India – Berechnung aus BP, Statistical Review
of World Energy, 2013 (http://bit.ly/1iRIYNZ).
31
BP, Statistical Review of World Energy 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
Abb. 3: Weltweiter Verbrauch von Primärenergie­
ressourcen nach Verbrauchsland in 2012 (MTÖE)
nicht zu hemmen. So würde der Primärenergiebedarf im kommerziellen und nicht-kommerziellen
Sektor bis 2032 auf 1.836 – 2.043 MTOE pro Jahr
ansteigen. Andere Szenarien liegen mit 1.536 –
1.887 MTOE etwas darunter.32
Die mit Abstand wichtigste Energiequelle für Indien ist Kohle (hauptsächlich Steinkohle), die mehr
als die Hälfte der Primärenergie stellt. Öl, das
weitestgehend importiert wird, ist zweitwichtigste
Energiequelle, gefolgt von Gas und Wasserkraft.
Atomkraft kann bisher nur einen kleinen Teil des
Primärenergiebedarfs abdecken (1,3%). Auch die
erneuerbare Energie spielt mit rund 1,9% noch
eine untergeordnete Rolle.33 Nicht berücksichtigt
als Energieträger ist hier die traditionell genutzte
Biomasse (für z. B. Herdfeuer).
32
Planning Commission, Integrated Energy Policy –
Report of the Expert Committee, 2006 (http://bit.ly/17mVanH).
33
BP, Statistical Review of World Energy 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
Abb.4: Entwicklung des Primärenergieverbrauchs
in Indien seit 1980
)
,3 %
5
te (
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m
stu
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nit
ch
chs
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u
d
ach
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Weltweiter
Gesamtverbrauch
12,477 MTOE
Der Indische Energiemarkt | Energiemarktstudie Indien
15
Siehe Abb. 5: Prozentualer Anteil der kommerziellen Primärenergiequellen in Indien im Jahr 2012.34
2.1.2Import von Energieträgern
Schon heute hängt die indische Energieversorgung
stark von Importen ab. Da das Land in Relation zu
seiner großen Bevölkerung nur über verhältnismäßig geringe, eigene Energiereserven verfügt, wird
der Importanteil mit dem erwarteten Wirtschaftswachstum wohl weiter steigen. Bei Öl ist der Importanteil mit Abstand am höchsten. Ein großer
Teil der Deviseneinkünfte des Landes wird für Öl
wieder ausgegeben35. Steinkohle wird erst seit Anfang 2000 importiert, allerdings in schnell wachsenden Mengen. Wasserkraft wird von den Nachbarstaaten Nepal und Bhutan in Form von Strom
importiert. Aufgrund der starken und chronischen
Unterversorgung mit Energie ist Indien ein Ener-
gieimporteur ohne nennenswerte Exporte. Siehe
Abb. 6: Prozentualer Anteil des durch Import gedeckten Primärenergieverbrauchs (pro Energieträger).36
Im Jahr 2030 wird Schätzungen zufolge der Bedarf
der Primärenergien mindestens zu 30% und möglicherweise bis zu 60% durch Importe gedeckt. Bei
Öl wird sogar davon ausgegangen, dass 90% des
Bedarfs importiert werden muss (siehe Abbildung
7). Die Importspanne wurde über verschiedene
Szenarien hinweg kalkuliert. Die untere Grenze
wurde mit dem geringsten Bedarf und maximaler
Eigenproduktion und die obere Grenze mit dem
maximalen Bedarf und der geringsten Eigenproduktion ermittelt. Siehe Abb. 7: Geschätzter prozentualer Importanteil der Primärenergiequellen
im Jahr 2030.37
BP, Statistical Review of World Energy 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
35
Im Monat Mai 2013 hat Indien 950 Milliarden Rupien
(12 Milliarden Euro) für Ölimporte gezahlt. Das waren
3% mehr als im Vorjahreszeitraum (http://bit.ly/1epUf4w).
Indian Planning Commission, Faster Sustainable and More
Inclusive Growth – Report on the approach to the 12th Five Year
Plan, 2011 (http://bit.ly/16fNpgd).
37
Indian Planning Commission, 11th Five Year Plan, 2006
(http://bit.ly/1h3BFkz).
Abb. 5: Prozentualer Anteil der kommerziellen
Primärenergiequellen in Indien im Jahr 2012.
Abb. 6: Prozentualer Anteil des durch Import gedeckten
Primärenergieverbrauchs (pro Energieträger)
34
36
90 %
81 %
80 %
70 %
60 %
Importanteil (%)
70 %
67 %
73 %
76 %
57 %
50 %
40 %
30 %
28 %
20 %
20 %
%
19
10 %
0%
10 %
8%
0%
1981
16
Energiemarktstudie Indien | Der Indische Energiemarkt
2%
1991
4%
0%
2001
5%
0%
2007
2011
22 %
4%
2017
2.1.3Indiens Energieverbrauch im
internationalen Vergleich
Von 2002 bis 2012 stieg der Energieverbrauch Indiens um durchschnittlich 5,6% pro Jahr, womit Indien unter den großen Volkswirtschaften nur hinter
China (8,9%) und weit über dem Weltdurchschnitt
(2,4%) liegt. Siehe Abb. 8: Vergleich des durchschnittlichen Wachstums im Energieverbrauch von
Indien mit China, den USA und Deutschland (2002
bis 2012).38
Abb. 8: Vergleich des durchschnittlichen Wachstums im
Energieverbrauch von Indien mit China, den USA und
Deutschland (2002 bis 2012)
Im tatsächlichen, auf die Bevölkerung umgerechneten Energieverbrauch liegt Indien mit 0,5 MTÖE
pro Millionen Einwohner jedoch nach wie vor weit
unter dem Weltdurchschnitt (1,8 MTÖE / ME). Ein
Inder verbrauchte 2012 nur etwa 7% der Energie
eines US-Amerikaners. Siehe Abb. 9: Vergleich des
Primärenergieverbrauchs in MTÖE pro Millionen
Einwohner von Indien mit China, USA, Deutschland
(2012).39
38
BP, Statistical Review of World Energy, 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
39
BTI Berechnungen, basierend auf: BP, Statistical Review
of World Energy 2013, Energy charting tool und CIA World
Factbook.
Abb. 7: Geschätzter prozentualer Importanteil der
Primärenergiequellen im Jahr 2030
Abb. 9: Vergleich des Primärenergieverbrauchs in MTÖE
pro Millionen Einwohner von Indien mit China, USA,
Deutschland (2012)
Der Indische Energiemarkt | Energiemarktstudie Indien
17
An dem unten angegebenen Verbrauch von Primärenergie pro erwirtschaftetem Kapital erkennt
man, dass das indische Wirtschaftswachstum bei
weitem nicht so energieintensiv ist wie das von
China. Das liegt vor allem daran, dass China als
„Werkbank der Welt“ viele energieintensive Industrieleistungen für den Export erbringt, während
Indien noch hauptsächlich für sich selbst produziert und eine vergleichsweise weniger entwickelte Industrie besitzt. Indiens Wachstumsprofil mit
einem starken Dienstleistungssektor entspricht
eher dem von entwickelten Volkswirtschaften wie
den USA und Deutschland. Siehe Abb. 10: Vergleich
des Primärenergieverbrauchs in MTÖE relativ zur
Wirtschaftsleistung von Indien mit China, USA,
Deutschland (2012).40
möglichst hohe geostrategische Energiesicherheit
schafft. Klima- und Umweltaspekte spielen zwar
noch eine eindeutig untergeordnete Rolle, aber die
zunehmend aktive Rolle Indiens bei den internationalen Klimagesprächen sowie der Plan, wichtige Zukunftstechnologien, wie die Solarenergie, zu
entwickeln und die Energieeffizienz auf Angebotsund Nachfrageseite zu erhöhen, lassen darauf
schließen, dass Indiens Energieprofil in Zukunft
klima- und umweltfreundlicher sein könnte, als es
im Moment der Fall ist.
2.2.1Kohle
Indien setzt in der Befriedigung seiner Energiebedürfnisse auf einen Energiemix, der in erster
Linie ein Maximum an Energie bereitstellt, in zweiter Linie so billig wie möglich ist und drittens eine
Indiens wichtigste Energiequelle sind die großen
heimischen Steinkohlevorkommen. Sie werden
vom eigens zur Förderung und Verteilung der Kohle gegründeten Ministry of Coal auf ca. 285 Milliarden Tonnen geschätzt. Damit liegt Indien nach den
USA, Russland und China weltweit an vierter Stelle. Im Finanzjahr 2012–13 wollte Indien 575 Millionen Tonnen Kohle fördern.41 Dieses Ziel wurde mit
558 Millionen Tonnen fast erreicht.42 Die Steinkoh-
40
BTI Berechnungen, basierend auf: BP, Statistical Review
of World Energy 2013, energy charting tool und CIA World
Factbook.
41
Ministry of Coal, Jahresbericht 2012–13
(http://bit.ly/1bV1Kxl).
42
Reuters News, 18th April 2013 (http://reut.rs/1cNG8oa).
2.2Energieressourcen
Abb. 10: Vergleich des Primärenergieverbrauchs in MTÖE relativ zur Wirtschaftsleistung
von Indien mit China, USA, Deutschland (2012)
Weltdurchschnitt: 143
18
Energiemarktstudie Indien | Der Indische Energiemarkt
lereserven befinden sich vorwiegend in den zentral
und östlich gelegenen Bundesstaaten Jharkhand,
Odisha, Chhattisgarh, West Bengal, Madhya Pradesh, Andhra Pradesh und Maharashtra43. Zudem
verfügt Indien über Braunkohlevorkommen („Lignite“) von ca. 45 Milliarden Tonnen, wovon sich der
größte Teil im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu
befindet.44
auch für die an den Küsten gelegenen neuen Ultra
Mega Power Projects (UMPPs) von großer Wichtigkeit sein. Siehe Abb. 11: Entwicklung des Kohleverbrauchs (Stein- und Braunkohle) in Indien seit
1981.46
In den letzten 11 Jahren hat sich der Kohleverbrauch von 145 MTÖE auf 298 MTÖE47 mehr als verdoppelt. Die National Planning Commission geht
davon aus, dass Indien im Finanzjahr 2021–22 etwa
450 MTÖE Steinkohle (davon 150 MTÖE Import) und
29 MTÖE Braunkohle (kein Import) konsumieren
wird. Das entspräche einer jährlichen Wachstumsrate von etwa über 5% und einem Importanteil von
über 30%.48 Bei einer jährlichen Steigerung der
Kohleförderung von 5% würden die landesweiten
Kohlereserven noch etwa 45 Jahre reichen.49 Der
weitaus größte Teil der Kohle (72%) wird für die
Stromgewinnung genutzt. Der zweitwichtigste Verbraucher ist die Stahlindustrie und das Kokereiwesen.50
Die indische Steinkohle hat einen außergewöhnlich
hohen Aschegehalt, was zu starken Verunreinigungen führt. Während die in den meisten anderen
Ländern geförderte Steinkohle oft weniger als 10%
und höchstens 25% Asche beinhaltet, sind es in
Indien 35% bis 45%. Schätzungen zufolge wird Indien bald Kohle mit einem Aschegehalt von durchschnittlich 50% abbauen.45
Während das Land bis vor einigen Jahren als weltweit drittgrößter Kohleproduzent seinen Kohlebedarf weitgehend decken konnte, ist Indien heute
zunehmend auf zusätzliche Kohleimporte, vor allem aus Australien, angewiesen. Die Importkohle wird i. d. R. der inländischen, mit einem hohen
Aschegehalt versehenen, Kohle beigemischt, um
Verunreinigungen zu reduzieren. Importkohle wird
46
BP, Statistical Review of World Energy 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
47
298 MTÖE entsprechen etwa 428 Millionen Tonnen Kohle
Äquivalent (MTCE); siehe: World Coal Association, Website,
Conversion Statistics (http://bit.ly/1aWVad3); Da indische Kohle
einen besonders hohen Ascheanteil hat, entspricht 428 MTÖE
allerdings etwa 650 Tonnen indischer Kohle.
48
12th Five Year Plan, p. 133 (http://bit.ly/HpF1BL).
49
Report of the Working Group on Coal and Lignite for the
12th five year plan (http://bit.ly/1c9QIYC).
50
Report of the Working Group on Coal and Lignite for the
12th five year plan (http://bit.ly/1c9QIYC).
43
Diese ressourcenreichen Bundesstaaten haben in den
letzten 10 Jahren stark unter einem bewaffneten Konflikt des
Staates mit maoistischen Gruppen („Naxaliten“) gelitten.
44
BP Statistical Review 2013 (http://bit.ly/1iRIYNZ).
45
World Coal Association, Website (http://bit.ly/1b48wjj).
Abb. 11: Entwicklung des Kohleverbrauchs (Stein- und Braunkohle) in Indien seit 1981
,3
5
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tu
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Der Indische Energiemarkt | Energiemarktstudie Indien
19
Tabelle 1: Geschätzter Kohlebedarf
nach Abnehmern in Millionen51
Sektor
2008–09
2009–10
2010–11
2011–12
2012–13*
2016–17
Stahl & Kokereiwesen
38
41
44
46
52
67
Energie (Versorgung)
362
378
390
367
512
682
Energie (Eigenbedarf)
33
38
41
37
43
56
Zement
20
21
25
13
30
46
Eisenerz/-schwamm
20
23
23
21
35
50
Andere
77
86
94
81
100
79
550
587
617
565
772
980
Total
Das Staatsunternehmen Coal India Ltd. (CIL) ist
für ca. 81% der indischen Kohleproduktion verantwortlich und damit der weltgrößte Kohleproduzent.
Mit etwa 361.348 Beschäftigten und einem Umsatz
von 828 Milliarden Rupien (10 Milliarden Euro) im
März 201352, gehört CIL außerdem zu den größten
Unternehmen des Landes53. Mit großem Abstand
folgt darauf Singareni Collieries Company Ltd.
(SCCL), ebenfalls ein öffentliches Unternehmen.
Es gehört zu 51% dem Bundesstaat Andhra Pradesh und zu 49 % dem indischen Staat. SCCL hat
65.430 Beschäftigte.54
In Zukunft soll jedoch der Anteil der anderen Energieproduzenten stärker wachsen und die Privatwirtschaft intensiver in den Kohleabbau einbezogen
werden. Damit hofft Indien, ein wichtiges Hemmnis
für die Zuschaltung neuer Stromerzeugungskapazitäten, nämlich ein schnelleres Wachstum der Kohleförderung, zu überwinden. Der Staat versucht, den
Sektor durch Reformen dynamischer zu gestalten.
Allerdings steckt die Coal Mines (Nationalisation)
Amendmend Bill seit 2000 im Parlament fest.55 Der
ehemalige Power Secretary R.V. Shahi fordert einen
„Coal Act“, der – wie der Electricity Act von 2003 –
die Strukturen grundlegend marktwirtschaftlicher
51
Ministry of Coal, Annual Report, 2012–13, p. 43
(http://bit.ly/1bV1Kxl).
52
CIL, Annual Report and Accounts 2012–13
(http://bit.ly/1hi2Jil).
53
Coal India Ltd., Highlights, Website (http://bit.ly/Nf0ihx).
54
Singareni Collieres Company Ltd., Website
(http://bit.ly/18aLoQ4).
55
Press Information Bureau of India, Website
(http://bit.ly/1fIMIS8).
20
Energiemarktstudie Indien | Der Indische Energiemarkt
und somit investorenfreundlicher gestalten soll. Ein
Schritt in diese Richtung war die Captive Coal Block
Allotment Policy, die großen Industrieunternehmen
bereits ca. 20 Milliarden Tonnen Kohle für die Deckung des Eigenbedarfs an Strom und Wärme zugeteilt hat. Auf Basis dieser Reserven sollen neue
Kraftwerke mit einer Kapazität von ca. 70.000 MW
gebaut werden. Bisher wurden diese Ressourcen
allerdings kaum genutzt. Ende August 2014 hatte
der oberste Gerichtshof Indiens ausserdem geurteilt, dass sämtliche Entscheidungen der Regierung
über die Zuteilung von Kohleabbaulizenzen aus den
Jahren 1993 bis 2009 rechtswidrig sind. Die Lizenzen sollen bis auf vier neu versteigert werden, für
bereits geförderte Kohle müssen die Unternehmen
295 Rs je Tonne Strafe zahlen. Staatliche und private indische Bergbauunternehmen sichern sich von
daher zunehmend internationale Förderrechte, um
den Kohleimport zu stärken.56
Ein Beispiel ist das 1.050 MW Kohlekraftwerk Maithon von Tata. Obwohl es mitten in der Kohleregion
Jharkhand liegt, musste der Betreiber 2013 aufgrund von Versorgungsengpässen auf wesentlich
teurere Importkohle aus Indonesien zurückgreifen.
Obwohl Tata im naheliegenden Staat Odisha eine
eigene Kohlegrube besitzt, kann es diese Kohle
nicht nutzen, da sie einem anderen Tata-Kraftwerk
zugeteilt wurde, das wiederum aufgrund bürokratischer Hürden noch nicht in Betrieb genommen
werden konnte.57
56
R.V. Shahi, Energy Vision: Opportunities in Indian Power
Sector, Enertia, September 2009.
57
Reuters, News, 14th October 2013 (http://reut.rs/1gknFCC).
Tabelle 2: Geschätzte Kohleförderung in Indien
(2009 – 2012) in Millionen Tonnen58
Kohleförderung
2009–2010
2010–2011
2011–2012
2016–2017e
416
424
432
615
Singareni Collieries Company Ltd.
49
50
51
57
Andere*
49
50
51
123
514
524
534
795
83
132
160
186
597
656
694
981
Coal India Ltd.
Gesamte indische Versorgung
Gesamter Import
Gesamter indischer Verbrauch
*Andere: Insellösungen, andere staatliche Unternehmen
und Selbstversorger
2.2.2Erdöl
Indiens Kraftstoffmarkt ist von einer wachsenden
Kluft zwischen der steigenden nationalen Nachfrage
und der begrenzten Verfügbarkeit von Erdöl aus
heimischen und internationalen Quellen gekennzeichnet. Der Zugang zum weltweiten Ölmarkt
wird durch Indiens geopolitische Lage erschwert.
Der Rivale Pakistan liegt geographisch zwischen
Indien und den Ölvorkommen des Iran und der arabischen Welt. Die Industrienationen haben bereits
langfristige Handelsbeziehungen und Verträge mit
vielen Ölproduzenten, und Chinas aggressive Ressourcenpolitik steht in starkem Wettbewerb zu Indiens Bemühungen um neue Lieferverträge.
Im Jahr 2007 verfügte Indien über geschätzte Ölreserven von 760 Millionen Tonnen, wovon sich 398 Millionen Tonnen onshore (Upper Assam, Cambay, Krishna-Godavari) und 362 Millionen Tonnen off­
shore
(Mumbai High, Chauvery Basins) befanden.59 Das ergiebigste Ölfeld liegt an der Küste vor Mumbai. Hier
werden täglich etwa 48 Millionen Liter gewonnen.60
2012 förderte Indien rund 42 Millionen Tonnen Öl
und importierte etwa die vierfache Menge (177 Millionen Tonnen). In den letzten 20 Jahren hat sich
der indische Erdölverbrauch von 63 MTOE (1993)
auf 171 MTOE (2012) fast verdreifacht und wird
auch in Zukunft voraussichtlich stark wachsen.61
Der gesamte Öl- und Gassektor (von der Förderung bis zum Verkauf der Endprodukte) macht ca.
15% des indischen BIPs aus. Er wird von den großen staatlichen Unternehmen Oil and Natural Gas
Corporation of India (ONGC), IndianOil und Hindustan Petroleum Corporation Ltd (HPCL) dominiert.
Die im „Upstream“ Bereich operierende ONGC hat
einen Umsatz von ca. 19 Milliarden Euro und besitzt 111 Öl- und Erdgasfelder in Indien. ONGC erhielt über die Hälfte der unter der New Exploration
Licencing Policy neuvergebenen Förderlizenzen.
Das international operierende Tochterunternehmen ONGC Videsh Ltd. (OVC) besitzt 30 Öl- und
Gasprojekte in 15 Ländern. IndianOil ist Indiens
größtes Unternehmen mit einem Umsatz von über
57 Milliarden Euro. Das Unternehmen ist entlang
der gesamten Wertschöpfungskette aktiv und besitzt das größte Tankstellennetz des Landes (18.889
Tankstellen). HPCL ist das zweitwichtigste Unternehmen im Ölsektor mit einem Umsatz von ca. 27
Milliarden Euro. Es hat sein Geschäft primär im
„Downstream“ Bereich.62 Wichtige private Unternehmen sind Cairn India und Tata. Siehe Abb. 12:
Ölverbrauchentwicklung seit 1980 in Indien.63
BP, Statistical Review of World Energy, 2013 (http://bit.ly/1iRIYNZ).
HPCL Website (http://bit.ly/1a7Fkrs).
63
BP, Statistical Review of World Energy, 2013 (Daten ab dem
Jahre 2003 wurden durch die Angaben des Ministry of Petroleum & Natural Gas ersetzt, da die Werte von BP in diesem
Zeitraum nicht plausibel erscheinen (Abweichungen bzgl. der
obigen Daten bzw. deren Summe liegen daran, dass nicht alle
Importe direkt verbraucht werden)).
61
62
58
Ministry of Coal, Annual Report 2012–13, p. 44
(http://bit.ly/1bV1Kxl).
59
MoPNG, Petroleum Statistics 2011–2012, p. 8
(http://bit.ly/18JgZwc).
60
Offizielle Energiestatistik der US-Regierung,
Länderanalyse Indien, März 2009.
Der Indische Energiemarkt | Energiemarktstudie Indien
21
Abb. 12: Ölverbrauchentwicklung seit 1980 in Indien
200
180
160
140
Ölverbrauch ( MTOE)
)
.4 %
5
te (
sra
120
155
h
tlic
nit
ch
chs
dur
tum
chs
a
eW
172
163
106
100
80
58
60
40
32
20
0
1980
1990
2000
2010
2011
2012
Um den Risiken, die sich aus der starken Importabhängigkeit ergeben, entgegenwirken zu können,
räumt die indische Regierung der Entwicklung
strategischer Erdölreserven hohe Priorität ein. Das
staatliche Unternehmen Indian Strategic Petroleum Reserves Ltd. baut an drei Küstenorten Tanks
mit einer Speicherkapazität von insgesamt 5 Millionen Tonnen.64 Im Augenblick besitzt Indien einen
Puffer von nur 20 Tagen.65 Ziel ist die OECD-Richtlinie mit einem Puffer von 90 Tagen.66 Etwa 63%
von Indiens Ölimporten stammen aus Westasien
(Saudi Arabien: 19%, Iraq: 13%) und 17% aus Afrika
(hauptsächlich Nigeria).67
Teilen an der West- und Ostküste. Aufgrund des
wachsenden Energiebedarfs ist auch die Nachfrage nach Erdgas rasant gestiegen. Der Gesamtverbrauch verdreifachte sich seit 1996 fast von 18,5
MTÖE auf 49 MTÖE im Jahr 2012.69 Siehe Abb. 13:
Gasverbrauch in Indien seit 1980.70
2.2.3Erdgas
Indien weist eine günstige geografische Lage auf,
da es im Nordwesten Russland, im Westen Iran,
in Katar und Abu Dhabi sowie in Myanmar und
Bang–ladesch große Gasvorkommen in erreichbarer Nähe hat. Freilich erschwert auch hier das
außenpolitische Umfeld Südasiens den Zugriff,
aber zumindest sind diese Gasvorkommen so
Indien verfügte 2011 über geschätzte 1.300 Milliarden m³ Erdgasreserven, wovon sich 448 Milliarden
m³ onshore und 883 Milliarden m³ offshore befinden.68 Die Vorkommen liegen etwa zu gleichen
ISPRL Website (http://bit.ly/1ihDkXM).
Hindustan Times News, 4th Oct 2013 (http://bit.ly/1jMTP9q).
66
12th Five Year Plan, p. 135 (http://bit.ly/HpF1BL).
67
US Energy Information Administration, Länderanalyse Indien
(http://1.usa.gov/17YMdAI).
68
MoPNG, Petroleum Statistics basic statistics, 2011–2012
(http://bit.ly/18JgZwc).
Bis 2003 konnte Indien komplett auf Erdgasimporte verzichten und die steigende Nachfrage allein
über wachsende inländische Produktion decken.
Seit 2004 wird der Bedarf aber zunehmend von
Importen gedeckt. Waren es 2004 noch 2,4 MTÖE,
stieg der Import bereits auf 9,7 MTÖE im Jahr 2008
und 18,5 MTÖE in 2012.71
64
65
22
Energiemarktstudie Indien | Der Indische Energiemarkt
69
BP, Statistical Review of World Energy, 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
70
BP, Statistical Review of World Energy, 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
71
Berechnung der Daten, BP, Statistical Review of
World Energy, 2009 (http://bit.ly/1fcQW10).
Abb. 13: Gasverbrauch in Indien seit 1980
50.0
46
45.0
Gasverbrauch (MTOE)
40.0
e
at
sr
(
)
42
6 %
.
11
36
um
35.0
t
hs
30.0
25.0
ic
l
itt
hn
c
hs
he
ac
W
24
rc
du
20.0
15.0
10.8
10.0
5.0
1.1
0.0
1980
1990
2000
nah, dass es durchaus wirtschaftlich wäre, Pipelines zur Sicherung der indischen Versorgung zu
errichten. Derzeit laufen Verhandlungen mit der
iranischen Regierung über den Import von 30–90
Millionen m3 pro Tag durch eine noch zu bauende
Iran-Pakistan-India (IPI)-Pipeline. Außerdem hat
Indien die Beteiligung an der Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan (TAP)-Pipeline zugesichert, um
Gas aus der Daulatabad-Region von Turkmenistan
zu beziehen. Ein weiteres Pipeline-Projekt ist die
Myanmar-Bangladesh-India (MBI)-Pipeline.72
Das wichtigste Unternehmen ist die staatliche Gas
Authority of India Ltd. (GAIL), das entlang der gesamten Wertschöpfungskette arbeitet. Um alte
und neue Gasvorkommen mit den wichtigsten
Verbrauchszentren zu verbinden, und um die Nutzung von Gas als saubererem Kraftstoff besonders
in den Städten zu fördern, baut GAIL gerade das
Gasnetz aus. Außerdem errichtet GAIL Flüssiggas /
LNG-Terminals an Indiens Küsten, verbindet über
Joint Ventures in mehreren Großstädten private
und industrielle Endkunden mit piped natural gas
(PNG) sowie den Transportsektor mit compressed
natural gas (CNG). Das wichtigste Privatunterneh-
72
MoPNG, Website (http://bit.ly/17X539h).
2010
2011
2012
men im Gassektor ist Reliance Industries, das mit
der Entwicklung des Krishna Godavari Gasvorkommens betraut wurde. Die derzeit hohen Gaspreise
führen aber dazu, dass die Stromerzeugung aus
Gas im Vergleich zur Kohleverstromung unwirtschaftlich ist, entsprechend stehen erst kürzlich
neu gebaute Gaskraftwerke still.
Das Gasnetz innerhalb Indiens ist noch wenig ausgebaut und erreicht bisher Kunden vor allem im
Westen und Norden des Landes. Siehe Abb. 14:
Das indische Gas-Netz.73
73
Energy Statistics 2013, Ministry of Statistics and Programme
Implementation, Government of India (http://bit.ly/1b2RRjC).
Der Indische Energiemarkt | Energiemarktstudie Indien
23
Siehe Abb. 14: Das indische Gas-Netz
Quelle: Energy Statistics 2013, Ministry of Statistics and Programme
Implementation, Government of India (http://bit.ly/1b2RRjC).
24
Energiemarktstudie Indien | Der Indische Energiemarkt
2.2.4Nukleare Brennstoffe
Indien setzt große Hoffnungen auf einen starken
Ausbau der Kernkraft. Heute ist die anteilige Nutzung der Kernenergie zwar noch gering, denn sie
trägt nur 2% zur gesamten Elektrizitätsversorgung bei, doch plant die Regierung in Zukunft einen
raschen Ausbau der Kapazität von 4.780 MW im August 2012 auf 25.000 MW im Jahr 2022.74 Im Jahr
2050 sollen 25% der Stromversorgung aus Kernkraftwerken bezogen werden.75 Viele Beobachter
sind allerdings skeptisch, dass diese Ziele erreicht
werden, da Indien in der Vergangenheit bereits
häufiger den Ausbau der Kernenergie geplant aber
nicht umgesetzt hat.76 Im Moment betreibt Indien
21 Reaktoren an sechs Standorten in den Bundesstaaten Uttar Pradesh, Karnataka, Maharashtra,
Gujarat, Rajasthan und Tamil Nadu. Kapazitäten
einzelner Blöcke liegen zwischen 100 und 540 MW.
Drei neue Kraftwerke sind im Bau. Kundakulam
Atomic Power Project in Tamil Nadu mit 2 x 1.000
MW, das Rajasthan Atomic Power Project mit 2 x 700
MW und das Kakrapar Atomic Power Project in Gujarat mit 2 x 700 MW. Kundakulam konnte fast fertiggestellt werden und speist bereits Strom ins Netz
ein. Die bevorzugte Technologie in Indien ist bisher
der CANDU-Reaktor (pressurized heavy water reactor). Der Betreiber ist das staatliche Unternehmen
Nuclear Power Corporation of India Ltd.77 Ein zweites staatliches Unternehmen, Bhavini, baut seit drei
Jahren an einem ersten Schnellen Brüter Kraftwerk
(fast breeder) mit 500 MW Kapazität.78
Da Indien den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat79, war das Land jahrzehntelang
vom allgemeinen Handel mit ziviler nuklearer
74
Report of the Working Group on Power for the Twelfth Plan
(http://bit.ly/1evXsj4).
75
CEA, Monatsbericht, August 2009.
76
Die Atomic Energy Commission (AEC) hat 1954 angekündigt
dass Indien bis 1980 8.000 MW Atomstrom hätte, 1962 hat
Homi Bhabha, der Vater des indischen Atomprogramms,
20.000 bis 25.000 MW bis 1987 vorausgesagt. Sein Nachfolger
im Department of Atomic Energy (DAE), Vikram Sarabhai hat
bis 2000 gar 43.500 MW als machbar erachtet.
77
Nuclear Power Corporation of India Ltd., Website
(http://bit.ly/1c0kBXI).
78
Bhavini, Website (http://bit.ly/1cblksK).
79
Der 1969 geschlossene Vertrag wird von Indien als diskriminierend empfunden, da er die Unterteilung in Nuklearmächte
(USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China) auf der
einen und nicht-Nuklearmächte auf der anderen Seite zementiert. Außer Indien haben nur Pakistan, Israel und Nordkorea
den Vertrag nicht unterzeichnet.
Technologie und Brennmaterial ausgeschlossen.
Die Entwicklung der Atomenergie ist daher autark
und verlangsamt vonstattengegangen. Aufgrund
der Importbeschränkungen hat sich die indische
Kernkraftindustrie auf die Nutzung und Erschließung der heimischen Thoriumreserven fokussiert.
Indien besitzt mit 290.000 Tonnen Thorium etwa
ein Viertel der weltweiten Vorkommen. Zusätzlich
gibt es ca. 54.000 Tonnen gesicherte und weitere
23.500 Tonnen geschätzte Uranvorkommen.80 Der
hemmende Einfluss der Handelsbeschränkungen
auf die Entwicklung der Kernkraft lässt sich daran
festmachen, dass indische Atomkraftwerke vergleichsweise geringe Nutzungsgrade aufwiesen.
1995 lag der Durchschnitt bei 60%. Bis 2002 konnte
Indien den Nutzungsgrad jedoch auf bis zu 85%
steigern.
Diese Schwierigkeiten sollen nun, nach Unterzeichnung des indisch-amerikanischen Nuklearvertrages im Jahr 2007 und der einhergehenden
Beendigung des Embargos sowie der Wiedereingliederung in den internationalen Technologiehandel, ausgeräumt werden. Im Gegenzug wird Indien
einen Teil seiner Atomanlagen durch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) inspizieren
lassen. Indien hat bis Oktober 2009 mit Russland
(Technologie, Kraftstoff und Anlagen), mit den USA
und Frankreich (Technologie und Anlagen), der
Mongolei, Kasachstan und Namibia (Brennstoffe)
sowie mit Argentinien (Technologie-) Verträge für
eine nukleare Kooperation unterzeichnet. Standorte für neue Anlagen, die mit Hilfe der Russen (Haripur / West Bengal), Franzosen (Jaitapur / Maharashtra) und den USA (Chhayamithi / Gujarat und
Kovvada / Andhra Pradesh) gebaut werden sollen,
sind bereits ausgewiesen.81 Im Moment stecken
die Planungen allerdings bei Haftungsfragen fest.
Siehe Abb. 15: Atomkraft in Indien seit 1980.82
80
Press Information Burau of India, Website
(http://bit.ly/1cblkJo).
81
The Hindu: „US Welcomes Site Allocation for Nuclear Plans“,
19. Oktober 2009 (http://bit.ly/Jpei9R).
82
BP, Statistical Review of World Energy, 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
Der Indische Energiemarkt | Energiemarktstudie Indien
25
Abb. 15: Atomkraft in Indien seit 1980
8.0
7.3
Atomkraftverbrauch (MTOE)
7.0
te
sra
7.5
%)
(9.3
m
stu
ach
eW
6.0
ich
ittl
hn
hsc
5.0
5.2
c
dur
4.0
3.6
3.0
2.0
1.0
1.4
0.6
0.0
1980
2.2.5Wasserkraft
Indien hat mit fast 149 GW ein großes Potenzial für
die Gewinnung von Wasserkraft, das bisher erst
zu einem geringen Teil realisiert werden konnte.
Das meiste Potenzial liegt in den Bergregionen des
Nordostens (59 GW) und Nordens (53 GW). Aber
auch der Süden (17 GW), Osten (11 GW) und Westen
(9 GW) des Landes bieten noch Möglichkeiten. Von
den 148 GW stammen 145 GW von Kraftwerken mit
mehr als 25 MW Leistung, die nicht den erneuerbaren Energien zugerechnet werden können.83 Im
Jahr 2003 hat Indien das „50.000 MW Hydroelectric
Scheme“ gestartet. Die CEA leitet die Initiative und
hat bisher sogenannte „Preliminary Feasibility Reports“ zu 162 noch nicht entwickelten Standorten
mit einem Gesamtpotenzial von knapp 48.000 MW
erstellt.84
Im September 2013 besaß Indien 184 Wasserkraftwerke mit 39.641 MW an installierter Wasser­
kraftkapazität.85 Das größte Unternehmen ist die
83
CEA, Website, Status of Hydro Electric Potential Development, October 2013 (http://bit.ly/1cQupFF).
84
CEA, Website, Status of 50,000 MW Hydroelectric Initiative
(http://bit.ly/1ewtonv ).
85
CEA, Website, List of Hydroelectric Stations in the Country,
July 2013 (http://bit.ly/1c0FvpN).
26
Energiemarktstudie Indien | Der Indische Energiemarkt
1990
2000
2010
2011
2012
staatliche National Hydro Power Corporation Ltd.
(NHPC) mit einem Jahresumsatz von über 400
Milliarden Rupien (5 Milliarden Euro). NHPC betreibt 17 Wasserkraftwerke mit einer Kapazität von
5.702 MW.86 Wie in anderen Sparten der Energiewirtschaft auch, soll der Privatsektor in Zukunft
stärker eingebunden werden. Allerdings haben
politische und bürokratische Hindernisse private Investoren immer wieder gebremst. Die kleine Wasserkraft (<25 MW) wird in Kapitel 7 ausführlicher
besprochen. Siehe Abb. 16: Wasserkraft in Indien
seit 1980 (erzeugter Strom in TWh).87
2.2.6Erneuerbare Energien
Erneuerbare Energien spielen bei der Deckung
der wachsenden indischen Energienachfrage eine
große Rolle. Während die traditionelle Nutzung von
Biomasse zum Kochen langsam zurückgehen wird,
soll die moderne Nutzung erneuerbarer Energien
in Form von Biomasse, Solarenergie, Kleinwasserkraft und Windkraft zunehmen. Die in Indien insNHPC, Website (http://bit.ly/HbGCL4).
BP, Statistical Review of World Energy, 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
86
87
Abb. 16: Wasserkraft in Indien seit 1980 (erzeugter Strom in TWh)
140
132
)
.3 %
Erzuegte Wasserkraft (tWh)
120
2
te (
sra
m
stu
100
ach
eW
ich
ittl
hn
hsc
c
dur
80
116
111
77
66
60
55
40
20
–
1980
1990
2000
gesamt reichlich vorhandenen Potenziale zur Nutzung von erneuerbaren Energien sind allerdings
erst zu einem Bruchteil ausgeschöpft. Dieses Thema wird ausführlich in Kapitel 7 behandelt.
2.3 Der indische Strommarkt
Indiens Strommarkt steht vor großen Herausforderungen. Während das Land in verschiedenen
Infrastrukturbereichen wie dem Straßenbau, dem
Ausbau der Telekommunikationsstruktur oder der
Flughäfen und Häfen teilweise bedeutende Fortschritte erzielen konnte, kann die Strominfrastruktur kaum mit den schnell wachsenden Anforderungen mithalten. Der jetzige, zwölfte Fünfjahresplan
geht davon aus, dass die Kapazität von 229 GW auf
318 GW bis 2017 erhöht werden muss, was einer
Steigerung der Produktionskapazität um fast 50%
entspricht. Das würde in den nächsten vier Jahren
eine durchschnittliche Wachstumsrate von 12%
erfordern.88 Um dieses Ziel zu erreichen, müsste
Indien das Tempo, in dem neue Kapazitäten bereitgestellt werden, im Vergleich zum langfris88
CEA, Website, September 2013 (http://bit.ly/18pLuJA).
2010
2011
2012
tigen Mittel verdoppeln.89 Außerdem muss Indiens
Stromwirtschaft die spitzenlastfähigen Kapazitäten deutlich ausbauen, eine bessere Versorgung
mit heimischen und importierten Energieträgern
sicherstellen, viele Millionen neuer Kunden zusätzlich mit Strom versorgen, billigen Strom zu
Entwicklungszwecken zur Verfügung stellen und
sich in zunehmendem Maße mit Emissionsreduktionen auseinandersetzen. Die zur Bewältigung dieser komplexen Herausforderungen notwendigen
Ressourcen stehen dem Staat nur teilweise zur
Verfügung. Private Investoren sind dringend notwendig. Diese bleiben allerdings desinteressiert,
solange der Strompreis künstlich niedrig gehalten
wird und die Wertschöpfungskette einem undurchsichtigen System von politischen Interessen und
bürokratischen Strukturen unterliegt. Indien liegt
2013 laut dem Global Competitiveness Report in
der Kategorie Infrastruktur (Energie und Telekom)
auf Rang 84 von 133 Ländern und damit weit unter
der eigenen Durchschnittsposition von 59.90
89
„Powering India: The Road to 2017“, McKinsey, August 2009
(http://bit.ly/1gjaAwa).
90
Global Competiveness Report 2013, WEF pg. 16
(http://bit.ly/1bYdajZ).
Der Indische Energiemarkt | Energiemarktstudie Indien
27
2.3.1Stromerzeugungskapazität
Die in Indien installierte Kapazität lag im September 2013 bei rund 229 GW. 68% davon entfallen auf
thermische Kraftwerke (Kohle, Gas und Diesel),
17% auf Wasserkraft, 2% auf nukleare Stromerzeugung und 12% auf erneuerbare Energien.91
Kohle wird auf absehbare Zeit der wichtigste Energieträger für die Stromerzeugung bleiben. Der Anteil der Atomkraft ist im Vergleich zu Deutschland
(7% im Jahr 2011) mit 2% geringer, wohingegen
der Anteil der erneuerbaren Energien mit 12% im
internationalen Vergleich bereits relativ hoch ist
(Deutschland: 34% im Jahr 2013).92 Siehe Abb. 17:
Prozentualer Anteil der installierten Kapazitäten
zur Stromgewinnung in Indien (September 2013).93
Der Anteil der einzelnen Sektoren an der indischen
Stromerzeugung hat sich seit 1980 stark verändert. Die direkt von der Zentralregierung kontrollierten Aktivitäten nahmen von 12% auf 29% zu.
Gleichzeitig hat sich der Anteil der Stromerzeugung durch die einzelnen Bundesstaaten von 83%
CEA, Website, September 2013 (http://bit.ly/18pLuJA).
Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Website,
Energieträger (http://bit.ly/1ewtDz4).
93
CEA, Installed Capacity as on September 2013
(http://bit.ly/18pLuJA).
91
92
Abb. 17: Prozentualer Anteil der installierten Kapazitäten zur Stromgewinnung in Indien (September 2013)
28
Energiemarktstudie Indien | Der Indische Energiemarkt
auf 39% halbiert. Der private Sektor konnte seinen
Anteil von 5% auf 32% vervielfachen.94 Siehe Abb.
18: Staatliche und private Stromerzeugung in Indien in 2013.95
Der jährliche Kapazitätszuwachs bewegt sich seit
1985 im Durchschnitt bei 5,8% pro Jahr. In den
Jahren 2011 bis 2013 lag das Wachstum allerdings mit über 15% pro Jahr weit über dem Durchschnitt96. Siehe Abb. 19: Entwicklung der installierten Stromkapazität in Indien seit 1985.97
Im Laufe des zwölften Fünfjahresplans (2012–17)
soll die Kapazität um insgesamt 118 GW erweitert
werden. Dies soll wie folgt erreicht werden. Siehe
Abb. 20: Prognostizierter Kapazitätszuwachs während des 12. Fünfjahresplans (2012–17).98
In der Studie „Powering India: The Road to 2017.
hat die Unternehmensberatung McKinsey errechnet, dass die von der indischen Regierung angegebenen Ziele zu niedrig angesetzt sind. Die Strom94
MoP, Jahresbericht, 2007–08, CEA Monatsbericht, Website,
September 2013 (http://bit.ly/18pLuJA).
95
CEA Monatsbericht, Website, September 2013
(http://bit.ly/18pLuJA).
96
CEA, Monatsberichte (http://bit.ly/1dD662O).
97
CEA, Monatsbericht, March 2013 (http://bit.ly/1fNOD86).
98
The Planning Commission of India, 12th Five Year Plan, p.146
(http://bit.ly/HpF1BL).
Abb.18: Staatliche und private Stromerzeugung
in Indien in 2013
nachfrage soll bis 2017 auf 315 bis 335 GW steigen.
Um diese Nachfrage zuverlässig zu decken, wird
Indien aufgrund limitierter Verfügbarkeit von
Stromherstellungskapazitäten und -netzen eine
Kapazität von 415 bis 440 GW benötigen. Das bedeutet, dass das Land in den nächsten vier Jahren doppelt soviel neue Kapazität aufbauen muss,
wie es in den letzten 60 Jahren aufbauen konnte.
Um dies zu erreichen, muss die Geschwindigkeit,
mit der neue Kapazitäten ans Netz gebracht werden, mindestens verfünffacht werden. Solch eine
massive Steigerung würde eine grundlegende
Neustrukturierung des gesamten Strommarktes
erfordern. Das starke Wachstum der Stromnachfrage ist laut der Studie auf verschiedene Treiber
zurückzuführen: Die energieintensive herstellende
Industrie soll verhältnismäßig stärker wachsen;
te
sra
der Verbrauch in den Haushalten mit einer Vielzahl neuer elektrischer Geräte wird wohl überdurchschnittlich schnell steigen; eine große Anzahl nicht elektrifizierter Dörfer soll mit Strom
versorgt werden; und die latente Nachfrage, die
bisher aufgrund von Stromausfällen nicht gedeckt
wurde, soll in Zukunft gedeckt werden.99 Siehe
Abb. 21: Szenarien für die Entwicklung der notwendigen Grundlast-Stromkapazitäten bis 2017.100
99
Powering India: The Road to 2017, McKinsey, 2009
(http://bit.ly/1gjaAwa).
100
Report on Working Group for Power for the 12th Five Year
Plan, Planning Commission (http://bit.ly/1evXsj4); Load Generation Balance Report 2013–2014, Central Electricity Authority
(http://bit.ly/14tKRXt).
Abb. 19: Entwicklung der installierten
Stromkapazität in
Indien seit 1985
%)
(5.8
m
stu
ittl
chn
chs
dur
ch
Wa
iche
Kapazitätenzuwachs (GW)
Abb. 20: Prognostizierter Kapazitätszuwachs
während des 12. Fünfjahresplans (2012–17)
46.8
43,5
15.5
13,9
3,3
1,6
Wasserkraft
26.2
14,9
6,0
5,3
Thermische Kraft
Atomkraft
Der Indische Energiemarkt | Energiemarktstudie Indien
29
Im Jahr 2012 lag die Bruttostromerzeugung in Indien bei 1.054 TWh was einem Zuwachs von 4,5%
gegenüber dem Vorjahr entspricht. Damit rangierte die Stromerzeugung hinter der langfristigen
Wachstumsrate von 5,8%.101 Interessanterweise lag
das Wachstum der Stromerzeugung in den letzten
Jahren auch signifikant unter dem Wachstum der
installierten Leistung. Das lag zu einem kleinen
Teil daran, dass erneuerbare Energien mit gering­
eren Wirkungsgraden besonders stark gewachsen
sind. Wichtiger ist allerdings der Engpass in der
Lieferung von Energieträgern für neue thermische
Kraftwerke. In Anbetracht des enormen Energiebedarfs und der immensen Versorgungsengpässe
sind diese Zuwachsraten keinesfalls ausreichend.
Siehe Abb. 22: Elektrizitätserzeugung in Indien seit
1990.102
2012 wurden in Indien insgesamt 772.603 GWh
Strom verbraucht. Der größte Verbraucher war die
Industrie mit 346.671 GWh (45%), gefolgt von Haushalten mit 170.050 GWh (22%) und der Landwirtschaft mit 131.313 GWh (17%). Im kommerziellen
Sektor wurden 69.534 GWh (9%) verbraucht und
im Schienenverkehr 15.452 GWh (2%). 38.630 GWh
(5%) werden in der Rubrik „Sonstiges“ geführt104.
Indiens durchschnittlicher Stromverbrauch pro Kopf
betrug im Jahr 2012 879 kWh. Die jährliche Steigerungsrate zwischen 2006 und 2012 betrug 4,8%.103
Seit 1980 hat sich der Verbrauch von 78.084 GWh,
bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 7,08% fast verzehnfacht. Über
die letzten 40 Jahre wuchs der Verbrauch der privaten Haushalte mit durchschnittlich 9,4% p.a. am
schnellsten. Gründe hierfür sind der Anschluss vieler Millionen neuer Haushalte an das Netz sowie die
vermehrte Nutzung elektrischer Haushaltsgeräte,
wie Kühlschränken oder Klimaanlagen. Der Anteil
der Landwirtschaft wuchs jährlich um 8,4%, was
auf die fortschreitende Netzanbindung von ländlichen Gebieten und die vielerorts übliche Versorgung von Bauern mit Gratisstrom zurückzuführen
ist. Am langsamsten wuchs der Stromverbrauch im
Industriesektor mit 6% p.a.105
Eigene Berechnungen aus BP, Statistical Review, 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
102
BP, Statistical Review of World Energy, 2013
(http://bit.ly/1iRIYNZ).
