Ein Vortrag der IPPNW, Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in
sozialer Verantwortung e. V.
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Was eigentlich geschah – der GAU
•
Der noch qualmende Reaktor
Quelle: Tschernobyl Interinform
Der explodierte Reaktor
Igor Kostin (aufgenommen 12 Stunden nach der Katastrophe)
Foto:
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Was eigentlich geschah – der GAU
• 26. April 1986
01:23:00 Uhr: Start eines Tests im Block IV des Kernkraftwerkes
01:23:40 Uhr: Die Notabschaltung misslingt
01:23:48 Uhr: Der Reaktor explodiert; radioaktives Material tritt
aus
• 28. April 1986
21:00:00 Uhr: Die sowjet. Nachrichtenagentur TASS berichtet
erstmals über den Reaktorunfall
• 29. April 1986: Die deutschen Nachrichten berichten vom GAU
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Was eigentlich geschah - Maßnahmen
• Nach 36 Stunden:
Evakuierung von 45.000 Menschen aus der Stadt Pripjat
• Bis zum 5. Mai:
Evakuierung von 130.000 Menschen aus einem Umkreis von 30 km
• 1. Mai 1986:
Beginn staatlicher Kontrollen von Milch und Trinkwasser
• 23. Mai 1986:
Beginn der Verteilung von Jodpräparaten
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Was eigentlich geschah - Maßnahmen
• Die Werksfeuerwehr versucht zu löschen
• 600.000 - 830.000 junge Männer
(sog. Liquidatoren) werden zu Aufräumarbeiten zwangsverpflichtet und massiv
verstrahlt
• Bis 5. Mai: 4200 Tonnen Blei und Sand
werden über dem Reaktor abgeworfen
Zwei Männer säubern ein Löschfahrzeug
Quelle: Tschernobyl Interinform
• 6. Mai: Brand und radioaktive Emissionen
sind unter Kontrolle
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Was eigentlich geschah – die sog. Todeszone
Soldat am Eingang zur
Sperrzone
Foto: Igor Kostin
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Was eigentlich geschah – die sog. Todeszone
Kindergarten in Pripjat
Foto: Igor Kostin
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Was eigentlich geschah – die sog. Todeszone
In der Sperrzone
Foto: Igor Kostin
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Strahlenkontaminierte Gebiete
•
• Sperrzone:
30-Kilometer-Radius um den Reaktor
• Kontaminierte Gebiete:
Weißrussland: 30 Prozent
Ukraine: 7 Prozent
Russland: 1,6 Prozent des europäischen Teils
Insgesamt sind 162.000 km2 verseucht
• Neun Millionen Menschen sind betroffen
400.000 verlieren ihre Häuser und
Wohnungen
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Ausbreitung der Kontamination
•
•
Wechselnde Windverhältnisse verteilen die radioaktive Wolke über ganz Europa
In Deutschland werden v. a. Landstriche in Südost-Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg und Berlin
verseucht
Quelle:
UNESCEAR Report,
New York 2000;
Annex J.
26. April 00.00 Uhr
27. April 00.00 Uhr
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27. April 12.00 Uhr
29. April 00.00 Uhr
Karte des CS -137 Kontamination Europa
• Wurde von der EU zwischen 1995 – 1998 durch GammaMessungen bei Niedrigflügen ermittelt. Andere Kontaminationen
wurden nicht gemessen, weil die Institutionen es für zu
aufwendig (teuer) hielten.
• Allerdings enthält der Kontaminationsatlas der EU keine Daten
aus Bulgarien, Albanien und Jugoslawien
• Nach den drei am meisten belasteten Ländern (Weissrussland,
Ukraine und Russland) wurden folgende europäische Länder
mit mehr als 1 PBq (10 hoch 15 Bq) CS -137 verstrahlt:
• Ex-Jugoslawien, Finnland, Schweden, Bulgarien, Norwegen,
Rumänien, Deutschland, Österreich und Polen
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Verteilung der Kollektivdosis infolge der
Tschernobylkatastrophe
• 53% Europa ohne ehem. Sowjetunion
• 36% betroffene Gebiete ehemalige Sowjetunion
• 8% Asien
• 2% Afrika
• 0,3% Amerika
• Gesamtkollektivdosis: 2,4 Mill. Personensievert
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Folgen für die Gesundheit – Die Wirkung radioaktiver Strahlung
Radioaktive Spaltprodukte
HWZ: 8 Tage; Speicherung in der Schilddrüse;
Jod 131
kann zu Schilddrüsenkrebs und anderen
Fehlfunktionen der Schilddrüse führen
HWZ: 30 Jahre; Einlagerung in allen
Cäsium 137
Strontium 90
Plutonium
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Organen; gilt als Krebsauslöser; wird über die
Nahrungskette aufgenommen
HWZ: 28 Jahre; Einlagerung in Zähnen
und Knochen; gilt als Leukämieauslöser
HWZ 24.000 Jahre;
Gefahr für das Grundwasser; gilt als
Krebsauslöser
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Folgen für die Gesundheit – Die Wirkung radioaktiver Strahlung
Bäuerin, die belastete Waldbeeren
verkauft.
