Umweltausschuss des Bundestages, Anhörung zum Fracking-Gesetzentwurf, Montag,
08.06.2015
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Der Abgeordnete Meiwald / Grüne, Frage an Oliver Kalusch / BBU:
"Ja, Herr Kalusch, es tut mir leid, wenn Sie ein bischen in Stress kommen,
aber ich hab auch noch eine Frage.
2:22:10
Welche Erkenntniss liegen Ihnen oder den Bürgerinitiativen über die
gesundheitlichen Auswirkungen von Kohlenwasserstoff-Förderung vor? Wir haben ja
leider zwar ein Krebsregister in Deutschland aber keine flächendeckende Erfassung
z.B. von neurologischen Erkrankungen oder ähnlichen Dingen. Liegen Ihnen
Erkenntnisse vor, die Zusammenhänge zwischen Kohlenwasserstoff-Förderung,
Frack-Methoden oder auch dem Hervorkommen von Lagerstättenwasser und
spezifischen Erkrankungen rechtfertigen würden?
2:22:41[Kalusch:]
Also, das Problem ist natürlich, dass die meisten Daten jetzt erstmal aus den USA
kommen, weil da passiert das Ganze schon wesentlich länger. Aber wir stellen
inzwischen in Niedersachsen fest, an verschiedenen Standorten, dass sich
Quecksilber-Belastungen häufen, und wir stellen fest, dass es für bestimmte
Krebserkrankungen offensichtlich eine signifikante Erhöhung gibt. Das Problem ist,
wir müssten es systematisch auswerten, daran mangelt es. Also, ich kann auch nur
-sag ich mal- an dieser Stelle die Ebene verlassen, die die niedersächsische
Landesregierung auffordert, genau ein solches Programm in Auftrag zu geben. Im
Moment ist es in den Händen der Bürgerinitiativen, genau zu gucken, was ist da
und was ist da nicht. Und es gibt ja z.B. auch GENUK e.V., die sich darum intensiv
kümmern [zustimmendes Nicken bei Meiwald und Verlinden] und die ersten
Erkenntnisse bereits vorliegen haben. Und das ist sicherlich eine verlässliche Quelle,
auf die ich auch nur verweisen kann. Da zeigen sich die ersten signifikanten
Häufungen von Erkrankungen genau im Zusammenhang mit der Erdgasförderung.
[Moderatorin Bärbel Höhn:]
Die Nachfrage war, was heisst signifikant.
[Kalusch:]
Signifikant ist ein Begriff aus der Statistik. Wenn Sie oberhalb einer gewissen
Schwankungsbreite Erkrankungen haben.
[Die Fragestellerin -Marie-Luise Dött, CDU/CSU- fragt:]
Wo kann ich das nachlesen?
[Kalusch:]
Ich würde Sie gerne dann an GENUK e.V. verweisen, die dazu gearbeitet haben und
kann Ihnen auch gern noch von den Kollegen die Kontaktdaten geben.
[Höhn:]
Gut, dann haben wir auch die Quelle für das Wortprotokoll, also insofern war das
dann auch ganz gut, diese Nachfrage.
2:31:48
[Frau Scheer, SPD, Frage an Kalusch:]
Meine Frage geht an Herrn Kalusch, ich möchte nochmal ganz kurz auf die Krebsrisiken
eingehen.
Ich mein, unterstellend, und das weiss man ja auch aus der Atomtechnologie und den
Krebsrisiken, man natürlich nie Kausalitäten herstellen, das hat es nun mal so an sich, man
kann immer nur von gewissen Clustern sprechen und Wahrscheinlichkeiten der Kausalitäten.
Aber meine Frage: Wie schätzen Sie das ein, dass gerade von dem Sachverständigen
Emmermann dazu gesagt wurde und wie würden Sie vor allem die Langfristfolgen einschätzen.
Mir geht die Betrachtung bzgl. möglicher gesundheitlicher Vorsorgemassnahmen zu sehr auf
eine Kurzfrist-Betrachtung. Das ist ja möglicherweise nicht hinreichend. Wie würden Sie das
sehen?