103
CEA, Monatsbericht, March 2013 (http://bit.ly/1fNOD86).
104
Energy Statistics 2013, Ministry of Statistics and Programme
Implementation, Government of India (http://bit.ly/1b2RRjC).
105
Energy Statistics 2013, Ministry of Statistics and Programme
Implementation, Government of India (http://bit.ly/1b2RRjC).
2.3.2 Stromverbrauch
101
Abb. 21: Szenarien für die Entwicklung
der notwendigen Grundlast-Strom­
kapazitäten bis 2017
Abb. 22: Elektrizitätserzeugung in Indien seit 1990
geschätzte Spitzenlast (GW)
30
)
.8 %
hn
he
ittlic
hsc
durc
Energiemarktstudie Indien | Der Indische Energiemarkt
h
Wac
st
(5
rate
ums
2.3.3 Stromdefizit
Der indische Strommarkt ist von hohen Defiziten
bei Grund- und Spitzenlastdeckung gekennzeichnet. Besonders wirtschaftsstarke Bundesstaaten
spüren dieses Defizit.
Tabelle 3: Stromdefizit pro Bundesstaat (2012–13)106
Bundesstaat
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
Stromdefizit
(in Millionen kWh)
Chandigarh
Delhi
Haryana
Himachal Pradesh
Jammu & Kashmir
Punjab
Rajasthan
Uttar Pradesh
Uttarakhand
Chhattisgarh
Gujarat
Madhya Pradesh
Maharashtra
Daman & Diu
D. N. Haveli
Goa
Andhra Pradesh
Karnataka
Kerala
Tamil Nadu
Puducherry
Bihar
DVC
Jharkhand
Odisha
West Bengal
Sikkim
Arunachal Pradesh
Assam
Manipur
Meghalaya
Mizoram
Nagaland
Tripura
0
-138
-3198
-248
-3852
-2605
-1607
-15,201
-622
-299
-149
-4954
-4012
-131
-173
-74
-17521
-9230
-852
-16141
-40
-2574
-960
-277
-835
-301
0
-35
-447
-31
-221
-28
-32
-54
106
Load Generation Balance Report 2013–2014, Central Electricity Authority (http://bit.ly/14tKRXt).
Der Indische Energiemarkt | Energiemarktstudie Indien
31
Abb. 23: Stromdefizit in Indien bei Spitzenlast107
msrate (4
he Wachstu
ittlic
Durchschn
20
18
18
15
16
Stromdefizit (GW)
%)
14
14
13
13
12
11
12
10
8
7
6
4
2
0
1998
2006
2007
2008
2009
2010
2011
2012
Abb. 24: Stromdefizit bei Grundlast in Indien seit 1998 in Milliarden kWh (BU)108
100
Durchschnittliche Wachstumsrate (2.0 %)
86
90
Base deficit (BU)
80
66
70
60
84
73
72
53
45
50
40
34
30
20
10
0
1998
107
MoP, Jahresbericht, 2011–2012
(http://bit.ly/1hStMBn).
108
MoP, Jahresbericht, 2011–12
(http://bit.ly/1hStMBn).
32
Energiemarktstudie Indien | Der Indische Energiemarkt
2006
2007
2008
2009
2010
2011
2012
Das Stromdefizit ist in den letzten Jahren stabil
geblieben, konnte allerdings nicht reduziert werden. Indien ist zurzeit nicht in der Lage, die stark
wachsende Stromnachfrage zu decken. Es können
zu wenig zusätzliche Kapazitäten an das Netz angeschlossen werden.
Angesichts des starken Kapazitätsmangels und
der daraus resultierenden Versorgungsengpässe
setzen mehr und mehr Vertreter des produzierenden Gewerbes in Indien auf den Bau von eigenen
Kraftwerken, so genannten Captive Power Plants
(CPP).109 Indische Firmen erleiden laut Goldman
Sachs im Durchschnitt rund 7% Umsatzeinbußen
aufgrund von Stromausfällen.110 Bei einem realen
Bruttosozialprodukt von $ 1,8 Billionen entspricht
das jährlich ca. $ 126 Milliarden. Im Jahr 2011 lag
die installierte Leistung für die Eigenstromversorgung bei 34 GW. 111
2.4 Internationaler Stromhandel
Um das Stromdefizit zu decken, baut Indien nicht
nur neue Kapazitäten auf. Auch der internationale
Stromhandel wird forciert.112 Importe leisten aber
nur einen sehr geringen Beitrag zur indischen
Stromversorgung. Als Exporteur tritt Indien bisher noch nicht auf. Alle Staaten Südasiens – und
insbesondere Indien – sind noch damit beschäftigt,
die heimischen Netze aufzubauen. Die Rahmenbedingungen für einen regen regionalen Stromhandel sind sowohl infrastrukturell wie auch politisch
noch nicht gegeben. Allerdings unternimmt Indien
erste Versuche, die großen Nachbarstaaten Pakistan und Bangladesch, die unter einer mangelhaften Stromversorgung leiden, mit Strom zu beliefern. Im Oktober 2013 wurde zum ersten Mal Strom
nach Bangladesch exportiert. Es sollen 500 MW für
den Nachbarstaat aus einem indischen Kohlekraftwerk bereitgestellt werden.113 Ein ähnliches Vorhaben mit Pakistan scheiterte im Sommer 2013 an
politischen Differenzen.114
109
Germany Trade and Invest, Publikation, Energiewirtschaft
Indien 2006 / 07, 2007.
110
Goldman Sachs, Global Economics Paper 169, Juni 2008.
111
CEA, Monatsbericht, März 2013 (http://bit.ly/1fNOD86).
112
PTC India, Cross-Border Trading,
Website (http://bit.ly/18DTk2o).
113
The Hindu, News, 6. Oktober 2013 (http://bit.ly/18aIwIo).
114 The Nation, News, 21. August 2013 (http://bit.ly/18aIAbc).
Einen bedeutenden Überschuss an Energie in Form
von Wasserkraft weisen die nördlichen, im Himalaya gelegenen Nachbarstaaten Nepal und Bhutan
auf. Beide Länder sind außenpolitisch eng mit Indien verbunden. Da sie nicht über das notwendige
Kapital verfügen, das große Wasserkraftpotenzial auszuschöpfen, treten indische staatliche (und
zunehmend private) Unternehmen oft als Partner
auf. Die nationale Power Trading Corporation (PTC)
fungiert auf indischer Seite als zentrale Koordinationsstelle.
2.4.1 Handel mit Bhutan
Der Stromhandel zwischen Indien und Bhutan
begann bereits 1961 mit der Unterzeichnung des
Jaldhaka Abkommens. Damals wurde Strom von
Indien nach Bhutan exportiert. Mit der indischen
Investition in das in Bhutan gelegene Chukha
Wasserkraftprojekt im Jahr 1978 kehrte sich der
Stromhandel um und Bhutan belieferte nun Indien.
Indien importiert Strom unter langfristigen Strom­
abnahmeverträgen von den Wasserkraftwerken
Chukha (336 MW), Kurichhu (60 MW) und Tala
(1.020 MW). Während die ersten beiden Kraftwerke das östliche Übertragungsnetz (Eastern Region
Grid) beliefern, ist das Tala-Projekt an das nördliche Netz (Northern Region Grid) angebunden.115
Ambitionierte Pläne für gemeinsame Investitionen
in 10 GW Wasserkraftkapazitäten werden zurzeit
in Indien aufgrund stark gestiegener Kosten überprüft.116
2.4.2Handel mit Nepal
Der Stromhandel mit Nepal ist gering. Die zusätzliche Kapazität für Indien beträgt um die 50 MW.117
Beide Länder arbeiten allerdings gerade am Ausbau eines grenzüberschreitenden Übertragungsnetzes, um den Handel anzukurbeln. Außerdem
unterstützt die PTC private indische Unternehmen,
die in nepalesische Wasserkraftwerke investieren
wollen. In Zukunft wird der Stromimport aus Nepal
zunehmen. Das im Bau befindliche West Seti Was115 Power Trading Corporation, PTC India Ltd., Website
(http://bit.ly/18aJyPm).
116 The Hindu, News, 1. September 2013 (http://bit.ly/Iv2lyN).
117 Sari Energy, Website (http://bit.ly/1ik50uY).
Der Indische Energiemarkt | Energiemarktstudie Indien
33
serkraft-Projekt zum Beispiel, soll seine gesamte
Kapazität von 750 MW Indien zur Verfügung stellen.
Mengen und Preise des bilateralen Stromhandels
werden vom Indo-Nepal Power Exchange Committee in regelmäßigen Abständen festgelegt.118
2.5 Strompreise
Strompreise für den Endkunden in Indien variieren
sehr stark. Manche Kundengruppen wie die Industrie, in der die Preise sehr hoch sind, oder auch
Geschäfte zahlen mehr als den Kostenpreis. Damit
subventionieren sie die niedrigeren Preise für die
Privathaushalte und besonders die Landwirtschaft
quer, in der der Strompreis oft nahe Null oder Null
ist. Die Preisstrukturen sind auch von Bundesstaat
zu Bundesstaat und von Stromversorger zu Stromversorger unterschiedlich. Bandbreiten für Tarife werden von der Central Electricity Regulatory
Commission (CERC) vorgegeben und dann von den
State Electricity Regulatory Commissions (SERCs)
in den einzelnen Bundesländern umgesetzt. Außerdem hängen die Preise auch von den lokalen
Herstellungs-, Übertragungs- und Verteilungskosten ab. In der folgenden Tabelle sind die Strompreise von Bundesstaaten aus unterschiedlichen Landesteilen beispielhaft angegeben.
118
Power Trading Corporation, PTC India Ltd.,
Website (http://bit.ly/18aJyPm).
Tabelle 4: Vergleich der Strompreise unterschiedlicher
Bundesstaaten in Rupien / kWh (2013)119
Staaten
Kommerziell
Industriell
Haushalte
Andhra Pradesh
9,13
5,30
8,38
Bihar
5,70
5,70
5,30
Chhattisgarh
5,80
5,50
5,85
Delhi
7,60
8,50
7,00
Gujarat
5,50
5,50
5,20
Haryana
5,85
5,20
6,00
Himachal Pradesh
3,70
3,70
3,95
Jammu and Kashmir
4,20
2,60
3,20
Jharkhand
5,00
5,20
3,00
Karnataka
7,00
5,50
6,00
Kerala
8,50
8,50
6,50
Madhya Pradesh
5,35
5,25
5,50
10,10
8,00
9,50
Odisha
6,80
5,30
5,50
Punjab
6,58
6,33
6,50
Rajasthan
7,00
5,50
5,50
Tamil Nadu
7,00
5,50
5,75
Uttar Pradesh
6,00
6,25
5,00
Uttarakhand
4,45
3,30
4,00
West Bengal
6,20
5,50
8,10
Maharashtra
119
34
State Electricity Regulatory Commissions (SERCs).
Energiemarktstudie Indien | Der Indische Energiemarkt
Ein geringer Teil des Stroms wird an den beiden
Strombörsen des Landes gehandelt. Die hier gehandelten Strompreise sind volatil. Das hängt teilweise mit der Nachfrage- / Angebotssituation zusammen (so sind die Preise im Mai, wenn es sehr
heiß ist, fast doppelt so hoch wie im Januar, wenn
es kalt ist), teilweise aber auch mit Preisspekulationen verschiedener Stromanbieter und -käufer.
2013 lag der Preis an den Börsen durchschnittlich
bei etwa 4 Rupien (0,05 Euro). Siehe Abb. 25: Preisentwicklung an den beiden Strombörsen IEX und
PXIL (in Rupien / kWh).120
Abb. 25: Preisentwicklung an den beiden Strombörsen
IEX und PXIL (in Rupien/kWh)
120
Indian Energy Exchange and Power Exchange
India Limited and Power Exchange India Limited,
Website (http://bit.ly/1c8J4Kx and http://bit.ly/1hvdnTd).
Der Indische Energiemarkt | Energiemarktstudie Indien
35
3
Wichtige Akteure auf dem
indischen Strommarkt
Wie auch in jedem anderen Land, ist die Stromversorgung in Indien ein zentraler Aspekt der Wirtschaft und Gesellschaft, der viele, unterschiedliche Lebensbereiche tangiert. In Indien ist die
Bandbreite allerdings aufgrund der Landesgröße
und der sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien der Gesellschaft besonders groß. Die Stromversorgung ist wichtig für das Wirtschaftswachstum, aber auch für die Entwicklung der ärmeren
Bevölkerungsschichten. Klimafragen spielen hier
eine gewisse Rolle, Umweltverschmutzung eine
größere und Industriepolitik eine noch größere.
Dementsprechend kompliziert ist die administrative Gestaltung der Stromwirtschaft. Geprägt durch
die von der Bevölkerung empfundene Unterversorgung ist die Versorgung mit Kraftstoffen und Strom
auch eines der wichtigsten Themen, mit dem sich
die Politiker in ihren Wahlkreisen auseinandersetzen müssen. Die Zuständigkeit einer Vielzahl von
Ressorts für Energiethemen erschwert außerdem
eine konsistente Energie- und Klimapolitik.
Die direkt beim Premierminister angesiedelte
National Planning Commission of India entwickelte bisher volkswirtschaftliche und wirtschaftliche Wachstumsziele. Diese wurden in Fünfjahresplänen formuliert. Der aktuelle, zwölfte
Fünfjahresplan deckt die Jahre 2013 bis 2017 ab.
Im Energiesektor war die Planning Commission
dafür zuständig, die wirtschaftspolitischen, entwicklungspolitischen und energiewirtschaftlichen
Vorhaben und Ziele der Regierung abzustimmen
sowie die Planungsaktivitäten der einzelnen Ministerien im Energiesektor zu koordinieren. Die
Planning Commission soll aber nach Aussagen
von Premierminister Modi künftig nur noch als
eine Art „Think Tank“ agieren, wer dann künftig die
Koordinierung der Einzelplanungen der Ressorts
übernimmt, ist noch unklar. Anders als in China,
sind die Fünfjahrespläne aber nicht verbindlicher
Ausdruck eines politischen Willens. Sie sind eher
vergleichbar mit einem Strategiekonzept.
3.1 Wichtige Ministerien
Auf der Ebene der Zentralregierung in Delhi, gibt
es eine Reihe von Ministerien, deren Kompetenzbereiche in die Stromwirtschaft hineinragen. Die
wichtigsten seien im Folgenden aufgeführt:
Das Ministry of Power (MoP, Stromministerium) befasst sich mit der Planung der Stromversorgung,
den übergeordneten Politikrichtlinien, der Bearbeitung von Investitionsentscheidungen für staatliche Projekte, der Ausbildung von Fachkräften und
der Administration und Umsetzung von Gesetzen
zu Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen und
Wasserkraft (über 25 MW) sowie der Stromübertragung und -verteilung. Insbesondere ist das Ministerium verantwortlich für die Umsetzung des
Electricity Act von 2003 und des Energy Conservation Act von 2001.121 Dem MoP sind wichtige Behörden wie die Central Electricity Authority (CEA),
die Central Electricity Regulatory Commission
(CERC), die Power Finance Corporation (PFC), die
Rural Electrification Corporation (REC), aber auch
Staatsbetriebe wie die National Thermal Power
Corporation (NTPC) unterstellt.122 Seit den Wahlen
im Mai 2014 ist ein einziger Minister sowohl für das
MoP als auch das MNRE und das MoC zuständig.
Das Ministry of New and Renewable Energy (MNRE,
Ministerium für neue und erneuerbare Energie)
fördert die Entwicklung und den Einsatz von neuen
und erneuerbaren Energieformen, um die Energieversorgung des Landes zu unterstützen. Das Ministerium leitet außerdem die damit verbundenen
staatlichen technischen Institute und Finanzinstitute wie das National Institute for Solar Energy, das
Centre for Wind Energy Technology (C-WET), das
Sardar Swaran Singh National Institute of Renewable Energy und die Indian Renewable Energy Development Agency (IREDA).
Das Ministry of Coal (MoC, Kohleministerium) hat
die Aufgabe, Politikrichtlinien und Strategien zur
Förderung der nationalen Stein- und Braunkohle­
121
122
36
MoP, Website (http://bit.ly/Df2MV).
Erläuterungen folgen
Energiemarktstudie Indien | Wichtige Akteure auf dem indischen Strommarkt
reserven zu entwickeln, neue Großprojekte zu
überprüfen und die administrative Kontrolle über
wichtige Staatsbetriebe in diesem Sektor, wie die
Kohleförderunternehmen Coal India Ltd. (CIL) und
Neyveli Lignite Corporation Ltd. (NLCL), auszuüben.
Das Ministry of Petroleum and Natural Gas (MPNG,
Öl- und Erdgasministerium) ist zuständig für Exploration und Produktion, Raffinieren, Transport
und Vermarktung sowie den Import und Export von
Rohöl und Erdgas. Es ist auch verantwortlich für
die Lagerung von Öl und Flüssigerdgas (liquified
natural gas).
Das Ministry of Environment, Forest and Climate Change (MoEF, Ministerium für Umwelt, Wälder und
Klimawandel) ist für die Umsetzung von politischen Initiativen verantwortlich, die mit der Erhaltung der Naturressourcen zu tun haben. Darunter
fallen Seen und Flüsse, die Artenvielfalt, Wälder
und wilde Tiere sowie die Verhinderung bzw. Verminderung von Verschmutzung.
Das Department of Atomic Energy (DAE, Atomenergiebehörde) ist zuständig für die Erforschung
der Nuklearenergie und den Ausbau der Atomstromversorgung. Es ist verantwortlich für Indiens
Atomkraftwerke und direkt in der Zuständigkeit
des Premierministers.123
Weitere Ministerien, die für den Energiebereich
Bedeutung haben, sind: Ministry of Railways, Ministry of Urban Development, Ministry of Rural
Development, Ministry of Road Transportation and
Highways, Ministry of Chemicals and Fertilizer, Ministry of Mines sowie Ministry of Agriculture.
3.2 Wichtige Behörden
Die Central Electricity Authority (CEA, zentrale Elektrizitätsbehörde, zum MoP) ist damit beauftragt,
eine grundlegende, angemessene und einheitliche
nationale Energiepolitik für Indien zu entwickeln
und Planungs- und Koordinierungsaufgaben wahrzunehmen. Sie arbeitet dem Ministry of Power in
technischen und wirtschaftlichen Fragen zu. Kraftwerksprojekte ab 100 MW bedürfen einer technisch-wirtschaftlichen Freigabe durch die CEA.124
Die Central Electricity Regulatory Commission
(CERC, zentrale Regulierungsbehörde, die zum
MoP gehört) wurde 1998 im Rahmen des Electricity Regulation Act als unabhängige Regulierungsbehörde geschaffen. Die zentrale Behörde setzt die
Tarife der staatlichen Stromerzeuger fest und berät die Regierung in Fragen der Tarif- und Wettbewerbspolitik.125 Die auf der Ebene der Bundesstaaten eingerichteten Stromregulierungsbehörden
(State Electricity Regulatory Commissions, SERCs)
regeln den Erzeugungs- und Verteilungsmarkt in
den jeweiligen Bundesstaaten. Sie überwachen die
Qualität der Dienstleistungen, die Tarife sowie die
Gebühren. Auf bundesstaatlicher Ebene wurden
bisher in 25 der 28 Bundesstaaten unabhängige
Regulierungsbehörden eingerichtet.126
Die Power Finance Corporation (PFC, die Stromfinanzierungsgesellschaft, die zum MoP gehört) ist
für die Erschließung neuer Finanzierungsquellen
für Investitionen in Energieprojekte im öffentlichen
und privaten Sektor zuständig127.
Die 1969 gegründete Rural Electrification Corporation (REC, ländliche Elektrifizierungsgesellschaft,
die zum MoP gehört) ist für die finanzielle UnterCEA, Website (http://bit.ly/1bcaAu4).
CEA, Website (http://bit.ly/1bcaAu4).
126 CERC, Website (http://bit.ly/1io1iLC).
127
Power Finance Corporation, Website (http://bit.ly/1atKPRr).
124
125
123
Department of Atomic Energy, Website
(http://bit.ly/1g2btJe).
Wichtige Akteure auf dem indischen Strommarkt| Energiemarktstudie Indien
37
stützung ländlicher Elektrifizierungsprogramme
zuständig. Sie ist auch verantwortlich für das großangelegte ländliche Stromversorgungsprogramm
Rajiv Gandhi Grameen Vidyutikaran Yojana (RGGVY).128
grammen verbreiten. Zwischen 1987 und 2013 hat
IREDA 2.064 Projekte mit günstigen Krediten im
Umfang von rund 135 Milliarden Rupien (2,8 Milliarden Euro) aus nationalen und internationalen
Quellen gefördert.131
Das Bureau of Energy Efficiency (BEE, Büro für
Energieeffizienz, das zum MoP gehört) wurde 2002
nach Verabschiedung des Energy Conservation Act
(2001) gegründet, um Strategien zur effizienteren
Energienutzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu entwickeln. Das angestrebte Ziel ist
es, die Energieintensität der indischen Wirtschaft
zu verringern.129
Das Center for Wind Energy Technology (C-WET,
Windenergie-Technologiezentrum, das zum MNRE
gehört) gilt als das technische Windkraft-Zentrum
in Indien. Es wurde im Auftrag des MNRE in Tamil
Nadu, dem Staat mit der stärksten Windkraftindustrie, gegründet. Das Zentrum soll die indische
Windkraftindustrie unter anderem dabei unterstützen, auf dem globalen Markt wettbewerbsfähig zu werden. Es besteht aus fünf Abteilungen:
Forschung und Entwicklung, Windturbinen-Test,
Bewertung der Windressourcen und Erstellung eines Windatlas, Standardisierung und Zertifizierung
(seit 1. April 2003 ist für Windkraftanlagen, die in
Indien aufgestellt werden sollen, eine Zertifizierung notwendig), Information, Bildung und Kommerzialisierung. Das C-WET besitzt darüber hinaus eine Windturbinen-Teststation in Kayathar in
Tamil Nadu. Sie bietet ihre Dienstleistungen auch
potenziellen Investoren an. C-WET verfügt außerdem über Zweigstellen in der Hauptstadt Neu Delhi
und in Bangalore im Bundesstaat Karnataka.132
Die Energy Efficiency Services Ltd. (EESL) wurde durch das MoP mit dem Ziel gegründet, einen
Markt für Energiedienstleistungen zu entwickeln.
Die EESL ist ein Joint Venture der NTPC Ltd., PFC,
REC und POWERGRID (s.u.). Die EESL ist ausserdem zuständig für die Umsetzung der marktbasierten Elemente der Nationalen Energieeffizienzmission (National Mission for Enhanced Energy
Efficiency, NMEEE). Dies ist eine von acht Missionen im indischen Nationalen Aktionsplan für Klimaschutz (National Action Plan on Climate Change, NAPCC, s.a. Kapitel 4).130
Die Indian Renewable Energy Development Agency (IREDA, Förderbehörde für erneuerbare Energien, die zum MNRE gehört) wurde bereits 1987
zur finanziellen Abwicklung der verschiedenen
nationalen Forschungs- und Förderprogramme
gegründet. Sie gilt als eines der wichtigsten Instrumente der Regierung zur Entwicklung und
Nutzung erneuerbarer Energien, insbesondere in
ländlichen Regionen. IREDA wurde als öffentliche
Finanzinstitution gegründet, die auf einer non-profit-Basis Kredite für erneuerbare Energie-Projekte
bereitstellt und vor allem auch bei der finanziellen
Abwicklung der verschiedenen Forschungs- und
Anwendungsförderprogramme eine Schlüsselrolle
spielt. IREDA hat in Form der State Nodal Agencies
(regionale Koordinationsstellen) bundesstaatliche
Filialen, die vor allem an der Auswahl von Projekten beteiligt sind und Informationen zu neuen Pro128
Rural Electrification Corporation, Website
(http://bit.ly/187wrDN).
129
Bureau of Energy Efficiency, Website (http://bit.ly/1dNcaGb).
130
Energy Efficiency Services Limited, Website
(http://www.eesl.co.in/).
38
Das National Institute of Solar Energy wurde 2013 auf
der Basis des bereits in 1982 gegründeten Solar Energy Center (SEC, Solarenergiezentrum, das zum MNRE
gehört) in Gual Pahari in der Nähe von Neu Delhi etabliert. Es ist dem MNRE unterstellt und setzt sich vor
allem mit Forschungs- und Entwicklungsaufgaben
im Solarenergiebereich auseinander.133
Die Solar Energy Corporation of India (SECI) wurde
2011 durch das MNRE zur weiteren Verbreitung von
Solartechnologien in Indien gegründet. Im Rahmen
der Jawaharlal Nehru National Solar Mission (s.a.
Kapitel 7) kann SECI das MNRE durch eine Vielzahl
von Aktivitäten unterstützen, u.a. durch den Betrieb von Solarinstallationen, die Auswahl geeigneter Standorte für Solarkraftwerke, den Handel mit
Solarstrom sowie Forschung und Entwicklung.134
IREDA, Annual Report, 2012–2013 (http://bit.ly/HlsHlZ).
C-WET, Website (http://bit.ly/1gAUH1f).
133
Solar Energy Center (http://goo.gl/47LejB).
134
Solar Energy Corporation of India, Website (http://seci.gov.
in/).
131
132
Energiemarktstudie Indien | Wichtige Akteure auf dem indischen Strommarkt
3.3 Wichtige Akteure auf dem
Strommarkt
3.3.1Zentralstaatliche Akteure
Der 1991 mit der Aufteilung des Energieministeriums in MoP, MNRE und MoC initiierte Liberalisierungs- und Reformprozess des Strommarktes hat
zu großen Veränderungen in der Akteurstruktur
des Marktes geführt. Heute existiert an den meisten Punkten der Wertschöpfungskette neben den
traditionellen zentral- und bundesstaatlichen Sektoren auch ein sehr aktiver Privatsektor.
Die National Thermal Power Corporation (NTPC) betreibt hauptsächlich Kohlekraftwerke im ganzen
Land und ist Indiens größter Energieerzeuger. Das
Unternehmen wurde 1975 mit dem Ziel, an der Planung und Umsetzung einer integrierten nationalen
thermischen Stromerzeugungsstrategie mitzuwirken, gegründet. Die Regierung hat die NTPC als
eines der Navratnas (neun Edelsteine) – der wertvollsten staatlichen Unternehmen – beschrieben.
Tabelle 5: Die Akteure im indischen Strommarkt135
Center
State
Privatsektor
Politik
MoP
Planung
CEA
Regierungen der
Bundesstaaten
Regulierung
CERC
SERCs
Erzeugung Zentralstaatliche
Erzeugungsunternehmen
Bundestaatliche ErzeuPrivate Stromerzeuger
gungsunternehmen
Übertragung Central Transmission Utility
System
Operations
State Transmission
Power
Utility
Grid
Corp of
Regional Load
India Ltd. State Load
Dispatch Centers
Dispatch Centers
Distribution Übertragungslizenznehmer
Private Stromversorger
(in Mumbai, Delhi, Kalkutta)
Handel Power Trading Corporation
Private Stromhändler
(z. B. IEX)
Recht
Berufungstribunal
Berufungstribunal
Die Industrie ist immer noch stark von den zentral- und bundesstaatlichen Unternehmen geprägt,
aber der Anteil der Privatindustrie wächst beständig. Private Investoren steigen in die Herstellung
ein, investieren in Übertragungsprojekte und handeln mit Strom. Im Distributionsnetz ist das private
Interesse noch auf einzelne Ballungsräume (Delhi,
Mumbai, Kolkata) konzentriert. Im Folgenden werden wichtige zentralstaatliche, bundesstaatliche
und private Akteure vorgestellt.
135
India Brand Equity Foundation (IBEF), 2006.
Private Übertragungsinitiativen (z. B. HVDC)
Die NTPC besitzt und betreibt 41.687 MW installierte Leistung und hat einen Jahresumsatz von
knapp 720 Milliarden Rupien (9 Milliarden Euro).136
Die National Hydroelectric Power Corporation
(NHPC) wurde ebenfalls 1975 gegründet, um Indiens großes Wasserkraftpotenzial umzusetzen und
die Nutzung von Gezeiten- und Windkraft zu entwickeln. Die NHPC deckt dabei für alle drei Stromerzeugungsformen alles ab, von der Standortsuche,
über die Projektplanung, das Kraftwerkdesign, den
Bau, den Betrieb bis hin zur Wartung. Die NHPC
besitzt und betreibt 5.702 MW installierte Leistung
136
Business Government of India, Website; National Thermal
Power Corporation, Website (http://bit.ly/16ghrAx)
Wichtige Akteure auf dem indischen Strommarkt| Energiemarktstudie Indien
39
und hat einen Jahresumsatz von 456 Milliarden
Rupien (5,7 Milliarden Euro).137
Die North Eastern Electric Power Corporation (NEEPCO) wurde 1976 gegründet, um das Stromerzeugungspotenzial der wenig entwickelten nordöstlichen Bundesstaaten (Assam, Arunachal Pradesh,
Mizoram, Manipur, Nagaland, Tripura, Meghalaya)
zu erschließen. Diese Region verfügt über ein sehr
großes Wasserkraftpotenzial von 48.000 MW, was
etwa einem Drittel des landesweiten Potenzials
entspricht. Zusätzlich gibt es Erdgasvorkommen.
NEEPCO besitzt und betreibt 1.130 MW installierte
Leistung und hat einen Jahresumsatz von 14,8 Milliarden Rupien (185 Millionen Euro).138
Die Power Grid Corporation of India (PowerGrid)
wurde 1989 gegründet, um das nationale und die
regionalen Stromnetze auszubauen und zu betreiben, die Stromübertragung innerhalb der Regionen
und zwischen den Regionen zu verbessern und die
Zuverlässigkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit
der Übertragungsnetze zu erhöhen. PowerGrid
hat den Status der Central National Transmission
Utility des Landes. Die Übertragungskapazität liegt
bei 169.563 MVA und das Netzwerk verfügt über
Business Government of India, Website; National Hydroelectric Power Corporation, Website (http://bit.ly/HbGCL4).
138
Ebd.
137
40
102.034 ckt km mit 171 Umspannwerken. Der Umsatz liegt bei 152 Milliarden Rupien (1,9 Milliarden
Euro).139
Die Power Trading Corporation of India (PTC) wurde
1999 gegründet, um den Stromhandel zu organisieren und dabei die Effizienz des Marktes sowie
die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Hierzu soll
PTC einen funktionsfähigen, wettbewerbsstarken
und effizienten Strommarkt entwickeln und den
Handel mit Nachbarländern verstärken. PTC investiert außerdem in andere Stromunternehmen,
führt Beratungsmandate durch und vernetzt Stromerzeuger mit Großverbrauchern. Der Umsatz
liegt bei 80 Milliarden Rupien (1 Milliarde Euro).140
3.3.2 Bundesstaatliche Akteure
Behörden und Unternehmen der einzelnen indischen Bundesstaaten decken insgesamt ungefähr
die Hälfte des indischen Stromerzeugungs-, Übertragungs- und Verteilungsnetzes ab. Siehe Tabelle 6:
Übersicht der bundesstaatlichen Akteure in Stromerzeugung, -übertragung und -verteilung.141
139
Power Grid Corporation of India, Website
(http://bit.ly/1b3oOfC).
140
Power Trading Corporation, Website (http://bit.ly/HqPzQn).
141
CEA, Ministry of Power, CERC.
Energiemarktstudie Indien | Wichtige Akteure auf dem indischen Strommarkt
Tabelle 6: Übersicht der bundesstaatlichen Akteure in Stromerzeugung, -übertragung und -verteilung
State
Generation
Transmission
Distribution
Andaman & Nicobars, Lakshadweep
Islands
Administration
Administration
Administration
Andhra Pradesh
• Andhra Pradesh
Power Generation
Corporation Ltd.
• Andhra Pradesh
Gas Power Corporation Ltd.
• Eastern Power Distribution
Company of A.P. Ltd.
• Central Power Distribution
Transmission
Company of A.P. Ltd.
Corporation of Andhra
• Southern Power Distribution
Pradesh
Company of A.P. Ltd.
• Northern Power Distribution
Company of A.P. Ltd.
Arunachal Pradesh
• Department of
Hydro Power
Arunachal Pradesh
Development
Electricity Depart• Arunachal Pradesh ment
Energy Development Agency
Arunachal Pradesh
Electricity Department
Assam
Assam Power
Generation
Corporation Ltd.
• Upper Assam Distribution
Company Ltd.
• Central Assam Distribution
Company Ltd.
• Assam Power Distribution
Company Ltd.
Bihar
• Bihar State Power
Generation
Bihar State Power
Company
Transmission
• Bihar State
Company
Hydroelectric
Power Corporation
• North Bihar Power Distribution
Company
• South Bihar Power Distribution
Company
Chhattisgarh
Chattisgarh State
Power Generation
Company Ltd.
Chhattisgarh State
Power Transmission
Company Ltd.
Chhattisgarh State Power
Distribution Company Ltd.
Delhi
Indraprashta Power
Generation
Corporation
Delhi Transco Ltd.
• BSES Rajdhani Power Ltd.
• BSES Yamuna Power Ltd.
• Tata Power Delhi
Distribution Ltd.
Goa Electricity
Department
Goa Electricity Department
Goa
Assam Electricity
Grid Corporation Ltd.
Wichtige Akteure auf dem indischen Strommarkt| Energiemarktstudie Indien
41
State
Gujarat
Transmission
• Gujarat State
Electricity Corporation Ltd. (GSECL)
• Gurajat State
Electricity Genera- Gujarat Energy Transtion Ltd.
mission Corp. Ltd.
• Gujarat Mineral
(GETCO)
Development Corporation Ltd.
• Sardar Sarovar
Narmada Nigam
Ltd.
Distribution
• Madhya Gujarat Vij Company Ltd.
• Dakshin Gujarat Vij Company Ltd.
• Uttar Gujarat Vij Company Ltd.
• Pashchim Gujarat Vij Company
Ltd.
Haryana
• Uttar Haryana Bijli Vitran Nigam
Haryana Power GeHaryana Vidyut Prasa(UHBVN)
neration Corporation ran Nigam Ltd.
• Dakshin Haryana Bijli Vitran
Nigam (DHBVN)
Himachal Pradesh
• Himachal Pradesh
Power Corp. Ltd.
• Himachal Pradesh
State Electricity
Board
• Satluj Jal Vidyut
Nigam Ltd.
Jammu & Kashmir
J&K State Power
Development Corporation Ltd.
J&K State Power
Development Corporation Ltd.
J&K State Power Development
Corporation Ltd.
Jharkhand
• Jharkhand State
Electricity Board
• Tenughat Vidyut
Nigam Ltd.
Jharkhand State
Electricity Board
Jharkhand State Electricity Board
Karnataka Power
Corporation Ltd.
Karnataka Power
Transmission
Corporation Ltd.
• Bangalore Electricity Supply
Company Ltd. (BESCOM)
• Mangalore Electricity Supply
Company Ltd. (MESCOM)
• Hubli Electricity Supply
Company Ltd. (HESCOM)
• Gulbarga Electricity Supply
Company Ltd. (GESCOM)
•CESCO Company Ltd.
Kerala State
Electricity Board
Kerala State
Electricity Board
• Kerala State Electricity Board
• City Corporation (in Thrissur)
• Tata Tea Ltd (in Munnar)
Karnataka
Kerala
42
Generation
Himachal Pradesh
Himachal Pradesh State
State Electricity Board Electricity Board
Energiemarktstudie Indien | Wichtige Akteure auf dem indischen Strommarkt
State
Madhya Pradesh
Maharashtra
Generation
• Madhya Pradesh
Power Generation
Corporation Ltd.
• Narmada Valley
Development Authority
Maharashtra State
Power Generation
Company Ltd.
(MahaGenCo)
Transmission
Madhya Pradesh
Power Transmission
Company
Distribution
• M.P. Poorv Kshetra Vidyut
Vitran Co.
• M.P.Paschim Kshetra Vidyut
Vitran Co.
• M.P.Madhya Kshetra Vidyut
Vitran Co.
Maharashtra State
Transmission Co.Ltd
(MahaTransCo)
• Maharastra State Distribution
Company Ltd.
• Brihan Mumbai Electric Supply
& Transport Undertaling (BEST)
•Reliance Infrastructure
Manipur
Manipur Power
Development
Corporation
Manipur Electricity
Department
Manipur Electricity Department
Meghalaya
Meghalaya Power
Generation Corporation Ltd.
Meghalaya Power
transmission corporation Ltd.
Meghalaya Power Distribution
Corporation Ltd.
Mizoram
• Government of
Mizoram
• North Eastern
Electric Power
Corporation
Mizoram Electricity
Department
Mizoram Electricity Department
Nagaland
• Department of
Power
• North Eastern
Electric Power
Corporation
Nagaland Electricity
Department
Nagaland Electricity Department
Odisha
• Odisha Power
• Grid Corporation of
Generation CorpoOdisha Ltd.
ration
• Odisha Power
• Odisha Hydro PowTransmission
Corporation Ltd
er Corporation Ltd.
Pondicherry
Pondicherry Power
Generation Corporation
Punjab
Punjab State Power
Corporation Ltd.
Punjab State Transmission Corporation
Ltd.
• Central Electricity Supply
Company of Odisha Ltd.
• Northern Electricity Supply
Company of Odisha Ltd.
• Western Electricity Supply
Company of Odisha Ltd.
•Southern Electricity Supply
Company of Odisha Ltd.
Punjab State Electricity Board
Wichtige Akteure auf dem indischen Strommarkt| Energiemarktstudie Indien
43
State
Transmission
Distribution
• Jaipur Vidyut Vitran Nigam Ltd.
• Ajmer Vidyut Vitran Nigam Ltd.
• Jodhpur Vidyut Vitran Nigam
Ltd.
Rajasthan
Rajasthan Rajya
Vidyut Utpadan
Nigam Ltd.
Rajasthan Rajya
Vidyut Prasaran
Nigam Ltd.
Sikkim
• Government of
Sikkim
• Gati Infrastructure
Power Department of
Sikkim
Tamil Nadu
Tamil Nadu Generation and Distribution
Corporation Ltd.
(TANGEDCO)
Tamil Nadu Transmis- Tamil Nadu Generation and Distrision Corporation Ltd. bution Corporation Ltd.
(TANTRANSCO)
(TANGEDCO)
Tripura
• Government of
Tripura
• Tripura Hydro
Power
Tripura State Electri­
city Co-operation Ltd.
• Uttar Pradesh Rajya Vidyut Utpadan
Nigam Ltd.
• Uttar Pradesh
Hydro Power Corporation Ltd.
• Poorvanchal Vidyut Vitran
Nigam Ltd.
• PashchimanchalVidyut Vitran
Nigam Ltd.
UP Power Corporation • Madhyanchal Vidyut Vitran
Ltd.
Nigam Ltd.
• Dakshinanchal Vidyut Vitran
Nigam Ltd.
• Kanpur Electric Supply
Company Ltd.
Uttarakhand
Uttarakhand Jal
Vidyut Nigim Ltd.
Power Transmission
Corporation of
Uttarakhand
West Bengal
• West Bengal Power
Development
West Bengal State
Corporation
Electricity Transmis• Durgapur Projects sion Company
Ltd.
Uttar Pradesh
44
Generation
Energiemarktstudie Indien | Wichtige Akteure auf dem indischen Strommarkt
Power Department of Sikkim
Tripura State Electricity
Co-operation Ltd.
Uttaranchal Power
Corporation Ltd.
West Bengal State Electricity
Distribution Company
3.3.3 Privatwirtschaft
Der generelle wirtschaftliche Aufschwung Indiens, der
damit einhergehende steigende Energiebedarf und die
Deregulierung des Strommarktes haben einige indische Privatunternehmen zu einem Markteinstieg motiviert. Da die indische Wirtschaft von Konglomeraten
geprägt ist, sind die Akteure oft auch in anderen, nicht
mit der Stromversorgung verbundenen Wirtschaftszweigen aktiv.
Tata Power Ltd., früher noch als Tata Electric bekannt,
war einer der Pioniere der Stromerzeugung in Indien
Anfang des 19. Jahrhunderts. Tata ist der älteste private Stromversorger des Landes und hat sowohl in Indien
als auch international ambitionierte Pläne. Bisher ist
das Unternehmen in der Stromerzeugung im Bereich
Kohle-, Gas-, Wasser-, Solar- und Windkraft in Indien
vertreten. Außerdem ist Tata in die Übertragungs- und
Verteilungsmärkte eingestiegen. Tata Power besitzt
8.521 MW an Kraftwerkskapazität und erzielt einen
Umsatz von 22 Milliarden Rupien (275 Millionen Euro).142
Reliance Energy Ltd. wurde im Januar 2006 gegründet,
um in der Stromerzeugung, -übertragung und -verteilung zu wirtschaften. Auf der Verteilungsseite beliefert
Reliance Energy bereits mehr als 25 Millionen Endkunden, unter anderem in Mumbai und Delhi, mit Strom.
Die installierte Leistung liegt bei etwa 2.500 MW und
der Umsatz bei 56 Milliarden Rupien (700 Millionen Euro).143
Die Calcutta Electric Supply Corporation (CESC) ist, so
wie Tata, ein sehr alter Stromversorger in Indien, erhielt aber erst 1987 seinen jetzigen Namen. CESC hat
eine exklusive Stromversorgungslizenz für den Großraum Kalkutta (ca. 14 Millionen Menschen) im östlichen Bundesstaat West Bengal. Die Lizenz ist noch bis
2020 gültig. Das Unternehmen bietet ein komplettes
Versorgungspaket, von der Erzeugung über die Übertragung bis hin zur Verteilung an. CESC betreibt Kraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 1.225 MW. Der
Gesamtkonzern erwirtschaftet inklusive anderer Geschäftseinheiten einen Umsatz von 61 Milliarden Rupien (757 Millionen Euro).144
Adani Power, Teil der Adani Group, wurde 1996 gegründet, um in Indien Stromkraftwerke zu bauen und zu
betreiben. Das Unternehmen besitzt vier thermische
Kraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 9.000 MW.
Der Strom aus neuen Kraftwerken soll, anstatt an die
Versorgungsunternehmen, zum einen Teil in langfristigen Lieferverträgen direkt an Industriekunden verkauft
werden und zum anderen Teil über die Strombörse abgewickelt werden. Der Umsatz liegt bei 72 Milliarden
Rupien (900 Millionen Euro).145
Die GMR Gruppe kommt aus dem Infrastrukturbereich
(z. B. Flughäfen) und ist 1995 in den Energiemarkt eingestiegen. Seitdem hat GMR thermische Kraftwerke
mit einer Kapazität von 1.385 MW gebaut. Außerdem
wurde dem Unternehmen 2004 eine 25-Jahres-Lizenz
für den Stromhandel im Übertragungsmarkt zwischen
den Bundesstaaten verliehen. Die Stromsparte erzielt
einen Umsatz von 27,4 Milliarden Rupien (342 Millionen
Euro).146
Die Lanco Gruppe aus Hyderabad im südindischen Staat
Andhra Pradesh betreibt Gas-, Biomasse-, Wind- und
Solarkraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 4.722
MW. Wie GMR ist Lanco auch im Infrastrukturbereich
aktiv. Internationale Partnerunternehmen von Lanco
sind International Partners – Commonwealth Development Corporation (ACTIS /Globeleq) aus Großbritannien, Genting Group aus Malaysia und Doosan aus Korea.
Das Unternehmen erwirtschaftet einen Umsatz von
160 Milliarden Rupien (2 Milliarden Euro).147
CESC, Website (http://bit.ly/Hd0AF8).
Adani Power, Website (http://bit.ly/1aDovbU).
146
GMR Group, Website (http://bit.ly/1dkrRRv).
147
Lanco Group, Website (http://bit.ly/QdSHAX).
144
145
142
143
Tata Power, Website (http://bit.ly/18TrXk1).
Reliance Energy, Website (http://bit.ly/16G5EOe).
Wichtige Akteure auf dem indischen Strommarkt| Energiemarktstudie Indien
45
4
Energiepolitik
Die Energieversorgung ist die Achillesferse des
aufstrebenden Landes. Die Deckung des großen
und stark wachsenden Energiebedarfs hat für
die indische Regierung oberste Priorität. Indiens
Gesellschaft ist von großen wirtschaftlichen und
sozialen Umbrüchen geprägt. Sowohl die weitere
wirtschaftliche, wie vermutlich auch die soziale
Entwicklung hängt davon ab, ob Indien ausreichend
Energie zu bezahlbaren Konditionen erhalten und
den Konsumenten bereitstellen kann.
An fossilen Brennstoffen besitzt Indien nur eine
große Menge an Kohlereserven. Aber diese werden nicht allein ausreichen, um die hohe Nachfrage zu decken. Öl und Gas sind nur begrenzt vorhanden. Besonders bei der Ölversorgung ist Indien
auf Importe angewiesen. Hier befindet sich das
Land in einem intensiven Wettbewerb mit den großen Wirtschaftsmächten Europas, Nordamerikas
und Ostasiens, die sich bereits seit Jahrzehnten in
den Öl produzierenden Ländern politisch und wirtschaftlich etabliert haben und über ein gut funktionierendes Transportnetz von Pipelines, Häfen
und Raffinerien verfügen. Demgegenüber stehen
die anderen aufstrebenden Nationen, allen voran
China, die eine ähnliche Energieproblematik aufweisen wie Indien.
Die Schiefergas- und Schieferölvorkommen in den
USA sowie in einigen anderen Ländern, wie auch
China, können den globalen Energiemarkt eventuell entspannen und die in den letzten Jahren stark
gestiegenen Preise für fossile Brennstoffe weltweit
reduzieren. Jedoch ist es noch zu früh, die Folgen
für Indien abzusehen.
Indien verfolgt eine Energiestrategie, die keine
klare Priorisierung unter den verschiedenen Energieträgern vornimmt. Ziel ist es, alle Energiequellen so schnell und so umfassend wie möglich zu
entwickeln. So werden außenpolitische Verbindungen zu rohstoffreichen Staaten wie Russland,
dem Iran und dem Sudan geknüpft. Gleichzeitig
46
Energiemarktstudie Indien | Energiepolitik
werden nukleare Technologiepartnerschaften mit
den USA, Frankreich, und Russland geschlossen.
Da die internationale Energielandschaft von starkem Wettbewerb geprägt ist, ist die indische Regierung bestrebt, die heimische Energiegewinnung
voranzutreiben. Neben Kohle spielt hier vor allem
die Wasserkraft eine große Rolle. Aber auch die erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne bieten
ein großes Potenzial. Langfristig setzt Indien auf
Sonnenenergie als künftige Hauptenergiequelle.