Foto:
Martina Buchholz
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Folgen für die Gesundheit – Die Wirkung radioaktiver Strahlung
• Hohe Strahlendosis ab 0,5 Sievert (Sv)
– Sofortige Schwächung des Immunsystems; Infekte
– Veränderung des Blutbildes und Blutung
– Schädigung des Magen-Darm-Traktes; Erbrechen
– Schädigung innerer Organe sowie des
Zentralnervensystems
– Spätschäden: Tumore
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Folgen für die Gesundheit – Streitfall Niedrigstrahlung
Zwischen IAEO/WHO/ICRP und unabhängige Forschungen
• Unstrittig: Jede noch so kleine Dosis kann Krebs auslösen
• Strittig: Wie häufig kommt das vor? Werden auch andere
Erkrankungen ausgelöst?
• Jüngste Studien: Folgen der Niedrigstrahlung sind
– genomische Instabilität
– Erbgutmutationen
– gehäufte Missbildungen
– Zellalterung
– Verschiedene Nichtkrebserkrankungen
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Folgen für die Gesundheit - Der Streit
• Strahlenbedingte Fehlbildungen
• Viele Studien legen einen Zusammenhang zwischen
Fehlbildungen und radioaktiver Strahlung nahe (Wertelecki, 2009
Ukraine.; Lazjuk et al, 1996, Goncharova 1997, beide Belarus,
Lyaginskaja et al, 2007, Russl.; Sperling et al, 1994; Hoffmann,
2001; Scherb, 2003; Körblein, 2003, alle Deutschland).
• Die IAEO/WHO bestreitet diesen Zusammenhang.
• Die medizinische Zeitschrift Lancet titelt am 24.04.2010:
„Debate over health effects of Chernobyl re-ignited“
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Folgen für die Gesundheit – der Streit
Offizielle Zahlen der IAEO
• Weniger als 50 Tote bis Mitte 2005
• Ca. 4000 Fälle von Schilddrüsenkrebs v.
a. bei Kindern und Jugendlichen; davon
bis jetzt 9 Todesfälle; Überlebensrate liegt
bei 99% (bei westlichen
Behandlungsstandards)
• Kein Beweis für den Anstieg von
Fehlbildungen und Unfruchtbarkeit oder
von Leukämie und anderen Krebsarten, in
Zusammenhang mit dem Reaktorunfall
• Insgesamt werden mglw. zukünftig bis zu
4.000 Menschen infolge des
Reaktorunfalls sterben
• Die Akte Tschernobyl kann geschlossen
werden: Armut, ungesunde Lebensweise
und Psychische Krankheiten stellen ein
viel größeres Problem dar als die
Quelle: Tschernobyl-Forum-Report Sept. 2005
Verstrahlung
Zahlen anderer offizieller Stellen
• Bisher 112.00 – 125.000 Tote von insg. 830.000
Liquidatoren (Quelle: A. Yablokov, 2009)
• 94 Prozent der Liquidatoren sind heute krank vorw.