2:32:35
[Kalusch:]
Ja, das ist ja auch wirklich nicht hinreichend untersucht, muss man sagen. Wir wissen
natürlich, wenn Stoffe ins Grundwasser gelangen -und das kann ja über einen längeren
Zeitraum hinweg geschehen-, dann kann das erst sehr spät unter Umständen wirksam werden,
also als Kontamination. Aber wir wissen auch, wenn wir Stoffe im Grundwasser haben, in der
Luft, die emittiert werden etc., und dies geschieht kontinuierlich, dann kann sich das natürlich
auf eine Art und Weise auswirken, die sehr deutlich unter den akuten Schwellen liegt. Und
dann können Sie natürlich im Laufe der Jahre Prozesse haben, wo Sie chronische
Erscheinungen haben. Ich wäre da sehr vorsichtig zu sagen, das kann es alles gar nicht geben.
Wir wissen genau aus der Atom-Diskussion, dass wir Effekte haben auch weit unterhalb von
Wirkungsschwellen, also von festgelegten Wirkungsschwellen. Wir wissen, dass wir das
Zusammenwirken von Substanzen haben können, d.h. synergistische Effekte, die wir sehr
schwer abschätzen können. Und jetzt steigen wir u.U. in eine Technik ein, nicht nur mit einem,
zwei oder zehn Fracks -es ist ja von Herrn Peterwitz schon dargestellt worden-, jetzt haben wir
plötzlich 100.000! Und diese Situation glaube ich kann gesundheitlich noch gar keiner in vollem
Umfang abschätzen. Aus meiner Sicht wäre es aber nicht mehr mit dem Vorsorgegebot
vereinbar, wenn wir jetzt so dort einsteigen würden, nämlich gerade aufgrund dieser LangfristEffekte, die dadurch entstehen können. Wir steigen ja in eine Technik ein, die wir dann
mehrere Jahrzehnte u.U. betreiben. Und wir haben Substanzen, die krebserregend sind, die
akut wirken können, die chronisch wirken können. Ich hatte ja schon vorhin gesprochen von
den ganzen Gefahrenmerkmalen der CLP-Verordnung, da sind ja etliche darunter, die sind
gefährlich für den Menschen und die sind gefährlich für die Umwelt. Und unterhalb gewisser
Wirkungsschwellen wirkt es dann immer noch chronisch. Meine Einschätzung ist, dass wir uns
auf eine Gefährdung einlassen, die wir bis heute überhaupt noch nicht in dem erforderlichen
Masse abschätzen können. Und das wäre die Voraussetzung, um überhaupt eine sachgerechte
Entscheidung treffen zu können. Dass wir nämlich mal den Sachverhalt vernünftig klären. Also,
es ist ja eben gesagt worden, wir haben keine Erkenntnisse. Ja, das ist - niemand hat die
Ereignisse, niemand hat die Bohrungen, die Fracks in Niedersachsen aufbereitet. Und wenn sie
niemand aufbereitet und niemand darum kümmert, was ist da eigentlich passiert, dann werden
wir immer nur die Antwort bekommen, da ist ja nichts passiert, egal, ob da etwas passiert ist
oder nicht. Und deshalb kann ich nur sagen: In einem ersten Schritt, lassen Sie uns erstmal
gucken, wie die Situation in Niedersachsen ist, was wir dort an den Bohrstellen haben, welche
Kontaminationen wir vorfinden, und dann können wir uns über alles andere Gedanken machen.
2:35:50
[Zdebel: ... ]
2:36:10:
Was mir jetzt noch fehlt, das sind die amerikanischen Erfahrungen, weil da wird ja schon seit
sehr langer Zeit systematisch in grösserem Stil gefrackt. Und da gibt es möglicherweise auch
Antworten, was diese Gesundheitsfragen angeht, die ja auch angesprochen worden sind, wenn
ich z.B. an die Blutkrebshäufigkeit in Bothel denke und ähnliche Blutkrebshäufigkeiten in
Regionen der USA, wo auch gefrackt wird. Das fragt ja quasi danach, dass da mal geforscht
werden müsste, ob es da evtl. doch Zusammenhänge gibt. Oder auch Fragen der
Erdbebenhäufigkeit, wenn ich mir z.B. die Entwicklung auch in der konventionellen
Erdgasförderung in den Niederlanden angucke, wo sich auch eine ganze Menge Fragen stellen,
gerade in Groningen, wie das dort weitergeht. Es ist sicherlich alles andere als
selbstverständlich gewesen, was die niederländische Regierung da vor kurzem angeordnet hat.

Antwort von Oliver Kalusch vom BBU kann zusammen mit einem