Zukunftstechnologien, wie z. B. Brennstoffzellen,
Geothermie oder Gezeitenkraft werden vergleichsweise wenig gefördert.
4.1 Fossile Brennstoffe: Öl, Gas
und Kohle
Neben den Bemühungen, über neue Pipelines und
Lieferverträge mit Öl exportierenden Ländern die
Versorgung zu verbessern, steht der Versuch über
eine höhere Nutzungseffizienz und Diversifizierung
der Kraftstoffe den allgemeinen Verbrauch zu reduzieren. Eine in Neu Delhi gestartete Initiative,
den öffentlichen Nahverkehr, Taxis und Rikschas
auf komprimiertes Erdgas (Compressed Natural
Gas, CNG) umzustellen, war sehr erfolgreich und
wird mittlerweile landesweit kopiert.
Das Ministry of External Affairs (MEA) versucht über
gute Beziehungen zu entscheidenden Handels­
partnern die notwendigen Rahmenbedingungen
für Öl- und Gasimporte sowie für den Transport
in Pipelines zu schaffen. Energiesicherheit ist ein
sehr wichtiges und sensibles Thema für Indien und
das Land ist bereit, aussenpolitische Risiken einzugehen, um die Zufuhr von fossilen Energieträgern zu sichern. Beispiele dafür sind das Vorgehen
im Iran und im Südchinesischen Meer.
Innenpolitisch sind das Ministry of Petroleum and
Natural Gas (MPNC) und das Ministry of Chemicals
and Fertilizers (MCF) entscheidend. Das MPNC ver-
sucht über die „New Exploration Licencing Policy“
(NELP) und die „National Biodiesel Policy“ die Entwicklung indischer Öl- und Gasvorkommen anzukurbeln.148 Ab und an spielt das MPNC auch in die
Außenpolitik hinein (ebenfalls beim Beispiel Iran),
was zu Konflikten mit dem Ministry of External Affairs (MEA) führen kann.
Das MCF setzt mit der „National Policy on Petrochemicals“ auf eine vermehrte Nutzung von Öl
als Rohstoff. Die Politikrichtlinie hat zum Ziel, die
Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Ölindustrie
zu erhöhen, Forschung anzukurbeln und Investitionen zu fördern. Umweltaspekte, wie eine schnellere Abbaubarkeit von Petroleumprodukten, werden dabei nur am Rande berücksichtigt.149
Der große Optimismus, der sich besonders
in den USA in Bezug auf Schiefergas- und
Schie­ferölvorkommen in den letzten Jahren entwickelt hat, etabliert sich auch zunehmend im chronisch unter Engpässen in der Energieversorg leidenden Indien. So verabschiedete das Parlament
im September 2013 eine Richtlinie für die Erforschung solcher Vorkommen. Demnach sollen zuerst die staatlichen ONGC und Oil India forschen,
später sollen auch private Unternehmen nach einem Auktionsprozess Explorationsrechte erhalten.150 Zusammen mit der US Geological Survey
wird seit einigen Jahren versucht, die Vorkommen
zu schätzen, was bisher aber nur bedingt gelang.
Die Bandbreite ist mit 26 bis 2.657 Billionen m3
noch sehr groß.
Indien verfügt, wie zuvor bereits erwähnt, über
große Kohlereserven. Zwar wird auch zunehmend
Kohle importiert, aber die Kohlepolitik bezieht sich
hauptsächlich auf die heimische Kohle. In den frühen 1970er Jahren wurde die gesamte Kohleindustrie im „Coal Mines (Nationalization) Act“ verstaatlicht. Das Ministry of Coal (MoC) wurde damit
zu einem der Schlüsselministerien. In den letzten
Jahren hat die Regierung allerdings erkannt, dass
der Staat allein die notwendigen neuen Projekte nicht umsetzen kann und die Industrie wieder
dem Privatsektor geöffnet werden muss. Heute
dürfen indische Privatunternehmen (mit bis zu
100% nicht-indischer Eigentümerstruktur) Kohlekraftwerke zur eigenen Nutzung aufbauen und betreiben. Der Export und der Import von Kohle sind
unter der „Open General License (OPL)“ erlaubt.
Traditionell exportiert Indien eine geringe Menge
Kohle an einzelne Nachbarländer, insbesondere
Bangladesch.
4.2Klimapolitik
Indien ist eines der vom Klimawandel am stärksten betroffenen Länder. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt nahe am Existenzminimum und ist auf
Landwirtschaft angewiesen. Die Gletscher des Himalayas und der jährliche Monsun, die Indien mit
Wasser versorgen, sind lebenswichtige und bedrohte Ökosysteme. Hinzu kommt, dass das Land
mit einer weiter rapide wachsenden Bevölkerung
und Wirtschaft, seine Wasserressourcen überstrapaziert. Während in Indien selbst einige, das Klima
schonende Maßnahmen umgesetzt werden, wird
in internationalen Verhandlungen die historische
Verantwortung der Industrienationen klar in den
Vordergrund gerückt.
148 Ministry of Petroleum and Natural Gas,
Website (http://bit.ly/1bcalip).
149 Ministry of Chemicals and Fertilizers,
Website (http://bit.ly/1beW6oQ).
150 Economic Times, News (http://bit.ly/1bFRjmB).
Energiepolitik | Energiemarktstudie Indien
47
4.2.1Der National Action Plan on
Climate Change (NAPCC) 151
Der NAPCC mit der Vision einer nachhaltigen,
energieeffizienten Wirtschaftsentwicklung Indiens
wurde 2008 direkt vom Büro des Premierministers
(PMO) veröffentlicht. In diesem Plan werden acht
„National Missions“, oder Umsetzungsschwerpunkte, vorgestellt:
•Die „National Mission on Sustainable Habitat“
(2008) soll Gebäude effizienter machen, Müllprobleme in Angriff nehmen und den öffentlichen
Nahverkehr fördern.
•Die „National Water Mission“ (2008) soll die Wassernutzung effizienter und fairer gestalten. Sie
setzt auf Wassersammlung und Wasserrecycling
sowie auf neue Wassertechnologien, wie etwa
bei der Wasserentsalzung.
•Die „National Solar Mission“ (2009) soll die Nutzung der Solarenergie in Indien fördern.152
•Die „National Mission on Enhanced Energy Efficiency“ (2010) soll die Energieeffizienz in den
energieintensivsten Industrien sowie auf der
Verbraucherseite erhöhen. Sie soll spezifische
Ziele, einen Durchsetzungsmechanismus sowie Finanzierungshilfen und fiskalische Anreize
enthalten. Das Vorgehen basiert auf dem Energieeinspargesetz „Energy Conservation Act“ von
2001.
•Die „National Mission for Sustaining the Himalayan Ecosystem“ (2009) soll Konzepte entwickeln
und fördern, um die Gletscher und Lebensräume
im Himalaya zu schützen. Außerdem sollen die
Auswirkungen schmelzender Gletscher auf die
Wasserversorgung des Landes effizienter untersucht werden.
•Die „National Mission for a Green India“ (2011)
soll den Kohlenstoffdioxidausstoss senken und
dabei insbesondere den indischen Waldbestand
erhalten und erweitern.
•Die „National Mission for Sustainable Agriculture“ (2010) soll die indische Landwirtschaft auf
Klimaveränderungen vorbereiten. Hierzu sollen
neue, widerstandsfähige Getreidesorten getestet
werden und Klimadaten schneller aufgenommen
und verarbeitet werden.
•Die „National Mission on Strategic Knowledge
Prime Ministers Office, Website (http://bit.ly/187BWT4).
Die National Solar Mission wird detailliert in Kapitel 7
erklärt.
151
152
48
Energiemarktstudie Indien | Energiepolitik
for Climate Change“ (2010) soll Plattformen für
einen internationalen Austausch bei klimarelevanten Forschungsprojekten und Technologien
schaffen.
•Eine „National Wind Mission“ ist derzeit in Vorbereitung.
4.2.2Internationale Klimapolitik
Lange Zeit war die indische Klimapolitik statisch
und passiv auf das Abwehren internationaler Forderungen beschränkt. Da sich Indien für die Klimaproblematik nicht verantwortlich fühlte, wurden
die internationalen Emissionsziele nicht akzeptiert. Hierfür wurden meist drei Argumente vorgebracht: Erstens trage man historisch gesehen
keine Schuld an der Aufladung der Atmosphäre mit
Treibhausgasen. Zweitens sei Indien nach China,
den USA und Russland zwar bereits der viertgrößte
Klimasünder, pro Kopf allerdings (und das sei die
gerechte Zählweise) sind die Emissionen in Indien
viel geringer als die der Industrienationen. 2012
waren es nur 1,4 Tonnen CO2. In Deutschland waren es 9,8 Tonnen, in den USA sogar 18,4. Weltweit
lag der Durchschnitt bei 4,8 Tonnen. Drittens liege
der innenpolitische Fokus auf der wirtschaftlichen
Entwicklung der Bevölkerung. Diesem Ziel dürfe
kein konkurrierendes zur Seite gestellt werden.
Grundsätzlich stehe Indien allerdings einem durch
die Industrienationen initiierten, kostenlosen und
ausgiebigen Technologietransfer zur Minderung
der CO2-Emissionen offen gegenüber.
Bisher konnte Indien aus den oben genannten
Gründen keinen konstruktiven Beitrag bei Klimaverhandlungen leisten. Erinnerungen an den
Atomwaffensperrvertrag wurden wach, den Indien
bis heute nicht unterzeichnet, da es sich mit postkolonialer Empfindsamkeit weigert, zu akzeptieren, dass nur einige, wenige Länder Atomwaffen
besitzen dürfen und anderen das Recht darauf auf
immer verwehrt sein soll. Neuerdings zeigt sich
das Land, angesichts des sich verschärfenden Klimawandels und der damit verbundenen Risiken,
im Klimadialog kooperativer und entwickelt erste
eigene Vorschläge.
Den Anfang machte Premierminister Manmohan Singh, als er 2007 erklärte, dass der indische
CO2-Ausstoß pro Kopf in Zukunft nie den der Industrienationen übersteigen werde. Dieser Vorschlag
mag in Anbetracht der gegenwärtigen Emissionsniveaus zwar unrealistisch klingen, er enthält
allerdings bereits drei zentrale Entscheidungen.
Erstens zieht Indien die globale Klimabedrohung
bei seiner wirtschaftlichen Entwicklung mit ins
Kalkül. Zweitens setzt es zum ersten Mal für sich
selbst international kommunizierte Ziele. Und drittens, wenn man davon ausgeht, dass die Werte der
Industrienationen gesenkt werden können, wählt
Indien einen klimaschonenderen Wachstumspfad
als diese. Das ist auch der Kern des Vorschlags:
Je schneller die Industrienationen ihre Emissionen
senken, desto früher wird Indien an diese Grenze
stoßen. Dieser Vorstoss wird jedoch durch die Aussage des ehemaligen Außenministers S.M. Krishna
(September 2010 in New York), dass „200 Millionen
Inder von weniger als einem US-Dollar am Tag
leben und rund 500 Millionen Indern der Zugang
zu modernen Energiequellen verwehrt bleibt“ und
deshalb die industrialisierten Länder ihre Emissionen bis 2020 um mindestens 40% reduzieren
müssen, relativiert. Verschleiert wird hierbei, dass
auch Indiens erfolgreiche Mittelschicht nicht unter
Verweis auf eine unbeteiligte, arme Bevölkerung
das Klima schädigen dürfen sollte. Dennoch hat
sich Indien durch Singhs Erklärung zumindest ein
Profil gegeben und für die anderen Nationen in den
Verhandlungen greifbarer gemacht.
Alle Länder, die an der UN Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) teilnehmen, verpflichten sich, in regelmäßigen Abständen über
ihre Kohlenstoff-Emissionen sowie ihre Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels zu berichten. Indien hat bisher, wie viele andere Entwicklungsländer, diese Berichte nur unregelmäßig
oder mit ungenauen Messungen vorgelegt. Dahinter steckt meist das einfache Kalkül, dass etwas,
das nicht gemessen wird, nicht reduziert werden
muss. Jetzt aber ist Indien bereit „die Ergebnisse
der Messungen ausführlicher und regelmäßiger zu
kommunizieren“, so Shyam Saran, Indiens ehemaliger Chefunterhändler im Klimaprozess. Seit 2007
veröffentlicht Indien nun seine Emissionswerte.
Da die internationalen Klimaverhandlungen in den
letzten Jahren allerdings keine konkreten Resultate erzielen konnten, kommt der nationalen Politik eine besondere Bedeutung zu. Wie der Nati-
onal Action Plan on Climate Change zeigt, ist eine
deutliche Richtungsänderung zu erkennen. Eine
weitere Initiative ist der „coal cess“ – eine Steuer auf Kohle, die klimafreundliche Massnahmen
(wie die National Solar Mission) finanzieren soll.
Das „Perform, Achieve and Trade (PAT) Scheme“
soll Energieeffizienz in der Industrie fördern und
„Renewable Purchase Obligations“ (RPO) sollen
die Nutzung von Strom aus erneuerbaren Quellen
anregen. Beides sind sogenannte Cap-and-Trade-Mechanismen.
4.3 Die Strompolitik
In Indien besitzt die Entwicklung der Stromversorgung höchste Priorität. Hier treffen nationale
entwicklungs- und wirtschaftspolitische Ziele auf
die Forderungen an Politiker aus ihren einzelnen
Wahlkreisen. Die Aufgabe, landesweit eine zuverlässige Stromversorgung sicherzustellen, ist
enorm. Kraftwerkskapazitäten und Versorgungsinfrastruktur sind fast überall unzureichend. Die
Nachfrage wächst schnell. Der öffentliche Sektor,
lange Zeit in der ehemals sozialistisch geprägten
indischen Wirtschaft fast alleine mit der Stromversorgung betraut, konnte dieser Herausforderung
bisher nicht gerecht werden. Die Strompolitik der
letzten Jahre zielt daher auf eine stärkere Einbindung der Privatwirtschaft. Auch für internationale
Investoren sollen Anreize geschaffen werden.
Die Stromwirtschaft ist im Umbruch: Einige Bereiche, wie etwa die von den unterfinanzierten State
Electricity Boards (SEBs) geleiteten Versorgungsnetze, sind nach wie vor in desolatem Zustand.
Die politischen und regulatorischen Strukturen
sind vielerorts wettbewerbsfeindlich. Investitionen
bleiben aus. Andere Bereiche, wie etwa die Strom­
erzeugung mit fossilen Brennstoffen, aber besonders auch mit erneuerbaren Energien, haben
in den letzten Jahren bedeutende private Investitionen und Projekte auf dem neuesten Stand der
Technik erfahren.
Die Regulierung des indischen Strommarktes
stützte sich lange Zeit auf den Indian Electricity Act
(1910) und den Electricity Supply Act (1949)153, die
153
MoP, Website (http://bit.ly/IDSHcL).
Energiepolitik | Energiemarktstudie Indien
49
den Bundesstaaten zur Regulierung des Strommarktes in Form monopolisierter SEBs weitreichende Kompetenzen einräumten. Angesichts notwendiger Kapazitätserweiterungen, der maroden
Finanzlage ihrer SEBs und der Tendenz der Industrie zum Bau von Eigenanlagen, hat sich bereits in
den 1990er Jahren die Notwendigkeit für Reformen
im Stromsektor herauskristallisiert. Seither sind
verschiedene gesetzliche Schritte eingeleitet worden, um den überwiegend staatlichen und hochgradig subventionierten Sektor privatwirtschaftlich rentabel zu machen.
4.3.1Strompolitik: Politische Initiativen
Phase 1 (1991–2003)
Bereits 1991 erließ die indische Regierung, in Abstimmung mit den Bundesstaaten, eine neue Politikrichtlinie zur Stromerzeugung, die sogenannte „Electricity Laws (Amendmend) Bill, 1991“, die
privaten (auch ausländischen) Investoren den Bau
neuer Stromerzeugungsanlagen ermöglichte. Die
Stromabnahmeverträge sollten mit den SEBs zu
Konditionen ausgehandelt werden, die eine Rendite von bis zu 16% garantieren (Kosten-plus-Modell).
Allerdings löste dieser erste Öffnungsschritt nicht
das Problem der desolaten Finanzsituation der
SEBs. Die gebotenen Abnahmepreise waren größtenteils uninteressant für private Investoren. Die
Solidität der Verträge wurde in Frage gestellt und
oft wurden Verträge auch tatsächlich nicht eingehalten. Darüber hinaus blieben die SEBs stark
politisch beeinflusst. Somit waren Reformen der
Tarifstruktur zu Lasten der privaten Haushalte und
der Landwirtschaft nahezu unmöglich. Von 189
vorgeschlagenen Projekten mit 75 GW Kapazität
wurden daher nur wenige umgesetzt.154
50
schiedung des „Electricity Regulatory Commission
Act“156 (1998)157 die Strommarktöffnung gesetzlich
stärken. Diese Gesetzesergänzung regelte u.a. die
Ausstellung von Lizenzen (Konzessionen) neu, sah
die Neustrukturierung der SEBs sowie die Privatisierung der Verteilungsaufgaben vor. Außerdem
initiierte er die Einrichtung der zentralen Regulierungsbehörde CERC und der unabhängigen Regulierungsbehörden in den Bundesstaaten (SERC).
Zudem wurde festgelegt, dass Strompreise „rationalisiert“, also an Gestehungskosten gekoppelt
werden sollen. Keine Tarifgruppe sollte weniger
als 50% der durchschnittlichen Gestehungskosten
zahlen. Das hätte vor allem die Landwirtschaft betroffen, deren Strompreise gegen Null tendieren.
Aus politischen Gründen – um wichtige Wählergruppen, wie die Landwirte nicht zu verärgern –
wurden die guten Ideen der Zentralregierung in
den Bundesstaaten nicht umgesetzt. Dies bleibt
eine weitgehend ungelöste, systemimmanente Herausforderung des indischen Stromsektors.
Phase 2 (2003–heute)
Am 10. Juni 2003 trat der bereits 2001 ins Parlament eingebrachte „Electricity Act“ 2003 in Kraft.158
Er löste die bisherigen Elektrizitätsgesetze ab bzw.
erweiterte sie. Zielsetzung war die Modernisierung
und Liberalisierung des Stromsektors durch Einführung eines Marktmodells mit verschiedenen
Käufern und Verkäufern.
Das Scheitern der ersten Reformen führte 1996
zu einem gemeinsamen Aktionsplan, dem „Common Minimum National Action Plan for Power“155,
zwischen der Zentralregierung und den Bundesstaaten. Dieser Aktionsplan sollte mit der Verab-
Der Electricity Act 2003 enthält folgende zentrale
Punkte:
•Die Bundesstaaten werden verpflichtet, eine Regulierungsbehörde (SERC) zu gründen (§82ff).
•Die Rahmenbedingungen für den Bau neuer
Kraftwerke werden verbessert. Für neue thermische Stromerzeugungskraftwerke ist keine technisch-wirtschaftliche Unbedenklichkeitsprüfung
durch die CEA mehr notwendig. Lediglich für
bestimmte Wasserkraftprojekte ist eine solche
Prüfung vorgeschrieben.
•Die Errichtung einer Inselanlage („stand alone
system“) in ländlichen Gebieten setzt keine Genehmigung für die Stromerzeugung und -verteilung mehr voraus; es müssen lediglich die
154
DnB, Indian Power Sector Overview,
Website (http://bit.ly/1fnLclN).
155
MoP, Annual Report; “Salient features of the Common Minimum National Action Plan for Power“ (http://bit.ly/1dl9YlF).
156
Electricity Regulatory Commission Act
(http://bit.ly/1axLLWX).
157
MoP, Website (http://bit.ly/IDSHcL).
158
Electricity Act 2003 (http://bit.ly/16iLozO).
Energiemarktstudie Indien | Energiepolitik
geltenden Sicherheits- und Umweltvorschriften
eingehalten werden.
•Stromproduzenten und –verbraucher unterliegen nicht mehr dem Zwang, ihren Strom an die
finanziell angeschlagenen SEBs zu verkaufen
bzw. von diesen zu kaufen. Sie können direkt
miteinander Verträge abschließen und dabei das
existierende Stromnetz gegen Gebühr, ohne Diskriminierung nutzen („Open Access“).
•Anlagen zur Eigenstromerzeugung („captive power“) bedürfen keiner Genehmigung mehr.
•Stromdurchleitungen an andere Standorte zur
Eigennutzung unter „Open Access“ unterliegen
nicht der Gebühr zur Finanzierung der Quersubventionen. Damit können Kraftwerke auch abseits des Verbrauchsstandorts errichtet werden.
•Eigenstromerzeugungsanlagen können nicht
mehr nur von gewerblichen und industriellen
Verbrauchern betrieben werden, sondern auch
von Genossenschaften und Vereinen (§2 (8)).
Damit wird auch Gemeinden die Möglichkeit zur
Errichtung einer Eigenstromerzeugungsanlage
eröffnet.
•Die Exklusivität für Stromversorgungsunternehmen in einzelnen Märkten wurde aufgehoben.
Mit dem Elektrizitätsgesetz sollten die unterschiedlichen Regelungen der Bundesstaaten vereinheitlicht werden, um Investitionen einfacher
und attraktiver zu machen. Die Reformen haben
den Markt zwar spürbar belebt, haben aber noch
nicht zu einem wirklich freien Strommarkt geführt.
Viel hängt noch davon ab, inwieweit einzelne Bundesstaaten Wettbewerb zu ihren Stromversorgern
tatsächlich zulassen. In Tamil Nadu, zum Beispiel,
das unter großen Versorgungsengpässen leidet
und in der Vergangenheit viel Windkraft gebaut hat,
gibt es eine große Zahl von so genannten „Open
Access“159 Kunden. In Maharashtra, auf der anderen Seite, wo die Tarife für die Industrie die höchsten in Indien sind, werden private Stromabnahmeverträge gezielt durch hohe Netzgebühren und die
Drohung, die Versorgungsgarantie einzustellen,
unterminiert. Von einem freien Strommarkt kann
man in Indien noch nicht sprechen.
(CERC, SERCs). Die unabhängigen, quasi-gerichtlichen SERCs stellen ein starkes Gegengewicht zu
den staatlichen Stromversorgern dar und versuchen oft unliebsame Forderungen, wie die „Renewable Purchase Obligations“ umzusetzen. Weitere
wichtige Gesetze, die mit Hilfe der SERCs in den
Bundestaaten umgesetzt werden, sind die „Availability-Based Tariff Order“ (2002)160, „Terms and
Conditions of Tariff“ (2004), „Multi Year Tariff (MYT)
Norms“ (2004), „Electricity Grid Code“ (2006)161, die
„National Tariff Policy“ (2006)162 und „Open Access
in Inter State Transmission“ (2008)163.
In Übereinstimmung mit dem Elektrifizierungsgesetz hat die indische Regierung im August 2006
außerdem die „Rural Electrification Policy“164 bekannt gegeben. Zu den zentralen Zielen, die hier
verfolgt werden, gehört die Zugangsmöglichkeit zu
Elektrizität für alle Haushalte bis 2009 sowie eine
qualitativ hochwertige und gleichzeitig bezahlbare Energieversorgung. Teil der Politik ist das 2003
eingeführte Programm „Mission 2012 – power for
all“, das die Elektrifizierung aller Haushalte bis
2012 garantieren soll. Nach Schätzungen der Planungskommission von 2006 sind dazu Kapazitätserweiterungen in einem Umfang von 100 GW notwendig, bei einem angenommen Stromverbrauch
der zu elektrifizierenden Haushalte von einer kWh
pro Tag. Diese Ziele wurden bereits 2005 in dem
Strategiedokument „National Electricity Policy“165
formuliert. Sie wurden allerdings bisher nur teilweise erreicht.
Eines der vielleicht wichtigsten Programme der
letzten Jahre ist das „Debt Restructuring Program“166 von 2012, dass die finanzielle Unterstützung von defizitären staatlichen Stromversorgern
an die Umsetzung von Reformen koppelt. Der Staat
(zentral) übernimmt die Hälfte der Verpflichtungen. Im Gegenzug muss der Stromversorger einen klar strukturierten Plan hin zur wirtschaftlichen Nachhaltigkeit vorlegen, was in aller Regel
mit steigenden Stromtarifen einhergeht. Bis 2013
haben sich acht Bundestaaten zur Teilnahme verPower Ministry Corporation (http://bit.ly/18Xpl3b).
CERC (http://bit.ly/IC4Kqw).
162
MoP (http://bit.ly/1cj0Y0I).
163
National Tariff Policy (http://bit.ly/1dNho4R).
164
Rural Electrification Policy (http://bit.ly/195AtKO).
165
National Electricity Policy (http://bit.ly/17ueZHB).
166
Debt Restructuring Programme (http://bit.ly/1cosg8w).
160
Langsam greift allerdings die tiefere, institutionelle
Reform der Schaffung von Regulierungsbehörden
159
“Open Access” bedeutet, dass Strom auf dem freien Markt
direkt von Kraftwerksbetreibern gekauft werden kann.
161
Energiepolitik | Energiemarktstudie Indien
51
pflichtet. Diese sind: Tamil Nadu, Rajasthan, Uttar
Pradesh, Haryana, Jharkhand, Kerala, Andhra Pradesh und Bihar.
4.3.2Strompolitik: Probleme
Eines der größten Hindernisse bei der Reform des
Strommarktes sind nach wie vor die Strompreise.
In vielen Bereichen, insbesondere in der Landwirtschaft, kostet der Strom sehr wenig bis nichts. Aufgrund der politischen Kultur und der demokratischen Struktur Indiens (Gratisstrom für Landwirte
ist ein gängiges Wahlversprechen) hat sich dieser
Umstand bisher nicht geändert. Entscheidend für
den Erfolg wird sein, ob sich die Politik aus den Details der Stromregulierung wirklich zurückziehen
will.
Ein weiteres Problem sind die sehr hohen Übertragungsverluste, die in Indien mit zu den höchsten
weltweit gehören. Zum einen sind sie auf veraltete, ineffiziente Netzwerke zurückzuführen, zum
anderen auf den weitverbreiteten Stromdiebstahl
(über das illegale Anzapfen der Leitungen), bzw.
auf die geringe Zahlungsmoral. Die Koordination
zwischen einzelnen SEBs müsste auch erhöht werden, um die Stromerzeugung und -verteilung im
Land zu verbessern. Die angespannte finanzielle
Situation beschränkt den Handlungsspielraum der
SEBs und verhindert somit viele notwendige oder
sinnvolle Initiativen, Reformen und Investitionen.
4.3.3Strompolitik: Lösungsansätze
Die indische Regierung setzt bei der Lösung
des Stromproblems vor allem auf die Bereitstellung neuer Großkraftwerke (und die damit
einhergehende Infrastruktur). Erst an zweiter
Stelle stehen die Schaffung effizienterer Verbrauchsmuster, die Verbesserung des Netzes
und dezentrale Lösungen. In allen Bereichen
sind die Beteiligung der Privatwirtschaft und
Investitionen aus dem Ausland gewünscht.167
Bei neuen Kraftwerken wird kein Energieträger
grundsätzlich priorisiert. Kohle und Gas werden
167
Siehe, zum Beispiel, Äußerungen des Finanzministers Chidambaram im Februar 2014 (http://goo.gl/VEiF6U).
52
Energiemarktstudie Indien | Energiepolitik
auf kurze Sicht favorisiert. Der Ausbau des großen
Wasserkraftpotenzials, besonders in den Bergregionen, sowie der Bau neuer Atomkraftwerke sind
eine wichtige Zusatzoption. Auch die erneuerbaren
Energien sollen stark wachsen. Mittelfristig soll
die Windenergie den meisten Strom bereitstellen.
Langfristig werden große Hoffnungen auf die Solar­
energie gesetzt.
4.3.4Das PAT Schema
Bereits 2001 wurde der „Energy Conservation Act“
verabschiedet, der die indische Zentralregierung
ermächtigt, Normen und Standards zum Energieverbrauch festzusetzen und ein Monitoring des
Energieverbrauches energieintensiver Industriezweige und –unternehmen ermöglicht. 2002 wurde deshalb als nachgelagerte Behörde unter dem
indischen Energieministerium das „Bureau of
Energy Efficiency“ (BEE) gegründet. Das BEE ist
auch mit der Umsetzung der „National Mission
for Enhanced Energy Efficiency“ (NMEEE) beauftragt. Die NMEEE soll bis 2015 etwa 23 Mio Tonnen
Öleinheiten (toe) einsparen, dies entspricht einer
Stromerzeugungskapazität von 19.000 Megawatt.
Ein wichtiges Instrument im Rahmen der NMEEE
ist das marktbasierte „Perform, Achieve and Trade“ (PAT, deutsch: Leisten, Erzielen und Handel
treiben) Schema.
In der ersten Phase des PAT Schemas wurden
den grössten Energieverbrauchern aus 8 Sektoren (thermische Kraftwerke, Zementherstellung,
Stahlindustrie, Produktion von Düngemitteln, Aluminium-, Chlor-Alkali-, Papier-/Zellstoff- und Textilproduktion und -verarbeitung) konkrete Energieeffizienz-Ziele in Relation zu ihrem spezifischen
Energieverbrauch zugewiesen. Insgesamt wurden
478 sogenannte „Designated Consumer“ identifiziert, diese repräsentieren etwa 25% des indischen
Bruttosozialprodukts und 45% des gewerblichen
Energieverbrauchs im Land. Siehe Tabelle 7: Vom
PAT Schema erfasste Unternehmen.
Tabelle 7: Vom PAT Schema erfasste Unternehmen
Sektor
Jährlicher Energieverbrauch (in toe)*
Anzahl Unternehmen
Aluminium
7500
10
Zement
30000
85
Chlor-Alkali
12000
22
Düngemittel
30000
29
Stahl
30000
67
Papier und Zellstoff
30000
31
Textil
3000
90
Thermische Kraftwerke
30000
144
Total
478
*Unternehmen mit einem Energieverbrauch oberhalb dieses Limits sind unter dem PAT-Schema erfasst.
Der spezifische Energieverbrauch eines „Designated Consumers“ wird gemäss folgender Formel
berechnet:
Netto Energie Input in den
Verfügungsbereich des Unternehmens
Gesamter Output, der den
Verfügungsbereich des Unternehmens verlässt
Da es innerhalb der Sektoren deutliche Unterschiede hinsichtlich des spezifischen Energieverbrauchs gibt (z. B. in Abhängigkeit des Alters der
Anlagen oder der verwendeten Produktionsprozesse), wurden die individuellen Zielwerte innerhalb der Sektoren so gewählt, dass der ökonomische Aufwand zur Erreichung der Zielwerte für
jedes Unternehmen im Sektor in etwa gleich ist.
Bei Übererfüllung der Ziele erhält das Unternehmen Energiesparzertifikate (ESCerts), die an Unternehmen, die ihre Ziele nicht erfüllen konnten
oder wollten, weiterverkauft werden können. Im
Idealfall führt dies dazu, dass die kosteneffizientesten Massnahmen zuerst durchgeführt werden.
Die Zielerreichung wird von speziell akkreditierten
Energieauditoren nach einheitlichen Regeln geprüft.
Die erste Verpflichtungsperiode läuft drei Jahre
vom 1. April 2012 bis zum 31. März 2015 und soll
insgesamt 6,686 MTOE einsparen. Die Erfahrungen
der ersten Phase werden dann in die Gestaltung
der nächsten Phase einfliessen. Es ist möglich,
dass dann die Grenzwerte, ab der Unternehmen
unter dem Schema erfasst sind, gesenkt werden
(und somit dann deutlich mehr Unternehmen Ziele
erfüllen müssen) und dass das Schema auf andere
energieintensive Sektoren wie z. B. Zuckerproduktion, Automobilbau, gewerblich genutzte Gebäude
sowie die petrochemische Industrie ausgedehnt
wird. Siehe Abb. 26: Nationale Energiesparziele
unter PAT (2012–15).
Abb. 26: Nationale Energiesparziele
unter PAT (2012–15)
Energiepolitik | Energiemarktstudie Indien
53
4.4 Indien in internationalen Foren
Indien hat seit April 1998 ein Kooperationsabkommen mit der International Energy Agency (IEA).
Diese Kooperation soll Indien dabei helfen, eine
markwirtschaftlichere Energiewirtschaft aufzubauen und bessere statistische Daten über die
Energienutzung zu gewinnen. Auch im Bereich der
Energieeffizienz und des Umweltschutzes will man
zusammenarbeiten. Die Kooperation sieht auch einen hochrangigen politischen Dialog zwischen Indien und der IEA zu Energiethemen vor.168 Indien ist
außerdem Mitglied des World Energy Council, der
Forschung und Informationsaustausch zwischen
Mitgliedsländern koordiniert.169
Seit 2009 ist Indien offizielles Mitglied der International Renewable Energy Agency (IRENA) und
unterstützt damit den Auftrag der IRENA, weltweit
möglichst schnell von fossilen auf erneuerbare
Energieträger umzustellen.170 Zudem ist das Land
ein Unterzeichner der United Nations Framework
Convention on Climate Change (UNFCCC)171 sowie
Mitglied des International Partnership for Energy
Efficiency Cooperation (IPEEC).172 Bei den internationalen Klimaverhandlungen sieht sich Indien in
der informellen Rolle eines Sprechers der G77 Entwicklungsstaaten.
zialistischen Erbe als marktferner und etatistischer
als die BJP. Allerdings haben beide Parteien (und
die meisten ihrer kleineren Koalitionspartner) erkannt, dass eine Liberalisierung der Energie- und
Stromwirtschaft unumgänglich ist, um die steigende Nachfrage decken zu können. Erneuerbare
Energien werden von verschiedenen Parteien unter rein pragmatischen Gesichtspunkten betrachtet. Entwicklungspolitische Ziele haben immer
Vorrang vor umweltpolitischen Zielen. In den letzten Jahren haben aus der Kongress-geführten Regierung besonders zwei Politiker mit einer aktiven
Klimapolitik auf sich aufmerksam gemacht: der
Premierminister Manmohan Singh, der den National Action Plan on Climate Change auf den Weg
brachte und der ehemalige Umweltminister Jairam
Ramesh, der Indien eine aktivere, konstruktivere
Position bei den Klimaverhandlungen gegeben hat.
Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Partei Die
Grünen / Bündnis 90 eine Vorreiterrolle in der
Energiepolitik gespielt hat, gibt es in Indien keine
klare politische Positionierung einer Partei entlang energiepolitischer Linien. Es existieren nur
zwei überregionale Volksparteien, die eine nationale Energiestrategie überhaupt in Erwägung ziehen
würden: die Kongresspartei und die Bharatiya Janata Party (BJP). Grundsätzlich gilt die Kongresspartei, unter deren Führung die Energie- und
Stromindustrie verstaatlicht wurde, mit ihrem so-
Außerhalb der politischen Welt spielt vor allem
Rajendra Pachauri eine Rolle. Pachauri ist Vorsitzender des Intergovernmental Panel on Climate
Change (IPCC), Direktor des Energy Research Institutes (TERI) und Mitglied des Councils on Climate Change des Premierministers.173 Ashok Khosla ist ein
weiterer Meinungsführer. Er ist Mitglied des Club
of Rome und Gründer der NGO Development Alternatives, die einen neuen, schonenden Umgang
mit Ressourcen propagiert.174 Sowohl Pachauri als
auch Khosla gehören zu den frühen Mahnern in
Sachen Klimawandel. Etwas außerhalb des Mainstream agieren zwei dynamische Frauen: Arundhati Roy und Vandana Shiva. Roy, Autorin des Weltbestsellers „Der Gott der Kleinen Dinge“, ist eine
führende Umweltaktivistin in Indien, die sich besonders den Wäldern verschrieben hat. Auch Shiva setzt sich stark für die Wälder Indiens ein. Sie
war Mitbegründerin der gewaltlosen Chipko-Bewegung in den 1970er Jahren, die hauptsächlich
aus Frauen bestand, die menschliche Schutzkreise
um Bäume gebildet haben. Heute engagiert sie
sich besonders für die Bevölkerungsschichten, die
unter der fortschreitenden Industrialisierung des
Landes leiden.
International Energy Agency, Website (http://bit.ly/1dNdOYq).
World Energy Council, Website (http://bit.ly/1amqgfp).
170
International Renewable Energy Agency,
Website (http://bit.ly/18e1qvI).
171
UNFCCC, Website (http://bit.ly/19eyyAM).
172
International Partnership for Energy Efficient Cooperation,
Website (http://bit.ly/16iVhgU).
173
The Energy Research Institute,
Website (http://bit.ly/IIMWLw).
174
Development Alternatives, Website (http://bit.ly/187xCDd).
4.5 Parteien, Meinungsführer,
Organisationen
168
169
54
Energiemarktstudie Indien | Energiepolitik
Die wichtigsten Institutionen sind das Energy Research Institut (TERI)175 und das Center for Science
and Environment (CSE).176 Beide Institute mit Sitz
in Neu Delhi befassen sich mit Fragen der nachhaltigen Entwicklung. TERI arbeitet oft mit der indischen Regierung, besonders mit dem Ministry
of New and Renewable Resources, zusammen,
während CSE sich mehr als zivilgesellschaftlicher
Meinungsführer sieht. Eine interessante neue Organisation ist das India Youth Climate Network (IYCL)177, das ein loser Zusammenschluss von Gruppen junger, an Umweltfragen interessierter Inder
ist. Das IYCL hat bereits einige Aufsehen erregende
Initiativen gestartet. Ein Beispiel war ein Climate
Roadtrip, bei dem etwa zehn Mitglieder mit Solar
und Pflanzenöl betriebene Autos Anfang 2009 in
mehreren Wochen von Bangalore nach Delhi gefahren haben und dabei Umweltlösungen gesucht
und gesammelt haben. In Delhi wurden sie von der
damaligen indischen Präsidentin Prathiba Patil in
Empfang genommen. Die nationale und internationale Presse hat über den Roadtrip berichtet. Ein
weiterer Meinungsführer ist die Prayas Energy
Group, ein Think Tank aus Pune, der sich mit regulatorischen und technischen Fragestellungen der
Stromversorgung auseinandersetzt.178
175
The Energy Research Institute, Website
(http://bit.ly/IIMWLw).
176
Center for Science and Environment, Website
(http://bit.ly/1c8Lqcl).
177
India Youth Climate Network, Website
(http://bit.ly/1dNdFUO).
178
Prayas Energy Group, Website
(http://bit.ly/1ciWRSo).
Energiepolitik | Energiemarktstudie Indien
55
5
Übertragungs- und
Verteilungsnetz
Im März 2009 umfasste das indische Stromnetz
etwa 7,43 Millionen Netzkilometer (ckm) und erreichte eine Gesamtübertragungskapazität von
836.971 Megavoltampere (MVA). Während 2002
noch 122 Millionen Endkunden beliefert wurden,
waren es 2009 bereits 152 Millionen. Die gängigen
Betriebsspannungen sind 33 kV, 22 kV, 11 kV, 400 /
230 Volt neben 6,6 kV, 3,3 kV und 2,2 kV. Das indische Niederspannungsnetz hat ein 3-phasiges
4-Leitungssystem, das 400 / 420 Volt zwischen zwei
Arbeitstakten und 230 / 240 Volt zwischen Arbeitstakt und Leerlaufstellung erzeugt.179
In den vergangenen Jahren wurde bei weitem nicht
so viel in die Übertragungs- und Verteilungsnetze
investiert, wie in die Stromerzeugung. Nichtsdestotrotz hat sich das Übertragungsnetz deutlich verbessert, während das Verteilungsnetz jedoch noch
Verbesserungsbedarf aufweist. Der 11. Fünfjahresplan (2007–2012) sah vor, dass das Hochspannungsnetz um rund 95.000 ckm und über 178.000
MVA Umspannkapazität erweitert wird. Im Niederspannungsbereich sollten 3.253.773 ckm und
214.000 MVA Umspannkapazität hinzukommen.
2010 veröffentlichte Indien einen Grid Code.180
dass die Investitionen in den Ausbau des Übertragungsnetzwerkes nach wie vor nicht ausreichen.
Stattdessen wurde stärker in den Ausbau der Stromerzeugung investiert, was jedoch immer wieder
zu Engpässen bei der Evakuierung des erzeugten
Stromes führt. Das staatliche Netzentwicklungsprogramm fordert eine interregionale Leistungsfähigkeit von 58.700 MW bis 2015. Falls dieser Plan
erfolgreich durchgeführt wird, sollte die überregionale Übertragung kein Hemmnis mehr darstellen. Regulierungsbehörden und Übertragungsgesellschaften konnten während der letzten Jahre
eine Verbesserung hinsichtlich des Frequenz- und
Spannungsverlaufs erzielen. Dies ist besonders auf
die Einführung von verfügbarkeitsbasierten Tarifen
(Availibility-Based-Tariffs, ABT) zurückzuführen.182
Siehe Abb. 26: Das indische Hochspannungsnetz
(> 400 kV, 2011).183
Abb. 27: Das indische Hochspannungsnetz (> 400 kV, 2011)
5.1 Das Hochspannungsnetz
Im September 2013 verfügte Indiens Übertragungsnetz über eine Länge von 27.488 ckm mit
über 473.216 Schaltanlagen von mehr als 220
kV.181 Das Übertragungsnetz (mit einer Spannung
von mindestens 220 kV) wuchs zwischen 2007 und
2012 mit 6,7% pro Jahr. Die überregionale Übertragungsleistung stieg dabei von 5.050 MW im Jahr
2002 auf 27.950 MW im Jahr 2012. Ziel war allerdings in diesem Zeitraum mit einem jährlichen
Wachstum von 14%, 37.150 MW zu erreichen. Dass
das Ziel um knapp 10 GW verfehlt wurde, zeigt,
CEA, Website, August 2009.
MoP, Electricity Grid Code (http://bit.ly/1bizp2X).
181
Impetus to T&D, Powerline, Juni 2013.
179
180
56
Energiemarktstudie Indien | Übertragungs- und Verteilungsnetz
182
183
Power Grid, Tata Power, Jahresbericht, 2009 (http://bit.ly/IVHlAJ).
GENI, Global Energy Network Institute, August 2009.
In Indien gibt es fünf regionale Stromnetze (das nördliche, das westliche, das südliche, das östliche und
das nordöstliche), die untereinander durch Hochspannungsgleichstromleitungen verbunden sind.
Die Power Grid Corporation of India Ltd. (PGCIL) ist
das wichtigste Stromübertragungsunternehmen
(central transmission utility, CTU) des Landes. Es
ist verantwortlich für die Planung und die Entwicklung der nationalen und der regionalen Übertragungssysteme sowie für die Koordination mit den
bundesstaatlichen Stromübertragungsunternehmen (state transmission utilities, STUs).
Zudem ist die PGCIL für die Übertragungsnetze in
den verschiedenen, direkt aus Delhi regierten Union Territories und für eine einheitliche Umsetzung
des indischen Übertragungsnetzes, gemäß des
„National Electricity Plan“184, verantwortlich. Am
1. Januar 2014 wurden die fünf regionalen Netze
verbunden und operieren nun als ein indienweites
einheitliches Netz.
Das National Load Dispatch Center (NLDC) der
Power System Operation Corporation Ltd. (POSOCO)
überwacht das intra-regionale Netz und die Regional Load Dispatch Centers (RLDCs). Es ist verantwortlich für die Netzqualität und Sicherheit.185
Es gibt fünf RLDCs für das südliche, das östliche,
das nordöstliche, das nördliche und das westliche
Netz. Diese wiederum koordinieren die diversen
State Load Dispatch Centers (SLDCs). Siehe Tabelle
8: Installierte Hochspannungsleitungen und Umspannwerke in Indien (März 2013).186
185
184
National Electricity Plan 2012 (http://bit.ly/1dLJTyL).
186
National Load Dispatch Center, Website (http://bit.ly/1du8zbB).
CEA, Monthly Report, März 2013 (http://bit.ly/1fNOD86).
Tabelle 8: Installierte Hochspannungsleitungen und Umspannwerke in Indien (März 2013)
Hochspannungsleitungen
(ckm)
Zentralstaat
Bundesstaaten
Privatwirtschaft
Insgesamt
765 kV
6.048
411
0
6.459
400 kV
76.534
33.276
8.370
118.180
220 kV
10.474
129.213
830
140.517
+/- 500 kV HVDC Lines
5.948
1.504
1.980
9.432
Umspannwerke (MVA)
Zentralstaat
Bundesstaaten
Privatwirtschaft
Insgesamt
765 kV
48.000
1.000
0
49.000
400 kV
85.165
82.027
630
167.822
220 kV
7.716
233.611
1.567
242.894
BTN Stn. Converter
Terminal
9.500
1.500
2.500
13.500
Übertragungs- und Verteilungsnetz | Energiemarktstudie Indien
57
5.2 Herausforderungen im
Hochspannungsnetz
Die Hauptlast im indischen Netz liegt am Abend,
mit einem sehr steilen Anstieg zwischen 18 und
19 Uhr. Außerdem muss das Netz die landwirtschaftliche Last regeln. Zu bestimmten Zeiten (typischerweise am Morgen) werden einige Stunden
lang Landwirte mit Strom, meist für die Bewässerung, versorgt. In diesen Zeiten werden Städte oft
unterversorgt. Siehe Abb. 28: Typische Lastenkurve an einem Tag in Indien.187
Wie verwundbar das indische Übertragungsnetz
ist, zeigte sich am 30. und 31. Juli 2012, als Indien über zwei Tage hinweg Zeuge eines kompletten
Kollapses des nördlichen Netzes wurde. Etwa die
Hälfte der indischen Netzstromverbraucher waren
davon betroffen. Der Zwischenfall gilt als der größte Stromausfall der Geschichte. Im monatlichen
Bericht des NLDC wird der genaue technische
Ablauf der Ereignisse widergegeben.188 Die unmittelbare Ursache war, dass mehrere Bundesstaaten mehr Strom aus dem Netz beziehen wollten
als ihnen zugeteilt war und dadurch das Übertragungsnetz zwischen den Bundesstaaten zusammengebrochen ist. Der zusätzliche Strombedarf
wurde teilweise auf Wassermangel aufgrund eines
schlechten Monsuns und den dadurch erhöhten
Stromverbrauch elektrischer Wasserpumpen zurückgeführt.189
Momentan befindet sich das indische Energienetz
in einer Phase grundlegender Neuerungen, die
eine Vielzahl von ehrgeizigen Zielen mit sich bringt:
National Load Dispatch Center, Monthly Report, Juli 2012
(http://bit.ly/1aBAFhG).
189
Siehe auch die Analyse: “Northern Grid Power Failure:
What Went Wrong? (http://bit.ly/1hzlHBk).
188
National Load Dispatch Center; PowerGrid Report
“Transmission Plan for Envisaged Renewable Capacity”, p. 7
(http://bit.ly/192hGRr).
