18.4.2001 Grundlegende Fragestellungen
Vertrauen
ein ökonomisches und ethisches Prinzip
elektronischer Märkte
V2 Zum Begriff des Vertrauens
Dozent: Rainer Kuhlen
SS 2001
Institut für Bibliothekswissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin
Vertrauen – SS 2001
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18.4.2001 Grundlegende Fragestellungen
Allgemeiner Literaturhinweis
Rainer Kuhlen
Die Konsequenzen von Informationsassistenten
Was bedeutet informationelle Autonomie oder wie kann
Vertrauen in elektronische Dienste in offenen
Informationsmärkten gesichert werden?
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1443
Frankfurt 1999
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Unsicherheit bei technischen und anderen komplexen Systemen
Vertrauen als Form des Umgangs mit abstrakten und technischen
Systemen der Moderne in Situationen der Unsicherheit
Diskontinuität, “Disembedding” - Welterfahrung in der Moderne
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18.4.2001 Grundlegende Fragestellungen
Vertrauen ist in Situationen der Unsicherheit vonnöten,
wenn wir uns auf diese Systeme trotzdem einlassen
müssen oder wollen.
Wird eine Situation sicher beherrscht, ist kein Vertrauen
erforderlich. Vertrauen kompensiert fehlende Gewißheit.
Wie erreicht man, Systemen zu vertrauen oder sich ihnen
gar anzuvertrauen, obwohl die Gründe, das zu tun,
objektiv nicht ausreichend sind?
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Vertrauensmanagement
Vertrauen ist Bestandteil des Qualitätsmanagement von
Informationsleistungen auf elektronischen Märkten.
Reparierendes Vertrauensmanagement
Vorbeugendes Vertrauensmanagement
These:
Die Kosten für Vertrauensmanagement sind denen für die
Produktion von Informationsdiensten vergleichbar
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Vertrauensmanagement A-Klasse
Vertrauensmanagement von Mercedes anläßlich der ElchKrise der A-Klasse
 Wahrheitsoffensive
 Strategie des gläsernen Marketings
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Vertrauensmanagement A-Klasse
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Maßnahmen des Vertrauensmanagement - A-Klasse-Krise:
organisatorisch
technisch
Marketing
Medienarbeit
Ersatzhandlungen über die personalen Zugriffspunkte
(Giddens‘ access points)
Facework commitment
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Der Vertrauensgau der Atomindustrie und der Atompolitik

Problem kein radiologisches, sondern ein gesellschaftliches,
kulturelles, politisches

systematische Geheimniskrämerei

intensivierte Regulierung?

überhaupt Möglichkeiten?
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Giddens Vertrauenskonzept
Vertrauen entsteht in Situationen, in denen es an voller Information
mangelt. Wäre sie da, braucht es keines Vertrauens. In perfekten
Informationssituationen ist kein Vertrauen nötig.
Vertrauen ist weniger an Risiko gebunden als an Kontingenz
(Möglichkeiten, Zufälligkeit). In kontingenten Situation, also mit
ungewissem Ausgang, ist Vertrauen auf die Verläßlichkeit der die
möglichen Ausgänge bestimmenden Personen oder Systeme
gegründet.
A. Giddens: The consequences of modernity. Stanford University
Press. Stanford, CA: 1990
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Giddens Vertrauenskonzept
Vertrauen ist nicht das Ergebnis von Inferenzen aus
schwachem Wissen (weak inductive knowledge), Vertrauen ist
immer sozusagen blindes Vertrauen.
Vertrauen kann auch auf abstrakte und symbolische Systeme
gerichtet sein.
Der Glaube an die moralische Integrität von Personen wird
ersetzt durch den Glauben an die Korrektheit der diesen
Systemen zugrundeliegenden Prinzipien, die man selber nicht
beurteilen kann.
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Giddens Vertrauenskonzept
Vertrauen ist die Zuversicht in die Verläßlichkeit einer Person oder
eines Systems, mit Rücksicht auf die möglichen Resultate, die sich
in einer Situation ergeben können.
Diese Verläßlicheit gründet sich – bei Personen – auf
emotionale/moralische/psychologische Faktoren oder – bei
Systemen – auf die Korrektheit der zur Anwendung kommenden
abstrakten Prinzipien bzw. des technischen Wissens.
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 Entlastet Vertrauen von unvermeidbaren Situationen
informationeller Unsicherheit, oder
schafft Vertrauen Unmündigkeit, indem es aus dem Interesse
Dritter, vor allem der Anbieter der Informationswirtschaft, auch
dort reklamiert wird, wo eigentlich höchstes Mißtrauen angebracht
wäre?
Wie können wir sicher sein, daß Vertrauensmanagement nicht eine
raffiniertere Form von Manipulation ist?
Wie kann man den Vertrauen Zusichernden vertrauen: how to trust
trust?
Welche institutionellen Formen sind für Vertrauenssicherung
geeignet?
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Situationen der Unsicherheit
 Unsicherheit über die Qualität (Wahrheitswert und
Handlungsrelevanz) der aus elektronischen Diensten, z.B.
Fachinformationssystemen, Online-Datenbanken, Such- oder
Surfmaschinen, erarbeiteten Informationen.
 Unsicherheit über den Schutz des geistigen Eigentums in der
elektronischen Verbreitung von Information bzw. – als Kehrseite
der Medaille - Verunsicherung über das Ausmaß der
kommerziellen Nutzung von öffentlicher Information aus
Kultur, Politik/Verwaltung und Wissenschaft.
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Situationen der Unsicherheit
 Unsicherheit über die Sicherheit (Authentizität) der elektronisch
durchgeführten Transaktionen, z.B. Bestellen, Bezahlen,
Ausliefern (Problematik der Anwendung, der Sicherheit und der
Überwachung von Kryptographieverfahren, vor allem zur
Verwendung von digitalen Signaturen)
 Schwierigkeit, mit der Vielzahl unerwünschter oder sogar als
feindlich oder schädlich empfundener Informationen
(Kinderpornographie), die über die Netze einströmen, fertig
werden zu können (Probleme des Spamming und Problematik des
Abblockens durch entsprechende Blocking-Software)
 Unsicherheit über die Konsequenzen der Delegation von
Informationsarbeit an intelligente Softwareagenten
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ontologische Sicherheit durch Primärerfahrung
öffentlich dominante Wertesysteme
Grundvertrauen in Technik,
Medienöffentlichkeit
Vertrauen in institutionelle Sicherungsinstanzen, wie TÜV,
Vertrauen in Experten als Ersatz für fehlendes Wissen,
geschickte Öffentlichkeitsarbeit der Anbieter,
Image von Repräsentationsfiguren
geglückte Ersatzhandlungen über (selber gar nicht kompetente)
Vertrauensmittler Verfügung über
institutionelle Vertrauensmittler (Trust center)
individuelle oder soziale Vertrauensnetze (Web of trust)
von bislang gemachten persönlichen Erfahrungen,
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