Nicht-Krebs (Quelle: Ukrainische Botschaft 2005)
• Eine Arbeitsgruppe der WHO rechnet in den
nächsten 30–50 Jahren mit 50.000 Fällen von
Schilddrüsenkrebs bei Menschen, die zum
Zeitpunkt des Unglücks 0-4 Jahre alt waren
• Zukünftige Tote: z.B. 200.000 – 985.000, Yablokov,
2009
• 84 % der 3 Mio. Menschen, die in der Ukraine
radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren, sind
krank (Quelle: ukrainische Agentur Tschernobyl
Interinforum), um 40% die Krebsrate in der
Bevölkerung seit Tschernobyl in Weissrussland
• Zahlreiche schwere Fehlbildungen und Totgeburten
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Folgen für die Gesundheit - Schilddrüsenkrebs
Schilddrüsenkrebs bei Kindern
100
75
62
26
18
13
6
3
6
2001
2000
1999
1998
816
785
702
2001
2000
1999
1998
1996
1997
545
1995
627
1996
510
1997
1995
393
295
1992
1991
1989
1990
213
1988
139
148
155
1983
1984
1985
1986
1987
136
1982
1979
131
101
1978
1981
97
1977
132
122
1976
1980
122
127
189
210
259
1993
1994
1985
1984
1983
1982
1981
1980
1979
1978
1977
1976
491
539
1989
3 1990
1991
1992
1993
1994
Schilddrüsenkrebs bei Erwachsenen
34
36
40
43
51
54
50
22
Quelle: Otto Hug Strahleninstitut 2011
3 1988
2
1987
2
2
1986
10
19
17
20
23
28
30
66
58
60
84
90
66
80
70
82
79
90
Folgen für die Gesundheit - Schilddrüsenkrebs
Mädchen bei einer
Schilddrüsenuntersuchung
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Folgen für die Gesundheit - Krebserkrankungen
•
•
•
•
•
Bei den Liquidatoren: Zunahme der Krebsrate um 20 Prozent
Verdoppelung der Leukämierate (Tsyb 1996)
In der Region Gomel: Zunahme der Krebsrate um 55,9 Prozent
Weißrussland allg. um 40% (Okeanov et al. 2004)
Anstieg der Brustkrebsrate in den belasteten Gebieten Gomel und
Mogilov (Weissrussland) sowie Chernigov, Kiev und Zhytomir
(Ukraine),
(Pukkala et al. 2006)
• Anstieg des Leukämierisikos in den belasteten Gebieten der
Ukraine: Signifikante Erhöhung bei Belastung höher als 10 mSv
(Noshenko, 2010)
- Anstieg der Hirntumoren bei Kleinkindern in der Ukraine um
das 5,8 fache (Orlov, Sharevsky, 2002)
Quellen:
www.chernobyl.info;
IPPNW u. Gesesllschaft für Strahlenschutz: Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl, 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe,
2006
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Folgen für die Gesundheit - Krebserkrankungen
Michael Stankewitsch,
wurde wegen eines Hirntumors operiert
Foto: Rolf Schulten
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Folgen für die Gesundheit – Säuglingssterblichkeit
und genetische Schäden
• 5.000 zusätzliche Todesfälle unter Säuglingen in Europa
• Signifikanter Anstieg von Fehlbildungen in zahlreichen
europäischen Ländern
• Mindestens 10.000 zusätzliche Fehlbildungen in Europa
• Signifikanter Anstieg der Fehlbildungen in Weißrussland, Ukraine
und Russland
weitere Quellen:
www.chernobyl.info;
IPPNW u. Gesesllschaft für Strahlenschutz: Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl, 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe,
2006
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Folgen für die Gesundheit - Andere Erkrankungen
Liquidatoren
• Zunahme tödlicher Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 22 Prozent
• Starke Zunahme von Magen-Darm-Erkrankungen und
Erkrankungen des Nervensystems
• 95 Prozent leiden unter Augenerkrankungen
• Vorzeitige Zellalterung durch Störung des Antioxidantiensystems
Kinder
• 70 Prozent der Kinder von betroffenen Eltern als krank registriert
(Ukraine 1996)
• 13fache Erhöhung der kindlichen Erstdiagnosen in Gomel
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Folgen für die Gesundheit - Die IPPNW/GFS-Studie
Liquidatoren
Mehrere 100.000 Liquidatoren sind strahlenbedingt
erkrankt
Mehrere 10.000 Liquidatoren sind strahlenbedingt
gestorben
Schilddrüsenkrebs
Bis heute gibt es weit mehr als 10.000 Schilddrüsenkrebserkrankte in der Normalbevölkerung
Weit über 50.000 Menschen werden in Zukunft an
Schilddrüsenkrebs erkranken
Fehlbildungen
In Europa gab es 10.000 schwerwiegende zusätzliche
Fälle von Fehlbildungen
Säuglingssterblichkeit
Europaweit gab es 5.000 zusätzliche Todesfälle bei Säuglingen
Quelle:
IPPNW u. Gesellschaft für Strahlenschutz: Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl, 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe,
2006
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Folgen für die Gesundheit - Die IPPNW/GFS-Studie
Krebs und Leukämie
und andere
Erkrankungen
Genetische Schäden
Zunahme von Krebs- und Leukämieerkrankungen in vielen
einzelnen Studien nachgewiesen. Übersichtsarbeit fehlt.