187
Abb. 28: Typische Lastenkurve an einem Tag in Indien
58
Energiemarktstudie Indien | Übertragungs- und Verteilungsnetz
•Eine vollständige und synchrone Eingliederung
des südlichen Netzes in das gesamtindische
Netz bis Januar 2014,
•die Aufrüstung der 400 kV Leitungen zu 765 kV,
•die Entwicklung eines 1.200 kV Ultrahochleistungswechselstromnetzes, das ein bereits bestehendes 400 / 765 kV Netz überlagern soll. Das
neue Netz soll große Stromladungen über lange
Strecken und durch Engpässe transportieren,
•neue, großangelegte Übertragungsprojekte sollen lanciert werden. Diese sollen mittels Ausschreibung und auf Grundlage des geringsten
angebotenen Durchleitungsentgelts vergeben
werden und
•im Nordosten soll die Netzkapazität stark ausgebaut werden, um das große Wasserkraftpotenzial
besser nutzen zu können.
5.2.1Die „Green Energy Corridors“
Bis 2017 sollen neue „Green Energy Corridors“ für
den Transport von Strom aus erneuerbaren Quellen gebaut werden. Hierfür will Indien über 400
Milliarden Rupien (5 Milliarden Euro) investieren.
Der Ansatz wird von Deutschland über die KfW mit
bis zu 1 Milliarde Euro an zinsvergünstigten Krediten und über die GIZ mit 10 Millionen Euro für technische Unterstützung gefördert190. Die Korridore
sollen die im 12. Fünfjahresplan geplanten Solar-,
Wasserkraft- und Windstromkapazitäten aus den
folgenden, ressourcenreichen Bundesstaaten evakuieren können191:
•Tamil Nadu (12,4 GW Wind; 3 GW Solar)
•Andhra Pradesh (5,5 GW Wind)
•Karnataka (5 GW Wind)
•Gujarat (7,7 GW Wind; 2 GW Solar)
190
Press Information Bureau of India, 17. September 2013
(http://bit.ly/IJg70i).
191
Green Energy Corridors Report 2012 by Power Grid
Corporation of India (http://bit.ly/1f3jCKb).
•Maharashtra (11 GW Wind; 0,7 GW Solar)
•Rajasthan (4,1 GW Wind; 3,9 GW Solar)
•Himachal Pradesh (1,4 GW Wasserkraft)
•Jammu und Kashmir (0,5 GW Wasserkraft; 0,1
GW Solar)
Die Korridore sehen sowohl die Verstärkung und
den Ausbau existierender Netze als auch den Bau
neuer Netze (meist Gleichstromleitungen) vor. Zusätzliche Maßnahmen sollen die Variabilität von
Wind- und Solarstrom in den Griff bekommen. Die
PowerGrid Corporation empfiehlt, die Stromerzeugung genauer vorherzusagen, die Netze stärker zu
kontrollieren, Speichermöglichkeiten zu schaffen
und die Stromnachfrage zu managen. Neue Renewable Energy Management Centers (REMC) sollen
die Load Dispatch Centers unterstützen.192
Die Schaffung eines ausreichend großen und starken Netzes, in dem sich die erneuerbaren Energien
an vielen, weit verbreiteten und entfernten Standorten gut ergänzen können, ist in Indien womöglich
einfacher zu erreichen als im ähnlich großen Europa (ganz zu schweigen von der Mittelmeerregion
oder Nordafrika), da Indien als ein Land regiert
wird und über landesweite Organisationen verfügt,
die ein solches Netz umsetzen können. Die erneuerbaren Ressourcen und die Lastzentren sind gut
über das Land verteilt (anders als zum Beispiel in
China). Der sehr große landwirtschaftliche Strombedarf zur Bewässerung könnte als Puffer bzw.
Speicher eingesetzt werden. Siehe Abb. 29: Geplante Stromevakuierung von erneuerbaren Energien bis 2030.193
192
National Load Dispatch Center; Power Grid Report, “
Transmission Plan for Envisaged Renewable Capacity”, p. 11
(http://bit.ly/192hGRr).
193
National Load Dispatch Center; PowerGrid Report,
“Transmission Plan for Envisaged Renewable Capacity”, p. 7
(http://bit.ly/192hGRr).
Übertragungs- und Verteilungsnetz | Energiemarktstudie Indien
59
Abb. 29: Geplante Stromevakuierung von erneuerbaren Energien bis 2030
60
Energiemarktstudie Indien | Übertragungs- und Verteilungsnetz
5.2.2Der öffentliche Sektor
(CPU und SPUs)
Ungefähr 45% des indischen Stromes läuft durch
das Hochspannungsnetz der PGCIL. Das Unternehmen verfügt über ein Netz mit 102.109 ckm
und 172 Umspannwerke für hohe Spannungen bei
Gleich- und Wechselstrom (Extra High Voltage Alternating Current (EHVAC) und High Voltage Direct
Current (HVDC)) mit einer Umspannkapazität von
172.378 MVA. Das Netz weist eine Verfügbarkeit
von über 99% auf.194
Die verschiedenen Übertragungsunternehmen der
Bundesstaaten (SPUs) wie die Mahatransco in Maharashtra, leiten den Großteil von Indiens Strom
über ihre Hochspannungsleitungen. Die Stärke der
SPUs ist das 220 kV Segment, in dem sie 92% der
Netzleitungsstrecke und 96% der Umspannwerke
zur Verfügung stellen.195 Während die PGCIL in den
letzten Jahren in seine Netze investiert hat, bleiben die STUs chronisch unterfinanziert. Die Übertragungsinfrastruktur vieler STUs ist mehr als 30
Jahre alt und bedarf dringender Renovierungen,
wenn sie nicht sogar ganz ersetzt werden muss.
Zusätzlich muss die bestehende Infrastruktur erweitert werden.196
5.2.3 Der Privatsektor
Der Stromübertragungsmarkt wurde in den späten
1990er Jahren für Wettbewerb und private Investitionen geöffnet. In einer Reihe von strukturellen
Reformen wurden die State Electricity Boards entflochten („Unbundling“). Aber erst seit dem Electricity Act (2003) ist der Übertragungsmarkt verstärkt in den Fokus privater Investoren geraten.197
Ein großer Teil der Investitionen in neue Netzübertragungskapazitäten soll über neu entwickelte,
große Übertragungsprojekte privater Unternehmen abgewickelt werden. Diesen Projekten wird
ein Ausschreibungsverfahren zugrunde gelegt, das
auf dem besten angebotenen Durchleitungstarif
194
PGCIL, Website. (http://bit.ly/1bBGDRK) PGCIL ist auch in
die Telekommunikationsindustrie eingestiegen und hat bereits
20.000 km Glasfaserkabel verlegt.
195
CEA, Monthly report, March 2013 (http://bit.ly/16l43eo).
196
Impetus to T&D, Power Line, Juni 2009.
197
11th Five Year Plan (2007–2012); Planning Commission of
India; CEA; Tata Power, Jahresbericht, August 2009.
basiert. Sie sind vergleichbar mit den Großprojekten (Ultra Mega Power Projects) auf der Stromerzeugungsseite. Die Power Finance Corporation Ltd.
(PFC) und die Rural Electrification Corporation Ltd.
(REC) sind für die Ausschreibung verantwortlich.
Das erste Ausschreibungsverfahren für eine 400
kV, 500 km Übertragungsstrecke, um 1.200 MW
Strom aus dem Nordosten Indiens zu evakuieren,
wurde im September 2009 von Sterlite Industries
(Vedanta Group) gewonnen. Das 13 Milliarden Rupien (173 Millionen Euro) teure Vorzeigeprojekt
„Western Region System Strengthening Scheme“
von Reliance Infrastructure, sollte im März 2013
fertiggestellt werden, verzögerte sich allerdings.
Insgesamt werden derzeit 12 Projekte von privaten
Investoren gebaut. Sterlite investierte dabei 30 Milliarden Rupien (375 Millionen Euro) und Reliance
Infrastructure 25 Milliarden Rupien (313 Millionen
Euro). Ein kleineres Projekt wird von einem Konsortium um Patel Engineering gebaut.198
Trotz dieser neuen Initiativen bestehen aber noch
Hemmnisse für private Investitionen. Zum einen
wird der Markt noch als nicht fair und frei wahrgenommen, so lange die öffentlichen Unternehmen
Durchleitungsgebühren auf einer Basis von „Kosten plus Marge“ festsetzen, während die privaten
Anbieter einem Bieterwettbewerb unterzogen
werden. Zum anderen ist die Logik, nach der die
Regierung ein bestimmtes Portfolio an möglichen
privatwirtschaftlichen Projekten zusammengestellt hat, weder verständlich noch transparent.
Darüber hinaus kam es zu außergewöhnlich langen Verzögerungen bei der Zusammenstellung der
Ausschreibungsunterlagen für privatwirtschaftliche Projekte.199
5.3.4Stromhandel
Stromhandel erlaubt es Stromerzeugern, -verbrauchern und -händlern, zu jedem Zeitpunkt und
auf Basis des gültigen Marktpreises Strom zu kaufen und zu verkaufen. Der organisierte Stromhandel wurde in Indien mit dem Electricity Act (2003)
initiiert, der allen Erzeugern, Verbrauchern und
Verteilern sowie Händlern einen gleichwertigen,
198
199
Impetus to T&D, Power Line, Juni 2013.
Impetus to T&D, Power Line, Juni 2009.
Übertragungs- und Verteilungsnetz | Energiemarktstudie Indien
61
offenen Marktzugang zugesprochen hat. Die staatliche Power Trading Corporation of India (PTC) ist
der wichtigste Stromhändler. PTC wurde 1999 von
der Zentralregierung mit dem Auftrag, als einzelner Vertragspartner für Stromabnahmeverträge
(PPAs) gegenüber großen neuen Kraftwerksbetreibern zu fungieren, gegründet.200 Die Tata Power
Trading Company Ltd. (TPTCL) ist das erste privatwirtschaftliche Unternehmen, dem im Juni 2004
eine Stromhandelslizenz von der zentralen Elektrizitätsbehörde CERC verliehen wurde. Anfang 2013
gab es 45 lizensierte Stromhändler, von denen
aber nur 20 tatsächlich Strom handeln. Die aktivsten Unternehmen sind neben der PTC und TPTCL
die NTPC Vidyut Vyapar Nigam Ltd. (ein Tochterunternehmen der staatlichen National Thermal Power Corporation), Reliance Energy Trading Ltd. und
JSW Power Trading Company Ltd. die gemeinsam
etwa 75% des Handels abwickeln. In den letzten
Jahren sind die Gewinnspannen gesunken, da die
Verkaufspreise zwischen 2008 und 2013 von über
7 auf unter 4,5 Rupien pro kWh (0,06 Euro) gefallen sind. Aus diesem Grund haben sechs Händler
2013 ihre Lizenz zurückgegeben und 15 weitere
haben ihre Lizenzen aufgrund von nicht gezahlten
Gebühren verloren.201 Im Finanzjahr 2012–13 (von
April bis März) wurden 59.660 Millionen kWh Strom
gehandelt. Das entsprach etwa 6% des erzeugten
Stroms.202
Um dem Stromhandel einen weiteren Impuls zu
geben, hat die CERC Richtlinien für die Gründung
und den Betrieb von elektronischen Strombörsen entwickelt. Die Indian Energy Exchange Ltd.
(IEX), die unter anderem Tata Power als Großaktionär hat, war im Juni 2008 die erste Strombörse. Die Power Exchange of India Ltd. (PXI), die
zweite Strombörse, wird von der National Stock
Exchange of India Ltd. und der National Commodity and Derivatives Exchange Ltd. betrieben.
Sie nahm im Oktober 2008 den Handel auf. Im
Finanzjahr 2012–13 wurden über die IEX 22.350
und über die PXI 680 Millionen kWh gehandelt.203
Indiacore, Overview of the Power Sector in India, 2008.
Business Standard, News, (http://bit.ly/1aocclA).
202
CERC, Report on short term power market in India 2013
(http://bit.ly/1aCeI3V).
203
CERC, Report on short term power market in India 2013
(http://bit.ly/1aCeI3V).
200
5.3Stromverteilung
Das Verteilungsnetz wuchs zwischen 2002 und
2008 von 5,73 auf 6,61 Millionen ckm und sollte bis
2012 7,58 Millionen ckm erreichen. 2002 wurden
noch etwa 122 Millionen Endkunden versorgt; 2009
waren es bereits 152 Millionen.204 Die gängigen
Betriebsspannungen betragen 33 kV, 22 kV, 11 kV,
400 / 230 Volt neben 6,6 kV, 3,3 kV und 2,2 kV. Das
indische Niedrigspannungsnetz hat ein 3-phasiges
4-Leitungssystem, das 400 / 420 Volt zwischen zwei
Arbeitstakten und 230 / 240 Volt zwischen Arbeitstakt und Leerlaufstellung überträgt.
Um wirtschaftlich zu werden und allen Verbrauchern eine stabile Stromversorgung zu garantieren, muss das Verteilungsnetz noch stark reformiert und verbessert werden. Grundsätzlich gilt,
dass die indischen Netze insbesondere auf der
Endverteilerebene technisch unzureichend und
für die erforderlichen Kapazitäten nicht ausgelegt
sind, was zu Stromausfällen und -schwankungen
führt. In der Vergangenheit wurde das Niederspannungsnetz bei den Investitionen im Vergleich
zum Hochspannungsnetz stark vernachlässigt und
Investitionen in das Stromnetz liegen insgesamt
deutlich hinter denen in die Stromerzeugung. Dieses Ungleichgewicht wird langsam ausgeglichen,
jedoch bleibt die Unterfinanzierung des Niederspannungsnetzes eklatant.205
5.3.1Übertragungsverluste
Übertragungsverluste (aggregate technical and
commercial (AT&C) losses) entstehen auf der technischen Seite (bei Überlastung oder Beschädigung
der Netze) sowie auf der Marktseite. Letztere kommen durch fehlerhaftes Ablesen, mangelnde Zahlungsmoral der Kunden und illegales Anzapfen der
Leitungen (Stromdiebstahl) zustande.
Diese Verluste sind eines der größten Probleme
des indischen Stromsektors. Anfang 2000 betrugen sie noch zwischen 30% und 40% der Gesamtmenge. Bis zum Jahr 2005 wurde dies immerhin
auf rund 30% reduziert. 2011 liegen die Verluste
201
62
Energiemarktstudie Indien | Übertragungs- und Verteilungsnetz
CEA, Website, 2009; Aktuellere Daten nicht verfügbar.
Indiacore, Overview of Power Sector in India, 2008; Impetus
to T&D, Power Line, Juni 2009.
204
205
bei durchschnittlich 26%. Die Verlustraten variieren deutlich zwischen den einzelnen Bundesstaaten. In Delhi, Kerala, Andhra Pradesh und Goa
liegen sie bereits unter 20%. Die meisten anderen
Staaten befinden sich im Bereich zwischen 20%
und 30%. In West Bengal, Haryana, Chhattisgarh
und Rajasthan bewegen sie sich zwischen 30% und
40%. In Arunachal Pradesh, Bihar, Uttar Pradesh
und Jharkhand überschreiten sie sogar deutlich
die 40%-Marke. Da die Ablesung des Stromverbrauchs und flächendeckende Energieaudits noch
nicht vollständig durchgeführt bzw. abgeschlossen
sind, bleiben die Zahlen über die Höhe des Verlustes ungenau.206 Der 12. Fünfjahresplan hat das Ziel,
die Verluste auf durchschnittlich 15% zu senken.207
In der Vergangenheit gab es eine ganze Reihe von
Maßnahmen zur Eindämmung der Übertragungsverluste, die erfolgreich waren. Erstens sind besonders die städtischen und industriellen Verbraucher, aber auch einige ländliche Verbraucher oft
dazu bereit, für eine verlässliche Energieversorgung einen Aufpreis zu zahlen. Dies trifft vor allem
dann zu, wenn dieser Aufpreis für sie geringere
Kosten als eine Notstromlösung verursacht. Mumbai, wo bereits ein solches Aufpreis-System etabliert ist, hat das ganze Jahr hindurch eine nahezu
unterbrechungsfreie Stromversorgung. Zweitens
sollte der landwirtschaftliche Stromverbrauch von
der restlichen Nachfrage getrennt, gesondert analysiert und optimiert werden. In Gujarat wurde dies
erfolgreich umgesetzt, was dazu geführt hat, dass
die Übertragungsverluste von 30% (im Finanzjahr
2004–2005) auf unter 20% im Jahr 2009 gesenkt
werden konnten. Drittens hat die Privatisierung
von Verteilungsnetzen positive Ergebnisse erzielt.
So konnte beispielsweise die North Delhi Power
Ltd. nach ihrer Privatisierung, eine Verminderung
der Stromverluste von 48% auf 18% innerhalb von
sechs Jahren aufweisen. Dies wurde durch nachhaltige und ökonomische Investitionen in das Netz,
breitgefächerte Bemühungen zur Minderung des
Energiediebstahls, elektronische Ablesesysteme
sowie ein computergesteuertes Verwaltungssystem erreicht.208
206
Press Release, “Measures to reduce AT&C Losses“, Press
Information Bureau, März 2013 (http://bit.ly/1itFwpC).
207
The Planning Commission of India, 12th Five Year Plan
(http://bit.ly/HpF1BL).
208
Verschiedene Medienberichte; McKinsey, Powering India:
the Road to 2017, 2009 (http://bit.ly/1gjaAwa).
5.3.2Das R-APDRP-Programm
Unter den politisch motivierten, unwirtschaftlichen Geschäftsbedingungen der Stromversorgung in Indien mussten besonders die Stromverteilungsunternehmen leiden. Lange Zeit waren
Investitionen in die Verteilungsnetze sehr niedrig,
was zu einer allgemein geringen und fallenden
Netzqualität mit hohen Stromverlusten führte. Um
dieses Problem anzugehen, führte die Zentralregierung im Jahr 2008 eine 500 Milliarden Rupien
(6,25 Milliarden Euro) hohe Finanzierungshilfe, das
Restructured Accelerated Power Development and
Reform Programme (R-APDRP), ein. Trotz großer
Anstrengungen und mehreren Tausend einzelnen
Projekten, ist das Programm nur bedingt erfolgreich.209 Die Verluste sind nach wie vor hoch. In
einigen Bundesländern, besonders im Norden und
Osten Indiens, sind sie sogar gestiegen.210
Um dem Programm erneut Auftrieb zu verleihen,
könnten die Auswahlkriterien umgestaltet werden,
um so eine breitere Basis an Handlungsmöglichkeiten zu schaffen: Landwirtschaftliche Stromversorgung könnte separat betrachtet werden, staatliche Elektrizitätsunternehmen könnten privatisiert
werden, nicht-landwirtschaftliche Versorgung
könnte besser gemessen werden und der Marktzugang für private Anbieter könnte erleichtert werden. Das momentane System von Subventionen
und Darlehen könnte erfolgsbasiert sein: Darlehen würden dann nur in Subventionen umwandelt,
wenn die Übertragungsverluste auf bestimmte
Zielwerte reduziert werden konnten. Diese Zielwerte könnten relativ zur Höhe der ursprünglichen
Verluste vorgegeben werden. Stromverteilungsunternehmen, die eine hohe Verlustrate aufweisen,
könnten ehrgeizigere Ziele zur Reduktion bekommen, als solche, die ohnehin schon geringere Werte aufweisen.
209
The Planning Commission of India, 12th Five Year Plan
(http://bit.ly/HpF1BL); CEA (http://bit.ly/HpHHiW).
210
Press Release, “Measures to reduce AT&C Losses“, Press
Information Bureau March 2013 (http://bit.ly/1itFwpC).
Übertragungs- und Verteilungsnetz | Energiemarktstudie Indien
63
5.2.3Ländliche Elektrifizierung
Die Einführung und die Verbesserung einer ländlichen Verteilungsinfrastruktur wird seit 2005
durch die Regierungsinitiative Rajiv Gandhi Grameen Vdyutikaran Yogana (RGGVY) vorangetrieben.
Alle Dörfer sollen meist über einen Netzanschluss
elektrifiziert werden und alle Haushalte unter der
Armutsgrenze sollen umsonst angeschlossen werden. Im 10. Fünfjahresplan (2002–07) wurden 5,2
Millarden Rupien (65 Millionen Euro) hierfür bereitgestellt. Im 11. Fünfjahresplan (2007–12) waren
es 280 Milliarden Rupien (3,5 Milliarden Euro).
Bis September 2013 konnten, laut der CEA, von
den 112.795 zu elektrifizierenden Dörfern 107.615
(95%) an das Netz angeschlossen werden. Indienweit sind aktuell 561.374 von 593.732 Dörfern am
Netz.211 Ein großer Teil der übrigen Dörfer (z. B. in
entlegenen Tälern oder auf Inseln) soll über Insellösungen versorgt werden.
Allerdings ist die offizielle Elektrifizierungsrate
insofern eine irreführende Kennzahl, als dass sie
nichts darüber aussagt, wie viele der einzelnen
Haushalte innerhalb der Dörfer tatsächlich einen
Stromanschluss haben und ob tatsächlich auch
Strom durch die Leitungen fließt. So gaben im Census of India von 2011 nur 67% der befragten Haushalte an, Strom zur Beleuchtung zu nutzen. 31%
nutzten Kerosin.212
nahme privater Akteure zu öffnen. Ein denkbares
Szenario ist die Einführung von Franchise-Modellen, in denen Privatunternehmen Netze betreiben,
die aber weiterhin dem öffentlichen Sektor gehören.213
5.4 Marktchancen für deutsche
Unternehmen
Der Investitionsbedarf für den Zeitraum von 2008
bis 2017 im indischen Übertragungs- und Verteilungsmarkt wurde auf rund 19,2 Billionen Rupien
(240 Milliarden Euro) geschätzt. Im Gegenzug bietet
er Gewinnchancen (EBITDA) von 3,2 bis 3,8 Billionen Rupien (40–48 Milliarden Euro). Davon werden
rund 2 Billionen Rupien (24 Milliarden Euro) auf die
technische Entwicklung, die Beschaffung und den
Bau von Netzen entfallen. Dies eröffnet deutschen
Unternehmen, die Produkte für das Stromnetz
anbieten, interessante Marktchancen. Die Wachstumsraten in den Hauptausrüstungssegmenten
waren in der Vergangenheit hoch: der Verkauf von
Stromkabeln nahm 2008 um 21,2% und 2009 um
15,6% zu. Der Verkauf von großen Transformatoren stieg 2008 um 18,2% und 2009 sogar um 30,6%.
Im Finanzjahr 2008–2009 nahm der Vertrieb von
kleineren Transformatoren um 22% (2007–2008:
12,8%), von Schaltanlagen um 5<% (2007–2008:
/ Anlaufkondensatoren um
12,3%), von Kopplern 35,3%, von Ableiter- / Fernleitungsdraht um 33,6%
und von Trennschaltern um 20% zu.214
5.3.4Der Privatsektor
Es gibt nur eine begrenzte Anzahl privater Akteure
im Stromverteilungsmarkt. Tata Power beispielsweise betreibt sehr erfolgreich Verteilungsnetze in
Mumbai sowie, durch das Joint Venture mit der Regierung von Delhi, die Tata Delhi Distribution Ltd.
North Delhi Power Ltd. (NDPL), an 6 Millionen Kunden in Delhi. CESC betreibt ein Stromverteilungsnetz in und um Kalkutta. Reliance Infrastructure
verkauft Strom in Mumbai und Delhi. Es scheint
derzeit jedoch an politischem Willen zu mangeln,
den Verteilungsmarkt für eine größere Einfluss211
Central Electricity Authority, Progress Report of village electrification as on September 2013 (http://bit.ly/HpHHiW).
212
Census of India 2011, Source of Lighting, (http://bit.ly/19iqsai).
64
Energiemarktstudie Indien | Übertragungs- und Verteilungsnetz
Unternehmenswebsites und Medienberichte.
Powering India: The Road to 2017, McKinsey, 2009 (http://bit.
ly/1gjaAwa).
213
214
65
6
Thermische
Stromerzeugung
Die thermische Stromerzeugung stellt bei weitem
den größten Anteil der indischen Stromerzeugung
dar. Obwohl sich auch die Nutzung anderer Energiequellen, wie etwa Wasser-, Nuklear- oder erneuerbare Energie, immer weiter ausbreitet, wird
das größte Investitionsvolumen auch in Zukunft auf
die thermische Stromerzeugung entfallen. Es ist
sogar wahrscheinlich, dass der relative Zuwachs
an Investitionen hier drastischer als im gesamten
Rest des Stromsektors ausfallen wird. Dies wiederum wird zu einem höheren Anteil der thermischen
Stromerzeugung am gesamten indischen Energiemix führen. Ausschlaggebend hierfür sind die großen Kohlevorkommen im Land sowie die Tatsache,
dass sich die Technologie seit langem bewährt hat,
und dass es bereits erfolgreiche indische Unternehmen in diesem Sektor gibt.
Bis zur Öffnung der Stromwirtschaft für private
Investoren im Jahr 1991 war die thermische Stromerzeugung vollkommen in öffentlicher Hand. Es
dauerte noch bis zur Einführung von Marktmechanismen für den Verkauf von Strom durch den
Electricity Act des Jahres 2003, bis sich private Investoren in bedeutendem Ausmaß für den Sektor
interessierten. Heute macht die aggregierte private Stromerzeugung (thermische, Wasserkraft und
erneuerbare Energien) bereits 26 GW, bzw. 17%
der gesamten Kapazität von 156 GW aus.215 Ein
Ausblick in die Zukunft lässt vermuten, dass der
Trend hin zu einem größeren privaten Anteil in der
Stromerzeugung weitergehen wird: Von 2009 im
Bau befindlichen Kapazität von insgesamt 81 GW
wurden 22 GW bzw. 27% allein aus privater Hand
finanziert.216 Siehe Abb. 30: Stromerzeugung in Indien nach Sektoren (in GW, 2013).217
215
CEA, installed capacity as on September 2013
(http://bit.ly/18pLuJA).
216
R.V. Shahi: Energy Vision, Energia, September 2009.
217
CEA, installed capacity as on September 2013
(http://bit.ly/18pLuJA).
Abb. 30: Stromerzeugung in Indien nach Sektoren (in GW, 2013)
66
Energiemarktstudie Indien | Thermische Stromerzeugung
Trotz des verstärkten Engagements der Privatwirtschaft ist 2013 die thermische Stromherstellung
noch größtenteils in öffentlicher Hand. Die öffentlichen Kraftwerksbetreiber unterstehen entweder
der Zentralregierung (mit 51 GW, oder 33% Marktanteil) oder den Regierungen der einzelnen Bundesstaaten (mit 59 GW oder 38% Marktanteil).
Die meisten thermischen Kraftwerke liegen in den
Bundesstaaten Maharashtra (23 GW) und Gujarat
(21 GW) in der westlichen Region, in Uttar Pradesh
(11 GW) in der nördlichen Region, in Andhra Pradesh
(12 GW) und Tamil Nadu (10 GW) in der südlichen
Region und in Westbengalen (8 GW) in der östlichen
Region.218 Siehe Abb. 31: Thermische Kraftwerke in den Regionen Indiens (September 2013).219
R.V. Shahi: Energy Vision, Energia, September 2009.
CEA, installed capacity as on September 2013
(http://bit.ly/18pLuJA).
218
6.1
Der zentralstaatliche Sektor
Das wichtigste Stromerzeugungsunternehmen im
zentralstaatlichen Sektor ist die National Thermal
Power Corporation (NTPC). Mit einer thermischen
Gesamtkapazität von 35.972 MW (31.855 MW Kohle- und 3.657 MW Gaskraftwerke) ist sie auch der
größte einzelne Stromerzeuger in Indien. Die NTPC
ist in vielen Staaten tätig, aber die meisten Kraftwerke liegen in den nördlichen Kohleförderungsgegenden von Uttar Pradesh, Chhattisgarh, West
Bengalen, Odisha und Bihar wie auch in Andhra
Pradesh im Süden. Der Börsengang war im Jahr
2004. 2013 wurden rund 25% der Aktien öffentlich
gehandelt.220
Die Damodar Valley Corporation (DVC) wurde 1948
gegründet, um Wasserkraftwerke und thermische
Kraftwerke entlang des Flusses Damodar in Bihar
zu bauen. Heute verfügt die DVC über eine installier-
219
220
NTPC, Jahresbericht, 2013 (http://bit.ly/1gGIJTY).
Abb. 31: Thermische Kraftwerke in den Regionen Indiens (September 2013)
Thermische Stromerzeugung | Energiemarktstudie Indien
67
te Gesamtkapazität von 5.710 MW (von denen 390
MW nicht operativ sind). Die Neyveli Lignite Corporation (NLC) wurde gegründet, um Energieprojekte
auf Braunkohlebasis im südindischen Tamil Nadu
umzusetzen. Die NCL besitzt Kraftwerke mit einer
Gesamtkapazität von 2.740 MW. Die North-Eastern Power Corporation (NEEPCO) wurde mit der
Aufgabe betraut, die Stromerzeugung im Nordosten Indiens zu erhöhen. Diese Region ist aufgrund
ihrer prekären geographischen Lage – sie ist mit
dem Rest des Landes nur durch einen schmalen
Korridor von knapp 50km Breite verbunden – in
besonderem Maße auf lokale Stromerzeugung und
Entwicklungshilfe im Energiesektor angewiesen.
NEEPCO betreibt sowohl Wasserkraftwerke als
auch zwei thermische Kraftwerke. Letztere nutzen
Erdgas als Kraftstoff und haben eine Leistungsfähigkeit von 375 MW.221 Die Ratnagiri Gas and Power Private Ltd. (RGPPL) wurde 1956 gegründet.
Sie betreibt im Staat Maharashtra ein 1.967 MW
Gaskraftwerk mit einem Rückvergasungsblock
für importiertes Flüssigerdgas, welches aus dem
Nahen Osten (vor allem aus dem Iran) importiert
wird. Die RGPPL hat eine vielfältige Eigentümerstruktur: Die NTPC hält 28%, GAIL India ebenfalls
28%, das Maharashtra State Electricity Board 15%,
und eine Vielzahl öffentlicher Finanzinstitute die
restlichen 29% der Aktienanteile.222 Die weiteren
Unternehmen der Zentralregierung, die Tehri Hydro Development Corporation (THDC), die Satluj
Jal Vidyut Nigam Ltd (SJVNL) und das Bhakra Beas
Management Board (BBMB), sind auf die Stromerzeugung durch Wasserkraft spezialisiert.
6.2 Der bundesstaatliche Sektor
Auf staatlicher Ebene gibt es insgesamt 30 thermische Stromerzeuger. Die Größten unter ihnen
sind die Maharashtra State Power Generation Corporation (MAHAGENCO), mit einer installierten
Kapazität von 7.912 MW, Gujarat State Electricity
Corporation Ltd. (GSECL), mit einer installierten
Leistung von 5.119 MW, die Andhra Pradesh Power
Generation Corporation (APGENCO) mit 5.093, die
Uttar Pradesh Rajya Vidyut Utpadan Nigam Ltd.
(UPRVUNL), die einen Kraftwerkspark mit einer
Leistung von 4.933 MW besitzt und die West Ben221
222
68
NEEPCO, Website (http://bit.ly/1atdTdN).
RGPPL, Website (http://bit.ly/IQMafy).
Energiemarktstudie Indien | Thermische Stromerzeugung
gal Power Development Corporation (WBPDC), die
über eine installierte Leistung von 3.860 MW verfügt.223 Die meisten Bundesstaaten, mit Ausnahme
einiger kleinerer, besitzen ihre eigenen Stromerzeugungsunternehmen. Manche, wie z. B. Gujarat,
Westbengalen und Jharkand verfügen sogar über
mehr als eines.
6.3 Der private Sektor
In den vergangenen Jahren entwickelte sich ein
sehr dynamischer Privatsektor, der Schwergewichte wie etwa Tata Power, Reliance Power, Adani Power, Essar Energy, Jindal Steel and Power,
GMR, GVK, Torrent Power, Sterlite Energy (Vedanta Resources), Lanco Infratech, RPG Group (CESC
Power) aber auch eine Reihe von klein- und mittelständischen Unternehmen umfasst. Was die
Leistungsfähigkeit in der thermischen Stromerzeugung (Kohle, Gas, Diesel) betrifft, so ist der
Gesamtanteil der privaten Unternehmen mit 29%
(45 GW von insgesamt 156 GW) noch relativ gering.
Die Beteiligung privater Unternehmen am Marktgeschehen ist auch regional sehr unterschiedlich.
Der nördliche Teil Indiens, mit den großen Strom
produzierenden Unionsstaaten wie etwa Rajasthan, Uttar Pradesh und Punjab, hat bislang noch
kaum private Investitionen erfahren. Demgegenüber konnten Gujarat (56% Marktanteil, 12 GW Kapazität) und Maharashtra (36%, 8 GW) im Westen
sowie Odisha (62%, 3 GW) und Andhra Pradesh
(33%, 4 GW) im Süden, von großangelegten privaten Investitionsprojekten profitieren. Die Regierung des Bundesstaates Odisha, der über große
Kohlevorräte verfügt, versucht seit 2010 gezielt
private Investoren anzulocken und hat 27 MoUs für
mehr als 33 GW unterzeichnet. Die Projekte sind
noch nicht fertiggestellt. 19 verpassten wichtige Deadlines, 4 wurden komplett eingestellt.224 In
Gujarat hat die Power Generation Policy von 2009
sowie verhältnismäßig effiziente und transparente
Prozesse, private Investitionen angekurbelt.225 Der
Bundesstaat Maharashtra plant private Investoren
einzuladen, in schlecht laufende Kraftwerke (PLF
223
MAHAGENCO, Website (http://bit.ly/1dTJP13); GSECL,
Website (http://bit.ly/1gbB8iC); UPRVUNL, Website (http://
www.uprvunl.org/); WBPDC, Website (http://bit.ly/ITIA4f).
224
Business Standard, Dezember 2013 (http://bit.ly/1dS6VFh).
225
Business Standard, September 2012 (http://bit.ly/1dwBTiF);
Power Generation Policy 2009 (http://bit.ly/1dwCAIH).
geringer als 60%) zu investieren.226 Ob diese Kraftwerke allerdings mit vernünftigem Aufwand rehabilitiert werden können, ist zweifelhaft.
6.4 Kraftwerke für den freien
Stromhandel (merchant power
plants)
Um den indischen Stromsektor für private Investoren attraktiver zu gestalten, hat die Central Electricity Regulatory Commission (CERC) die Eigenkapitalrendite für Energieprojekte von 14% auf 16%
angehoben. Es wird erwartet, dass diverse State
Electricity Regulatory Commissions (SERCs) diesem Vorschlag folgen werden und überarbeitete
Tarifbestimmungen herausgeben werden.227 Eine
weitere treibende Kraft für private Investitionen
ist die Tatsache, dass die einzelnen Staaten aufgrund des anhaltenden Energiemangels und eines
marktwirtschaftlicheren regulatorischen Umfelds
im Energiesektor untereinander um Investoren
konkurrieren müssen.
Indien wird unter den derzeitigen Bedingungen
auch in den kommenden Jahren mit einem eklatanten Stromdefizit zu kämpfen haben. Da es sogar zu noch größeren Versorgungsengpässen zu
den Spitzenzeiten kommen wird, zeichnet sich momentan ein immer härterer Wettkampf zwischen
den einzelnen Staaten um Strom ab. Durch die Liberalisierung im Verkauf von Energie konkurrieren
jetzt jedoch nicht mehr nur die einzelnen Staaten
um bessere und neue Kraftwerke, sondern auch
die verschiedenen Städte sowie einzelne Konsumenten. Als attraktive Lösung kristallisierten sich
neue Kraftwerke ohne einen fixen Stromabnahmevertrag heraus. Diese Anlagen verkaufen ihren
Strom über Strombörsen an den jeweils höchstbietenden Kunden. Ob das Modell tragfähig, also
vor allem finanzierbar ist, muss sich allerdings
erst herausstellen. Es wird jedoch grundsätzlich
unter Stromerzeugern gängiger, nur einen Teil der
erzeugten Energie aus den ans Netz angeschlossenen Kraftwerken über langfristige Stromabnahmeverträge zu vertreiben. Der Rest wird für den
Handel zurückbehalten. Auch Kraftwerke, die für
den Eigenverbrauch in der Industrie konzipiert
worden sind, verkaufen ihre Überschusserzeugung
auf dem Markt.
Momentan ist Tata Power mit einer installierten
Kapazität von 8.521 MW der größte private Stromanbieter.228 Das Mundra 4 GW Projekt wurde im
März 2013 in Betrieb genommen. Das Unternehmen plant, bis 2020 rund 26 GW an Kraftwerken
zu betreiben, die meisten davon basieren auf Kohlekraft.229 Neben der thermischen Stromerzeugung ist Tata auch im Bereich der Wasserkraft,
der erneuerbaren Energien, der Stromübertragung sowie -verteilung und im Stromhandel tätig. Tata Power hat seinen Hauptgeschäftssitz in
Mumbai. Reliance Power, obwohl bisher mit nur
3.333 MW installierter Kapazität, hat das größte
Portfolio an im Bau oder in Planung befindlichen
Projekten.230 Gegenwärtig plant Reliance 22 GW
an neuen Kraftwerken.231 Eine Reihe der geplanten Kohlekraftwerke haben in den letzten Jahren
allerdings kaum Fortschritte gemacht, da die Versorgung mit Kohle nicht gesichert werden konnte.
Business Standard, November 2013 (http://bit.ly/1cdYQoM).
CERC, Website (http://bit.ly/Jm22Xz).
228
Tata Power, Jahresbericht, 2012–2013 (http://bit.ly/HvD6fj).
229
Tata Power, Website (http://bit.ly/1gRgDW0).
230
Reliance Power, Jahresbericht, 2013 (http://bit.ly/16RWn0l).
231
Reliance Power, Website (http://bit.ly/1dwTTJJ).
226
227
Die indische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt,
die Menge des frei gehandelten Stroms von bisher weniger als 5% zu erhöhen. Um dieses Ziel zu
realisieren, müssten allerdings noch eine Reihe
von Hürden auf dem Weg hin zu einem gut funktionierenden Energiehandelsmarkt überwunden
werden. Zunächst muss das Verteilungsnetz stark
erweitert werden, um die vielen neuen Stromtransaktionen zu ermöglichen. Zweitens muss der
Ausschreibungsprozess für neue, an den freien
Strommarkt liefernde Kraftwerke (sog. „merchant
power plants“) klarer und transparent gestaltet
werden. Drittens müssen die Gebühren für die
Übertragung klarer definiert und berechenbarer
werden. Schließlich braucht der Stromhandel, wie
jeder funktionierende Markt, eine Mindestmenge
an Produkten und eine Mindestanzahl an Konsumenten und Produzenten, um so die Verfügbarkeit
und die Preise besser voraussagen zu können und
Thermische Stromerzeugung | Energiemarktstudie Indien
69
Transaktionsrisiken zu senken. Im Jahr 2012 erzielten Stromhändler Preise von 4–5 Rupien pro
kW / h (das entspricht ca. 5–6 Eurocent pro kW / h).
Siehe Abb. 32: Strompreise am freien Strommarkt
in Indien.232
6.5 Stromerzeugung für den
Eigen­bedarf (captive power
plants)
Kapazität von 6.800 MW in Odisha, Jharkhand und
Chhatisgarh, um dort neue Stahl- und Zementanlagen mit Strom zu versorgen.234 Essar Power hat
für seine Raffinerie in Gujarat ein 1.200 MW Kohlekraftwerk und ein 380 MW Gaskraftwerk gebaut.
Das Unternehmen betreibt insgesamt sechs Kraftwerke mit 2.110 MW.235
6.6 Internationale Investitionen
Mehr und mehr Industrieunternehmen, die einen
sehr hohen Strombedarf haben, bauen eigene
Kraftwerke, um sich gegen die immer noch instabile Stromversorgung abzusichern. Im März 2011
lag die Kraftwerkskapazität für den Eigenbedarf
bereits bei über 34 GW.233 Die indische Wirtschaftsstruktur eignet sich für den Bau solcher Eigenversorgungskraftwerke, da große Firmen oftmals als
Konglomerate bestehen, die zusätzlich zu einer
Stromerzeugungssparte auch in sehr stromintensiven Industrien (wie etwa die Stahl-, Raffination- oder Zementindustrie) arbeiten. Jindal zum
Beispiel, eines der großen indischen Industriekonglomerate, hat sich vor allem in der Stahlproduktion einen Namen gemacht. Derzeit entwickelt
Jindal Kraftwerke für den Eigengebrauch mit einer
Der indische Strommarkt ist noch eine weitgehend
nationale Angelegenheit mit wenigen internationalen Investoren. Aus dem Ausland hat die große, in
Hongkong angesiedelte Energiefirma CLP Group
eine bedeutende Investition getätigt. Sie erwarb
zunächst 80%, später 100% der Gujarat Paguthan
Energy Corporation Private Ltd. (GPES). Damit
übernahm sie auch ein 655 MW gasbetriebenes
Kraftwerk in Paguthan in Gujarat. CLP hat allerdings ein geplantes neues thermisches Kraftwerk
(GPEC II, mit einer Gesamtkapazität von 1.000 MW)
sowie seine Pläne, einer der führenden unabhängigen Stromerzeuger Indiens zu werden, zunächst
aufgegeben und konzentriert sich stattdessen auf
Investitionen in erneuerbare Energien in Indien.
Das seit 1992 in Indien aktive amerikanische Un-
232
CERC, Report on Short Term Power Market in India
2012–2013 (http://bit.ly/1aCeI3V).
233
CEA, Monthly Report, März 2013 (http://bit.ly/1fNOD86).
234
235
Jindal Power, Website (http://bit.ly/1ccJEqJ).
Essar Power, Website (http://bit.ly/18kW26R).
Abb. 32: Strompreise am freien Strommarkt in Indien
70
Energiemarktstudie Indien | Thermische Stromerzeugung
ternehmen AES besitzt 49% an einem thermischen
Kraftwerk in Odisha. Es hat zurzeit eine installierte Leistung von 420 MW, diese soll auf 2.640 MW
erhöht werden. AES hat 2006 ein MoU mit dem
Bundesstaat Chhattisgarh für ein 1.200 MW Kraftwerk unterzeichnet.236 Ein dritter internationaler
Investor in die thermische Stromerzeugung in Indien ist die japanische Firma Marubeni, die einen
Anteil von 26% an einem 350 MW gasbetriebenen
Kraftwerk in Tamil Nadu und 26% an einem 600
MW kohlebasierten Kraftwerk in Andhra Pradesh
erworben hat.237 Insgesamt ist das Interesse internationaler Investoren an Indien allerdings, aufgrund intransparenter Prozesse und Strukturen
sowie von Planungsunsicherheiten in diesem Sektor gering.238 So hat sich das deutsche Stromversorgungsunternehmen E.On nach ausführlicher
Marktuntersuchung vorerst gegen Investitionen in
Indien entschieden. Der indische Markt, zuvor als
einer von drei internationalen Expansionszielen
definiert, ist in der Analystenkonferenz von Januar
2013 von der Agenda genommen worden.239
Indische Stromunternehmen blicken zunehmend
ins Ausland. Besonders die Engpässe in den letzten
Jahren bei der Entwicklung indischer Kraftwerke
(Kohle- und Gasversorgung, Genehmigungen, etc.)
haben private indische Unternehmen dazu gebracht, international nach Investitionsmöglichkeiten zu suchen. Ein Beispiel ist das Unternehmen
GMR, das momentan zwei 300 MW Wasserkraftan-
lagen in Nepal entwickelt. GMR hat sich allerdings
auch 2012 von einer Investition in Südafrika getrennt.240 Jindal Power plant in fünf afrikanischen
Ländern jeweils 500 MW Kraftwerke zu bauen.
241
Tata Power blickt nach Indonesien, Australien,
Bhutan und Afrika.242 Bei den vorgelagerten Teilen
der Wertschöpfungskette ist die Internationalisierung schon weiter voran geschritten: Die indischen
Firmen Tata und GMR haben Anteile an indonesischen Kohleminen erworben. Der Maschinenbauer
Bharat Heavy Electricals Ltd. (BHEL) beliefert bereits viele asiatische, afrikanische und einige europäische Länder mit Komponenten und hat auch
schon schlüsselfertige Projekte umgesetzt.243
6.7Kohlekraftwerke
Die 102 kohlebetriebenen Kraftwerke in Indien
sind die Hauptstromlieferanten des Landes. Sie
machen ca. 86% der installierten Leistung bei der
thermischen Stromerzeugung und 59% der Gesamtkapazität aus.244 Im September 2013 lag die
Gesamtkapazität der Kohlekraftwerke bei 134 GW.
Davon stammen 44 GW (33%) aus Unternehmungen der Zentralregierung, 52 GW (39%) aus Projekten der einzelnen Bundesstaaten und rund 38 GW
(28%) aus dem privaten Sektor. Siehe Abb. 33: Installierte Kapazität aus Kohlekraftwerken in Indien
nach Sektor (September 2013).
GMR Pressemitteilung (http://bit.ly/1ccaZcH).
The Hindu (http://bit.ly/16SiqUB).
242
Tata Power Website (http://bit.ly/18n23A4).
243
GMR, Tata und BHEL, Websites (http://bit.ly/18vNi17;
http://bit.ly/194KSau; http://bit.ly/IWVnCq).
244
CEA, installed capacity as on September 2013
(http://bit.ly/18pLuJA).
240
AES Indien Website (http://bit.ly/1gGOuko).
237
Marubeni, Website (http://bit.ly/1b1T33E).
238
The Economic Times“Foreign Companies Pull Plug on India
Plans“ (http://bit.ly/1i0bTip; http://bit.ly/19cGmlu).
239
E.On Analystenkonferenz Januar 2013
(http://bit.ly/1g8udGV).
236
241
Abb. 33: Installierte Kapazität aus Kohlekraftwerken in Indien
nach Sektor (September 2013)
Thermische Stromerzeugung | Energiemarktstudie Indien
71
Die Staaten, mit den meisten Kohlekraftwerken
sind Maharashtra (19.939 MW) und Gujarat (15.738
MW) im Westen, Uttar Pradesh (10.523 MW) im
Norden, West Bengalen (6.756 MW) im Osten, sowie Andhra Pradesh (8.573 MW) und Tamil Nadu245
(8.476 MW) im Süden.246
Die Größe der indischen Kohlekraftwerke variiert
deutlich: von einigen hundert MW oder weniger, bis
hin zu Standorten mit einer installierten Leistung
von 2.000 MW und mehr. Große (über 1.000 MW)
Kohlekraftwerksstandorte werden von zentraler,
bundesstaatlicher und privater Seite betrieben. In
Zukunft sollen mehrere Ultra Mega Power Projects
(UMPP), mit einer Leistung von 4.000 MW an einem
Standort und mehr ans Netz gehen.
