Soziokulturelle
Rahmenbedingungen
institutioneller Bildung aus
familienwissenschaftlicher
Sicht
Einstiegsreferat auf der 9.
Bildungspolitischen Konferenz der
PDS am 4. Juni 2005 in Weimar
Uta Meier-Gräwe
Universität Gießen
Anteil der 35-39-jährigen Frauen
ohne Kinder im Haushalt
alte Bundesländer 2000
45
40
35
Hochschule,
Promotion
30
25
Fachhoch-schule
20
15
ohne beruflichen
Abschluss
10
5
0
ohne Kinder
Prof. Dr. Uta Meier Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des
Privathaushalts und Familienwissenschaft, Justus-LiebigUniversität Gießen
Zunehmende Polarisierung der Lebenschancen
von Kindern und Familien
freistehendes EinFamilienhaus
Vater Rechtsanwalt,
Mutter Lehrerin
Klavier-, Ballett-,
Reitunterricht
klare Luft, blauer Himmel
70 qm-Wohnung
Stiefvater arbeitslos, Mutter im
Erziehungsjahr
entwicklungsverzögert
asthmakrank
schlechte Luft, grauer Himmel
aktuelle Trends
• Zugang zu Bildung: entscheidender
Bestimmungsfaktor für die Lebenschancen
• das erworbene Bildungsniveau einer
Person hat einen direkten Einfluss auf seine
Lebensdauer
• Bildungsniveau der Herkunftsfamilie
bestimmt noch immer und in der Zeit stabil
die erreichten Abschlüsse der Kinder im
allgemeinbildenden Schulsystem
Armut und Bildung
• der Anteil der Menschen, die bildungsarm
sind, nimmt seit einigen Jahren wieder zu
• Zahl der Kinder, deren Eltern ohne abgeschlossene Berufsausbildung bleiben, steigt
seit 1985 stetig an
Bildung und soziale Herkunft
• Soziale Herkunft hat in Deutschland einen
stärkeren Einfluss auf den Schulerfolg als in
anderen Ländern
Bildung und soziale Herkunft
IGLU-Studie:
Die Chance, eine Empfehlung für das Gymnasium
zu erhalten, ist für ein Kind aus „gutem Elternhaus“
im Durchschnitt 2,5 Mal so hoch wie für ein Kind
aus einem benachteiligten Herkunftsmilieu –
und zwar bei gleicher Leistung.
%
CO
ABC §
2
Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des
Privathaushalts und Familienwissenschaft
Justus-Liebig-Universität Gießen
Armut und Bildung
• Hauptschulen sind in fast allen
Bundesländern auf den Status einer
bildungs- und finanzpolitischen Restschule
herabgesunken.
• Das Bildungswesen produziert in
wachsendem Maße „Kellerkinder“ (K.Klemm),
die entweder ohne Schulabschluss oder mit
abgewertetem Hauptschulabschluss auf den
Arbeitsmarkt treten.
SchulabgängerInnen mit und ohne
Hauptschulabschluss – Anteile je
Stadtteil
Schuljahr 2000/2001
Wieseck
0,0 bis unter 2,7 Prozent
aller SchulabgängerInnen
Nord
2,7 bis unter 11,9 Prozent
aller SchulabgängerInnen
Rödgen
West
11,9 bis unter 18,5 Prozent
aller SchulabgängerInnen
Innenstadt
Ost
18,5 bis 21, 2 Prozent
aller SchulabgängerInnen
Süd
Kleinlinden
Allendorf
Schiffenberg
Lützellinden
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaften, JLU Gießen
Quelle: Schulverwaltungsamt Gießen, eigene Berechnungen
Entwurf & Kartographie: B. Unger, T. Gumm; Institut für Geographie, JLU Gießen
Karte 2 - Stadtteile
Armutsbericht der Stadt Gießen
Armut und Bildung
• Es fehlt vor allem an Daten zur
sozialen Herkunft der SchülerInnen
Haushalt P.
30
/
11
Lebenslage von Haushalt P.