Ersterkrankungen bei Kindern um 13fache gestiegen in
belasteten Gebieten
In Europa gab es 10.000 schwerwiegende zusätzliche Fälle von
Fehlbildungen (ohne drei hauptbetroffene Länder).
Bei Kindern von Liquidatoren und Menschen in belasteten
Gebieten wurden Erbgutveränderungen festgestellt
Einschätzung
Dies sind sehr konservative Zahlen. Das russische Umweltministerium bezifferte die Zahl der durch Tschernobyl kranken
Menschen Anfang der 90er Jahre auf über 1,3 Millionen.
Quelle:
IPPNW u. Gesellschaft für Strahlenschutz: Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl, 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe,
2006
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Folgen für die Gesundheit – Die Kinder
Krebskrankes Kleinkind
Foto: Hermine Oberück
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Andere Folgen
Das Reaktorunglück von Tschernobyl hatte eine erzwungene Völkerwanderung zur
Folge
Quelle: UNDP, 2002
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Kritik an der IAEO/WHO-Studie aus 2005
• Neuere, unzweifelhafte Forschungsarbeiten wurden ignoriert.
• Mehrere 100.000 Menschen werden einfach übersehen.
• Die Berechnungsgrundlage für die Todesfälle klammerte die
Nicht-Krebserkrankungen aus.
• 5.000 Tote aus der Studie fehlen im Kurzbericht der IAEO.
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Was ist neu durch Tschernobyl?
Neben den Krebserkrankungen der Bestrahlten und den
genetischen Schäden an den folgenden Generationen sind die
Nichtkrebserkrankungen massiv erhöht. Nämlich:
- Bei den Liquidatoren
- bei der hoch strahlenbelasteten Bevölkerung
- Die Kinder der Liquidatoren und der belasteten Bevölkerung
sind krank
- Phänomen der trans-generationellen Übertragung wie bei den
Leukämie-Fällen in Sellafield
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Was ist neu an Tschernobyl?
Ionisierende Strahlung beschleunigt den Alterungsprozess durch
das sehr frühe Auftreten von Nichtkrebserkrankungen wie
• z.B. Beschleunigte Alterung der Blutgefäße, besonders im
Gehirn Arteriosklerose der Blutgefäße des Augenhintergrunds
• Senile Katarakte des Auges
• Verlust der höheren intellektuellen kognitiven Funktionen infolge
einer Schädigung des zentralen Nervensystems
• Verlust der Stabilität des antioxidanten Systems
• Anstieg der stabilen Chromosomenaberrationen
(Quelle: Bebeshko, Loganovsky et al, 2006)
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Was muss getan werden?
• IAEO und WHO müssen die vielen validen Forschungsergebnisse aus
den drei betroffenen Ländern endlich anerkennen und unabhängige
Forschung befördern sowie Hilfe bei der Zusammenführung von Daten
leisten.
• Große epidemiologische Studien in den drei betroffenen Ländern wie auch in den westeuropäischen Ländern - sind notwendig.
• Krebserkrankungen wie Nichtkrebserkrankungen müssen erforscht werden.
• Forscher wie NGOs müssen Zugang zu den Ursprungsdaten erhalten, damit
unabhängige Forschung gewährleistet ist
• Forschung und Behandlung der Opfer sind nicht voneinander zu trennen,
Hilfe
durch westliche Regierungen und EU ist erforderlich.
• Wir brauchen einen Ausstieg aus der Atomenergie und einen beschleunigten
Übergang zu Erneuerbaren Energien
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Fazit
Es gibt keine endgültigen Antworten auf Tschernobyl!
Die Akte Tschernobyl darf nicht geschlossen werden!
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Zeitbombe Atomenergie