6.7.1Der zentralstaatliche Sektor
Der größte Einzelakteur in der Stromerzeugung
aus Kohle, mit einem Marktanteil von 33%, ist
die der Zentralregierung unterstehende National
Thermal Power Corporation (NTCP). Sie betreibt
derzeit 15 Kraftwerke im ganzen Land, mit einer
Gesamtleistung von 31.855 MW.247 Weitere drei
Kraftwerke werden als Joint Ventures betrieben.
Das größte ihrer Kraftwerke, Vindhyachal, hat eine
Kapazität von 4.260 MW, das kleinste, Tanda, 440
Hiervon basiert die Hälfte auf Braunkohle.
246
MoP / CEA: Overview of total installed capacity,
August 2009.
247
NTPC, Annual Report, 2012–2013 (http://bit.ly/HILdET).
245
Abb. 34: Kohlekraftwerksbetreiber der indischen Bundesstaaten (September 2013)
72
Energiemarktstudie Indien | Indien im Überblick
MW. Bis 2017 hat es sich das NTPC zum Ziel gesetzt, die Kapazität der Kohlekraftwerke auf 73.000
MW zu erhöhen. 248
Neben der NTPC gibt es drei weitere, kleinere, der
Zentralregierung zugehörige Betreiber von Kohlekraftwerken. Die Damodar Valley Corporation
(DVC) hat fünf Kraftwerke in den Bundesstaaten
Jharkhand und Westbengalen mit einer Kapazität
von 5.320 MW (4% Marktanteil).249 Die NLC unterhält vier mit Braunkohle betriebene Kraftwerke
in Tamil Nadu (Kapazität: 2.740 MW, 2% Marktanteil).250 KBUNL betreibt eine 220 MW Anlage in Bihar
(<1% Marktanteil).251
6.7.2Der bundesstaatliche Sektor
Es gibt 20 Betreiber von Kohlekraftwerken, die einzelnen Bundesstaaten zugehörig sind. Der größte
unter ihnen ist MAHAGENCO aus Maharasthra mit
7.480 MW (und einem Marktanteil von 5%). Darauf
folgen die Andhra Pradesh Power Generation Corporation (APGENCO) und die Uttar Pradesh Rajya
Vidyut Utpadan Nigam Ltd. (UPRVUN) mit jeweils
knapp 5 GW (4%). Siehe Abb. 34: Kohlekraftwerksbetreiber der indischen Bundesstaaten (September 2013).
248
“NTPC to become a 73.000 MW company by 2017”, Interview
mit NTPC CMD R.S. Sharma, The Financial Express, April 2009.
249
DVC, Website (http://bit.ly/1hBFHDe).
250
NLC, Website (http://bit.ly/19l2XgK).
251
KBUNL, Website (http://bit.ly/18vyJdZ).
6.7.3Der private Sektor
Bislang spielte der private Sektor bei Kohlekraftwerken lediglich eine untergeordnete Rolle. Bei der
Betrachtung der ehrgeizigen Expansionspläne der
indischen Unternehmen allerdings, wird deutlich,
dass sich dies in naher Zukunft drastisch ändern
wird. Momentan gibt es 15 private Unternehmen,
die Strom aus Kohlekraftwerken ins Netz einspeisen. Davon stammt der Hauptanteil von Tata Power
(16% Marktanteil). Adani Power aus Gujarat ist in
den letzten Jahren sehr stark gewachsen und hält
jetzt 12% Marktanteil. An dritter Stelle liegt Jindal
mit 6% Marktanteil. Siehe Abb. 35: Private Kohlekraftwerksbetreiber in Indien (in MW), September
2013).
Tata Power betreibt zwei Kohlekraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 1.780 MW (zum Teil wird
daraus direkt Strom an Endkunden in Mumbai geleitet). Außerdem wurde 2013 ein Großteil des 4 GW
Mundra UMPPs ans Netz gebracht. Weitere 5.170
MW sind in Planung.252 Das in Gujarat ansässige
Unternehmen Adani Power hat eine installierte
Kapazität von 4.620 MW und arbeitet an weiteren
Projekten mit insgesamt knapp 7.260 MW.253 Jindal
Steel (JSW) betreibt zurzeit drei Kohlekraftwerke,
die ans Netz angeschlossen sind. Sie befinden sich
in Chhatisgharh (1.000 MW) und Odisha (540 MW).
An dem existierenden Standort in Chhatisgharh
möchte das Unternehmen nun ein neues 2.400
252
253
Tata Power, Website (http://bit.ly/194KSau).
Adani Power, Website (http://bit.ly/18p7q1D).
MW Kraftwerk bauen. Bis 2020 will Jindal insgesamt 11 GW errichten.254 Lanco hat bereits 2.920
MW installiert und plant weitere Kohlekraftwerke
mit insgesamt 6.775 MW.255 Das Unternehmen ist
2013 allerdings in eine finanzielle Schieflage geraten und es ist unklar, ob es seinen Expansionskurs
weiter verfolgen kann. Reliance Power, das bereits
2.900 MW an Kohlekraftwerken betreibt, entwickelt
ein UMPP mit 4 GW Leistung. Sterlite hat ein 2.400
MW Kraftwerk in Odisha, das einen Teil des Stroms
für ein eigenes Aluminiumwerk nutzt und einen
Teil ins Netz einspeist.256
Neue Unternehmen, die aggressiv in den Markt
drängen sind: Essar Power, Salaya, Mahan, KSK,
und Wardha Warora. Das indische Großunternehmen Bajaj aus dem Automobilsektor hat mit Bajaj
Energy Pvt. Ltd. und einem 90 MW Kohlekraftwerk
in Uttar Pradesh erste Schritte in der Energieerzeugung unternommen. Weitere Kohlekraftwerke
sind in Planung.257
6.7.4Ultra Mega Power Projects (UMPPs)
2006 startete das indische Energieministerium
(MoP) gemeinsam mit der Central Electricity Authority (CEA) und der Power Finance Corporation
Ltd. (PFC) eine Initiative zur Umsetzung von Koh254
Jindal hat weitere 6.800 MW Kohlekraftwerke für den Eigenbedarf in der Entwicklung (Quelle: Jindal Power, Website).
255
Lanco Power, Website (http://bit.ly/1d3EvDt).
256
Sterlite Energy, Website (http://bit.ly/194NZz5).
257
Bajaj Energy, Website (http://bit.ly/1iFpT41).
Abb. 35: Private Kohlekraftwerksbetreiber in
Indien (in MW), September 2013
Indien im Überblick | Energiemarktstudie Indien
73
legroßkraftwerken, sogenannten Ultra Mega Power Projects (UMPPs). Jedes davon soll mehr als
4.000 MW Kapazität haben und mit einer überkritischen, Brennstoff sparenden Technologie laufen.
Pro UMPP sind Investitionen in Höhe von 160–200
Milliarden Rupien (rund 2–2,5 Milliarden Euro) notwendig. 258 Einige der UMPPs sollen in Küstennähe
angesiedelt werden und können so mit importierter Kohle betrieben werden. Andere sollen in der
Nähe von Kohleförderstätten in Zentral- und Ostindien errichtet werden. Insgesamt werden 16 solcher UMPPs geplant.
Die Projekte werden öffentlich ausgeschrieben.
Den Zuschlag bekommt der private oder öffentliche
Bieter, der den niedrigsten Preis pro Energieeinheit (kWh) anbieten kann.259 Um unnötige Risiken
und Zeitverluste zu vermeiden, hat die Regierung
sogenannte Rahmenfirmen gegründet. In ihnen
werden die relevanten Grund- und Bodenrechte,
der Erwerb von Brennstoff sowie der Stromverkauf bereits rechtlich geklärt. Bislang wurden vier
Betreibern UMPPs zugesprochen: drei gingen an
Reliance Power (Sasan in Madhya Pradesh, Krishnapatnam in Andhra Pradesh und Tilaiya in Jharkhand) und eines an Tata Power (Mundra in Gujarat).
Das Tata-Projekt in Mundra ist seit 2013 in Betrieb.
Das Reliance Kraftwerk in Sasan befindet sich im
Bau. 600 MW sind bereits am Netz. Die beiden anderen Reliance Projekte sind noch in Planung. Das
Krishnapatnam Projekt stagniert, da die Zufuhr mit
günstiger Importkohle aus Indonesien momentan
nicht gewährleistet ist. Die Preise sind aufgrund
von Exportzöllen in den letzten Jahren gestiegen.
Jetzt versucht Reliance den ursprünglich mit der
Regierung verhandelten Stromverkaufspreis von
2,33 Rupien (0,03 Euro) pro kWh nach oben anzupassen.260 Im Oktober 2013 wurde eine sogenannte
„Pre-Bid Conference“ für zwei weitere UMPPs (in
Bhedabal / Odisha und Cheyyur / Tamil Nadu) abgehalten. Das Interesse von Investoren war groß.
Unter anderen nahmen Tata, Jindal, Essar und
Lanco teil. Die Fragen der Investoren drehten sich
um Themen, wie die Versorgung mit Kohle aus indischen Bergwerken und mögliche Engpässe bei
258
PFC, Website, UMPPs (http://bit.ly/ItkPPU); Reliance Power
Report 2008–9 (http://bit.ly/Jetkyh).
259
PFC, Reliance und Tata, Websites (http://bit.ly/1atKPRr;
http://bit.ly/1dwTTJJ; http://bit.ly/194KSau).
260
Reliance, Website, Project Krishnapatnam
(http://bit.ly/18n2eLM).
74
Energiemarktstudie Indien | Thermische Stromerzeugung
Umweltgenehmigungen. Das Bieterverfahren wurde von dem Build-Own-Operate (BOO) Modell der
ersten Runde in ein Design-Finance-Build-Operate-Transfer (DFBOT) Modell umgeändert. Unter
dem neuen Modell, kann das Risiko steigender
Kohlepreise einfacher an den Stromkunden weitergeleitet werden.261
6.7.5Kraft-Wärme-Kopplung
Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), die gleichzeitige
Gewinnung und Nutzung von Strom und Wärme,
wird in Indien bereits seit vielen Jahren in traditionellen Industrien, wie z. B. den Zuckerfabriken angewandt. In existierenden, thermischen Kraftwerken wird die Abwärme noch zu selten genutzt. Das
gesamte Potenzial für KWK wurde von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ),
die mit dem Bureau of Energy Efficiency (BEE) des
indischen Energieministeriums zusammenarbeitet, im Dezember 2007 auf 9.212 MW geschätzt. Die
folgenden Industrien könnten von KWK profitieren:
Zucker (3.500 MW), Papier (1.590 MW), Düngemittel (1.228 MW), Textil (959 MW), Nahrungsmittel
(879 MW), chemische Raffination (669 MW), Chlor
Akali (388 MW).262 Heute wird KWK in vielen der neu
gebauten Eigenverbrauchskraftwerke berücksichtigt. Essar, z. B. baut derzeit ein Strom- und Wärmekraftwerk mit 1.200 MW für eine Raffinerie und
Tata betreibt eine Abwärmerückgewinnungsanlage
mit 90 MW in Halida, Westbengalen.263
6.8Gaskraftwerke
Gas ist für Indiens Stromerzeugung deutlich weniger relevant als Kohle, gilt aber immer noch,
nach Kohle und Wasserkraft, als der drittwichtigste Brennstoff. Der Strom aus Gaskraftwerken trägt
etwa 13% zur thermischen und 9% zur gesamten
Stromerzeugung bei.
Die Entdeckung von neuen Gasreserven in Indien
und der gegenwärtige Ausbau sowohl des Ferngasnetzes als auch der Infrastruktur an den KüsIndian Express, 16. Oktober 2013 (http://bit.ly/1biy7Fd).
BEE, Website (http://bit.ly/1dNcaGb).
263
Essar und Tata Power, Websites (http://bit.ly/18kW26R and
http://bit.ly/18n23A4).
261
262
ten für Flüssigerdgas (LNG), lassen annehmen,
dass es eine Erhöhung der Gaskraftwerkkapazitäten geben wird.
Schiefergas spielt in der Planung Indiens bisher noch keine große Rolle. Allerdings schätzt die
Energy Information Administration der USA, dass
Indien über etwa 96 TCF Schiefergasvorkommen
verfügt.264 Die staatliche ONGC hat 2013 damit begonnen, diese zu erkunden und will hierzu etwa
6 Milliarden Rupien (75 Millionen Euro) investieren.265, Siehe Abb. 36: Gaskraftwerke in Indien
(September 2013).266
Im August 2009 besaß Indien 64 Gaskraftwerke mit
etwa 20 GW Kapazität, von denen 7,1 GW (35%) von
Unternehmen der Zentralregierung, 5,9 GW (29%)
durch verschiedene bundesstaatliche Unternehmen und 7,4 GW (36%) von Privatunternehmen
betrieben wurden. Die durchschnittliche Größe eines Gaskraftwerks beträgt knapp unter 300 MW.
Geographisch liegen die meisten Gaskraftwerke in
Andhra Pradesh (3.370 MW), Neu Delhi (2.116 MW),
Maharashtra (3.476 MW) und Gujarat (4.979 MW).267
Zurzeit existieren 29 verschiedene Unternehmen
in Indien, die über das Ferngasnetz verbundene
Gaskraftwerke betreiben. Die wichtigsten Marktteilnehmer sind zwei Unternehmen der Zentralregierung: Die NTPC unterhält sieben Kraftwerke
verteilt über das Land, mit einer Gesamtkapazität
von 3.955 MW. Hinzu kommen 1.940 MW, die über
JVs betrieben werden. Die Ratnagiri Gas and Power Pvt. Ltd. (RGPPL) besitzt Kraftwerke mit einer
Gesamtkapazität von 1.967 MW im Bundesstaat
Maharashtra. Unter den zehn bundesstaatlichen
Unternehmen sind die wichtigsten zwei die Maharashtra State Power Generation Corporation Ltd.
(MAHAGENCO), die in Maharashtra ein großes
Gaskraftwerk mit einer Kapazität von 672 MW betreibt und die Indraprashta Power Generation Co.
Ltd., die zwei Gaskraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 660 MW in der Nähe von Delhi besitzt.268
Siehe Abb. 37: Gaskraftwerke in Indien nach Betreiber (September 2013).269
Energy Information Administration, Länderprofil Indien
(http://1.usa.gov/17YMdAI).
265
Mint, 26. November 2013 (http://bit.ly/18jE08h).
266
CEA, installed capacity as on September 2013
(http://bit.ly/18pLuJA).
267
MoP / CEA: Overview of total installed capacity,
August 2009, Bridge to India Analyse.
268
Ebd.
269
CEA, Website (http://bit.ly/1bcaAu4).
Abb. 36: Gaskraftwerke in Indien (September 2013)
Abb. 37: Gaskraftwerke in Indien nach
Betreiber (September 2013)
264
Thermische Stromerzeugung | Energiemarktstudie Indien
75
Mit zwei Gaskraftwerken in Gujarat und einer Gesamtkapazität von 1.248 MW ist Torrent Power zurzeit der größte private Marktteilnehmer (6% Marktanteil).270 Der zweitgrößte private Marktteilnehmer
ist GVK, das drei Gaskraftwerke mit einer Kapazität
von 914 MW in Andhra Pradesh betreibt (5% Marktanteil)271. Die Kapazitäten der weiteren großen, privaten Gaskraftwerksbetreiber sind wie folgt: Lanco
1.600 MW, GMR 768 MW, Essar 515 MW, Reliance
433 MW und Tata Power 110 MW.272 Der indische
Privatsektor plant, die Gaskraftwerkkapazitäten
stark zu erhöhen, allen voran das Großunternehmen Reliance, das zurzeit zwei Projekte mit einer
Gesamtkapazität von 9.600 MW entwickelt. Während das eine (in Samalkot / Andhra Pradesh), bereits im Bau ist, wartet Reliance für das zweite (in
Dadri / Uttar Pradesh) noch auf die Zuteilung von
Gas.273 Torrent baut gerade ein 1.148 MW Gaskraftwerk in der Nähe des Hafens von Surat in Gujarat.
Lanco errichtet ein 368 MW Gaskraftwerk.274
Die Verfügbarkeit von Gas ist derzeit problematisch. Die heimische Förderung ist in den letzten
Jahren stark gesunken. Einige Kraftwerke liegen
still oder werden nur zu einem Teil ihrer Kapazität betrieben. GMRs 768 MW Gaskraftwerk, zum
Beispiel, ist fertig gebaut, wartet aber noch auf
die Zuteilung von Gas.275 GVK hat seine Pläne, zwei
Torrent Power, Website (http://bit.ly/1eUuOZ6).
GVK, Website (http://bit.ly/1aFzgqh).
272
Essar, Website (http://bit.ly/18kW26R); GMR, Website
(http://bit.ly/18nmCQ7); Lanco, Website (http://bit.ly/1djUSMr);
Reliance, Website (http://bit.ly/1dwTTJJ); Tata Power, Website
(http://bit.ly/18kW26R).
273
Reliance Power, Website (http://bit.ly/16RWn0l).
274
Lanco, Website (http://bit.ly/1dfrhDu).
275
GMR, Website (http://bit.ly/19b0QQn).
270
271
Gaskraftwerke zu bauen, auf unbestimmte Zeit
verschoben. Die CEA verkündete daher 2012, dass
bis März 2016 voraussichtlich keine neuen Gaskraftwerke gebaut werden.276
6.9Dieselkraftwerke
Dieselkraftwerke, die Strom für das Netz produzieren, sind aufgrund der vergleichsweise hohen
Brennstoffkosten viel seltener und kleiner als Kohle- oder Gaskraftwerke. Die 17 netzgebundenen
Dieselkraftwerke tragen nicht mehr als 1,2 GW zur
thermischen Stromerzeugungskapazität bei. Die
durchschnittliche Größe eines Werks beträgt 55
MW. Diesel ist nur in solchen Gebieten der bevorzugte Brennstoff, in denen die Versorgung mit anderen Brennstoffen schwierig ist (wie auf Indiens
vielen Inseln, die hauptsächlich Dieselkraft und zu
einem kleinen Teil erneuerbare Energien nutzen),
oder wenn sich Betreiber darauf konzentrieren,
Energie für Kunden in Randgebieten oder für die
Spitzenauslastung zu liefern. Die Kapazität verteilt
sich jeweils zur Hälfte auf private Anbieter und
bundesstaatliche Unternehmen. Es gibt derzeit
kein von einem Unternehmen der Zentralregierung
betriebenes Dieselkraftwerk.277 Siehe Abb. 38: Dieselkraftwerke in Indien nach Sektor (2013).278
Dieselkraftwerke sind vor allem im Süden Indiens
angesiedelt. In Tamil Nadu stehen Dieselkraftwerke mit einer Kapazität von 412 MW (komplett in Pri-
Mint, 25. März 2012 (http://bit.ly/1dRrlhr).
CEA, Monatsbericht, September 2013 (http://bit.ly/18pLuJA).
278
CEA, installed capacity as on September 2013 (http://bit.
ly/18pLuJA).
276
277
Abb. 38: Dieselkraftwerke in
Indien nach Sektor (2013)
Total
76
Energiemarktstudie Indien | Thermische Stromerzeugung
1.200 MW
vatbesitz), in Kerala Kraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 256 MW (fast komplett im Besitz des
Bundesstaates). Außerdem existieren in Karnataka
Kraftwerke mit einer Kapazität von 234 MW (privat
und bundesstaatlich) und auf den Inseln mit 70 MW
(privat und bundesstaatlich).279
Das Kerala State Electricity Board (KSEB) ist mit
zwei Kraftwerken und einer Kapazität von 235 MW
Marktführer. Darauf folgt die private GMR, die ein
200 MW Kraftwerk in Tamil Nadu (Marktanteil von
17%) betreibt.280 Weitere wichtige Marktteilnehmer
sind die Karnataka Power Corporation Ltd. (11%
Marktanteil, bundesstaatliches Unternehmen) und
die privaten Anbieter Balaji Power Cooperation
und Samalpatti (jeweils 10% Marktanteil, in Tamil
Nadu). Siehe Abb. 39: Dieselkraftwerke in Indien, Marktanteil (in %) nach Betreiber (September
2013).281
Während netzgebundene Dieselkraftwerke in Indien keine große Rolle spielen, sind Dieselgeneratoren für den Eigenbedarf sehr weit verbreitet. Das
Energiedefizit verursacht häufig Stromausfälle. In
vielen Regionen steht Strom nur zu bestimmten
Zeiten oder Tagen zur Verfügung (load shedding).
Das zwingt viele Haushalte, Geschäfte und Fabriken dazu, Generatoranlagen zu installieren, um
6.10Hemmnisse für die thermische
Stromerzeugung
Obwohl das Interesse privater Investoren an Kohle-, Gas- und Dieselkraftwerken seit Mitte der
2000er Jahre groß ist, existieren dennoch einige
Hindernisse, welche die Industrie bisher davon
abgehalten haben, ausreichende Kapazitäten für
die Stromversorgung des Landes bereitzustellen.
Dies zeigt sich auch an den langen Projektzeiten.
In Indien benötigt ein Investor ungefähr 24 bis 36
Monate, um ein Kohlekraftwerk zu planen (Landerwerb, Kraftstoffversorgung, Wasser, Umwelt- und
Verschmutzungsgenehmigungen, Finanzierung) und
dann weitere 42 Monate, um es zu bauen (50% bis
30% länger als in China und den Industrienationen).284
282
GTAI: Indiens Stromknappheit beflügelt Absatz von
Generatoren, August 2009.
283
Bridge to India, Industrie-Interviews, 2013.
284
Powering India: The Road to 2017, McKinsey, 2009
Abb. 39: Dieselkraftwerke in
Indien, Marktanteil (in %) nach
Betreiber (September 2013)
Diesel based power production in India
by producer
279
CEA, Monthly Report, September 2013
(http://bit.ly/18pLuJA).
280
KSEB, Website (http://bit.ly/1brdUka);
(http://bit.ly/18hI6zT).
281
CEA, Website (http://bit.ly/1bcaAu4).
Unannehmlichkeiten und Verluste durch Störungen zu vermeiden. Der Markt für Generatoren mit
einer Kapazität zwischen 15 bis 2.000 kVA wuchs
2012 auf 122 Milliarden Rupien (1,5 Milliarden
Euro). Im Geschäftsjahr 2007 / 08 wurden insgesamt 135.000 Generatoren verkauft. Etwa 90% des
produzierenden Gewerbes macht von Generatoren
Gebrauch.282 Schätzungen zufolge, gibt es in Indien
weit über 30 GW an Dieselgeneratoren zur Eigenstromerzeugung (meist als Backup).283
1. Other “State“: Andaman an Nicobar DG, Lakshadweep DG, Sikkim Power, Power and Elec.
Dept. of Mizoram, Manipur Elec. Dept.;
2. Other “Private“: TGV Group, Suryachakra Power Co., LVS Power, Kasargod Power Co.
Thermische Stromerzeugung | Energiemarktstudie Indien
77
6.10.1Regulatorische
Rahmenbedingungen
Aktuell kann nach dem indischen Gesetz jede Erzeugungsgesellschaft ein Kraftwerk errichten und
betreiben, solange es die technischen Standards
in Zusammenhang mit der Netzverbindung und
alle gesetzlichen Auflagen erfüllt. Eine Genehmigung von der Zentralregierung, der Regierung des
Bundesstaates und der CEA sind nicht mehr erforderlich (mit Ausnahme von hydroelektrischen
Projekten). Erzeuger dürfen nun die Elektrizität an
Lizenznehmer verkaufen und, wo erlaubt, durch
die jeweiligen Netzbetreiber direkt an die Verbraucher. Es gibt keine Beschränkung bei der Erbauung
eines Kraftwerks zur Eigennutzung.
Durch eine Änderung des Electricity Act (2003)
wurde 2007 erklärt, dass keine weitere Stromverkaufslizenz erforderlich ist, um überschüssigen
Strom aus einem Kraftwerk für den Eigenbedarf
an beliebige Lizenznehmer oder Verbraucher zu
liefern. Die jeweiligen bundesstaatlichen Regulierungskommission (SERCs) bestimmen den Einspeisetarif sowie die Übertragungsgebühren.
Trotz dieser Vereinfachungen muss sich ein Projektentwickler mit verschiedenen Genehmigungen
auseinandersetzen, deren Erwerb oft übermäßig
viel Zeit und Kosten in Anspruch nimmt. Die Prozesse hierfür müssen rationalisiert, vereinfacht
und beschleunigt werden.
Die relevanten Gesetze sind:
•das Waldschutzgesetz, 1980
•das Umweltschutzgesetz, 1986
•das Wassergesetz (Verhinderung und
Kontrolle der Verschmutzung), 1972
•das Luftgesetz (Verhinderung und Kontrolle der
Verschmutzung), 1980
•das Landerwerbsgesetz, 1894
•die Nationale Wiederansiedlungs- und
Rehabilitationsüberwachung, 2007.
(http://bit.ly/1gjaAwa).
78
Energiemarktstudie Indien | Thermische Stromerzeugung
Benötigte
Genehmigungen
Autorität
Environment
Clearance
Ministry of Environment and Forests
Forests Clearance
Ministry of Environ(Additional, if required) ment and Forests
Consent for Establishment of Plant
Regierung des
Bundesstaates
Water Allocation
State Irrigation
Department / Central
Water Commission
(wenn zwischenstaatliche Belange tangiert
werden)
Clearance for Chimney
Height
Airport Authority of
India
Land Acquisition
Regierung des
Bundesstaates
Wenn Kohlekraftwerk:
Kohleförderung oder
-versorgung
Ministry of Coal
Wenn Gaskraftwerk:
Gasanschluss
Vertrag mit
Gasversorger
Fuel Transport
Arrangement
Ministry of Railways
Im Folgenden werden die Herausforderungen erläutert, die es beim Bau eines thermischen Kraftwerks zu meistern gilt.
6.10.2Ungleiche, nicht transparente Marktbedingungen
Gesetze, wie der Electricity Act (2003), die den
Energiesektor lenken, müssen auf der Ebene der
Bundesstaaten oft noch umgesetzt und angepasst
werden. Dadurch entsteht häufig eine asymme­
trische, unklare Gesetzeslage für private Investoren. Gleichzeitig haben staatliche Unternehmen
noch eine sehr starke Marktposition und sind gut
in der Wertschöpfungskette integriert. Sowohl die
Gestaltung des Strompreises für Endkunden als
auch Durchleitungsgebühren für die Nutzung des
Netzes sind nicht eindeutig, klar und transparent
geregelt. Sie sind auch von politischen, oft kurzfristigen Präferenzen abhängig. Das mag zwar in
vielen Ländern der Fall sein, wird aber in Indien
durch die Landesgröße und die föderalen Strukturen verstärkt.
6.10.3 Government Relations
Aufgrund der beiden vorherigen Punkte ist es für
Privatunternehmen sehr wichtig, gute Beziehungen zu staatlichen Entscheidungsträgern aufzubauen, um ein detailliertes Verständnis der Regulierungen und auch der Regierungsstrategien zu
erhalten. Erfolgreiches Projektmanagement erfordert ein enges Zusammenarbeiten mit relevanten
Einrichtungen, um potenzielle Informations- und
Erwartungslücken schnell zu schließen. Dies ist
besonders jetzt wichtig, da sich die gesetzlichen
Rahmenbedingungen in einem Änderungsprozess
befinden.
6.10.4 Zugang zu Land und lokaler
Infrastruktur
Wie bei allen großen Industrie- und Infrastrukturprojekten sind der Landerwerb und die erfolgreiche Integration von lokalen Stakeholdern und
Power-Brokern eine Herausforderung. Der komplizierte kulturelle und politische Kontext in Indien
macht es für nicht-indische Investoren schwieriger, diese erfolgreich zu meistern.
Die lokale Infrastruktur, Straßen- und Eisenbahnverbindungen sowie Zugänge zu Wasserversorgung
und Stromnetz, ist in vielen Orten ungenügend und
muss vom Projektentwickler bereitgestellt werden. Dies erfordert oft hohe Zusatzinvestitionen.
Probleme mit der regionalen Infrastruktur können
zudem zu Unterbrechungen bei Bau oder Brennstofflieferung sowie im Stromnetz zu Einspeiseverlusten führen.
6.10.5 Verfügbarkeit von Brennstoffen
Obwohl Indien über große Kohlereserven verfügt und neue Gasfelder entwickelt wurden, sind
nicht ausreichend Brennstoffe für alle bestehenden, geplanten und benötigten Kraftwerke vorhanden. Im Finanzjahr 2011–12 fehlten 58 Millionen Tonnen Kohle und 23 MMSCMD Gas.285
285
MoC, Annual Report, 2012–2013, p. 44 (http://bit.ly/1bV1Kxl),
(http://bit.ly/J5mADA).
Bisher war die Politik der Bereitstellung von designierten Förderquoten für einzelne Kraftwerke (coal
linkages) wenig erfolgreich. Dies führte dazu, dass
Kraftwerksbetreiber trotz der zugesagten Quoten
im Tagesgeschäft keine Versorgungssicherheit hatten. CIL plant nun die Quoten in Brennstofflieferverträge (FSAs) umzuwandeln und einen möglichen
Ausfall bei der Förderung durch importierte Kohle
zu decken. Es strebt für die FSAs einen gemischten
Kohlepreis (für importierte und nationale Kohle) an.
Insgesamt ist der Kohlebergbausektor noch zu
ineffizient, um die erforderlichen neuen Mengen
rechtzeitig bereitstellen zu können. Es besteht die
Notwendigkeit, zu reformieren und private Investitionen zu fördern. Ein Gesetzesentwurf zur Reprivatisierung der Kohleförderung hängt seit Jahren im
Parlament fest.
Indien hat große Erdgasvorkommen im Krishna
Godavari Becken vor der Küste Andhra Pradeshs
entdeckt. Laut der Regierungsbestimmungen wird
das Erdgas allerdings zuerst der Herstellung von
Düngemittel zugeführt und erst dann für Kraftwerke zur Verfügung gestellt. In vielen Fällen wird die
Wirtschaftlichkeit von Gaskraftwerken auf Basis
von importierten LNG festgestellt werden müssen,
da diese, wo verfügbar, teurer sind. Die stark gestiegenen Kosten von Importkohle und -gas haben
zudem viele, auf Basis von Tarifauktionen geplante
Projekte unwirtschaftlich gemacht.
6.10.6 Verfügbarkeit von ausgebildeten Arbeitskräften
Aufgrund des schnellen Wachstums des indischen
Energiesektors, droht eine Knappheit an Fachpersonal für die Industrie. Schätzungen weisen darauf
hin, dass Indien bis 2017 ungefähr 270.000 Fachkräfte benötigt. Außerdem werden tausende von
qualifizierten Betriebsleitern vakant. Es ist derzeit
noch unklar, ob ausreichend qualifiziertes Personal ausgebildet werden kann.286
286
Powering India: The Road to 2017, McKinsey 2009
(http://bit.ly/1gjaAwa).
Thermische Stromerzeugung | Energiemarktstudie Indien
79
6.10.7 Verfügbarkeit von Komponenten und Maschinen
Der wichtigste Lieferant für Ausrüstung (Motoren, Turbinen, Kessel, schlüsselfertige Anlagen)
im indischen Energiemarkt ist das indische regierungseigene Unternehmen Bharat Heavy Electrical Ltd. (BHEL). Wichtige internationale Marktteilnehmer sind: Shanghai Electrics (China), Siemens
(Deutschland), ABB (Schweden), General Electric
(USA), Ansaldo (Italien), Doosan (Südkorea), Hitachi (Japan), Toshiba (Japan) und Power Machines
(Russland). Trotz neuer Marktteilnehmer und des
Wachstums von BHEL in den letzten Jahren, sind
die Produktionskapazitäten für Komponenten und
Maschinen für die Energiewirtschaft in Indien noch
zu niedrig.
Jährlich müssten neue Produktionskapazitäten für
bis zu 30 GW hinzukommen, um mit dem geplanten
Bau neuer Kraftwerke Schritt zu halten. Dass dies
machbar ist, zeigt das Beispiel China. Dort konnten die Produktionskapazitäten ab 2002 um 20 GW
pro Jahr und seit 2008 sogar um 50 GW pro Jahr
erhöht werden. Dies wurde unter anderem durch
einen intensiven Technologietransfer von internationalen zu chinesischen Partnern (Shanghai Electrics & Siemens, Dongfang & Mitsubishi, Harbin &
General Electric) möglich.287
BHEL konnte 2008 nur etwa 50% der Komponenten und Maschinen für neue Wärme-, Wasser- und
Kernkraftwerke in Indien herstellen.288 Dies lässt
bedeutend Raum für Importe. Aktuell stammen
etwa 75% der importierten Ausrüstung aus China. Es gab einige Bedenken bezüglich der Qualität
dieser Ausrüstung, die allerdings beseitigt werden
konnten.289 Jedoch bleiben die Verfügbarkeit und
die rechtzeitige Übergabe der Ausrüstung sowie
gute Instandhaltungsdienstleistungen für neue
Projekte erhebliche Engpässe in der Entwicklung von neuen Projekten. Siehe Tabelle 9: Jährliche Herstellung von Komponenten in Indien.290
287
Powering India: The Road to 2017, McKinsey, 2009
(http://bit.ly/1gjaAwa).
288
BHEL, Annual Report, 2009 (http://bit.ly/1fcoOfb).
289
R.V. Shahi: Energy Vision, Enertia, September 2009.
290
Planning Commission, 12th Five Year Plan, Section: Energy,
p. 140 (http://bit.ly/HpF1BL).
Tabelle 9: Jährliche Herstellung von Komponenten in Indien
80
Joint Venture
Kessel
Turbinen /
Generatoren
Herstellung
Larsen & Toubro – Mitsubishi Heavy Industries
4.000 MW
4.000 MW
Herstellung von Kesseln
und Turbinen begonnen
Alstom–Bharat Forge
5.000 MW
Herstellung seit Juni 2013
Toshiba–JSW
3.000 MW
Herstellung seit April 2013
Gammon–Ansaldo
4.000 MW
2.000 MW seit 2012, weitere 2.000 MW
für Ende 2014 geplant
Thermax–Babcock
and Wilcox
3.000 MW
Herstellung seit Januar 2013
BGR–Hitachi Boilers
Private Ltd.
5 Kessel pro Jahr
(~3.000 MW)
Herstellung seit Januar 2013
BGR–Hitachi Turbine
Generator Private Ltd.
5 Turbinen
pro Jahr
(~3.000 MW)
Herstellung ab Juli 2014
Doosan Chennai Works
Private Ltd.
2.200 MW
Herstellung seit September 2012
Energiemarktstudie Indien | Thermische Stromerzeugung
6.10.8 Finanzielle Durchführbarkeit und Zahlungsrisiken (SEBs)
Wegen der großen Verluste im Stromverkauf (infolge technischer Mängel und Diebstählen) und wegen der Vergabe billigen und kostenlosen Stroms
an bestimmte Gruppen wie Bauern, befinden sich
die State Electricity Boards (SEBs) finanziell in
einer sehr angespannten Lage. Das führt zu Zahlungsrisiken. Zwar gab es seit den bedeutenden
Reformen des Electricity Act (2003) keine Fälle von
Erzeugungs- und Vertriebsunternehmen, die nicht
vollständig bezahlt wurden. Es kann erwartet werden, dass die Staatsregierungen die Zahlungsfähigkeit der SEB letztendlich garantieren werden.
Aber ein Restrisiko, besonders bei langfristigen
Stromabnahmeverträgen, bleibt bestehen.
6.10.9 Politische und sicherheits­ bezogene Probleme
Die linksextreme Bewegung der Naxaliten, die
1967 im Dorf Naxal in West Bengalen begann, hat
sich inzwischen auf weite Teile des Landes ausgebreitet. Der sogenannte „rote Korridor“ reicht
vom westlichen Bengal im Nordosten, entlang der
Ostküste über Jharkhand, Odisha, Bihar, Chhattisgarh, Andhra Pradesh und Karnataka bis Kerala.
Er umfasst damit auch die wichtigen Kohlen produzierenden Gegenden. Die Naxaliten kontrollieren hier große, meist schwer zugängliche Waldund Berglandschaften. Obwohl die Regierung die
Kontrolle über die industriellen und städtischen
Räume besitzt, stellen die Naxaliten ein ernstzunehmendes Sicherheitsrisiko dar.
6.10.10 Kriminelle Strukturen und Korruption (in bestimmten Staaten)
Korruption spielt in Indien leider eine große Rolle. Im „Corruption Perception Index“ 2013 der NGO
Transparency International steht Indien an Stelle
94 von 174 Ländern. Zum Vergleich: Deutschland
liegt an Stelle 13, die USA an 19 und China an 80.291
Da Indien ein sehr großer und relativ dezentralisierter Staat ist, existieren bedeutende regionale
291
Transparency International (http://bit.ly/1e08mkU).
Unterschiede. In Kerala und Gujarat beispielsweise
gibt es merklich weniger Korruption, in den Kohle
produzierenden Staaten wie Madhya Pradesh oder
Bihar hingegen mehr.292 Korruption ist oft nicht
nur bei Entscheidungsträgern zu finden, sondern
durchdringt meist die ganze politische und bürokratische Schicht.
Sogenannte „Mining Scams“, die sich meist um
eine Bevorzugung bei der Zuteilung von Förderrechten drehen, haben in Indien Tradition. 2011
wurde allerdings mit einem gigantischen Korruptionsskandal, dem sogenannten „Coalgate“, ein
trauriger Höhepunkt erreicht. Durch die korrupte
Vergabe von Förderrechten und den illegalen Abbau von Kohle und Eisenerz sind dem Staat, laut
einem offiziellen Report des Comtroller and Auditor General of India (CAG), etwa 960 Milliarden
Rupien (21 Milliarden Euro) verloren gegangen. Die
Regierung von Premierminister Manmohan Singh
(Congress Party) bestritt die Vorwürfe, woraufhin
die Oppositionsparteien um die BJP 13 Tage lang
das Parlament blockierten.293
Eines der wirkungsvollsten Gesetze zur Bekämpfung der Korruption ist der „Right to Information
Act“ von 2005. Es verpflichtet alle Regierungseinrichtungen dazu, sämtliche Entscheidungen und
Entscheidungsgrundlagen innerhalb von 30 Tagen
offen zu legen, sofern ein indischer Bürger dies
verlangt. Es gibt auch eine erkennbare Tendenz
zu besseren Regierungsstrukturen, die durch die
Wirtschaftsentwicklung, ein höheres Bildungsniveau und neue Technologien (wie E-Governance)
gefördert wird.
6.10.11 Marktchancen für deutsche
Unternehmen
Das große und wachsende indische Energiedefizit bedeutet, dass die Nachfrage nach neuen
Kraftwerken sowie die Verbesserung bestehender Kraftwerke und Netze noch lange anhalten
werden. Da private Investitionen nötig sind, um
292
India Corruption Study 2008, Transparency International
India (http://bit.ly/1cvLwOX).
Ein guter Überblick über die Entwicklung des Kohleskandals
ist auf Wikipedia zu finden (http://bit.ly/1ck28Wp).
Thermische Stromerzeugung | Energiemarktstudie Indien
81
diese Nachfrage zu befriedigen, werden sich die
rechtlichen Rahmenbedingungen für internationale Kapitalanleger vermutlich weiter verbessern.
Für den Zeitraum zwischen 2008 und 2017 wurde
geschätzt, dass der indische Energieerzeugungsmarkt Investitionen in Höhe von 19,2 Billion Rupien
(240 Milliarden Euro) benötigen wird, was Investoren ein Gewinnpotenzial (EBITDA) von ungefähr
5,4 Billionen Rupien (68–76 Milliarden Euro) bieten
würde. Von diesen sollen ungefähr 3,2 Billionen
Rupien (40 Milliarden Euro) auf die Ausrüstung und
den Aufbau neuer Kraftwerke entfallen.294
Bis 2008 verzeichnete der Markt eine Reihe erfolgreicher Börsengänge (IPOs) indischer Unternehmen. Der IPO des Privatunternehmens Adani Power Ltd. wurde im Juli 2009 18-fach überzeichnet.
Die IPOs von öffentlichen Unternehmen wie NTPC
(2004, 13 mal), PTC (2004, 42 mal), PFC (2007, 77
mal), PGCIL (2007, 65 mal) und REC (2008, 14 mal),
wurden ebenfalls stark überzeichnet. Ein geplanter IPO von NHPC wurde im August 2008 aufgrund
der Finanzkrise kurzfristig abgesagt.295 Seitdem
haben die Aktien dieser Unternehmen Anleger
allerdings enttäuscht. Die meisten Werte liegen
weit unterhalb des Ausgabewertes.296 Der Grund
hierfür bestand darin, dass die Jahre 2010–13 für
die Industrie sehr schwer waren: der Markt wuchs
langsamer als erwartet. Nun hoffen Investoren darauf, dass die neue Regierung den Investitionsstau
auflöst.
Chancen für internationale Unternehmen bestehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
In einigen Segmenten ist aber eine Investition aus
dem Ausland einfacher als in anderen. Im Moment
ist der Verkauf von Komponenten und Maschinen
wie Kesseln oder von kompletten, schlüsselfertigen Kraftwerken sowie technischen Dienstleistungen vermutlich das rentabelste Geschäft. Es gibt
hier eine große und wachsende Nachfrage und
bedeutende Knappheit auf der Angebotsseite. Der
Hauptmitbewerber wäre das indische Staatsunternehmen BHEL. BHEL verfügt zwar über viel Erfahrung und ausgezeichnete Kontakte, ist aber nicht
294
Powering India: The Road to 2017, McKinsey, 2009
(http://bit.ly/1gjaAwa).
295
Verschiedene Presseberichte.
296
Business Today, “All Fall Down“, Juli 2011
(http://bit.ly/17tP1Wh).
82
Energiemarktstudie Indien | Thermische Stromerzeugung
im Stande, die Produktionskapazitäten schnell
genug zu erhöhen, falls die Nachfrage wieder anzieht. Im Boomjahr 2008, betrugen die Lieferfristen 40 bis 48 Monate. Chinesische Unternehmen
(deren Preise ungefähr 25% unter den Preisen von
BHEL liegen) gewinnen Marktanteile, werden aber
oft mit Misstrauen betrachtet und dürfen an vielen
Ausschreibungen nicht teilnehmen. Ein erfolgreicher, internationaler Teilelieferant wird eine lokale
Produktion, Wartung und Reparatur sicherstellen
müssen.
Inwieweit Indien internationale Investoren in der
Stromerzeugung anzieht, hängt maßgeblich davon
ab, ob wichtige Strukturreformen im Sektor durchgeführt werden, die ausreichend Planungs- und
Rechtsicherheit bei transparenten, verlässlichen
Prozessen bieten.
Thermische Stromerzeugung | Energiemarktstudie Indien
83
7
Erneuerbare Energie
in Indien
Erneuerbare Energien werden in Indien seit fast
drei Jahrzehnten gefördert. Die Gründe hierfür
waren bisher eher pragmatisch als ideell: Man
wollte mehr Energiesicherheit schaffen (die Ölkrise der 70er Jahre hat auch in Indien ihre Spuren
hinterlassen), und zur Deckung des zunehmenden
Energiebedarfes alle verfügbaren Energiequellen,
inklusive der erneuerbaren, nutzen. Zudem hat
man sich schon früh mit dem Bedarf für dezentrale
Energieversorgungsmöglichkeiten für abgelegene,
ländliche Gebiete beschäftigt, wofür erneuerbare
Energien eine gute Lösung sind.297 Erst in den letzten Jahren ist der Klimaaspekt zu einem weiteren
Faktor in den Überlegungen zur Nutzung erneuerbarer Energie geworden.
Zu den erneuerbaren Energien werden in Indien
insbesondere die Windkraft, die Wasserkraft (kleiner als 25 MW), die Solarkraft (PV und solarthermische Technologien) und die Biomasse (hauptsächlich Verbrennung von Bagasse, wenig Biogas)
gezählt. Weitere Technologien, wie etwa Gezeitenkraft und Geothermie sind noch im Teststadium.
Siehe Abb. 40: Erneuerbare Energien: Geschätztes
Potenzial und installierte Kapazität in Indien.298
Abb. 40: Erneuerbare Energien: Geschätztes Potenzial
und installierte Kapazität in Indien
Total: 115 GW
7.1 Überblick: Erneuerbare
Energien in Indien
Indien besitzt ein großes Potenzial zur Nutzung
erneuerbarer Energien. Zunächst liegt das an der
großen Landmasse. Aber auch die hohe Sonneneinstrahlung, die langen Küsten und die natürlichen Gefälle vom Himalaya in die Gangesebene
sind wichtige Faktoren. Entscheidende Limitierungen sind bisher die vergleichsweise hohen Kosten vieler erneuerbarer Energien sowie die dichte
Besiedelung und die Infrastruktur. Wenn die nur
schwer zu bewertende Solarenergie nicht mitgerechnet wird, hat die Windenergie das höchste
gesamte, und noch zu verwirklichende Potenzial.
297
In den ländlichen Regionen ist die traditionelle Nutzung von
Biomasse wie Holz und Kuhdung weit verbreitet.
84
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
Total: 31 GW
298
MNRE, Achievements, September 2013 (http://bit.ly/JdXz9a);
MNRE, Annual Report, 2012–2013 (http://bit.ly/18wOgvG).
Im September 2013 war die Windkraft mit fast 20
GW installierter Kapazität, die am weitesten entwickelte erneuerbare Energiequelle, gefolgt von kleiner Wasserkraft, Bagasse (meist KWK) und der Solarenergie. Die Solarenergie hat sich in den letzten
Jahren am dynamischsten entwickelt, von wenigen
MW im Jahr 2010 zu über 2 GW in 2013. Die Gesamtkapazität zur Herstellung von Strom aus netzgebundenen, regenerativen Energiequellen betrug
im September 2013 knapp 31 GW. Damit ist Indien
eines der weltweit führenden Länder. Wenn Indien die selbst gesteckten Ziele für die Entwicklung
erneuerbarer Energien bis 2017 (zum Ende des
12. Fünfjahresplanes) tatsächlich erreichen kann,
dann wäre es mit 54 GW installierter Kapazität aus
Wind, Solarenergie, Biomasse und kleiner Wasserkraft ein internationaler Vorreiter. In den folgenden
5 Jahren, bis 2017, sollen vor allem die Windenergie und die Solarenergie mit 15 bzw. 10 GW weiter
entwickelt werden. Siehe Tabelle 10: Entwicklung
der erneuerbaren Energie in Indien in MW installierter Kapazität.299
Windenergie, kleine Wasserkraft, Biomasse und
Solarenergie sind bereits vielerorts mit den Endkundenpreisen für Strom wettbewerbsfähig. Allerdings bleibt die Solarenergie noch die teuerste
Quelle. Daher sind die staatlichen Anreizsysteme
(Subventionen, Einspeisetarife, etc.) bei der Solar­
energie noch die höchsten. Eine klare Aussage zur
Netzparität lässt sich nicht so einfach treffen, da
die Stromversorgung in Indien sehr unterschiedlich ist, sowohl im Preis als auch in der Qualität.
Erneuerbare Energien haben besonders in Gegenden, die bisher noch keinen Netzanschluss aufweisen, oder in denen die Stromversorgung aus dem
Netz sehr unzuverlässig ist, einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Strom, der in großen Kohle-,
Gas-, Nuklear-, oder Wasserkraftwerken erzeugt
wird.
Bis die erneuerbaren Energien grundlastfähig mit
Kohlestrom wettbewerbsfähig sind, wird es noch
ein paar Jahre dauern. Allerdings besitzt Indien
nicht den Luxus, unter verschiedenen möglichen
Energieträgern auszuwählen, sondern muss mit
den vorhandenen finanziellen Ressourcen versuchen, die rapide wachsende Energienachfrage zu
299
IREDA und National Solar Mission, 2009 and the 12th Five
Year Plan (http://bit.ly/HpF1BL).
Tabelle 10: Entwicklung der erneuerbaren Energie in Indien in MW installierter Kapazität
Fünfjahresplan
9th
10th
Jahre
1998
-2002
11th
2003
-2007
2008
-2012
Erreicht
bis 2012
12th (Ziel)
2013
-2017
Total
Wind
1.667
5.333
9.000
10.260
15.000
31.000
Kl. Wasserkraft
1.438
522
1.500
1.419
2.400
5.860
368
669
1.700
1.996
2.600
5.337
Solar
2
1
50
940
10.000
10.053
Total
3.475
6.525
12.250
14.615
30.000
52.250
Biomasse
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
85
decken. Daher ist der beste Vergleichswert nicht
der Kohlestrom, der im Durchschnitt 3 Rupien
(0,04 Euro) pro kWh kostet, sondern jener Strom
aus Dieselgeneratoren, der dezentral zu einem
Preis von 15 Rupien (0,20 Euro) pro kWh hergestellt
wird. Steigende internationale Rohölpreise und die
zunehmende Sorge um das Außenhandelsdefizit
des Landes haben die indische Regierung dazu
gebracht, in den letzten Jahren die Subventionen
für Diesel und Strom zu reduzieren. Die Anpassung der Preise an Marktgegebenheiten ist noch
lange nicht abgeschlossen. Somit kann man davon
ausgehen, dass die erneuerbaren Energien in den
nächsten Jahren, auch ohne staatliche Unterstützung immer attraktiver für Stromkunden werden.
Siehe Tabelle 11: Herstellungskosten für Strom in
Indien von verschiedenen Energieträgern (2013).
7.2 Renewable Purchase
Obligations (RPO)
Laut dem Electricity Act 2003 will Indien die Entwicklung von erneuerbaren Energien auch über
sogenannte Renewable Purchase Obligations
(RPOs) fördern.300 Die National Tariff Policy301 hat
das Thema aufgegriffen und angeregt, dass die
State Electricity Regulatory Commissions (SERCs)
verbindliche Prozentsätze für die Stromversorger
in ihrem Einflussbereich geben sollen. Der National Action Plan for Climate Change (NAPCC) von
2008 hat diese Prozentsätze spezifiziert und die
Richtlinie ausgegeben, dass Erneuerbare EnerElectricity Act 2003 (http://bit.ly/16iLozO).
301
National Tariff Policy 2006 (http://bit.ly/IGKPrj).
300
gien im Finanzjahr 2009–10 5% des kommerziell
genutzten (im Netz verfügbaren und für den Eigenbedarf erzeugten) Stromes stellen sollen. Das Ziel
soll jährlich um 1% angehoben werden, so dass bis
2020 15% des Stromes aus erneuerbaren Quellen
stammt.302
Basierend auf dem im Bundesstaat zur Verfügung
stehenden Potenzial, und in Anlehnung an die Ziele des NAPCC, haben die meisten SERCs seitdem
verbindliche RPO-Quoten angegeben (siehe Tabelle unten). Für Solarenergie wurde dabei eine zusätzliche Unterkategorie geschaffen. Es blieb den
SERCs überlassen, für weitere Technologien spezifische RPOs festzulegen. Um die bundesstaatlichen
Ziele in das übergeordnete, nationale Ziel einzubinden und die Umsetzung indienweit so effizient wie
möglich zu gestalten, wurde ein weiteres Instrument, die sogenannten Renewable Energy Certificates (RECs) eingeführt, die mit der Erzeugung von
erneuerbarem Strom generiert werden und dann
gehandelt werden können (vergleichbar den Treibhausgaszertifikaten unter dem Kyoto-Protokoll).
Bisher war das Programm allerdings noch kein
Erfolg. Die Umsetzung der RPOs wurde noch nicht
nachhaltig eingefordert, ein verfehlen der Ziele
bisher nicht pönalisiert. Damit ist auch der RECMarkt bisher nicht auf die Beine gekommen. Siehe
Tabelle 12: RPO Ziele einzelner Bundesstaaten bis
2022.303
302
Government of India, National Action Plan on Climate
Change (http://bit.ly/1ky0APP).
303
BRIDGE TO INDIA Analyse auf Basis von SERC Daten
Tabelle 11: Herstellungskosten für Strom in Indien von verschiedenen Energieträgern (2013)
86
Energieträger
Preis (Rupien pro kWh)
Quelle
Kohle
2 bis 4
Industrieexperten, Presse
Nuklear
2 bis 4
McKinsey „Powering India“
Grosse Wasserkraft
3 bis 4
McKinsey „Powering India“
Gas
4 bis 6
McKinsey „Powering India“
Diesel
12 bis 30 (vereinzelt mehr)
BRIDGE TO INDIA Analyse
Wind (onshore)
3,93 bis 6,29
CERC
Kleine Wasserkraft
3,75 bis 5,16
CERC
Biomasse
5,50 bis 6,24
CERC
Solar (thermisch)
8,75
CERC
Solar (PV)
7 bis 11
BRIDGE TO INDIA Analyse
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
Tabelle 12: RPO Ziele einzelner Bundesstaaten bis 2022
State
Andhra
Pradesh
solar
Non solar
Total
2011
2012
2013
2014
2015
2016
2017
-2012 -2013 -2014 -2015 -2016 -2017 -2018
0,25% 0,25% 0,25% 0,25% 0,25% 0,25%
4,75% 4,75% 4,75% 4,75% 4,75% 4,75%
5,00% 5,00% 5,00% 5,00% 5,00% 5,00%
Arunachal No regulation issued
Pradesh
Solar
0,10% 0,15%
Assam
Non solar
2,70% 4,05%
Total
2,80% 4,20%
Solar
0,25% 0,25%
Bihar
Non solar
2,25% 3,75%
Total
2,50% 4,00%
Solar
0,25% 0,50%
Chhattis- Non solar
5,00%
5,25%
garh
Total
5,25% 5,75%
Solar
0,10% 0,15%
Delhi
Non solar
1,90% 3,25%
Total
2,00% 3,40%
Solar
0,30% 0,40%
JERC
1,70% 2,60%
(Goa & UT) Non solar
Total
2,00% 3,00%
Solar
0,50% 1,00%
Gujarat
Non solar
5,50% 6,00%
Total
6,00% 7,00%
Solar
0,05%
Haryana
Non solar
1,50% 2,00%
Total
1,50% 2,05%
Solar
0,01% 0,25%
Himachal Non solar 10,00% 10,00%
Pradesh
Total
10,01% 10,25%
Solar
0,10% 0,25%
Jammu & Non solar
2,90%
4,75%
Kashmir
Total
3,00% 5,00%
Solar
0,50% 1,00%
Jharkhand Non solar
2,50% 3,00%
Total
3,00% 4,00%
Solar
0,25%
Karnataka Non solar 10,00%
Total
10,25%
Solar
0,25% 0,25%
Kerala
Non solar
3,35% 3,65%
Total
3,60% 3,90%
Solar
0,40% 0,60%
Madhya
Non solar
2,10% 3,40%
Pradesh
Total
2,50% 4,00%
2018
-2019
2019
-2020
2020
-2021
2021
-2022
0,20%
5,40%
5,60%
0,50%
4,00%
4,50%
0,25%
6,75%
7,00%
0,75%
4,25%
5,00%
1,00%
1,25%
1,50%
1,75%
2,00%
2,50%
3,00%
1,00%
1,25%
1,50%
1,75%
2,00%
2,50%
3,00%
0,20%
4,60%
4,80%
0,25%
5,95%
6,20%
0,30%
7,30%
7,60%
0,35%
8,65%
9,00%
0,75%
3,00%
3,75%
0,25% 0,25% 0,25% 0,25% 0,50% 0,75% 1,00% 2,00% 3,00%
10,00% 10,00% 11,00% 12,00% 13,00% 14,00% 15,00% 15,50% 16,00%
10,25% 10,25% 11,25% 12,25% 13,50% 14,75% 16,00% 17,50% 19,00%
0,25%
3,95%
4,20%
0,80%
4,70%
5,50%
0,25%
4,25%
4,50%
1,00%
6,00%
7,00%
0,25%
4,55%
4,80%
0,25%
4,85%
5,10%
0,25%
5,15%
5,40%
0,25%
5,45%
5,70%
0,25%
5,75%
6,00%
0,25%
6,05%
6,30%
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
0,25%
6,35%
6,60%
87
2011
-2012
Solar
0,25%
Maharash- Non solar
6,75%
tra
Total
7,00%
Solar
0,25%
Manipur
Non solar
2,75%
Total
3,00%
Solar
0,25%
Non solar
5,75%
Mizoram
Total
6,00%
Solar
0,30%
Meghalaya Non solar
0,45%
Total
0,75%
Solar
0,25%
Nagaland Non solar
6,75%
Total
7,00%
Solar
0,10%
Odisha
Non solar
4,90%
Total
5,00%
Solar
0,03%
Punjab
Non solar
2,37%
Total
2,40%
Solar
0,50%
Rajasthan Non solar
5,50%
Total
6,00%
Sikkim
No regulation issued
Solar
0,05%
Tamil
Non solar
8,95%
Nadu
Total
9,00%
Solar
0,10%
Tripura
Non solar
0,90%
Total
1,00%
Solar
0,03%
UttarakNon
solar
4,50%
hand
Total
4,53%
Solar
0,50%
Uttar
Non solar
4,50%
Pradesh
Total
5,00%
Solar
West
Bengal
Non solar
Total
State
88
2012
2013
2014
2015
2016
-2013 -2014 -2015 -2016 -2017
0,25% 0,50% 0,50% 0,50%
7,75% 8,50% 8,50% 8,50%
8,00% 9,00% 9,00% 9,00%
0,25%
4,75%
5,00%
0,25%
6,75%
7,00%
0,40%
0,60%
1,00%
0,25%
7,75%
8,00%
0,15% 0,20% 0,25% 0,30%
5,35% 5,80% 6,25% 6.70%
5,50% 6,00% 6,50% 7,00%
0,07% 0,13% 0,19%
2,83% 3,37% 3,81%
2,90% 3,50% 4,00%
0,75% 1,00%
6,35% 7,20%
7,10% 8,20%
2017
-2018
0,10%
1,90%
2,00%
0,05%
5,00%
5,05%
1,00%
5,00%
6,00%
0,25%
3,75%
4,00%
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
0,30%
4,70%
5,00%
0,40%
5,60%
6,00%
0,50%
6,50%
7,00%
0,60%
7,40%
8,00%
2018
-2019
2019
-2020
2020
-2021
2021
-2022
21
22
7.3 Hemmnisse bei der Entwicklung erneuerbarer Energien
in Indien304
Eine Reihe von Herausforderungen schränkt die
Entwicklung erneuerbarer Energien in Indien ein.
Hindernisse bestehen sowohl auf der regulatorischen, marktspezifischen, projektspezifischen, als
auch technologischen Ebene. Die für die einzelnen
Technologien relevanten Hemmnisse werden später im Einzelnen betrachtet.
Grundsätzliche Hindernisse:
•Regulatorische Unsicherheit: Regelungen und
Anreizsysteme sind oft unübersichtlich oder
nicht verlässlich. Zudem ist die Bürokratie vielerorts ein Hindernis. Ein gutes Beispiel für
die regulatorische Unsicherheit sind die sogenannten Renewable Energy Obligations (RPOs).
Diese gibt es zwar (heruntergebrochen auf die
einzelnen Bundesstaaten und Stromerzeuger),
sie werden aber nur langsam legislativ und administrativ in den einzelnen Bundesländern als
Richtlinien umgesetzt. Es gibt keine bedeutende
Strafe, wenn die Quote unerfüllt bleibt. Investoren und Projektentwickler, die sich auf die RPOs
und die dazugehörigen RECs verlassen haben,
sehen sich bisher weitgehend enttäuscht.
•Mangelnde Rechtssicherheit: Verfahren können
so langwierig sein, dass sie praktisch irrelevant werden. Das macht es schwer, bestimmte
Geschäftsmodelle, wie etwa Renewable Energy
Service Companies (RESCOs), die auf Vertragssicherheit beruhen, aufzubauen.
•Mangelnde Infrastruktur: Zugangsstraßen, Verteilerstationen und Stromleitungen sind besonders in entlegenen Gebieten, wie zum Beispiel
dem Himalaya (Wasserkraft) und den Wüsten
(Solar), oft nicht vorhanden.
•Landerwerb: Eine kleinteilige Landwirtschaftsstruktur, große kulturelle Unterschiede zwischen
einfachen Dörfern und dem modernen Indien, lokale demokratische Prozesse (Panchayati Raj),
oft unklare Eigentümerstrukturen sowie mafiöse
Strukturen erschweren den Kauf von Land. Indien ist auch, selbst in den entlegenen Gebieten,
relativ dicht besiedelt und es gibt traditionelle,
nicht-offizielle Besitzansprüche auf Land. Selbst
304
Interviews mit Industrieexperten.
Großinvestitionen führender indischer Unternehmen scheitern an dieser Hürde, wie vor einigen Jahren das Beispiel von Tata Motors in West
Bengal gezeigt hat.305
•Lokale soziale Strukturen: Beim Bau und in der
Wartung von Anlagen werden meist lokale Arbeitskräfte eingebunden. Diese leben oft in traditionellen sozialen Strukturen. Hieraus ergeben
sich Herausforderungen, zum Beispiel im Umgang mit sozialen Hierarchien wie das Kastensystem, Rivalitäten zwischen Gemeinschaften
oder auch Analphabetismus.
•Basisdaten: Die Datengrundlage ist vergleichsweise dünn. Wind- und Solarkarten, zum Beispiel, sind vielerorts nicht aussagekräftig genug.
Biomassedaten sind nicht ausreichend verfügbar.
•Zahlungssicherheit („counterparty risk“): Wenn
ein Kraftwerksbetreiber seinen Strom in das
Netz einspeist, ist der Stromkäufer und Vertragspartner des PPA in der Regel das State Electricity Board (SEB) des jeweiligen Bundesstaates. Da
die SEBs aufgrund jahrelanger Misswirtschaft
mehr oder weniger bankrott sind, sind die Risiken
eines langfristigen PPAs sehr hoch. Zwar wurden die SEBs vom indischen Staat bisher durch
einzelne Kapitalspritzen über Wasser gehalten,
aber hinter diesen Aktionen ist keine langfristige
Strategie oder der Wille zu einer strukturellen
Reform erkennbar. Auch gibt es keine Kompensierung für Ausfälle aufgrund von Netzversagen
(Schwankungen, Unterbrechungen).
•Netzanschluss: Wer für den Netzanschluss eines
Projektes bezahlen muss, wird meist von Projekt
zu Projekt verhandelt.
•Genehmigungen: müssen oft vom Umweltministerium, dem Landwirtschaftsministerium, der
lokalen Wasser- und Feuerschutzbehörde, dem
Pachayat (Dorfrat) und je nach Standort noch
weiteren Stellen eingeholt werden. Zu selten
noch zeigen sich die verschiedenen Ministerien
und Behörden kooperationsbereit. Alle notwendigen Genehmigungen einzuholen, kann den
Planungsprozess stark verzögern.
•Fachkräfte: Aufgrund des starken Wachstums
gibt es einen Mangel an qualitativ hochwertigen
Fachkräften für die Umsetzung von Energieprojekten.
305
Wikipedia, Eintrag zu der Tata Nano Singur
Land Kontroverse (http://bit.ly/1cy6Bbt).
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
89
7.4 Sollte Indien ein EEG nach
deutschem Muster einführen?
Das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien oder Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) trat
in Deutschland 2000 in Kraft und wurde seitdem
mehrmals überarbeitet. Das EEG soll die Weiterentwicklung von Technologien zur Erzeugung von
Strom aus erneuerbaren Quellen fördern. Es dient
dem Klima- und Umweltschutz und gehört zu einer
ganzen Reihe gesetzlicher Maßnahmen, mit denen
die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern wie
Erdöl, Erdgas oder Kohle, aber auch der Kernkraft
verringert werden soll. So schreibt das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz eine Nutzung von erneuerbaren Energien bei der Wärmeerzeugung vor
und das Biokraftstoffquotengesetz ihre Verwendung im Verkehrsbereich. Das deutsche EEG gilt
trotz teils berechtigter Kritik als Erfolgsgeschichte. Das Modell der Einspeisevergütung wurde von
bisher 47 Staaten übernommen.306
Die Netzbetreiber mussten sich dazu bekennen,
Strom aus erneuerbaren-Energie-Quellen zu
übertragen und bestimmte Einspeisetarife dafür
zu bezahlen. Aufgrund des EEGs und weiterer gesetzlicher Massnahmen, ist es Deutschland gelungen, eine technologische und wirtschaftliche Vorreiterrolle im Bereich der erneuerbaren Energien
zu übernehmen. Die Industrie verzeichnete in den
letzten 10 Jahren hohe Wachstumsraten und trug
zunehmend zu der starken Exportbilanz Deutschlands bei. Eine große Zahl neuer Unternehmen
wurde gegründet und man geht davon aus, dass
die erneuerbaren Energien eine der Schlüsselindustrien in Deutschland werden können.307
Die Einführung eines Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) in Indien nach deutschem Muster
hätte Vorteile für die Entwicklung der erneuerbaren Energien in Indien. Zum einen würde es eine
Gesamtstrategie voraussetzen und somit Planungssicherheit geben. Außerdem würde es mit
einer Vereinheitlichung des Marktes einhergehen.
Im Moment ist der indische Markt für erneuerbare
Energien eigentlich eine Ansammlung von Regionalmärkten. Manche Bundesstaaten, wie zum BeiBundesministerium für Umwelt, Website.
Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie,
Exportinitiative Erneuerbare Energie.
306
307
90
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
spiel Gujarat, bieten ein attraktives Umfeld für fast
alle erneuerbare Energien, andere setzen auf einzelne Technologien, manche Bundesstaaten, wie
zum Beispiel die Staaten des Nordostens und die
kleineren Staaten wie Goa oder Pondicherry haben
überhaupt keine ausformulierte Politikrichtlinie.
Manche Beobachter sehen darin einen gesunden
Wettbewerb unter den Staaten um Investoren.
In der Realität stellt dies bisher einfach nur ein
Markteintrittshindernis dar: Wenn Indien als Gesamtmarkt auftreten würde, könnte man im Wettbewerb um internationale Investitionen gegenüber
anderen Destinationen wie den USA oder China erfolgreicher sein.
Auf der anderen Seite hat für Indien die Förderung
erneuerbarer Energien nicht die gleiche Bedeutung wie für Deutschland. Einzelne Technologien
sollen dann gefördert werden, wenn sie zur Deckung des Energiebedarfs und der Energiesicherheit an einem bestimmten Standort die besten Erfolgschancen haben. Das ist ein pragmatischerer
Ansatz, als der grundsätzliche, der dem deutschen
EEG zugrunde lag.
Ein EEG wird in Indien zwar immer wieder gefordert, wird aber kaum umzusetzen sein. Dafür gibt
es einen einfachen Grund. Indien wird nicht als ein
zusammenhängender Strommarkt verwaltet. Insbesondere die Strompolitik wird maßgeblich auf
Ebene der einzelnen Bundesstaaten bestimmt.
Dies liegt an der indischen Verfassung, die den
einzelnen Bundesstaaten im Bereich der Stromversorgung und gerade bei der Festsetzung von
Einspeisetarifen einen hohen Grad an Autonomie
gewährt.
Die Zentralregierung hat dennoch wichtige Gestaltungsmöglichkeiten, die sie auch nutzt. Sie kann
rechtliche Rahmenbedingungen vorgeben, die in
den Bundesstaaten dann im Einzelnen ausformuliert und umgesetzt werden müssen. Die Initiativen
der Zentralregierung könnten zu einer umfassenden Erneuerbare-Energien-Mission, ähnlich der
Solar Mission, zusammengefasst werden. Das ginge zwar nicht so weit wie das deutsche EEG, wäre
aber ein Fortschritt.
7.5Windenergie
7.5.1Marktpotenzial und Marktgröße
Indien war einer der Pioniere in der kommerziellen
Nutzung der Windenergie seit den 1990er Jahren.
2012 belegte das Land weltweit den fünften Platz
bei der installierten Kapazität, hinter den USA,
Deutschland, China und Spanien und den vierten
Rang bei der Installation neuer Anlagen.308 Siehe
Abb. 41: Windkraftkapazitäten weltweit 2012 (neu
installiert und gesamt, in MW).309
Die Windkraft trägt etwa zwei Drittel311 zur installierten Kapazität der Erneuerbaren Energien in Indien bei. Der Erfolg ist vor allem auf die Wettbewerbsfähigkeit als Energiequelle und auf staatliche
Anreize zurückzuführen. Windkraft wird vor allem
nahe der Küstenregionen eingesetzt. Mit dem von
Tulsi Tanti gegründeten Unternehmen Suzlon hat
Indien den Windmarktführer in Asien und den
drittgrößten Turbinenhersteller der Welt. In Kombination mit der deutschen Tochter REpower hält
Suzlon einen Weltmarktanteil von 7,4%.312
Von den bis Ende 2012 weltweit installierten Windkraftkapazitäten von über 280 GW, wurden allein
44 GW im letzten Jahr installiert. Die Wachstumsrate lag bei 19%. Indien hatte Ende 2012 mit einer installierten Kapazität von knapp 18 GW einen
Weltmarktanteil von 6,5%. Das Wachstum lag mit
14,5% nur hinter dem in China und in den USA.310
Global Wind Statistics 2012, GWEC (http://bit.ly/1f3Fd4P).
Ebd.
310
Ebd.
308
309
Die indische Regierung schätzt, dass in Indien
ein Potenzial von mindestens 100 GW auf 80 Meter Höhe besteht. Diese Zahl kann sich aufgrund
von technischen Verbesserungen und einer stär311
MNRE, Achievements Capacity, September 2013
(http://bit.ly/1bubMYM).
312
Suzlon, Press Release, April 2013 (http://bit.ly/HO1Qih).
Abb. 41: Windkraftkapazitäten weltweit 2012 (neu installiert und gesamt, in MW)
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
91
keren Nutzung küstennaher Offshore-Ressourcen
noch erhöhen. Die Ermittlung des theoretischen
Potenzials erfolgte anhand mehrerer Annahmen.
Zunächst wurden nur die Regionen berücksichtigt, die eine durchschnittliche Winddichte (Wind
Power Density, WPD) von 200 W / m2 in einer Höhe
von 50 Metern über dem Erdboden haben. Man
ging davon aus, dass 1% des Landes in Indien für
die Nutzung von Windkraftanlagen zur Verfügung
steht und für die Erzeugung von einem Megawatt
etwa 12 Hektar Land benötigt werden (wohl eine
optimistische Annahme). Außerdem wurden technische Erschließungsmöglichkeiten sowie geographische, ordnungspolitische, demographische
und politische Restriktionen berücksichtigt.313 Die
Shakti Foundation hat 2011 eine unabhängige Untersuchung zur Bemessung des Windkraftpotenzials in Indien durchgeführt und ist bei einer Höhe
von 80 Metern auf den wesentlich höheren Wert
von 750 GW gekommen.314 Zum Vergleich: in China
wird das Gesamtpotenzial für onshore Windkraft
auf über 2,000 GW geschätzt.315
Ein Think Tank aus Pune hat 2012 geschätzt, dass
das Potenzial für Offshore-Wind alleine in Tamil
Nadu auf 80 Metern Höhe 127 GW beträgt.317 Um
127 GW zu installieren, bedarf es einer Fläche von
über 25.000 km2 (bei 5 MW / km2).318 Bei einer
Küstenlänge von 910 km und einer kurzen Kontinentalplatte scheint das sehr ambitioniert. Siehe
Abb. 42: Windenergiedichte in Indien bei 80 m Höhe
(C-WET und Shakti Foundation).319
Abb. 42: Windenergiedichte in Indien bei 80 m Höhe
(C-WET und Shakti Foundation)
Für die Abschätzung des Windpotenzials in Indien
ist das Centre for Wind Energy Technology (C-WET)
verantwortlich, das gleichzeitig das zentrale Institut für Forschungs- und Entwicklungsaufgaben
in der indischen Windbranche ist. Mit Hilfe der ca.
1.000 in Indien verteilten, öffentlichen und privaten Messstationen wurden 208 geeignete onshore Standorte identifiziert. Auf der Windkarte wird
deutlich, dass die attraktivsten Standorte in den
südindischen Staaten Tamil Nadu, Kerala, Karnataka und Andhra Pradesh sowie in den westindischen Staaten Gujarat, Maharashtra und Rajasthan liegen.
Das Potenzial für Offshore-Wind wurde bisher
noch kaum untersucht. Die Wirtschaftlichkeit von
offshore Windkraftwerken hängt neben der Windgeschwindigkeit auch von der Wassertiefe, den geologischen Bedingungen und der Entfernung zur Küste
ab. Die Europäische Union will Indien mit einem 4
Millionen Euro Projekt dabei unterstützen, das Potenzial näher zu untersuchen. Der Fokus liegt dabei
auf den Staaten Gujarat und Tamil Nadu.316
WISE, Action Plan for Comprehensive Renewable Energy
Development in Tamil Nadu, 2012, (http://bit.ly/1hHUiy8).
318
Estimate based on EEA technical report on Europe’s Wind
Power Potential (http://goo.gl/um6NSX).
319
Shakti Foundation, Reassessing the Wind Potential Estimates for India, 2011 (http://bit.ly/1bq90B2); C-WET, Website
(http://bit.ly/19evp7P).
317
C-WET, Website (http://bit.ly/19evp7P).
314
Shakti Foundation, Reassessing the Wind Potential
Estimates for India, 2011 (http://bit.ly/1bq90B2).
315
Wind Power Monthly, 2011 (http://goo.gl/ZyMGOe)
316 Bloomberg, India to Prepare Offshore Wind Plan
Trade Group Says (http://goo.gl/jnU186).
313
92
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
Dem theoretischen Windpotenzial steht ein weit
geringeres technisches Potenzial gegenüber. Der
Grund für die Diskrepanz ist unter anderem das
schlecht ausgebaute Stromnetz, das an vielen
Standorten die Einspeisung der Windenergie in das
Netz unmöglich macht. Zusätzlich sorgen Überlastungen und Reparaturen des Netzes dafür, dass
selbst angeschlossene Windkraftanlagen in guten
Windzeiten stillstehen müssen. Ein weiteres Hindernis zum Ausbau der Windkraft ist vielerorts ein
unzureichendes Straßennetz.
Bis Ende Oktober 2013 waren in Indien insgesamt
knapp 20 GW Windkraft installiert. Die Industrie
konzentriert sich dabei auf die sieben Bundesstaaten Rajasthan, Gujarat und Maharashtra im Westen, Madhya Pradesh im Landesinneren und Andhra Pradesh, Karnataka und Tamil Nadu im Süden.
Dabei ragte Tamil Nadu mit 42% Marktanteil deutlich heraus, gefolgt von Gujarat, Maharashtra und
Rajasthan. Siehe Abb. 43: Installierte Gesamtkapazität nach Bundesstaaten (Oktober 2013, in MW).320
320
MNRE, Annual Report, 2012–2013 (http://bit.ly/18wOgvG).
7.5.2Entwicklung des Windmarktes
In den vergangenen Jahren ist die Windkraft in Indien mit langsam abnehmender Geschwindigkeit
gewachsen. Das jährliche Wachstum lag zwischen
2007 und 2012 bei 15–25%.321 Die durchschnittliche
Kapazitätsnutzung der indischen Windkraftanlagen (der Plant Load Factor, PLF) ist niedriger als
der weltweite Durchschnitt von 30%.322 Der höchste PLF wurde in Tamil Nadu (26,7%) und Karnataka
(26,5%) erreicht. Es folgen Gujarat (23%), Madhya
Pradesh (22,5%), Kerala (21,5%) und Rajasthan
(21%).323
Die durchschnittliche Turbinenkapazität stieg in
den letzten Jahren stetig an. Die durchschnittliche
Kapazität einer installierten Windanlage betrug im
Jahr 2000 noch 400 kW. Im Jahr 2013 waren es bereits 768 kW.324
GWEC, India Energy Outlook, 2012 (http://bit.ly/18k0fgC).
3rd Renewable Energy India 2009 EXPO, Chidambaram/
Pachauri, 2009.
323
Daten für 2005 und 2006, Legal Frameworks for Renewable
Energy in India, Baker&McKenzie, 2008.
324
Windpower India, Website (http://bit.ly/1bwXiaK).
321
322
Abb. 43: Installierte Gesamtkapazität nach Bundesstaaten (Oktober 2013, in MW)
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
93
Siehe Abb. 44: Installierte Gesamtkapazität (in MW)
und Wachstum (in %) in Indien.325
Überdurchschnittlich schnell wuchs die Windkraft
in den Staaten Andhra Pradesh und Rajasthan zwischen 2010 und 2012. Siehe Abb. 45: Wachstum
der installierten Windkapazität in Bundesstaaten
(März 2011–12, in %).326
In Zukunft soll der Kapazitätsfaktor von 25% bis
2016 auf 27,5% ansteigen.327 Auch die Kapitalkosten werden vermutlich weiter fallen. In Indien sind
die Preise für Windturbinen im Vergleich zum weltweiten Markt in der Regel geringer, da die Lohnund Produktionskosten niedriger sind. 2009 lagen
die Kosten bei durchschnittlich 53,3 Millionen Rupien (666.250 EUR) pro MW.328 Im Folgenden werden drei unterschiedliche Wachstums-Szenarien
betrachtet: ein zurückhaltendes („Reference“, (R)),
ein mittleres („Moderate“, (M)) und ein optimisti-
GWEC, India Energy Outlook, 2012 (http://bit.ly/18k0fgC).
MNRE, Annual Report, 2011 und 2012
(http://bit.ly/1kxXrg5, http://bit.ly/1d7xzEX).
327
WISE, Towards 50GW of Wind Power by 2020
(http://bit.ly/1bweInN).
328
GWEC, Indian Wind Energy Outlook, 2009
(http://bit.ly/IOLfuW).
325
326
Abb. 44: Installierte Gesamtkapazität (in MW) und
Wachstum (in %) in Indien
94
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
sches („Advanced“ (A)). In den Szenarien wird Indien 2030 zwischen 30 GW und 250 GW Windstromkapazität haben.329
Das zurückhaltende Szenario (R) basiert auf den
Vorhersagen der International Energy Agency (IEA)
aus dem Jahr 2007. Dabei werden nur die zu diesem Zeitpunkt geltenden Gesetze und Maßnahmen
zur Förderung der Windenergie einbezogen. Zusätzlich wird angenommen, dass weitere Reformen auf dem Energiemarkt folgen, der grenzüberschreitende Energiehandel vereinfacht wird und
ergänzende Gesetze gegen die Luftverschmutzung
erlassen werden.
Das mittlere Szenario (M) bezieht alle verabschiedeten oder in Planung befindlichen politischen
Maßnahmen mit ein, welche die erneuerbaren
Energien fördern. Es wird außerdem angenommen, dass die in unterschiedlichen Ländern anvisierten Maßnahmen bezüglich erneuerbarer
Energien erfolgreich eingeführt werden und dass
die Klimaverhandlungen in Kopenhagen zu einem
erfolgreichen Abschluss kommen und die Entwicklung der Windenergie weiter stimulieren.
329
Ebd.
Abb. 45: Wachstum der installierten Windkapazität in
Bundesstaaten (März 2011–12, in %)
Das optimistische Szenario (A) setzt eine stark aufstrebende Marktentwicklung voraus. Es wird angenommen, dass alle politischen Maßnahmen zu
Gunsten der Windenergie getroffen werden, um beste Voraussetzungen auf dem Markt zu schaffen. Auch
wenn die langfristige Marktentwicklung schwer vorhersehbar ist, wurde dieses Szenario vor allem deshalb erstellt, um zu zeigen, wie sich dieser Markt in
Zeiten des Klimawandels durch politische Förderung
entwickeln kann. Sowohl im moderaten als auch im
optimistischen Szenario muss davon ausgegangen
werden, dass in Zukunft das absolute wie auch das
technische Potenzial für Windenergie deutlich höher
ist als heute. Siehe Abb. 46: Installierte Kapazität in
Indien; Szenarien (in MW und GWh).330
Das R-Szenario (lila) startet mit einer geschätzten
Wachstumsrate von 15,5% in 2009, sinkt auf 6,5%
in 2010 und stabilisiert sich bei 3% bis zum Jahr
2016. Bis Ende 2010 prognostiziert das Szenario
eine kumulierte Kapazität von 12,5 GW.331 Bis zum
Jahr 2020 erreicht die installierte Windkraft eine
Kapazität von 20,3 GW, die bei einer jährlichen Ka330
Indian Wind Energy Outlook, 2009; GWEC, 2009
(http://bit.ly/IOLfuW).
331
Ebd.
pazitätssteigerung von ungefähr 800 MW bis 2030
auf 27,3 GW ansteigt.
Im M-Szenario (blau) startet die jährliche Wachstumsrate bei 20,7% für 2009. Im folgenden Jahr
wird das Wachstum um 2,7 % reduziert und sinkt
schrittweise bis 2012 auf 12%. Abschließend
wächst die installierte Kapazität um 5% bis 2025.
Die installierte Gesamtkapazität beträgt 2010 13,7
GW, 2020 63 GW (jährlich 8 GW neue Kapazität) und
2030 über 142 GW (jährlich 6,8 GW neue Kapazität).
Mit Hilfe der installierten Kapazität könnten durch
Windkraft 2020 126,5 TWh Strom erzeugt werden.
Zehn Jahre später wären es sogar 341,3 TWh.332
Das A-Szenario (orange) beruht auf der Annahme,
dass der Windmarkt sehr schnell wachsen kann.
In den ersten beiden Jahren ist die Wachstumsrate bei 25%, sinkt bis 2016 auf 24% und endet bei
5% im Jahr 2026. Bis 2010 erreicht die installierte Kapazität 15,1 GW, bis 2020 sind es 134,8 GW
und 2030 241,3 GW. So könnte Indien mit Hilfe der
Windkraft im Jahr 2020 bereits 270 TWh und 2030
579 TWh Strom erzeugen.
332
Ebd.
Abb. 46: Installierte Kapazität in Indien; Szenarien (in MW und GWh)
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
95
Die vom Global Wind Energy Council beschriebenen Szenarien können wohl stärker eingegrenzt
werden. Die Untergrenze von knapp über 20 GW bis
2020 ist bereits erreicht. Die Obergrenze von 241
GW bis 2030 scheint unrealistisch – sie würde eine
massive Veränderung der Industrie- und Marktstruktur erforderlich machen um Wachstumsraten
möglich zu machen, die um ein Vielfaches über den
derzeitigen liegen. Eine Weiterführung der durchschnittlichen Wachstumsraten der Vergangenheit
von ca. 20% ist nicht wahrscheinlich, da die attraktivsten Standorte bereits besetzt sind. Bei einem
langfristigen Wachstum von 10% läge Indien 2030
bei 100 GW.
7.5.3Marktstruktur333
Marktführer in Indien war lange Zeit das heimische Unternehmen Suzlon Energy. Das Unternehmen ist unter anderem verantwortlich für die in
Dhule (Maharashtra) aufgestellte 1.000 MW Windfarm. Das Unternehmen besitzt mehrere, im Land
verteilte Produktionsstätten wie den Standort in
Gandhidham (Gujarat) zur Herstellung von Windtürmen oder die in Bhuj (Gujarat) produzierten Windturbinen. Dabei produziert Suzlon äußerst wetterbeständige Windturbinen mit einer Leistung von
300 kW bis 2,1 MW. 2013 war allerdings kein gutes
Jahr für Suzlon. In den ersten beiden Quartalen
2013 hat das Unternehmen Verluste gemacht. Diese wurden mit Währungsschwankungen, den Kosten eines Restrukturierungsprogrammes und dem
zeitweiligen Wegfall von Förderungen auf dem indischen Markt erklärt.334
Vestas RRB India Ltd. ist Teil der Vestas Wind System A / S, einem dänischen Unternehmen, das bereits im Jahr 1979 mit der Produktion von Windturbinen begonnen und etwa 19% der globalen
Windkraftwerksleistungen installiert hat. Vestas
Wind System stellt Turbinen mit einer Kapazität von
850 kW bis 3 MW her. In Indien wurde das operative Geschäft im Jahr 1986 gestartet. Der Hauptsitz
der Produktion liegt in Chennai. Bis zum jetzigen
Zeitpunkt hat Vestas mehr als 1.500 Windanlagen
in Indien installiert.335
333 Clean Energy in Gujarat, IIM, 2009.
334 Business Standard, 31. Oktober 2013 (http://bit.ly/1artXxO).
335 Vestas Website (http://goo.gl/r94Q1).
96
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
Wind World (India) Ltd., das aus der Enercon (India)
Ltd., einem Joint Venture zwischen der deutschen
Firma Enercon GmbH und der in Indien im Jahre
1995 gegründeten Mehra Gruppe hervorgegangen
ist, hat 2013 die Marktführerschaft von Suzlon übernommen. Die Zusammenarbeit zwischen Enercon
und der Mehra Gruppe ist in den letzten Jahren
aufgrund von intensiven Auseinandersetzungen
zum Erliegen gekommen. Ursprünglich ging der
Streit wohl auf unterschiedliche Wachstumsstrategien zurück. Daraufhin kam es zu immer tieferem
Misstrauen und schließlich gerichtlichen Auseinandersetzungen der ehemaligen Partner, die sich
vor allem um Patent- und Namensrechte drehten.
Seit 2013 ist Enercon de facto aus der Partnerschaft ausgestiegen und Enercon India wurde in
Wind World umbenannt. In Deutschland wurde der
Fall als Patentdiebstahl wahrgenommen, der dann
von einem indischen Gericht „im nationalen Interesse“ sanktioniert wurde.336 Siehe Abb. 47: Marktanteile für Windkraft in Indien (2012, in %).337
Abb. 47: Marktanteile für Windkraft in Indien (2012, in %)
336 Presse, z. B. New York Times, 24. März 2011
(http://nyti.ms/I0pw2P).
337 Windpower India, Website (http://bit.ly/1iu21h0).
Zur Berechnung der Anteile wird die von den Unternehmen installierte Gesamtkapazität verwendet.
Im Jahr 2012 war Suzlon mit einem Marktanteil
von 41% Marktführer in Indien. Wind World (Enercon) folgte mit 21%. Vestas (Vestas Wind Technology) lag mit einem Marktanteil von 10% auf dem
dritten Platz.
Vergütung des Windstroms geregelt. Die marktbestimmende Fördermaßnahme war lange Zeit der
steuerliche Vorteil der beschleunigten Abschreibung. Als Alternative dazu gibt es auch eine Einspeisevergütung (GBI). Aufgrund dieser Unterstützung liegen die Erzeugungskosten von Windstrom
etwa auf gleichem Niveau wie von Strom aus fossilen Energieträgern. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die verschiedenen staatlichen
Fördermaßnahmen für Windenergie: Siehe Tabelle
13: Staatliche Fördermaßnahmen für Wind­energie in
Indien.338
7.5.4 Wichtige Gesetze und Förderungen
Indien fördert den Ausbau von Windkraft mit einem Bündel von Maßnahmen, die von der Zentralund den einzelnen Bundesregierungen eingeführt
wurden. Durch entsprechende Gesetze wird die
338
MNRE, Annual Report, 2012–2013 (http://bit.ly/18wOgvG);
“Tracking Renewable Power Regulatory Framework” (http://
bit.ly/1aVdsdL).
Tabelle 13: Staatliche Fördermaßnahmen für Windenergie in Indien
Staaten
Einspeisetarif
RPO
2012
-2013
2013
-2014
2014
-2015
2015 Banking
-2016
Wheeling
Andhra
Pradesh
4,70 Rs/kWh
5%
erlaubt
5%
Karnataka
3,70 Rs/kWh
7–10%
erlaubt
(für 2% des
erzeugten
Stroms)
5%
West Bengal
•von Fall zu Fall
•Kapazität von
4,87 Rs/kWh
eigene und frei zugängliche:
5%
6 Monate
1 / 3 der Durchleitungsentgelte
des Tarifplans
oder 7,5%, was
mehr ist
Madhya
4,35 Rs/kWh
4%
N/A
N/A
N/A
erlaubt
2%
Maharashtra
3,38 – 5,07 Rs /
kWh
4%
5,50%
7%
N/A
1 Jahr
INR 0,60 / kWh
Rajasthan
4,89 – 5,44 Rs /
kWh
8%
9%
9%
9%
6 Monate
INR 0,32 / kWh
Tamil Nadu
3,51 Rs / kWh
N/A
N/A
N/A
N/A
•5% erlaubt
•1 Jahr
5% bis 7,5%
Gujarat
4,15 Rs / kWh
9%
monatliche
Abmachung
INR 0,12 / kWh
Kerala
4.77 Rs / kWh
17%
9 Monate
5%
Pradesh
N/A
N/A
N/A
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
97
7.5.5Abschreibungen und
steuerliche Anreize
Eine Abschreibungsregelung wurde im April 2012
an den Standardwert der Stromindustrie in Indien
angepasst. Die beschleunigte Abschreibung wurde
dabei von 80% auf 35% des Projektwertes reduziert
(15% ist der normale Wert, zusätzliche 20% sind
für den gesamten Stromsektor zulässig).339 Der
Windmarkt wurde von dieser Veränderung stark
getroffen und die Industrie forderte eine Rückkehr
zur alten Regelung.340 Seit Juli 2014 können nun
wieder 80% innerhalb des ersten Jahres abgeschrieben werden.
Zusätzlich zu der beschleunigten Abschreibung
sind viele Produkte der Windenergie von der Mehrwertsteuer befreit. Ausserdem sind sämtliche Erträge aus einer Windkraftanlage über die ersten 10
Jahre von der Steuer befreit. Von der Verbrauchsteuer befreit sind vor allem spezielle Geräte und
Bauteile regenerativer Energieanlagen, wodurch
indirekte Steuervorteile gewährt werden.341
7.5.6Banking and Wheeling
Banking und Wheeling wird auf bundesstaatlicher
Ebene geregelt. Beim Banking kann der Stromerzeuger überschüssigen Strom an lokale Stromversorger zum Weiterverkauf liefern. Der Lieferant
darf zusätzlich innerhalb eines bestimmten Zeitraums nach Bedarf eine ebenso große Energiemenge aus dem Netz beziehen. Der für den Transferausgleich gültige Zeitraum ist von Bundesstaat
zu Bundesstaat unterschiedlich.
Das Wheeling ermöglicht einen vergünstigten
Stromtransport über das Verbundnetz. Außerdem
wird das Transportentgelt als Prozentsatz des
Stroms physisch in Rechnung gestellt. Bei einem
Wheeling-Satz von 5% (zum Beispiel in Tamil Nadu
oder Andhra Pradesh) sind 100% der vertraglichen
Menge einzuspeisen, jedoch gibt der Netzbetreiber
nur 95% davon weiter.
USAID, Report on Financing Power Projects.
The Hindu,”Wind Energy Sector wants accelerated Depreciation restored”, August 2013 (http://bit.ly/1bVrOOh).
341
Legal Frameworks for Renewable Energy in India,
Baker&McKenzie, 2008.
339
340
98
Energiemarktstudie Indien | Indien im Überblick
7.5.7Importzölle
Auf zentraler Ebene ermöglicht die indische Regierung den zollbegünstigten Import bestimmter
Anlagenkomponenten. Bei speziellen Kugellagern,
Getrieben, oder Windturbinenreglern, wie auch auf
Windgeneratoren mit einer Kapazität von bis zu 30
kW wird eine Zollgebühr von nur 5% erhoben. Nach
dem Import ist der Weiterverkauf der Generatoren
für einen Zeitraum von zwei Jahren untersagt. Die
zur Herstellung von Rotorblättern benötigten Rohstoffe oder die zur Instandhaltung benötigten Bauteile werden ebenfalls mit einer Zollgebühr von 5%
versteuert. Die Zollregelungen werden durchgängig überprüft, um zu jedem Zeitpunkt die Einfuhr
der besten auf dem Markt erhältlichen Technologie
zu ermöglichen.342
7.5.8Finanzierungsförderung
Durch die Gründung der IREDA wurde die Vergabe
von Krediten zu günstigen Konditionen (2014: 11,9–
12,5% Zinssatz343, statt der marktüblichen 13–14%)
begünstigt. Im Finanzjahr 2011–12 hat IREDA für
etwa 1 GW Windprojekte insgesamt $ 253 Millionen
an Fremdkapital bereitgestellt.344
7.5.9Wichtige Projekte (abgeschlossen
und geplant)
Wie bisher soll auch in Zukunft der Ausbau der
Windkraft größtenteils über private Investoren erfolgen. Die indische Regierung beschränkt sich dabei auf die politische Flankierung durch fiskalische
Maßnahmen für die Hersteller von Umwelttechnik
sowie die Betreiber von Windparks.
Suzlon hat in Jaisalmer in Rajasthan einen 1.000
MW und in Maharashtra einen 250 MW Windpark
errichtet.345 Die National Aluminium Company Ltd.
(NALCO) hat in Rajasthan ein 48 MW Kraftwerk
gebaut.346 Green Infra betreibt fünf Windparks mit
342
Notification No. 12 / 2012- Customs, 17.03.2012, of Min. of
Finance, 2012–13 (http://bit.ly/1bCl31V).
343
IREDA, Website (http://goo.gl/yqvw7A).
344
IREDA, Website (http://bit.ly/1bPtVRH).
345
Cleantechnica, „Largest Wind Farm in India crosses 1,000
MW of capacity”, Mai 2012 (http://bit.ly/1ky5fyc); Suzlon,
Website (http://bit.ly/1gozbiV).
346
The Hindu, “NALCO’s Second Wind Power on Stream”,
Juni 2013 (http://bit.ly/19AXxOK).
350 MW Leistung.347 Renew Power unterhält 318
MW und CLP 600 MW (mit weiteren 460 MW in Planung).348 NSL betreibt 150 MW und plant weitere
750 MW.349 Tata Power besitzt 400 MW und baut
weitere 160 MW350. Hindustan Zinc Ltd. unterhält
275 MW.351 Indian Railways plant einen 25 MW
Windpark in Rajasthan.352
7.5.10 Marktchancen für deutsche
Unternehmen
Indiens Windindustrie wird internationalen Unternehmen weiterhin attraktive Marktmöglichkeiten
bieten. Zusätzlich zum Kapazitätswachstum werden in den nächsten Jahren viele kleine und veraltete Anlagen durch moderne ersetzt werden
(repowering). Im Offshore Bereich gibt es in den
nächsten Jahren hauptsächlich Chancen im Bereich der Datenerfassung und Planung. Im Folgenden wird unter Umständen die Netz-Infrastruktur
insbesondere in Tamil Nadu ausgebaut werden
müssen, bevor dann (schätzungsweise ab 2018)
Offshore Windanlagen gebaut werden.
Im Onshore Bereich bestehen interessante Geschäftsfelder entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Investition in Windkraft, der
Projektentwicklung, der Wartung und dem Monitoring, bis hin zur Entsorgung alter Anlagen. Durch
die Senkung der Importzölle wachsen auch die
Marktchancen deutscher Teilelieferanten.
Im Bereich der Herstellung muss man aber beachten, dass immer mehr asiatische Unternehmen in
die Produktion von Windturbinen und Komponenten einsteigen. Der Konkurrenzdruck wird sich
allerdings innerhalb der Wertschöpfungskette unterscheiden. Während die Produktion von Rotorblättern und Getrieben ein großes Know-how und
langjährige Erfahrung erfordert, sind die Eintrittsbarrieren für den Einstieg in die Turmherstellung
niedriger.353
Green Infra, Website (http://bit.ly/1bwmWMO).
Renew Power, Website (http://bit.ly/18BNImO); CLPM,
Website (http://bit.ly/18lrJCF).
349
NSL Power, Website (http://bit.ly/1gnXxJN).
350
Tata Power, Annual Report, 2012–2013 (http://bit.ly/HvD6fj).
351
Hindustan Zinc, Annual Report, 2012–2013
(http://bit.ly/18BQsk4).
352
Financial Express, 7. Dezember 2013 (http://bit.ly/1h2otie)
353
Windenergie – Studienband 2, DCTI, 2009.
347
348
7.6Solarenergie
Indien ist geradezu prädestiniert für die Nutzung
von Solarenergie. Im Durchschnitt hat das Land 300
Sonnentage im Jahr und es gibt viele wüstenähnliche, ungenutzte Flächen (besonders in den Bundestaaten Rajasthan und Gujarat). Die Einstrahlungswerte sind dabei besser als in Südeuropa.
Solarenergie könnte ein wichtiger Energieträger
werden, der sowohl eine bessere Energieversorgung (im Generellen, aber auch besonders in entlegenen Gebieten, für die Insellösungen gefordert
sind) als auch eine höhere Energiesicherheit ermöglicht. Obwohl Indien bereits seit den 1980ern
Unternehmen besitzt, die Solarmodule und Applikationen herstellen, wurde die Solarenergie bis
2010 nur vereinzelt im off-grid Bereich eingesetzt.
Mit der im November 2009 verabschiedeten Solar
Mission, die der Minister für Neue und Erneuerbare Energie Farooq Abdullah als „historisch und
transformativ“ beschrieb, hat sich das geändert.354
Indien will bis 2022 eines der führenden Solarländer werden. Das betrifft sowohl die Energiegewinnung wie auch die Herstellung von Komponenten
und die Forschung und Entwicklung. Seitdem ist
die Solarenergie in Indien stark gewachsen. 2010
lag die ans Netz angeschlossene Solarstromkapazität noch bei gerade 10 MW. Im Mai 2014 waren
es schon knapp über 2,5 GW.355 Das Wachstum war
dabei neben der National Solar Mission besonders
auf die Gujarat Solar Policy zurückzuführen.
Insgesamt ist der indische Solarmarkt – wie viele
andere Solarmärkte weltweit – im Umbruch. Aufgrund der in den letzten Jahren stark gefallenen
Modulkosten, ist PV Solarstrom viel wettbewerbsfähiger geworden. Das hat eine Reihe von Konsequenzen. Zum einen hat es zu einem Investitionsstopp bei der im Vergleich teureren, thermischen
CSP-Technologie geführt (auch wenn die Technologien nur bedingt austauschbar sind). Außerdem
hat es neue Geschäftsmodelle, die wenig oder gar
nicht auf staatlicher Förderung basieren, in Reichweite gebracht: Solarstrom konkurriert auf der
Endkundenseite mit Netzstrom und mit dezentralem Dieselstrom. Die Regierung hat diese Entwicklung erkannt und darauf reagiert: die Förderungen
Offizielle Regierungserklärung zur Jawaharlal Nehru
National Solar Mission, MNRE, Website.
355
Bridge to India, Solar Projektdatenbank.
354
Indien im Überblick | Energiemarktstudie Indien
99
sind gesunken und der Netzzugang für dezentrale
Stromerzeugung soll ermöglicht werden (über das
sogenannte „Net-metering“).
Im Markt hat die rasante Entwicklung bei den
PV-Kosten zuerst einmal zu einem gewissen abwartenden Stillstand geführt. Politische Initiativen
haben sich verzögert, indische Hersteller haben
ums Überleben gekämpft (sie tun das meist noch
heute), und viele Investoren und Stromabnehmer
haben die weitere Entwicklung abgewartet. Der
Markt ist dadurch in den Jahren 2012 und 2013
stagniert.
Allerdings konnte Indien in dieser Zeit ein starkes
Ökosystem in der Solarwirtschaft aufbauen: Einige
internationale Unternehmen haben sich etabliert,
heimische EPCs haben einen Track Record aufgebaut, die regulatorischen Rahmenbedingungen
wurden klarer und besser, und Kreditgeber können
Technologie und Risiken besser einschätzen.
Die Ziele der National Solar Mission356 scheinen
unter den gegenwärtigen Umständen erreichbar
zu sein. Wenn die Netzstromkosten weiterhin stark
steigen und die Net-metering Richtlinien rasch umgesetzt werden, können sie sogar übertroffen werden. Langfristig hat der indische Solarmarkt das
Potenzial einer der größten weltweit zu werden.
7.6.1 Marktpotenzial und Marktgröße
Insgesamt erhält der indische Subkontinent Sonnenenergie von ungefähr 5.000 Billionen kWh pro
Jahr. Die meisten Landstriche liegen dabei zwischen 4 und 7 kWh pro Quadratmeter pro Tag. Das
Potenzial für die Solarenergie in Indien ist theoretisch nur durch das verfügbare Land begrenzt. Als
Gedankenspiel: Indien könnte auf ca. 0,5% seiner
Fläche (was zum Beispiel der Hälfte des kaum bewohnten Wüstendistriktes Barmer in Rajasthan
entspräche) 1.000 GW Solarkraftwerke bauen und
damit etwa 1,5 mal die 2014 benötigte Strommenge erzeugen357. Das Potential ist aber auch dezen20 GW bis 2022; die Ziele der National Solar Mission umfassen den gesamten Markt (inklusive aller staatlichen Programme und der nicht-geförderten Installationen). Die spezifischen
Programme der National Solar Mission sind ein Teil davon.
357
Economist Intelligence Unit, Data Focus – India Solar Power,
Room to Grow auf Basis von Bridge to India Berechnungen
(http://goo.gl/2VE1UH).
356
100
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
tral hoch. In einer Studie zum Solarpotenzial auf
Dächern in der Hauptstadt Delhi, hat Bridge to India errechnet, dass bei einer Nutzung von nur etwa
4% der Dachflächen der Stadt (31 km2), 2,6 GW Solarkraft installiert werden kann.358
7.6.2Sonneneinstrahlung
Wie auf der Karte für Solarenergie zu erkennen
ist, liegen die Regionen mit der höchsten Sonneinstrahlung im Westen (die Tharwüste in Rajasthan),
im Norden (Ladakh auf dem tibetanischen Hochplateau) und im Süden (an der Küste Tamil Nadus).
Abb. 48: Karte der Sonnenstrahlung in Indien.359
7.6.3Entwicklung des Solarmarktes
In den letzten Jahren wurde der Markt hauptsächlich durch Einspeisetarife gefördert. Diese
sind synchron zu den Kosten für Solarstrom von
17,9 Rupien pro kWh im Jahr 2011 auf 6,5 Rupien
pro kWh im Jahr 2013 kontinuierlich gefallen.360
(Seitdem haben sich die Preise stabilisiert.) Die
Gujarat Solar Policy von 2009 war das erste große Regierungsprogramm, unter dem 2009 und
2010 Stromabnahmeverträge über insgesamt
fast 1 GW gezeichnet wurden (von denen die
meisten Projekte auch umgesetzt wurden). Das
Besondere an der Gujarat Solar Policy war, dass
der Einspeisetarif festgesetzt war (die Auswahl
der Projekte erfolgte über technische und wirtschaftliche Kriterien). Außerdem war der Tarif in
den ersten 12 Jahren, in denen typischerweise
das Fremdkapital zurückgezahlt wird, besonders
hoch. Beide Faktoren, aber auch die Tatsache,
dass die staatlichen Stromversorger in Gujarat
solide wirtschaften und als zuverlässige Vertragspartner gelten, sowie das Timing der Solar Policy haben zu einem großen Interesse und
Umsetzungserfolg geführt.
Im Jahr 2010 wurde schließlich die National
Solar Mission, mit dem Ziel bis 2022 20 GW SoBridge to India und Greenpeace, Rooftop Revolution:
Unleashing Delhi’s Solar Potential, 2013 (http://bit.ly/1jLXUxs).
359
Webseite: http://solargis.info/doc/free-solar-radiationmaps-GHI.
360
Für Anlagen grösser als 20 MW auf Basis der Resultate
verschiedener Auktionsprozesse; siehe Bridge to India „India
Solar Compass“, April 2014 (http://goo.gl/DuKTo5).
358
larstrom zu installieren, eingeführt. Zusätzlich
wurden Projekte in Odisha, Madhya Pradesh,
Karnataka, Punjab, Uttar Pradesh, Andhra Pradesh, Tamil Nadu und Rajasthan teils über Solar-Programme (mit definierten Zielen und Vergabeprozessen), teils über eine Direktvergabe
allokiert.
Das regulatorische Umfeld für die Förderung von
Solarstrom (die Art der Anreize, die Segmentierung des Marktes, die Netzregelungen, etc.) ändert
sich ständig. Das liegt einerseits an einem bewusst
experimentellen Ansatz für eine in Indien noch junge Industrie.361 Andererseits spielt auch die födera-
le Struktur des Landes eine Rolle. Der wichtigste
Faktor ist aber der sich rasch verändernde Solarmarkt. Da seit 2012 die Kosten für Solarmodule
rapide gesunken sind und im gleichen Zeitraum,
die Stromtarife stark gestiegen sind, ist die Solarenergie an manchen Orten der Parität zum Endkunden-Stromtarif nahe. Das lenkt die Aufmerksamkeit der Politiker von einer direkten Förderung über
Einspeisetarife, immer mehr auf eine indirekte Förderung durch eine Stimulanz der Nachfrage über
Solar Renewable Purchase Obligations oder die
Schaffung von neuen Netzregelungen zur dezentralen Erzeugung, insbesondere dem Net-metering.
361
Tobias Engelmeier, Tilman Altenburg, “Rent Management
and Policy Learning in Green Technology Development: The
Case of Solar Energy in India”, 2012 (http://bit.ly/1bwqq1C).
Abb. 48: Karte der
Sonnenstrahlung in
Indien
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
101
7.6.4Marktstruktur
7.6.5Wichtige Gesetze und Förderungen
In 2013 betrug die gesamte Herstellungskapazität
für PV-Solarmodule indischer Hersteller knapp 1,2
GW.362 Ein Großteil der Produktion wird gegenwärtig
noch exportiert. Das könnte sich unter Umständen
ändern, wenn die zurzeit diskutierten Anti-Dumping-Gesetze in Kraft treten und (wie bei der National Solar Mission) sogenannte „National Content Requirements“ weitere Verbreitung finden. Die
wichtigsten Hersteller für kristalline Module sind:
Vikram Solar (mit einer jährlichen Produktionskapazität von 150 MW), Emmvee (135 MW), Moser Baer
(200 MW), HHV (50 MW), Solar Semiconductor (195
MW), Titan (100 MW), Premier Solar (30 MW), und
Tata Power Solar (125 MW). Zellen werden von Indosolar (160 MW), Jupiter (50 MW), Moser Baer (185
MW) und Webel (42 MW) hergestellt.363 Die Marktführer, bei den in Indien eingesetzten Modulen, sind:
First Solar (22%, USA, dünnschicht), Canadian Solar
(7%, China, kristallin) und Trina Solar (6%, China,
kristallin). Der indische Hersteller Vikram liegt mit
4% an zehnter Stelle. Bei Wechselrichtern liegt das
deutsche Unternehmen SMA mit einem Marktanteil von 31% an erster Stelle, gefolgt von Bonfiglioli
(20%) und ABB (14%). Indische Hersteller sind kaum
vertreten.364 Führende indische Unternehmen, die
PV-Anlagen auslegen und bauen (EPC), sind: Larsen and Toubro, Sterling and Wilson, Tata Power Solar, Moser Baer und Lanco. Im indischen Markt sind
folgende Unternehmen nach Marktanteilen führend
für Drittprojekte (alle Projekte bis 2013): Larsen and
Toubro (13%), Lanco (8%), Sterling and Wilson (8%).
Das deutsche Unternehmen Juwi liegt mit 5% auf
dem vierten Platz. Bei Eigenprojekten (bei denen
der EPC auch der Investor ist) ergibt sich folgende
Rangfolge: Welspun (20%), Lanco (16%) und Moser
Baer (11%).365
Solarenergie wird in Indien über verschiedene Förderprogramme unterstützt. Diese sind entweder
von der Zentralregierung initiiert, wie die National
Solar Mission, und gelten landesweit, oder von einzelnen Bundesstaaten. Zudem werden kleine Anlagen unterstützt und einzelne Verbrauchergruppen
gezielt zum Konsum von Solarstrom animiert.
7.6.6National Solar Mission (NSM)366
Die am 23. November 2009 verkündete Solar Mission möchte erreichen, dass Indien in der Solarenergie zu einem Weltmarktführer wird. In drei Phasen
sollen bis 2022 insgesamt 20 GW installiert werden.
Es wird erwartet, dass mit einem solchen Ausbau
die Kosten für Solarenergie durch Entwicklungsund Skaleneffekte so stark fallen werden. Bis 2030
soll Solarstrom mit der Energieerzeugung aus
Kohle, dem derzeit billigsten Energieträger in Indien, wettbewerbsfähig sein.
Um dieses Ziel zu erreichen, hatte der Staat ursprünglich veranschlagt, 1,1 Billionen Rupien (13,5
Milliarden Euro) zu investieren. Der größte Anteil davon, 960 Milliarden Rupien (12 Milliarden Euro), war
für die Förderung von Solarprojekten (zum Beispiel
über FiTs) veranschlagt. 52 Milliarden Rupien (650
Millionen Euro) sind für eigene Pilotprojekte vorgesehen. Neue Forschungseinrichtungen sollen mit 56
Milliarden Rupien (700 Millionen Euro) gefördert werden. Weitere 170 Millionen Euro sind für die Errichtung von solarbetriebenen Straßenbeleuchtungen in
ländlichen Regionen eingeplant.367
Es gibt noch keine indischen Herstellungskapazitäten für Schlüsselkomponenten des Solarfeldes solarthermischer Kraftwerke. Der Kraftwerksblock
und ein Teil des EPC kann allerdings von etablierten indischen Elektrifizierungs- und Bauunternehmen wie BHEL oder L&T bereitgestellt werden.
Die Solar Mission sieht einen Ausbau der Solarkapazität (Solarthermie und PV) in drei Phasen vor:
•Bis 2012 (Ende des 11. Fünfjahresplans): 1.000 MW
•Bis 2017 (Ende des 12. Fünfjahresplans):
4.000 – 10.000 MW
•Bis 2022 (Ende des 13. Fünfjahresplans):
20.000 MW oder mehr
Bridge to India, India Solar Map (http://goo.gl/Gl8Un3).
Ebd.
364
Ebd. (Informationen auf Basis von 1.621 MW bis 1.842 MW
im September 2013) (http://bit.ly/1d7I8bf).
365
Ebd.
366
Jawaharlal Nehru National Solar Mission: Towards Building
a Solar India. Der Text kann von der Website des MNRE (www.
mnre.gov.in) heruntergeladen werden.
367
„Ende der Sonnenfinsternis“, Neue Energie 09 / 2009.
362
363
102
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
Die erste Phase der Mission ist bereits abgeschlossen. 500 MW an PV Projekten sind fast komplett umgesetzt worden. Weitere 500 MW, die an
CSP Projekte vergeben wurden sind hingegen fast
alle verzögert und es ist fraglich, ob sie noch umgesetzt werden. Das liegt zum einen daran, dass
die meisten CSP Projekte in Indien nicht gut geplant wurden (z. B. war die Standortauswahl oft
falsch), was sich auf die Rendite auswirkt. Zum
anderen hat sich der Markt weltweit in den letzten
Jahren hin zur PV entwickelt. Außerdem sind viele
Lieferanten für CSP Technologie in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, was die Finanzierung der
Projekte schwierig macht. Im Herbst 2013 wurde
die zweite Phase für PV-Projekte eingeleitet und
im Februar 2014 wurden 750 MW an Projekte vergeben. Der Fördermechanismus hat sich dabei von
einem Einspeisetarif zu einer Kapitalsubvention
(„viability gap funding“) gewandelt.
7.6.7Wichtige Programme von
Bundesstaaten
Zusätzlich zur NSM haben eine Reihe von Bundesstaaten unabhängige Solar Förderprogramme aufgelegt. Die Programme beziehen sich fast
ausschließlich auf netzgebundene PV Kraftwerke.
Meist wird der Solarstrom an die staatlichen Versorgungsunternehmen zu einem Tarif verkauft,
dessen Höhe über einen Auktionsprozess festgelegt wird. Mittlerweile haben viele Staaten begonnen Solarstrom zu fördern. Einige taten dies über
eine Direktvergabe von Projekten (Orissa, Bihar).
In Maharashtra hat das staatliche Versorgungsunternehmen selbst ein großes Solarkraftwerk gebaut. In den meisten Fällen gibt es aber eine sogenannte „solar policy“, in der Ziele, Zuständigkeiten
und Prozesse grob definiert werden. Hier seien die
wichtigsten kurz angesprochen.
Tamil Nadu hat im Oktober 2012 eine Solar Policy368 veröffentlicht, die sich zum Ziel gesetzt hat,
bis 2015 3 GW Solaranlagen zu fördern. Der Bundesstaat plant dadurch einen Teil des chronischen
Stromdefizites zu schließen. Um auch die Nachfrage nach Solarstrom anzukurbeln, wurden spezielle
368
Tamil Nadu Solar Policy (http://bit.ly/1cpUhfj).
„Solar Purchase Obligations“ (SPOs) eingeführt
(nicht zu verwechseln mit den nationalen RPOs
oder deren Unterkategorie, den solaren RPOs).
Demnach sollen alle Kunden, die an das 11 kV Netz
angeschlossen sind, 6% ihres Stromes von Solaranlagen beziehen. In einer ersten Umsetzungsphase in 2013, wurden Projekte über ein Auktionsverfahren vergeben. Der daraus resultierende Tarif
betrug 6,48 Rupien (0,08 Euro) mit einer jährlichen
Eskalation von 5%. Die Umsetzung der Projekte
erfüllt die Erwartungen noch nicht und die SPOs
werden noch nicht stringent eingefordert. Allerdings entwickelt sich Tamil Nadu immer mehr zu
einem wichtigen Solarmarkt in Indien. Eine neue
Net-Metering Policy, die es Endkunden erlaubt,
Solarstrom aus dezentralen Anlagen zurück ins
Netz einzuspeisen (Tarif bzw. Gebühren noch nicht
präzisiert) soll jetzt den Markt weiter befördern.
Gujarat, ein Staat mit vergleichsweise guter Stromverwaltung und –Infrastruktur (kaum Stromdefizit,
staatliche Versorgungsunternehmen arbeiten kostendeckend), der durch weite Wüstengebiete geprägt ist, war der Vorreiter in der Solarindustrie in
Indien. Die Gujarat Solar Policy von 2009 hat fast 1
GW PV-Kraftwerke gefördert. Da die Tarife mit damals über 12 Rupien (0,15 Euro) sehr hoch waren,
wurde zwischenzeitlich darüber nachgedacht, sie
nachträglich zu reduzieren. Dieser Schritt würde
aus Investorensicht zu einem großen Vertrauensverlust führen und wäre sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus rechtlicher Sicht kaum zu vertreten. Diese Erkenntnis setzte sich auch bei den
zuständigen Behörden durch. Die Tarife wurden
nicht geändert. Gujarat plant zurzeit keine Neuauflage und Erweiterung der Solar Policy.
Der Bundesstaat Kerala hat sich zum Ziel gesetzt,
bis 2017 500 MW und bis 2030 1.500 MW zu fördern.
Der innovative Ansatz des Bundesstaates sah, im
Gegensatz zu allen anderen indischen Förderprogrammen vor, sich zunächst nicht auf Großanlagen
zu konzentrieren, sondern 10.000 1 kW Dachanlagen zu installieren.369 Das Programm ist umgesetzt
worden, wurde allerdings mit einem Korruptionsskandal in Verbindung gebracht.
369
Agency for Non-Conventional Energy and Rural Technology,
Kerala Rooftop Programme (http://bit.ly/1cMcPRN).
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
103
7.6.8Anlagenspezifische Einspeisetarife
Zwischen 2010 und 2013 waren anlagenspezifische
Einspeisetarife für netzgebundene Solaranlagen
der wichtigste Markttreiber. Die Einspeisetarife
sind in Indien kontinuierlich gesunken und gelten
gemeinhin als sehr kompetitiv, d.h. die Eigenkapitalrenditen der Projektentwickler sind selten mehr
als 2–5% über dem Fremdkapitalzins (typischerweise 11–13%). Siehe Abb. 49: Durchschnittliche
Einspeisetarife für Solarstrom (Freiflächenanlagen) in den einzelnen Bundestaaten.370
7.6.9Abschreibungen und
steuerliche Anreize
Solaranlagen können unter die Regelung der beschleunigten Abschreibung fallen, und so kann bis
zu 80% des Anlagenwertes im ersten Jahr abgeschrieben werden. Voraussetzung ist, dass die Solaranlage direkt in der Bilanz des Unternehmens
steht, dessen Steuerlast durch die beschleunigte
Abschreibung reduziert werden soll. Sie kann also
nicht in ein Special Purpose Vehicle (SPV) ausgegliedert werden. Einige Solarprogramme bieten
unterschiedliche Tarife für Projekte an, die beschleunigte Abschreibung nutzen wollen und sol370
Bridge to India, India Solar Map (http://bit.ly/1d7I8bf).
Abb. 49: Durchschnittliche
Einspeisetarife für Solarstrom (Freiflächenanlagen) in
den einzelnen Bundestaaten
104
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
che, die das nicht in Anspruch nehmen wollen (Beispiel: Gujarat Solar Policy, National Solar Mission
Phase II). Der Tarif ohne beschleunigte Abschreibung ist dabei in der Regel zwischen 0,5 und 1 Rupie pro kWh höher.
7.6.10Subventionen
Das Ministry of New and Renewable Energy
(MNRE) fördert Solaranlagen bis zu 100 kW mit
30%. Das Programm sieht vor, dass sich Installateure / EPC-Unternehmen als sogenannte „Channel Partner“ beim Ministerium registrieren und die
Subvention für Projekte, die sie bauen, beantragen.
Investitionskosten für den Endkunden sollen durch
den direkten Zuschuss zu den Anlagenkosten gesenkt werden. Die Förderung in diesem Segment
funktioniert allerdings nicht problemlos. Ein Grund
hierfür ist die Kleinteiligkeit der Projekte und der
unverhältnismäßige Aufwand, die Subventionen zu
erhalten. 2013 entfiel die Subventionierung, da das
Ministerium für das Programm kein Budget bereitgestellt hatte.
In der Ende 2013 initiierten zweiten Phase der
National Solar Mission, wurde erstmalig von einem gesonderten Solar-Einspeisetarif auf eine
Kapitalsubvention („Viability Gap Funding“),
auch für Großprojekte, übergegangen. Die Höhe
der Subvention lag bei um die 10 Millionen Rupien pro MW. Sie wurde von Projekt zu Projekt
durch einen Auktionsprozess festgesetzt. Es gab
dabei separate Bieter-Kategorien für indische /
importierte Module und Projekte mit und ohne
beschleunigte Abschreibung.371
7.6.11Importzölle
Von den indischen Herstellern von Solarzellen
wurden Anti-Dumping-Zölle von 40%-80% auf Solarzellen aus China, Taiwan, den USA und Malaysia
gefordert.372 Die Regierung hat sich jedoch gegen
die Anti-Dumping Zölle entschieden, da sich hierdurch die Kosten für Solarstrom in Indien stark
verteuert hätten und dies den ambitionierten Ausbauplänen in den kommenden Jahren entgegengestanden hätte.
7.6.12 Existierende Projekte
Im Jahr 2013 wurden knapp unter 1 GW an Solarkraftwerken in Indien gebaut. Die durchschnittliche Projektgröße hat sich dabei von knapp 5 MW
(2011) auf 58 MW (2013) mehr als verzehnfacht.373
Eines der größten Projekte in Indien ist das kürzlich
fertiggestellte 125 MW Kraftwerk von Mahagenco
in Maharashtra. Es soll dem bundesstaatlichen
Stromerzeuger helfen, seine Solar Renewable Purchase Obligation zu erfüllen. Es wurde von
den indischen Unternehmen Lanco und Megha Engineering, mit Unterstützung von ABB, gebaut.
Die Module kamen von Jingli (Polykristallin) sowie
Sharp und Schüco (beide Dünnschicht), die Wechselrichter von ABB. Die KfW hat das Projekt mit
einem Kredit von über 250 Millionen Euro finanziert.374 Welspun nahm 2013 ein 130 MW Kraftwerk
in Madhya Pradesh und ein 55 MW Kraftwerk in
Rajasthan ans Netz.375 Derzeit werden einige neue
Großkraftwerke, vor allem im Süden, von Firmen
wie Mohan Breweries (110 MW), United Telecom
(100 MW) und Welspun (100 MW) geplant.
Solarserver, Financial Bids Opened (http://goo.gl/sjeqx1).
Ministry of Commerce & Industry, Directorate General of
Anti-Dumping & Allied Duties, Initiation Notification
(http://bit.ly/1jl0VXO).
373
Bridge to India, India Solar Map, 2013 (http://bit.ly/1d7I8bf).
374
Bridge to India, Solar Projektdatenbank, 2013.
375
Welspun, Website (http://bit.ly/1d7LU4q).
371
In der ersten Phase der National Solar Mission
(2011) wurden auch knapp 500 MW Stromabnahmeverträge für solarthermische Kraftwerke (CSP)
vergeben. Bisher ist allerdings nur ein 50 MW CSP
Kraftwerk von Godhavari in Rajasthan am Netz376.
Es ist zurzeit unklar ob und wann die anderen
Kraftwerke, die sich alle im Bau befinden, fertiggestellt werden.
Kleinere Solarprojekte für den Eigenverbrauch haben in Indien etwa 100 MW erreicht.377 Diese Kategorie schließt zum Beispiel PV auf Haus- oder Industriedächern, aber auch sogenannte „Minigrids“
und Solarstrom für Telekommunikationsmasten
in ländlichen Regionen ein. Der Markt bietet sehr
große Wachstumschancen mit zunehmender Parität der Netzstromkosten und den Kosten von Dieselstrom.
Die National Solar Mission sieht vor, bis 2022 2.000
MW-Kraftwerke für den Eigenverbrauch und zur
dezentralen Solarstromerzeugung zu schaffen.378
Solarthermische Heizeinheiten wie Solarwasserboiler werden ebenfalls gefördert. Ziel ist, bis 2017
15 Millionen und bis 2022 20 Millionen m2 installierte Kollektorfläche zu errichten. Die Umsetzung
soll durch neue Regelungen zur Energieeffizienz in
Gebäuden, bessere Zertifizierung und Bewertung
von Applikationen, Umsetzungsmessung durch
lokale Agenturen und Stromversorger und billige
Kredite für die Herstellung und Verbesserung von
Applikationen erreicht werden. Die solare Beleuchtung für öffentliche Räume (z. B. Straßenbeleuchtung) soll ebenfalls auf 20 Millionen Einheiten bis
2022 ausgebaut werden.
In vielen Teilen Indiens, zum Beispiel im Himalaya, in den Bundesstaaten Bihar, Uttar Pradesh,
Chhat­tisgarh und Jharkhand oder in der Wüste von
Rajasthan und Gujarat, ist es wirtschaftlich nicht
sinnvoll, einen Anschluss an das Hauptnetz voranzutreiben. Hier sollen Insellösungen entstehen,
für die Solarenergie oft eine gut geeignete Energiequelle ist. Die Solar Mission verstärkt dabei
das ebenfalls großangelegte Elektrifizierungsprogramm für abgelegene Dörfer (Rajiv Gandhi Gramin
372
NREL, Website (http://1.usa.gov/18B8qQn).
Bridge to India, Marktrecherche / Industrie-Interviews, 2013.
378
MNRE, The Jawaharlal Nehru National Solar Mission
(http://bit.ly/1gojqJ5).
376
377
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
105
Vidyutikaran Yojana, RGGVY).379 Für Solarleuchten
werden dann Subventionen von bis zu 90% der Kapitalkosten angeboten. Eine Subventionierung der
Kapitalkosten von bis zu 30% ist für innovative solarbasierte Lösungen zur ländlichen Entwicklung
vorgesehen (Beispiele sind: solarbetriebene Kühlketten für medizinische Stationen oder Solarstrom
für Computer in ländlichen Schulen).
7.6.13 Marktchancen für deutsche
Unternehmen
Der indische Solarmarkt ist zwar noch nicht so
groß wie der deutsche, der chinesische oder der japanische. Allerdings hat er sich mit einem jährlichen
Wachstum von etwa 1 GW in den letzten drei Jahren
als ein wichtiger Markt etabliert. Aufgrund des großen
Potenzials ist er ein wichtiger strategischer Markt.
Der Preisdruck in Indien ist enorm, was einerseits
kulturell bedingt ist, andererseits auch durch den
Einstieg vieler Unternehmen mit unzureichendem
Wissen und kurzfristigen Ansätzen in den ersten
Jahren verursacht wurde. Mittlerweile lässt sich
allerdings eine zunehmende Professionalisierung
des Marktes beobachten: Risiken und Chancen
werden von den Marktteilnehmern realistischer
eingeschätzt.
Deutsches Know-how in der Solarenergie wird
hoch geschätzt und deutsche Firmen haben gute
Marktchancen, besonders da, wo Qualität und
Erfahrung einen besonders großen Unterschied
machen: beispielsweise bei der Auslegung von
Anlagen und bei Wechselrichtern. Auch Monitoring, O&M und intelligente Stromlösungen z. B. für
die optimale Kombination von Dieselgeneratoren,
Speicherung und Solarenergie bieten interessante
Nischen.
Im solarthermischen Bereich stellt besonders
die Erzeugung von Prozesswärme ein beachtenswertes Feld dar. Hier ist die Wirtschaftlichkeit oft
schon gegeben. Wirklich effektive und dauerhafte
Lösungen erfordern ein kluges Design und eine
fundierte technische Kompetenz. Dieser Markt ist
noch kaum erschlossen.
7.7Biomasse
In Indien nutzen Millionen von Haushalten noch
traditionelle Biomasse wie Holz oder Kuhdung zum
Kochen und Heizen. Aber auch die energetische
Nutzung von Biomasse ist in den letzten Jahren erheblich angestiegen. Die netzgebundene Kapazität
liegt bei 1.776 MW. Jährlich werden ca. 6 Milliarden
Rupien (75 Millionen Euro) in die Stromerzeugung
investiert und 5 Milliarden kWh Strom generiert.380
Aufgrund des Bevölkerungswachstums und des
damit einhergehenden Drucks auf die Ressourcen
Wasser und Land, werden für die Energiegewinnung aus Biomasse fast ausschließlich Abfälle verwendet. Bisher überwiegt die Nutzung von Zuckermelasse. Weitere genutzte Abfälle sind Reis- und
Sojaschalen, Stroh, Baumwollstängel, Kokosnussschalen sowie Rückstände aus der Palmölproduktion. Verbrennung wird als Konversionsmethode
am häufigsten eingesetzt. Aber auch die Biogasproduktion wird angewandt. Dabei werden Gasund Dampfturbinen oder aber Diesel-Gas-Motoren
eingesetzt, entweder ausschließlich zur Stromerzeugung oder aber zur Produktion von Strom und
Wärme (KWK). Strom aus Biomasse wird sowohl
ins Netz eingespeist als auch für den Eigenbedarf
genutzt.
7.7.1Marktpotenzial und Marktgröße
Das MNRE geht davon aus, dass in Indien 500 Millionen Tonnen Biomasse pro Jahr anfallen. Das beinhaltet überschüssige Biomasse aus Wäldern, sowie landwirtschaftliche Reststoffe. Davon beträgt
der ungenutzte Überschuss ungefähr 120 bis 150
Millionen Tonnen. Das daraus errechnete Gesamtpotenzial für Stromerzeugung liegt bei 17 GW. Außerdem schätzt das Ministerium, dass etwa 5 GW
zusätzliche Kapazität durch die optimale Nutzung
von Kraft-Wärme-Kopplung bei der Verbrennung
von Molasse aus der Zuckerindustrie erreicht werden kann.381 Der 12. Fünfjahresplan sieht vor, dass
bis 2017 2.000 MW neuer Bagasse-Kraftwerke und
150 MW an weiteren Biomasse-Kraftwerken gebaut werden sollen.382
MNRE, Website (http://bit.ly/19FXocO).
MNRE, Website (http://bit.ly/19FXocO).
382
Planning Commission of India, 12. Fünfjahresplan,
Annex 14.4 (http://bit.ly/HpF1BL).
380
381
379
MoP, Rajiv Gandhi Gramin Vidyutikaran Yojana, Website
(http://bit.ly/18Ca8Em).
106
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
Das Combustion Gasification Propulsion Laboratory (CGPL) des Indian Institute of Science in
Bangalore, Karnataka, kommt bei einem Biomasse-Überschuss von 188 Millionen Tonnen sogar
auf ein Gesamtpotenzial von fast 25 GW (19 GW
aus landwirtschaftlichen Abfällen und 6 GW aus
Forstwirtschaft und Brachflächen). Mit Daten
aus den Jahren 2002 bis 2004 hat CGPL für das
MNRE einen Biomasse-Atlas von Indien erstellt.
Darin werden die landwirtschaftlichen Anbauzyklen und die Potenziale unterschiedlicher Arten
von Biomasse sowie der einzelnen Bundesstaaten genauer beschrieben.383 Das größte Potenzial
besteht in den Bundesstaaten Maharashtra (1.970
aus landwirtschaftlichen Abfällen (L) und 1.742 aus
Forstwirtschaft und Brachflächen (F&B)), Madhya
Pradesh (2.061 MW (F&B) und 1.386 MW (L)) und
dem Punjab, der Kornkammer Indiens (3.178 MW
(L) und 37 MW (F&B)). Bei der Verbrennung von
Bagasse werden heute Energie-Umwandlungseffizienzen von 23% bis 25% erreicht. Die Effizienz
kann gesteigert werden, wenn zum Beispiel die
Dampftemperatur / Druck von 400 Grad Celsius /
33 bar auf 485 Grad Celsius / 66 bar erhöht werden
kann. Dann, so schätzt das MNRE, könnte pro Tonne Zuckerrohr 80 kWh mehr Strom erzeugt werden.384 Siehe Tabelle 14: Jährliche Erzeugung von
Biomasse und Potenzial für die Stromerzeugung
in einzelnen indischen Bundesstaaten (Daten von
2002 bis 2004).
Zusätzlich zu land- und forstwirtschaftlichen Reststoffen, könnten städtische und industrielle Abfälle zur Erzeugung von Strom in Biogaskraftwerken
verwendet werden. Das MNRE schätzt das Potenzial auf 2.700 MW, schränkt aber ein, dass dies vermutlich nicht im Ganzen wirtschaftlich und technisch umsetzbar ist. Des Weiteren prognostiziert
das Ministerium, dass sich bis 2032 bis zu 12 Millionen kleine Biogasanlagen für Privathaushalte
installieren ließen.385
384
383
CGPL, Biomasse Atlas Indien (http://bit.ly/19WH5Zo).
385
MNRE, Website (http://bit.ly/19FXocO).
MNRE, Website (http://bit.ly/19FXocO).
Tabelle 14: Jährliche Erzeugung von Biomasse und Potenzial für die Stromerzeugung
in einzelnen indischen Bundesstaaten (Daten von 2002 bis 2004)
Bundesstaat
Fläche (Ha)
Landwirt.
Anbau
(kT/a)
Erzeugte BiomasseBiomasse Überschuss
(kT/a)
(kT/a)
Stromerz.Potenzial
(MW)
Art der
Biomasse
Punjab
6.982
Punjab
6.982
Punjab
6.982
Punjab
Madhya Pradesh
12.802
NA
18.398
14.719
2.061
F&B
Maharashtra
18.768
64.415
47.231
14.677
1.970
L
Uttar Pradesh
15.951
138.945
60.579
13.874
1.765
L
Maharashtra
13.177
NA
18.407
12.440
1.742
F&B
Madhya Pradesh
13.393
18.222
34.308
10.426
1.386
L
Haryana
5.283
14.509
27.761
10.685
1.375
L
Gujarat
8.008
23.897
29.001
9.086
1.226
L
Karnataka
9.684
43.141
34.436
9.215
1.222
L
Tamil Nadu
4.165
30.416
22.554
8.928
1.164
L
Gujarat
9.030
NA
12.196
8.252
1.155
F&B
Rajasthan
14.672
16.068
29.917
8.600
1.122
L
Kerala
2.307
5.561
11.645
6.352
864
L
Andhra Pradesh
9.254
37.876
33.964
6.035
738
L
Bihar
7.349
18.820
26.095
5.181
646
L
West Bengal
6.093
22.818
35.947
4.300
529
L
Uttar Pradesh
3.857
NA
5.478
3.672
514
F&B
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
107
Bundesstaat
Fläche (Ha)
Landwirt.
Anbau
(kT/a)
Odisha
6.678
11.818
20.250
Tamil Nadu
3.184
NA
4.648
Stromerz.Potenzial
(MW)
Art der
Biomasse
w3,701
433
L
3,067
429
F&B
Assam
3.311
7.811
11.352
2.324
279
L
Rajasthan
3.160
NA
2.839
1.874
262
F&B
Chhattisgarh
4.651
6.540
11.132
2.104
246
L
Himachal Pradesh
788
1.504
3.033
1.103
142
L
Jharkhand
1.850
2.460
3.667
892
107
L
Uttaranchal
1.019
7.893
3.099
701
88
L
Jammu & Kashmir
749
774
1.671
319
43
L
Haryana
333
NA
427
282
40
F&B
Punjab
229
NA
398
263
37
F&B
Goa
220
700
1.032
206
26
L
Manipur
301
397
904
120
15
L
Meghalaya
174
284
516
92
11
L
Nagaland
180
280
507
87
10
L
Arunachal Pradesh
209
251
410
75
9
L
Tripura
10
4
41
21
3
L
Sikkim
58
69
160
19
2
L
Mizoram
19
33
64
9
1
L
Total
187.895
511.461
565.004
188.582
24.841
L-Total
142.123
511.461
502.212
144.013
18.602
F & B-Total
45,772
0
62,792
44,569
6,240
Uttar Pradesh
15.951
138.945
60.579
13.874
1.765
7.7.2Entwicklung des Biomasse-Marktes
Insbesondere in der Zuckerindustrie ist die Verbrennung von Biomasse sowie KWK schon seit
über 20 Jahren weit verbreitet.386 Da der erzeugte
Strom in der Regel über den Eigenbedarf hinausgeht, wird überschüssiger Strom oft in das Stromnetz eingespeist. Dies führt zu einer neuen Dynamik in der Zuckerindustrie: Der Verkauf von Zucker
ist kein sehr einträgliches Geschäft mehr. Aus
diesem Grund sehen sich große Unternehmen wie
Triveni oder Simbhaoli Sugars zunehmend auch als
Energietechnologie- und Stromanbieter.387
386
Insgesamt produziert Indien jährlich 13,5 Millionen Tonnen
Zucker. Es gibt 566 große Hersteller. (Indian Sugar Mills Association (ISMA), Website).
387
Interviews mit Industrieexperten.
108
Erzeugte BiomasseBiomasse Überschuss
(kT/a)
(kT/a)
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
L
Ein beispielhaftes Projekt für die Stromerzeugung
und Netzeinspeisung aus der Verbrennung von Biomasse, ist das seit Mai 2006 in Betrieb stehende
20 MW Biomassekraftwer im südindischen Tamil
Nadu. Der Kraftstoff ist Juliflora und verschiedene
landwirtschaftliche Reststoffe wie Baumwollstängel, Zuckermelasse sowie Schalen von Hülsenfrüchten und Kokosnüssen. Die Anlage verfeuert
pro Jahr ca. 150.000 Tonnen. Alle Komponenten,
mit Ausnahme des chinesischen Turbogenerators,
stammen aus Indien. Die IREDA und das MNRE
haben die Finanzierungskosten subventioniert.
Die Stromabnahme für 15 Jahre ist mit dem Tamil
Nadu State Electricity Board geregelt.388
388
DENA, Länderprofil Indien, 2007.
Außerdem gibt es in Indien zunehmend kleintechnische und thermische Vergasungsanlagen, in denen
das Gas direkt zur Wärmeerzeugung verbrannt oder
in Gasturbinen oder Gasmotoren zur Erzeugung von
Elektrizität und / oder Antriebsenergie verwendet
wird. Die diversen indischen Anbieter haben ihre Produkte für mechanische, elektrische und thermische
Anwendungen in diesem Bereich erheblich verbessert, was u.a. auf die Etablierung einer umfassenden
Infrastruktur von Herstellern zurückzuführen ist.
Aufgrund der modernen Technik und der aktuellen
Hersteller-Infrastruktur, ist es der indischen Industrie gelungen, sich im Segment für Vergasungssysteme im globalen Markt zu etablieren.389
Die Umwandlung von Biomasse in Strom zur Netz­
einspeisung über verbrennbares Methangas ist in
Indien noch nicht weit verbreitet. Im Gegensatz zu
Deutschland werden hierfür keine speziell für die
Energiegewinnung angebauten Pflanzen verwendet, sondern nur Reststoffe.
In den letzten Jahren wurden Kleinkraftwerke auf
Basis von Holzvergasung auch verstärkt in der dezentralen ländlichen Elektrifizierung in Inselnetzen eingesetzt, so z. B. in Bihar durch Husk Power,
DesiPower oder Saran Renewable Energy.
Das größte Hindernis für den Bau neuer, auf Biomasse basierender Kraftwerke in Indien ist die
komplizierte ländliche Logistik. Faktoren, die den
damit verbundenen Beschaffungsaufwand erhöhen, sind: eine kleinteilige landwirtschaftliche
Struktur, die Verwendung von Reststoffen statt
Energiepflanzen, die heterogene Verteilung der
Biomasse. Der Biomasse-Atlas des CPGL gibt einen Überblick über die Verteilung der unterschiedlichen Reststoffe in Indien.
Der Verkauf gut düngender Rückstände aus dem
Biogas-Prozess wird durch die hohe Subventionierung von Kunstdünger erschwert. Außerdem
besteht bei der Verwertung von Düngemitteln aus
Reststoffen ein gewisses Risiko, da der Anlagenbetreiber nicht sicher sein kann, welche Substanzen
tatsächlich darin enthalten sind.
389
DENA, Länderprofil Indien, 2007.
Ein weiteres Problem ist die Abhängigkeit von
Biomasselieferanten. Wenn der Anlagenbetreiber
nicht auch der Biomasseproduzent ist (wie zum
Beispiel bei einer Zuckerfabrik oder einer Molkerei), dann wird der Anlagenbauer in hohem Maße
an die Rohstofflieferanten gebunden sein. Da die
Rechtssicherheit aufgrund des schwerfälligen
Justizsystems nur bedingt gegeben ist, besteht
bei langfristigen Preisabsprachen ein Risiko der
„Nachverhandlung“. Ein möglichst vielfältiger und
weiter Einzugsbereich reduziert dieses Risiko, erhöht aber den logistischen Aufwand.
Es ist empfehlenswert als Kraftwerksbetreiber auf
einen lokalen Partner zu setzten, der die regionalen, ländlichen Strukturen kennt und die Logistik
beherrscht. Zuckerhersteller, zum Beispiel, arbeiten oft seit Generationen mit den Kleinbauern rund
um die Fabrik eng zusammen und können auf Erfahrung und lokale Beziehungen zurückgreifen.
7.7.3Marktstruktur
Grundsätzlich ist der Markt für Biomassekraftwerke sehr fragmentiert. Viele Kraftwerke werden als
Nebenprodukt einer anderen Prozesskette, bei der
organische Reststoffe anfallen, und zur Deckung
des Eigenbedarfs aufgestellt. Daraus entwickeln
sich allerdings zunehmend Betreiber und Technologieanbieter, wie die Zuckerhersteller Simbhaoli und
Triveni, die ihr Know-how reproduzieren wollen und
als Energieversorger und -dienstleister auftreten.
Wichtige Hersteller von Komponenten und Anlagen in Indien sind APE Belliss, ABB, Bharat Heavy
Electricals (BHEL), GEC Alstom Triveni, GE Power
Systems, Batliboi & Co, Nisho Iwai Corporation,
DLF Industries, Thermax, Thermal Engitech, Ankur Scientific und Zenith.390
390
Eine umfangreiche Liste von Unternehmen im
Biomasse-Sektor findet sich auf der Website von EAI
(http://bit.ly/1emdw6Y).
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
109
7.7.4Existierende Projekte
7.7.5Wichtige Gesetze und Förderungen
Im Juni 2013 verfügte Indien über Biomasse-basierte thermische Kraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 4.449 MW. Diese setzten sich wie folgt
zusammen:
Netzgebunden
•Biomasse-Kraftwerke
(exkl. Bagasse)
1.265 MW
•Bagasse-Kraftwerke
(Kraft-Wärme-Kopplung) 2.337 MW
•Abfallkraftwerke
(städtische Abfälle)
96 MW
Anreize gibt es, wie bei anderen erneuerbaren Energien auch, sowohl von der Zentralregierung mit
landesweiter Gültigkeit als auch auf Ebene der Bundesstaaten. Eigene Programme und Anreizsysteme
gibt es für die verschiedenen Energieumwandlungstechnologien wie Biogasanlagen, Biomassevergaser
oder KWK-Anlagen ebenso wie für die verschiedenen Anwendungen wie zum Beispiel den netzgebundenen Einsatz oder Insellösungen, den individuellen
Einsatz in Privathaushalten, den gemeinschaftlichen
auf Dorfebene oder den kommerziellen Einsatz in
Industrieunternehmen. Die Installation von Biomasseanlagen zur ländlichen Elektrifizierung ist einer
der Förderschwerpunkte des MNRE sowie der bundesstaatlichen Einrichtungen.
Nicht netzgebunden
•Abfallkraftwerke
(städtische Abfälle)
•Biomasse Kraftwerke
(exkl. Bagasse)
•Biogas (Industrie)
•Biogas (ländlich)
116 MW
475 MW
143 MW
17 MW
Das deutsche Unternehmen Envitech plante, 2008
301 MW Biogas-Anlagen im indischen Bundesstaat
Punjab mit einem indischen Partner (MPPL Renewable Energy) zu bauen, allerdings scheinen die
Pläne bisher nicht umgesetzt worden zu seien.391
Ein weiteres deutsches Unternehmen, Green
Elephant, hat in Maharashtra eine Biogas-Anlage gebaut, die mit flüssigen Rückständen aus der
Zuckerproduktion (600 Kubikmeter / Tag) betrieben
wird.392
Die Zentralregierung bietet im Rahmen des Biomass
Power / Co-Generation-Programms für Strom- und
Wärmekraftwerke eine Reihe von Unterstützungen,
wie die Reduktion der Einfuhrzölle und eine beschleunigte Abschreibung für bestimmte Komponenten von 80% im ersten Jahr sowie eine Verminderung der Einkommenssteuer (fünf Jahre 100%
Verminderung, dann fünf Jahre 30%) für Kraftwerksbetreiber.393 Zusätzlich bietet die Indian Renewable
Energy Development Authority (IREDA) günstige Kredite an. Außerdem werden Subventionen vergeben.
Siehe Tabelle 15: Subventionen unter dem Biomass
Power / Co-Generation Programm.394
Zum Beispiel für Kessel, Turbinen und KWK-Komponenten
(Quelle: IREDA, Website).
394
MNRE, Website (http://bit.ly/1bA3jjA).
393
Envitech, Website (http://bit.ly/17PKFDS).
392
Green Elephant, Website (http://bit.ly/19Kg9Li).
391
Tabelle 15: Subventionen unter dem Biomass Power / Co-Generation Programm
Projekttyp
110
Speziell geförderte Staaten
(North East Region, Sikkim,
Jammu&Kashmir, Uttarakhand)
Andere Staaten
Subvention (EUR pro MW)
Subvention (EUR pro MW)
Biomasse
31.250
25.000
Bagasse Co-Generation
(von privaten Zucker­fabriken)
22.500
18.750
Bagasse Co-Generation
(von Kooperativen oder öffentl.
Zuckerfabriken)
50.000–75.000
50.000–75.000
Das National Biogas and Manure Management
Programme (NBMMP) fördert den Einsatz von
Biogasanlagen in Haushalten (zum Kochen und
zur Herstellung von Dünger) mit 2.100 Rupien (26
Euro) pro Anlage. Für die Staaten des Nordostens
sowie für bestimmte soziale Gruppen liegt die Unterstützung bei 11.700 Rupien (146 Euro). Aufgrund
dieser Anreize sind knapp eine halbe Million kleiner Biogassysteme in Indien verkauft worden.395
Im Biomass Gasifier Programme396 werden thermische Anwendungen von bis zu 1 MW mit 125.000
395
Press Information Bureau, März 2013; Financial Assistance
for Household Size Biogas Plants (http://bit.ly/13BOboM4D).
396
MNRE, Website (http://bit.ly/19G5emL).
Rupien (1.786 Euro) pro 100 kW subventioniert.
Anlagen zur Stromerzeugung und Einspeisung ins
öffentliche Netz erhalten 150.000 Rupien (2.143
Euro) pro 100 kW.397
Für alle Biomasse-Kraftwerke gibt es auf Ebene
der Bundesstaaten weitere Förderungen, inklusive
besonderer Einspeisetarife. Siehe Tabelle 16: Anreize für die Stromerzeugung aus Biomasse durch
die Bundesstaaten (2013).398
MNRE, Circular, 28. April 2010 (http://bit.ly/19G5emL).
Indian Renewable Energy and Energy Efficiency Databank
(http://bit.ly/1jVKZt9); Individual State Tariff Orders.
397
398
Tabelle 16: Anreize für die Stromerzeugung aus Biomasse durch die Bundesstaaten (2013)
Bundesstaat
Wheeling
Banking
Einspeisetarif
Weiteres
Andhra Pradesh
2%
8–12 Monate
Kosten: 2%
BM – Rs. 4,28 (EUR 0,05)
Cogen – Rs. 3,48 (EUR 0,04)
Chhattisgarh
3%
2% pro Monat
für 3 Monate
BM – Rs. 3,93 (EUR 0,05)
Gujarat
Rs. 0,14
bis 0,45
12 Monate
BM – Rs. 4,40 (EUR 0,06)
Cogen – Rs 4,55 (EUR 0,06)
Haryana
2%
möglich
BM – Rs.4,00 (EUR 0,05)
Cogen – Rs.3,74 (EUR 0,05 )
Karnataka
5%
möglich
Kosten: 2%
BM – Rs. 3,66 (PPA ab Unterzeichnung des Vertrags )
Rs 4,13 nach 10 Jahren)
(EUR 0,05 )
Cogen – Rs 3,59 (PPA ab Unterzeichnung des Vertrags)
Rs 4,14 (nach 10 Jahren)
(EUR 0,04, 0,05)
Kerala
5%
4 Monate
BM – Rs. 2,80 (EUR 0,03)
Staat übernimmt
50% der Kosten
der Netzanbindung
Maharashtra
7%
möglich
BM – Rs.4,98 (EUR 0,06)
Cogen – Rs.4,79 (EUR 0,06)
Staat übernimmt
50% der Kosten
der Netzanbindung + Ausnahmeregelung für
Elektrizität für 10
Jahre (für eigenen und Drittanbieter-Umsatz)
Ausnahmeregelungen für
Elektrizität
Indien im Überblick | Energiemarktstudie Indien
111
Bundesstaat
Wheeling
Banking
Einspeisetarif
Weiteres
Madhya Pradesh
2%
4–7 Monate
Rs. 3,33 bis 5,14 und mehr
(EUR 0,04 bis 0,06)
4% Subventionen
auf Durchleitungsentgelte;
Befreiung von
Einfuhrsteuern
für Ausrüstung
Punjab
2%
12 Monate
BM – Rs. 5,12 (EUR 0,06 )
Cogen – Rs. 4,80 (EUR 0,06 )
Befreiung von
VAT- und OctroiGebühren
Rajasthan
10%
12 Monate
BM – Rs. 4,72 bis 5,17 (EUR 0,06)
10% Konzession
auf Grundsteuer
Tamil Nadu
5%
möglich
Kosten: 2%
BM – Rs. 4,50 bis 4,74 (EUR 0,06)
Cogen – Rs. 4,37 bis 4,49 (EUR 0,05
bis 0,06)
Uttar Pradesh
12,5%
24 Monate
Rs. 4,29 für bestehende, bis 4,38
für neue mit Eskalation von 4 Paisa/Jahr (EUR 0,05)
Derzeit arbeitet das MNRE an einer National Bioenergy Mission (ähnlich der National Solar Mission).399 In der ersten Phase sollen netzgebundene
und netzferne Kraftwerke mit insgesamt 3,45 Milliarden Rupien (43 Millionen Euro) gefördert werden.
2011 hatte das MNRE die einzelnen Bundestaaten
dazu aufgefordert, eigene Programme zur Förderung von Biomasse-Kraftwerken aufzulegen.400
Darin sollte der Tarif einen variablen Anteil bekommen, der von den durchschnittlichen Kosten
für Biomasse in den jeweiligen Bundesstaaten
abhängen sollte. Im Juni 2013 fördern 17 Bundesstaaten Biomasse-Kraftwerke401, allerdings haben
nur zwei, Rajasthan und Madhya Pradesh, hierfür
eine spezifische Biomasse-Policy.402
7.7.6Marktchancen für deutsche
Unternehmen
Im Bereich der Verbrennung von Biomasse haben indische Unternehmen große Erfahrung. Sie
kennen sich zudem bestens mit den Gegebenheiten und lokal verfügbaren Brennstoffen aus. Das
12. Fünfjahresplan, S. 189 (http://bit.ly/HpF1BL).
MNRE, Annual Report, 2012–2013 (http://bit.ly/18wOgvG).
401
MNRE, Annual Report, 2012–2013, p. 25
(http://bit.ly/18wOgvG).
402
Rajasthan (http://bit.ly/1bUAa2t); Madhya Pradesh
(http://bit.ly/J0cX8T).
399
400
112
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
macht sie zu starken Wettbewerbern. Deutsche
Anbieter können eher als Anlagen- oder Komponentenlieferanten punkten. Allerdings müssten
sie auch hier mit neuen, in Indien anwendbaren
Technologien, aufwarten. Ein Beispiel könnte eine
effizientere Energieumwandlungstechnik oder ein
Verbrennungskessel für unterschiedliche Brennstoffe sein403. Aber auch logistisches, biologisches
und landwirtschaftliches Know-how sind gefragt.
Da es sich bei Biomasse-basierten Kraftwerken zu
einem großen Teil um bekannte und relativ einfache Technologien handelt, muss ein ausländisches
Unternehmen sehr genau überlegen, welche Produkte und Dienstleistungen in Indien eingekauft
oder produziert werden können, um wettbewerbsfähige Preise erzielen zu können. Spitzentechnologie und Know-how müssten sehr gezielt eingesetzt
werden.
Dass der Markt noch sehr kleinteilig ist, ist sowohl Herausforderung als auch Chance. Gerade
wer es schafft, reproduzierbare Geschäftsmodelle
zu entwickeln, oder neue, breitflächig einsetzbare
Komponenten zu liefern, kann in einer notwendigen Professionalisierung der Industrie eine Vorreiterrolle einnehmen und von der Größe des Landes
profitieren.
403
IREDA, Investment Opportunities in Biomass, 2009.
7.8 Kleine Wasserkraft
Kleine Wasserkraftwerke – in Indien bis zu 25
MW404 – gelten als umweltschonend und werden
daher vom Ministerium für Neue und Erneuerbare
Energie (Ministry for New and Renewable Energy,
MNRE) gefördert. Die Entwicklung dieser Energiequelle kann sowohl einen Beitrag zur landesweiten Stromversorgung leisten (insgesamt wird
das Potenzial auf ca. 20 GW geschätzt), aber auch
in schwer zugänglichen Landstrichen dezentrale
Stromversorgungslösungen schaffen (die durchschnittliche Größe kleiner Wasserkraftprojekte
ist geringer als 5 MW). Aus diesen Gründen ist die
Entwicklung der kleinen Wasserkraft ein Schwerpunkt des MNRE, das sich darauf konzentrieren
will, Kapitalkosten zu reduzieren und die Zuverlässigkeit sowie die durchschnittliche Auslastung von
Anlagen zu erhöhen.
7.8.1Marktpotenzial und Marktgröße
Das MNRE hat eine Datenbank mit möglichen
Standorten für kleine Wasserkraft erstellt.405 Darin
wurden 6.474 Projekte mit einer Gesamtkapazität von 20 GW identifiziert. Die größten Potenziale
befinden sich in den nördlichen und nordöstlichen
Bundesstaaten im Himalaya und den Vorgebirgen.
Dies sind auch Bundestaaten, in denen an vielen
Orten eine Versorgung über das Netz, aufgrund
dünner Besiedlung und schwierigen Terrains, nicht
wirtschaftlich ist. Allerdings bieten auch die Gebirge in Südindien (Ghats) gute Standorte. Dort liegt
auch Karnataka mit dem größten Potenzial von
4.141 MW. Es folgen die nördlichen Staaten Himachal Pradesh (2.498 MW), Uttarakhand (1.708 MW),
Jammu und Kashmir (1.431 MW) sowie Arunachal
Pradesh (1.341 MW). Neue Standorte werden laufend identifiziert, so dass die angegebenen Potenziale in Zukunft steigen werden. Das MNRE unterstützt die Bundesstaaten hierbei finanziell. Siehe
Tabelle 17: Potenziale für kleine Wasserkraftanlagen in den indischen Bundestaaten.406
Tabelle 17: Potenziale für kleine Wasserkraftanlagen
in den indischen Bundestaaten
Mögliche
Standorte
Potenzial
(MW)
Himachal Pradesh
531
2.498
Uttarakhand
448
1.708
Jammu & Kashmir
245
1.431
Arunachal Pradesh
677
1.341
Maharashtra
274
794
Kerala
245
704
Chhatisgarh
200
1.107
Karnataka
834
4.141
Andhra Pradesh
387
978
Tamil Nadu
197
660
Madhya Pradesh
299
820
West Bengal
203
396
Punjab
259
441
Odisha
222
295
Uttar Pradesh
251
461
Sikkim
88
267
Meghalaya
97
230
Assam
119
239
Bihar
93
223
Bundesstaat
Jharkhand
103
209
Nagaland
99
197
Gujarat
292
202
Mizoram
72
169
Haryana
33
110
Manipur
114
109
Rajasthan
66
57
Tripura
13
47
Goa
6
7
Andaman &
Nicobar
7
8
6.474
19.849
TOTAL
404
Die Klassifizierung der Wasserkraft in Indien ist wie folgt:
normal: >25 MW, klein < 25 MW. Dabei wird das Segment kleine Wasserkraft noch einmal zusätzlich unterteilt in: klein: 25
MW bis 2 MW, mini: 2 MW bis 100 kW, mikro: <100 kW. (MNRE).
405
MNRE, Annual Report, 2012–2013, p 31 (http://bit.ly/18wOgvG )
406
Ebd.
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
113
7.8.2Entwicklung des Marktes für
kleine Wasserkraft
Bis Ende der 1990er Jahre war der Markt hauptsächlich von staatlichen Unternehmen geprägt.
In den letzten Jahren traten allerdings aufgrund
staatlicher Anreizsysteme auch zunehmend Privatunternehmen auf. Im März 2013 hat der Privatsektor bereits 1.662 MW und 320 Projekte realisiert.
Das entspricht 48% der gesamten installierten Kapazität und 34% der Projekte.407
Die meisten kleinen Wasserkraftwerke werden allerdings noch von den jeweiligen bundesstaatlichen
Energieversorgern betrieben. Zentralstaatliche
Unternehmen spielen keine große Rolle. Die Unternehmen aus dem Privatsektor sind meist keine
Spezialisten, sondern stammen aus dem weiteren
Energie- und Infrastruktursektor. Beispiele hierfür sind: HEG Ltd., Bharat Petroleum Corporation
Ltd. oder BPC Ltd. Internationale Firmen sind noch
nicht aktiv.
Indien verfügt über ein gut ausgebautes Hersteller- und Händlernetz, das dem Markt komplette
Systeme sowie Bau- und Ersatzteile, so z. B. Turbinen, Regler und Generatoren, bereitstellen kann.
Führende Anbieter sind neben dem indischen
Großkonzern Bharat Heavy Electricals Ltd. (BHEL),
auch eine Reihe von Mittelständlern wie Boving
Fouress Pvt. Ltd., Escher Wyss Flovel Ltd., Jyoti
Ltd., Steel Industrials Kerala Ltd., Kirloskar Bros.
Ltd., HPP Energy (India) Pvt. Ltd., Flovel Mecamidi Energy Pvt. Ltd., Prakruti Hydro Labs, Indusree
Pvt. Ltd., Ushvin Hydro System (P) Ltd., DRG Jalshakti Energy Pvt. Ltd., Gita Flow Pumps India Pvt.
Ltd., Pentaflo Hydro Engineers, Everest Energy
Pvt. Ltd., Plus Power System, Standard Electronics
Instruments Corporation, Vinci Aqua Systems (P)
Ltd.. Internationale Unternehmen wie Alstom, ABB
und auch die deutsche Voith Hydro Pvt. Ltd. bieten
ebenfalls Komponenten und Ingenieursdienstleistungen an.408
Im vorletzten (2002–07) und letzten (2007–12)
Fünfjahresplan hat Indien das angestrebte Ziel von
407
MNRE, Annual Report, 2012–2013, p. 30
(http://bit.ly/18wOgvG).
408 MNRE, Website.
114
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
550 MW bzw. 1.400 MW neuer Kapazität erreicht.409
Für den 12. Fünfjahresplan, bis 2017, plant Indien
weitere 2.100 MW kleiner Wasserkraftwerke.410
Gründe dafür, dass die Kleinwasserkraft bisher
nicht weitreichender genutzt wurde, sind neben
den allgemeinen Finanzierungsproblemen bei In­
frastrukturprojekten auch langwierige und komplizierte Genehmigungs- und Vorbereitungsphasen
(mit der Durchführung von geologischen, seismologischen, hydrologischen und ökologischen Studien) sowie Streitigkeiten zwischen den Bundesstaaten über Wasserrechte und Umweltprobleme. Bei
größeren Anlagen kommen soziale Konflikte, die
sich aus der Umsiedlung der betroffenen Bevölkerung ergeben, hinzu. Um zumindest den Genehmigungsprozess zu beschleunigen, hat die indische
Regierung ein schnelles Verfahren für Kraftwerke
bis zu 100 MW eingeführt.411
Mangelnde Infrastruktur, insbesondere die Verfügbarkeit von Stromleitungen und Zugangsstraßen,
stellt in vielen Fällen auch ein Hindernis dar. Dass
die Infrastruktur besonders in den entlegenen
Tälern des Nordens und Nordostens oft komplett
fehlt, ist der Hauptgrund für die bisher nur schwache Ausnutzung des Wasserkraftpotenzials in diesen Regionen. Eine Anzahl von Standorten mitsamt
Nutzungsrechten wurde in der Vergangenheit von
Spekulanten aufgekauft, die kein Interesse daran
haben, Wasserkraftwerke zu bauen, sondern die
erworbenen Rechte weiterverkaufen. So hat sich
ein eigener Markt für den Weiterverkauf von Standorten entwickelt, der die Preise künstlich hochgetrieben hat. Dieses Problem ist eng mit einem
weiteren verbunden, nämlich dem der Korruption.
Besonders in den nordöstlichen Bundesstaaten,
wo die Regelungen für transparente, öffentliche
Ausschreibungen von neuen Standorten weniger
strikt sind, ist dies ein Problem.412
Auch der Klimawandel birgt ein Risiko für Wasserkraft. Schmelzende Gletscher und ein unregelmäßigerer Monsun können weitreichende Folgen, von
der Wasserarmut bis Überschwemmungen und
409
MNRE, Annual Report, 2012–2013, p. 30
(http://bit.ly/18wOgvG).
410
12. Fünfjahresplan, S. 146(http://bit.ly/HpF1BL).
411
DENA: Länderprofil Indien, 2007.
412
Interviews mit Industrieexperten.
sogar der Verlagerung von Flüssen, haben. Der
Planned Load Faktor (PLF) von einer Reihe von
kleinen und großen, bereits im Betrieb stehenden
Wasserkraftwerken erfüllt nicht die Erwartungen.413
7.8.3Wichtige Gesetze und Förderungen
Anreize zum Bau von kleinen Wasserkraftanlagen
existieren sowohl auf staatlicher als auch auf bundesstaatlicher Ebene. Auf staatlicher Ebene gibt
es direkte Subventionen unterschiedlicher Projektkosten sowie günstige Kredite, die über die
Indian Renewable Energy Agency (IREDA) vergeben werden. Außerdem bietet die indische Regie413
Interviews mit Industrieexperten.
rung Betreibern von kleinen Wasserkraftwerken
eine 10-jährige Befreiung von der Einkommenssteuer an. Siehe Tabelle 18: Subventionen der
indischen Regierung für kleine Wasserkraft. 414
Einspeisetarife werden von den einzelnen Bundesstaaten teilweise festgelegt, teils auch von Fall
zu Fall neu verhandelt. Sie bewegen sich meist
zwischen 2 und 3 Rupien (0,03 bis 0,04 Euro). Die
indische Regierung hat außerdem eine differenzierte Preisgestaltung zwischen Haupt- und Nebenlaststrom gesetzlich zugelassen. Siehe Tabelle
19: Überblick über die Maßnahmen der einzelnen
Staaten.415
414
Karnataka Renewable Energy Development Ltd. (KREDL),
Website (http://bit.ly/11gGu0v ).
415
MNRE, Website (http://bit.ly/1bca7I4).
Tabelle 18: Subventionen der indischen Regierung für kleine Wasserkraft
Programm
Subvention
Kapitalsubvention für Wasserkraftwerke bis zu
3 MW in den nordöstlichen Staaten
Bis zu 30 Millionen Rupien (429.000 Euro)
pro MW oder 50% der Projektkosten – was
niedriger ist
Kapitalsubvention Wasserkraftanlagen bis zu
100 kW in Bergregionen, den nordöstlichen
Staaten und Inseln, von öffentlichen oder NGO
Auftraggebern
15.000 Rupien (214 Euro) pro kW
3
Zinssubvention für Wasserkraftwerke bis zu
3 MW in Bergregionen, den nordöstlichen
Staaten und Inseln
5% Zinssubvention bis zu einem Gesamtkapital
von 11,2 Millionen Rupien (160.000 Euro) pro MW
4
Zinssubvention für Wasserkraftwerke bis zu
3 MW in anderen Regionen
Möglich. Wird im Einzelfall verhandelt
Subvention für Renovierung, Modernisierung
und Upgrading von Wasserkraftwerken bis
3 MW
75% der anfallenden Kosten bis zu 20 Millionen
Rupien (286.000 Euro) pro MW
6
Subvention der detaillierten Voruntersuchungen (Detailed Survey and Investigation)
100% der anfallenden Kosten bis zu 150.000
Rupien (2.143 Euro) pro Standort
7
Subvention des ausführlichen Projektberichtes 50% der anfallenden Kosten bis zu 100.000
(Detailed Project Report)
Rupien (1.429 Euro) pro Bericht
1
2
5
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
115
Tabelle 19: Überblick über die Maßnahmen der einzelnen Staaten
Einspeisetarif
Wasser­
lizenzgebühr
Andhra
Pradesh
NEDCAP
2% des
erzeugten
Stroms
8–12
Monate
2 Rupien (0,03
Euro) pro kWh
(2012 -2013)
noch zu bestimmen (SERC)
bis zu 35% PLF
Arunachal
Pradesh
Dept. of
Power
noch zu
bestimmen
(SERC)
wird im
Einzelfall
entschieden
noch zu bestimmen (SERC)
unklar
Assam
Dept. of
Power
keine
Gebühr bei
Verkauf an
SEB;
sonst zu
bestimmen
(SERC)
6 Monate
< 5 MW: keine
Gebühr;
wird im Einzelfall
> 5 MW: 0,25 Ruentschieden
pien (€ 0,004) pro
kWh
Erzeugungs­
lizenz bis zu 35
Jahre
Dept. of
Energy
noch zu
bestimmen
(SERC)
unklar
noch zu bestimmen (SERC)
CREDA
noch zu
bestimmen
(SERC)
unklar
noch zu be2,25 Rupien (0,03
stimmen (Water
Euro) pro kWh
Department)
GPCL
4% des
erzeugten
Stroms
6 Monate
noch zu bestimmen (SERC)
keine Stromsteuer in den
ersten 10
Jahren
HAREDA
2% des
erzeugten
Stroms
2,25 Rupien (0,03
Euro) pro kWh
grundsätznoch zu bestim(1994–1995);
lich erlaubt
men
Jährliche Steigerung von 5%
Subventionen
und Verkaufssteuerabschlag
möglich
HIMURJA
2% des
erzeugten
Stroms
bis 3 MW keine
grundGebühr für 15
sätzlich
2,64 Rupien (0,03
Jahre;
erlaubt (mit Euro) pro kWh
danach: noch zu
Gebühr)
bestimmen
J&K
PWD
keine
Gebühr bei
Verkauf an
SEB;
sonst 10%
2 Monate
KREDL
2% des
erzeugten
Stroms
2% (<1MW);
5% (1–3
MW);
unklar
10% (5–20
MW)
Karnataka
Jammu &
Kashmir
Himachal
Pradesh
Haryana
Gujarat
Banking
Bihar
Koordinierende Wheeling
Behörde
Chhattisghar
Staat
116
Energiemarktstudie Indien | Erneuerbare Energie in Indien
keine
keine
10% des Stroms
wird im Einzelfall in den ersten 15
entschieden
Jahren;
dann 15%
keine Gebühr für
Projekte bis 20
MW
Weiteres
keine Mehrwertsteuer auf
Maschinen und
keine Einkommenssteuer
Um von staatlichen Anreizsystemen Gebrauch zu
machen, muss ein Projektentwickler verschiedene
Standards der International Electrotechnical Commission (IEC) sowie internationale Standards (IS)
einhalten. Diese sind416:
•Für Turbinen und Generatoren (rotierende
elektrische Maschinen): IEC 60034 – 1: 1983,
IEC 61366 – 1: 1998, IEC 61116 – 1992, IS 4722 –
2001, IS 12800 (part 3) – 1991
•Feldstudie zur hydraulischen Leistung der
Turbinen: IEC 60041 – 1991
•Steuerungssystem der hydraulischen Turbinen:
IEC 60308
•Transformatoren: IS 3156 – 1992, IS 2705 – 1992,
IS 2026 – 1983
•Einlassventile von Kraftwerk und Systemen:
IS 7326 – 1902
7.8.5Chancen für internationale
Unternehmen
Trotz der vielen Hindernisse, bietet der indische
Markt für kleine Wasserkraft internationalen
Unternehmen Geschäftsmöglichkeiten. Die Marktentwicklung ist solide, positiv und konstant, die
Anwendbarkeit und Wirtschaftlichkeit der Technologie in Indien wurde zu Genüge bewiesen. Um
Wasserkraftprojekte zu entwickeln, empfiehlt es
sich, mit einem indischen Partner zu arbeiten,
der in der relevanten Region sehr gut vernetzt ist
und somit Landkauf oder Genehmigungsverfahren
übernehmen kann. Zu beachten ist jedoch, dass es
auf der Zulieferseite zu Engpässen bei qualitativ
hochwertigen Turbinen kommen kann.
7.8.4Existierende Projekte
Die meisten Projekte werden in den Bundesstaaten
Karnataka (915 MW), Himachal Pradesh (537 MW),
Maharashtra (296 MW) und Andhra Pradesh (218
MW) gebaut.417 Entwickler dieser Projekte sind neben lokalen Unternehmern, große Infrastrukturinvestoren wie GMR, GVK, Tata Power oder Greeninfra.
416
417
MNRE, Website (http://bit.ly/1bca7I4).
MNRE, Annual Report, p. 31(http://bit.ly/18wOgvG).
Erneuerbare Energie in Indien | Energiemarktstudie Indien
117
8
Deutsche Investitionen in
den indischen Energiesektor
8.1 Deutsche Investitionen
in Indien
Bisher haben deutsche Investoren und Unternehmen in Indien im Bereich erneuerbare Energien
hauptsächlich in die Wind- und Solarenergie sowie in die Herstellung von Komponenten wie Turbinen oder Kessel investiert. In der Solarenergie
spielen Wechselrichterhersteller wie SMA- und
Kaco-, aber auch EPC-Unternehmen wie juwi,
IBC oder Enerparc eine Rolle. Bei Komponenten
sind Unternehmen wie Siemens, Deutz oder Voith
zu nennen. In der Windenergie war Enercon sehr
stark vertreten, allerdings ist das Joint Venture mit
dem indischen Partner in die Brüche gegangen.
Die wichtigsten Standorte für deutsche Unternehmen in Indien sind die Großstädte Mumbai (Finanzund Handelszentrum), Pune (Automobilindustrie),
Neu Delhi (politisches und industrielles Zentrum),
Chennai (Industriezentrum im Süden) und Bangalore (IT-Zentrum).
In Zukunft wird es besonders in der Solarindustrie große Wachstumschancen geben. Außerdem
werden die Windenergie und die Komponentenherstellung weiterhin gute Investitionsmöglichkeiten bieten. Die Märkte für kleine Wasserkraft und
Biomasse sind weniger technologiegetrieben und
lokaler / projektspezifischer. Im Bereich der Netze
und der Verbesserung der existierenden fossilen
Kraftwerke gibt es sehr großen Bedarf für Kapital
und Know-how, allerdings sind diese Märkte für
internationale Anbieter noch schwer zugänglich,
da die Geschäftspartner meist Staatsunternehmen
sind. Das ändert sich allerdings: der Anteil privater
Stromversorger nimmt zu.
Für Komponentenlieferanten ist es oft eine große
Herausforderung, preislich im indischen Markt zu
bestehen, ohne dabei auf wichtige Funktionalitäten
und Qualität zu verzichten. In einem Forschungsprojekt hat die TU München und Bridge to India gemeinsam mit etwa 30 deutschen Unternehmen aus
118
dem Bereich der erneuerbaren Energien untersucht, wie das gehen kann. In einem ersten Schritt
wurde untersucht, wie Produkte sich auf Kundenbedürfnisse ausrichten lassen. Wichtig war, eine
sogenannte Mehrpreisfähigkeit zu schaffen. Das
heißt, dem Kunden die Möglichkeit zu geben, nur
für genau die Funktionalitäten zu zahlen, für die
er / sie zu zahlen bereit ist. Der zweite Schritt ist
dann die Herstellung bestimmter Produktteile in
Indien selbst. Der dritte Schritt ist die Entwicklung
neuer Produkte in Indien für Indien.418
8.2 Welche Bundesstaaten?
Von den ungefähr 630 deutsch-indischen Joint
Ventures, die es zurzeit in Indien gibt, befindet sich
etwa ein Drittel im Bundesstaat Maharashtra, indem auch die Stadt Mumbai, das Finanzzentrum
des Landes, liegt. Als ebenfalls interessant gilt
unter Investoren die Region der Landeshauptstadt
Neu Delhi, der Bundesstaat Gujarat sowie der
Bundesstaat Karnataka, wo sich auch das indische
„Silicon Valley” von Bangalore befindet. In den letzten Jahren entfiel ein zunehmender Anteil der Investitionen auf die drei südlichen Bundesstaaten
Karnataka, Andhra Pradesh und Tamil Nadu.
8.3 Alleine oder mit Partner?
Die indische Regierung hat seit 1991 einen Weg
der kontinuierlichen Deregulierung beschritten
und stellt ausländischen Investoren immer weniger Hürden in den Weg. Nur noch die wenigsten
Formen von Foreign Direct Investment (FDI) unterliegen der sogenannten „Governmental Approval Route“, einem bürokratisch aufwändigen Genehmigungsverfahren. In den meisten Fällen ist
die „Automatic Approval Route“ einschlägig. Zwar
418
Weitere Informationen zu dem Projekt können über die
Technische Universität München, Lehrstuhl Prof. Wildemann,
angefragt werden (http://goo.gl/LSL3QL).
Energiemarktstudie Indien | Deutsche Investitionen in den indischen Energiesektor
müssen auch dafür zahlreiche Formulare bei der
Reserve Bank of India eingereicht werden, die
tatsächliche Investition wird aber nicht durch das
Warten auf deren Genehmigung verzögert.
zentige Tochtergesellschaft, ist zwar mit einigem
bürokratischen Aufwand verbunden, mit Hilfe geeigneter Berater aber nicht wesentlich langwieriger als die Gründung einer deutschen GmbH.
Die meisten Sektoren stehen für Foreign Direct
Investments mittlerweile völlig offen. Nur noch
wenige Sektoren unterliegen Einschränkungen.
Für Investitionen im Dienstleistungssektor, der
Telekommunikation, Versicherung und Rüstungsindustrie ist noch ein indischer Joint Venture-Partner erforderlich.
Auf dem Weg nach Indien müssen Investoren sicherlich beschwerliche Hürden überwinden, aber
wer den Schritt dennoch wagt, ist oft hoch zufrieden. Eine Umfrage der Unternehmensberatung
A.T. Kearney kommt zu dem Ergebnis, dass drei
von vier aller in Indien tätigen Auslandsfirmen ihre
Wachstums- und Gewinnziele erreichen oder sogar übertreffen. Im Land selbst gibt es intensive
Diskussionen darüber, ob eine weitere Liberalisierung des Marktes für ausländische Investoren
wünschenswert ist.419
Aber auch in den Formen von Foreign Direct
Invest­ments, in denen ein indischer Joint Venture-Partner nicht mehr vorgeschrieben ist, sollte
dies ernsthaft in Erwägung gezogen werden. Vor
Ort einen Partner zu haben, der die Gegebenheiten kennt und die kulturellen Besonderheiten einzuordnen weiß, ist in Indien nahezu unverzichtbar.
Dieser kann dem ausländischen Investor Zugang
zu lokalen Netzwerken verschaffen und ihm auf
diese Weise viele Türen öffnen, die ihm sonst verschlossen geblieben wären. Oft schließen ausländische Investoren zunächst einen bloßen Joint
Venture-Vertrag mit einem indischen Partner, um
so mit vereintem Know-how und Ressourcen nach
geeigneten Projekten Ausschau zu halten. Zur
Durchführung so akquirierter Projekte bietet das
rein vertragliche Joint Venture dem ausländischen
Investor allerdings meist nicht den nötigen rechtlichen Schutz und ist daher oft in dieser Phase
nicht mehr das probate Mittel. Es empfiehlt sich
dann meist, eine Joint Venture-Gesellschaft zu
gründen, in deren Gesellschaftervertrag Aspekte
wie Gewinnverteilung und Stimmrechte, Management, Wettbewerbsverbote sowie Abfindung beim
Ausscheiden einer Partei genau geregelt werden.
Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass das
kulturelle Verständnis von einem geschlossenen
Vertrag in Indien von europäischen Vorstellungen
abweicht. Die Gründung einer indischen Gesellschaft, sei es als Joint Venture oder als 100-pro-
Voraussetzung für erfolgreiche Geschäfte auf dem
indischen Markt ist laut Firmenvertretern, dass
man sich auf die besonderen Gegebenheiten einlasse und zum „local player“ werde. Das Wissen
und die kulturelle Kompetenz lokaler Mitarbeiter
müssten genutzt, indische Lieferanten integriert
werden.
8.4 Mögliche Ansprechpartner
für deutsche Investoren
Es gibt mittlerweile eine Reihe von staatlichen und
privaten Ansprechpartnern für deutsche Investoren, die Beratungsdienstleistungen und Auskünfte
verschiedener Art anbieten.
8.4.1Gesellschaft für internationale
Zusammenarbeit (GIZ) (besonders
für PPPs)
Die GIZ ist seit über 40 Jahren in Indien, einem
Schwerpunktland der deutschen Entwicklungszu419
A.T. Kearney, Back to Business: Optimism and Opportunity,
2013.
Deutsche Investitionen in den indischen Energiesektor | Energiemarktstudie Indien
119
sammenarbeit, tätig. In Neu Delhi ist die GIZ mit
mehreren Büros vertreten und unterstützt die indische Regierung im Energiebereich im Rahmen
des breit angelegten deutsch-indischen Energieprogramms. Schwerpunkte der Kooperation liegen
in der Beratung der Regierung bei der Reform des
Stromsektors und der effizienteren Nutzung fossiler wie erneuerbarer Energiequellen. Die lokalen
Partner der GIZ sind sowohl Vertreter der Zentralregierung wie das MoP, MNRE und BEE als auch
Vertreter von Regierungsstellen einzelner Bundesstaaten. Neben den staatlichen Akteuren kooperiert die GIZ auch mit Vertretern der Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft. Die Zusammenarbeit
mit Verbänden, die Implementierung von Pilotprojekten und Technologietransfer sind dabei zentrale Bestandteile. Darüber hinaus setzt die GIZ im
Auftrag des BMZ gemeinsam mit DEG und sequa
Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft
(develoPPP) um. Im Rahmen der Entwicklungspartnerschaften werden deutsche und europäische Unternehmen, die bei ihren Geschäften in den
Partnerländern der nachhaltigen Entwicklung eine
entscheidende Bedeutung beimessen, vom BMZ
unterstützt. Im Einzelnen umfasst die Zusammenarbeit der GIZ mit Indien folgende Schwerpunkte:
•Energie für nachhaltige Entwicklung: Formulierung von Sektorpolitiken, Energieplanung
und Entwicklung von Versorgungspfaden sowie
begleitende Reformprozesse.
•Erneuerbare Energien im ländlichen Raum:
Verbreitung dezentraler Energieversorgung im
Haushalt- und Infrastrukturbereich durch Solarund Windenergie sowie Kleinwasserkraft, die
Verbreitung effizienter Kochoptionen zur Brennholzeinsparung und Reduktion von „Indoor air
pollution“.
•Erneuerbare Energien im Elektrizitätsnetz:
Beratung bei Gesetzgebung, Einführung von
Fördermodellen, Vorbereitung von Investitionsprojekten, Entwicklung von Finanzierungsmechanismen, etc..
•Energieeffizienz in Kraftwerken:
Aus- und Fortbildung von Betriebspersonal und Management,
Erstellung und Implementierung von Wartungskonzepten und Energie-Audits sowie Aufbau
lokaler Dienstleistungsstrukturen.
•Energieeffizienz in der Industrie:
Beratung
bei Umsetzung nationaler und sektoraler
Energiesparprogramme, bei Benchmarking für
120
Energieeffizienz, Aufbau von Beratungsdiensten,
Energieaudits, Contracting- und Betreibermodellen.
8.4.2KfW Bankengruppe Indien
Die KfW Bankengruppe ist mit ihren drei internationalen Teilbanken – KfW-Entwicklungsbank, KfW
IPEX-Bank und DEG – in Indien engagiert und auch
lokal präsent. Das Gesamtvolumen der Finanzierungen beträgt ca. 1,5 Milliarden Euro im Jahr.
Die KfW-Entwicklungsbank setzt, im Auftrag des
Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die finanzielle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Indien um.
Im Energiesektor werden hauptsächlich Darlehen
zu marktnahen, aber vergünstigten Konditionen
an staatliche Energieversorgungsunternehmen
sowie Förderbanken vergeben. Der Fokus liegt
auf der Förderung umweltfreundlicher Energieformen, insbesondere auf erneuerbaren Energien, v.a. Windenergie- und Photovoltaikanlagen zur
Netzeinspeisung sowie auch dem Ausbau der Nutzung von Wasserkraft. Ein weiteres Handlungsfeld
ist die Verbesserung der Energieeffizienz. Hierzu
werden über staatliche Banken Kleinkredite für
kleine und mittlere Unternehmen – aber auch für
den Wohnungsbau – zugunsten von Investitionen
im Bereich Umweltschutz und Energieeffizienz
vergeben. Ein Querschnittsthema ist die Vermittlung von (umwelt-)technischem Know-how, z. B.
für die Erstellung von Umwelt- und Sozialverträglichkeitsstudien.
Der Auftrag der DEG ist die Förderung des Privat­
sektors in Entwicklungs- und Schwellenländern.
In Indien bestehen konkrete Erfahrungen in der
Finanzierung privater Investitionen in die Nutzung
erneuerbarer Energien.
Die KfW IPEX-Bank fördert mit ihren Finanzierungsangeboten die Exporte deutscher und europäischer Unternehmen. Die Einsatzmöglichkeiten
sind vielfältig. Ein Beispiel aus dem indischen
Energiesektor ist die Finanzierung moderner Turbinen zur Erhöhung der Effizienz von Kraftwerken.420
420
KfW, Website (http://www.kfw.de).
Energiemarktstudie Indien | Deutsche Investitionen in den indischen Energiesektor
8.4.3Deutsch-Indisches Energieforum
(IGEF)
Das Deutsch-Indische Energieforum wurde von
Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem indischen Premierminister Manmohan Singh, anlässlich seines Deutschlandbesuchs im April 2006,
gegründet. Ziel des IGEF ist die Intensivierung des
politischen Dialogs zwischen Deutschland und
Indien in den Bereichen Energiesicherheit, Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Zudem
soll das IGEF gemeinsame Forschung und Entwicklung sowie Investitionen in den Energiesektor befördern. Dazu wurden drei Arbeitsgruppen
mit den Themenschwerpunkten (1) Steigerung
der Energieeffizienz thermischer Kraftwerke, (2)
Erneuerbare Energien und (3) Nachfrageseitige
Energieeffizienz und kohlenstoffarme Wachstumsstrategien, eingerichtet. Treffen der Arbeitsgruppen finden mehrmals jährlich unter der Leitung
der Vorsitzenden aus MoP bzw. MNRE auf indischer Seite und BMWi bzw. BMUB auf deutscher
Seite, unter aktiver Beteiligung des Privatsektors,
statt. Deutsche und indische Unternehmen sind
dazu aufgefordert, sich an dem bilateralen Dialog
zur Verbesserung von Marktbedingungen zu beteiligen und werden bei der Kontaktanbahnung, bei
Kooperationen und Projektvorschlägen zwischen
deutschen und indischen Unternehmen von dem
Verbindungsbüro des IGEF unterstützt. Dieses bildet zugleich die erste Anlaufstelle für Interessierte, stellt Informationen bereit, unterstützt Aktivitäten und Projekte und führt Dialogveranstaltungen
und themenspezifische Workshops durch. Mit der
Besetzung des Verbindungsbüros wurden die GIZ
und die KfW-Entwicklungsbank, im Auftrag des
BMUB, betraut. Ansprechpartnerin für deutsche
Unternehmen ist Frau Hannah Sternberg in Berlin
([email protected]).
8.4.4Germany Trade and Invest (GTAI)
Die Aufgabe von Germany Trade and Invest ist das
Marketing für den Wirtschafts-, Investitions- und
Technologiestandort Deutschland, einschließlich
der Investorenanwerbung. Die Gesellschaft berät
ausländische Unternehmen, die ihre Geschäftstätigkeit auf den deutschen Markt ausdehnen wollen. Sie arbeiten dabei eng mit den Deutschen
Auslandshandelskammern (AHKs) zusammen.
Ansprechpartner in Indien ist Frau Anna Westenberger ([email protected]).
8.4.5Exportinitiativen Erneuerbare
Energie und Energieeffizienz
Die Exportinitiativen Erneuerbare Energien und
Energieeffizienz begleiten die fortschreitende Internationalisierung der deutschen Energie-Branche seit 2002 mit einem gebündelten Vorgehen
in den Bereichen Außenwirtschaftsförderung,
Klimaschutz und Entwicklungszusammenarbeit.
Übergeordnetes Ziel der durch einen Bundestagsbeschluss ins Leben gerufenen Initiative ist es,
mit der weltweiten Verbreitung deutscher Spitzentechnologie einen wesentlichen Beitrag zum
Klimaschutz zu leisten. Das Bundesministerium
für Wirtschaft und Technologie steuert und finanziert die Exportinitiative. Zudem koordiniert es ein
Netzwerk von Experten der Branche, Verbänden,
öffentlichen und privatwirtschaftlichen Institutionen sowie weiterer Bundesministerien.
8.4.6Deutsche Energie Agentur (dena)
Die dena fördert zukunftsweisende Ansätze, um
möglichst rasch nachweisbare Erfolge bei der gezielten Steigerung der Energieeffizienz und der
effizienten Nutzung von regenerativen Energien
zu realisieren. Sie agiert aktiv aus einer Position
der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit heraus,
stellt sich der öffentlichen Debatte und hat Zugang
zu relevanten Marktteilnehmern sowie politischen
Entscheidern. Die zentralen Ziele der dena sind
die Steigerung der rationellen Energienutzung,
der Ausbau der regenerativen Energiequellen,
der Zuwachs innovativer Techniken zur rationellen Energieumwandlung sowie die Schaffung von
Energieeffizienzmärkten. Die dena steht zu 50% im
Bundeseigentum und berät und unterstützt u.a. die
Bundesregierung in Fragen der Energieeffizienz
und der regenerativen Energien. Im Rahmen der
Exportinitiative kommt der dena eine wichtige Rolle bei der Auswertung und Aufbereitung branchenund exportrelevanter Informationen zu. Sie bringt
ihre Kompetenzen in die Entscheidungsprozesse
aller Gremien der Exportinitiative ein. Neben der
Deutsche Investitionen in den indischen Energiesektor | Energiemarktstudie Indien
121
Bereitstellung von Marktinformationen, berät sie
Unternehmen in branchenspezifischen Fragen zu
exportrelevanten Auslandsmärkten. Gleichzeitig
betreibt sie Auslandsmarketing für deutsche Technologien und Unternehmen und ist Ansprechpartner für ausländische Interessenten. Dazu gehört
auch das Solardachprogramm. Darüber hinaus ist
sie für die Öffentlichkeitsarbeit der Exportinitiative
zuständig ist [email protected]
8.4.7Deutsch-Indische Handelskammer
(Indo-German Chamber of
Commerce, IGCC)
Die Deutsch-Indische Handelskammer vertritt seit
über 50 Jahren die Interessen von deutschen und
indischen Unternehmen. Mit über 8.000 deutschen
und indischen Mitgliedern ist die AHK Indien eine
der größten bilateralen Handelskammern und verfügt über ein sehr starkes, branchenübergreifendes Netzwerk. Neben der Hauptgeschäftsstelle in
Mumbai, ist die Deutsch-Indische Handelskammer
122
mit weiteren fünf Büros in Neu Delhi, Kalkutta,
Chennai, Bangalore und Pune und einem Büro in
Deutschland, Düsseldorf, vertreten. Die Angebote der AHK Indien sind vielfältig und orientieren
sich an den Bedürfnissen der Unternehmen, wie
beispielsweise Adressrecherche, Marktanalyse,
Firmengründung, HR-Services, duale Ausbildung
und individuelle Beratungen. Die Themen Energieeffizienz und erneuerbare Energien in Indien stehen in ausgewählten Informationsveranstaltungen
und Delegationsreisen im Fokus. Zudem startet
die AHK Indien 2014, im Rahmen des EUREM-Programms (Energy Efficiency Specialist – licensed
for India), die Ausbildung zum in Indien lizenzierten Energieeffizienz-Manager.421 Ansprechpartner
in Indien ist Frank Hoffmann, in Deutschland Julia
Seibert.
421
AHK, Website (http://indien.ahk.de).
Energiemarktstudie Indien | Deutsche Investitionen in den indischen Energiesektor
Indien im Überblick | Energiemarktstudie Indien
123
Kontakt
New Delhi
Indo-German Energy Forum Support Office
c / o Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
1st Floor, B-5 / 2, Safdarjung Enclave
New Delhi
110 029, India
[email protected]
Tel +91 11 4949 5353
Berlin
Indo-German Energy Forum Support Office
c/o Deutsche Gesellschaft für
Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Köthener Strasse 2
10963 Berlin
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Tel +49 (0)30 338424-462

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