Ä quivalenzeinko mmen
3
A lltagsko mpetenzen
A nteil Erwerbseinko mmen
2
Sonstiges Netzwerk
M ietbelastung
1
Familiales Netzwerk
0
Wo hnungsgrö ße
Institutio nelles Netzwerk
Zeitliche Situatio n
P sycho so ziale Situatio n
B ildung
Gesundheit
Bildung und Heiratsmarkt
Ehehomogenität:
• beide Partner haben gleiche
Bildungsabschlüsse und „potenzieren“
diese durch Heirat
• soziale Verkehrskreise schließen sich
• je länger die Verweildauer im
Bildungssystem, desto ausgeprägter die
Ehehomogenität
Bildung und Heiratsmarkt
Ehehomogenität
Ehefrauen (Geburtenjahrgänge im Vergleich)
1919-1923
43,9 Prozent
1959-1963
70,0 Prozent
Aufwärtsheirat
Ehefrauen (Geburtenjahrgänge im Vergleich)
1919-1923
52,1 Prozent
1959-1963
21,6 Prozent
Bildung und Heiratsmarkt
• Der Heirats- und Beziehungsmarkt erweist
sich als Institution, die soziale Ungleichheit
in Deutschland zunehmend verstärkt als zu
ihrer Reduzierung beizutragen.
Die paar Probleme
Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des
Privathaushalts und Familienwissenschaft
Justus-Liebig-Universität Gießen
Eine Frau muss sich entscheiden:
Beruf oder Kind?
Mit „ja“ antworteten:
18 % Schweden
19 % Dänemark, 71 % Deutschland
Quelle: Europabarometer, Europäische Kommission 1998
Geld hat ein Geschlecht
In den 1990er Jahren hat sich der
Einkommensabstand zwischen männer- und
frauentypischen Berufen weiter erhöht, was
ein bezeichnendes Licht auf den Stellenwert
des weiblichen Arbeitsvermögens in der
bundesdeutschen Gesellschaft wirft.
Prof. Dr. Uta Meier
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und
Familienwissenschaft, Justus-Liebig-Universität Gießen
Geld hat ein Geschlecht
Die Lohn- und Gehaltsdifferenzen zwischen Männern und
Frauen sind in keinem Land der Europäischen Union so
groß wie in Deutschland, je höher das Ausbildungsniveau,
desto größer fällt der Einkommensabstand aus.
Bereits bei der Geburt des ersten Kindes verdienen drei
Viertel der Väter deutlich mehr als die Mütter.
Folge:
Traditionelle Rollenteilung im Übergang zur Elternschaft
wird zementiert.
Prof. Dr. Uta Meier
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und
Familienwissenschaft, Justus-Liebig-Universität Gießen
Beschäftigungsentwicklung
• weibliche Beschäftigungsverhältnisse „nach Köpfen“ und nach
Arbeitszeit driften seit 1991 immer
weiter auseinander
• bei Männern sind diese Diskrepanzen
verschwindend gering, weil fast alle in
Vollzeit arbeiten.
Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und
Familienwissenschaft, Justus-Liebig-Universität Gießen
Erwerbsbeteiligung und
Wochenarbeitszeit der 15 bis 64jährigen Mütter in den ABL nach
Alter des jüngsten Kindes (6-14
Jahre) im Haushalt 2003
• 37,6 % weniger als 20 Stunden
• 16,0 % zwischen 21 und 25 Stunden
• 14,9 % 36 Stunden und mehr
Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und
Familienwissenschaft, Justus-Liebig-Universität Gießen
Retraditionalisierung
von Geschlechterrollen
72 Prozent aller jungen Männer
zwischen 20 und 25 Jahre überlassen
ihre Ernährungsversorgung vollständig
ihren Müttern, Großmüttern und
(Ehe)- Partnerinnen.
Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des
Privathaushalts und Familienwissenschaft
Justus-Liebig-Universität Gießen
Megatrend Nr. 1
„Feminisierung von Arbeitswelt
und Gesellschaft“
• M. Horx, Zukunftsforscher
Der Wandel der Arbeitswelt
Veränderungsraten der Beschäftigung nach Berufsbereichen 1992/1999 in %
Dienstleistungsberufe
Fertigungsberufe
Planungs-, Laborberufe
Naturprodukte gewinnen
-3,3
Bodenschätze,
Mineralien abbauen
-23,0
-0,7
Verwaltungs-, Büroberufe +6,3
Dienstleistungskaufleute
Personenbezogene
Dienstleistungen
+12,7
+28,8
Sachbezogene
Dienstleistungen
+9,2
Infrastrukturaufgaben
+3,7
insgesamt
Quelle: IAB Materialien, 4/2000, S.1
+11,4
Grundstoffe, Produktionsgüter
erzeugen
-24,5
Konsumgüter herstellen
-1,2
Gebäude, Verkehrsanlagen
bauen und warten
+1,7
Maschinen, techn. Anlagen
montieren und warten
-7,4
insgesamt
-6,0
Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des
Privathaushalts und Familienwissenschaft
Justus-Liebig-Universität Gießen
Zukunftsproblem Pflege
Deutschland, soziale u. private Pflegeversicherung
Quelle:
DIW
4,73
Anzahl an
Pflegebedürftigen*
in Millionen
2,94
2,38
1,93
Versorgungsbedarf:
Vollstationär
29,9%
30,2%
70,1%
69,8%
31,0%
69,0%
33,3%
66,7%
Ambulant u. teilstationär
1999
* Leistungsempfänger am Jahresende
2010
2020
2050
Diskussion um moderne
Dienstleistungsberufe:
• es geht nicht nur um Chancen der
neuen Kommunikations- und
Medienberufe
• Ausbau und Professionalisierung von
familienunterstützenden DL-berufen
gleichermaßen wichtig
Wahrnehmungsresistenz
gegenüber der Bedeutung der
generativen Haus- und
Sorgearbeit in nahezu allen
gesellschaftlichen
Lebensbereichen
Unterschätzung der Bedeutung
von Alltagskompetenzen und
alltagsbezogener Bildung in
schulischen Curricula
Stand: Schuljahr 99/00 bzw. 00/01
Wieseck
Unter 20 Prozent
aller Grundschulkinder
24 %
20 bis unter 25 Prozent
aller Grundschulkinder
31 %
Nord
25 bis unter 30 Prozent
aller Grundschulkinder
42 %
West
30 Prozent und mehr
aller Grundschulkinder
24 %
29 %
44 %
Rödgen
23 %
Innenstadt
Ost
40 %
° Es handelt sich um die Kinder,
die die Grundschulen in den jeweiligen
Stadtteilen besuchen.
Süd
21 %
17 %
Kleinlinden
30 %
Allendorf
Schiffenberg
27 %
Lützellinden
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaften, JLU Gießen
Quelle: Kreisgesundheitsamt Gießen
Entwurf & Kartographie: B. Unger, T. Gumm; Institut für Geographie, JLU Gießen
Karte - Stadtteile
Kariesquoten an Gießener Grundschulen
Wieseck
Wieseck
Nicht benachteiligt
Nord
Nord
Rödgen
Rödgen
West
West
Innenstadt
Innenstadt
kumulativ benachteiligt
Ost
Ost
SüdSüd
Kleinlinden
Kleinlinden
Allendorf
Allendorf
Schiffenberg
Schiffenberg
Lützellinden
Lützellinden
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaften, JLU Gießen
Quelle: Schulverwaltungsamt Gießen, eigene Berechnungen
Entwurf & Kartographie: B. Unger, T. Gumm; Institut für Geographie, JLU Gießen
Karte 11 - Bezirke
Karte 2 - Stadtteile
Armutsbericht der Stadt Gießen
Karte 11 - Bezirke
Sozialhilfebezug 2000
EmpfängerInnen von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt *
Wieseck
0 bis unter 60 je 1000 EinwohnerInnen
60 bis unter 100 je 1000 EinwohnerInnen
Nord
100 bis unter 230 je 1000 EinwohnerInnen
Rödgen
West
230 bis 398 je 1000 EinwohnerInnen
Innenstadt
Ost
Gießen Durchschnitt: 121
Süd
Süd
Kleinlinden
Allendorf
Schiffenberg
Lützellinden
* außerhalb von Einrichtungen
Quelle: ADV-Abteilung der Stadt Gießen; Statistikstelle der Stadt Gießen
Entwurf & Kartographie: B. Unger, T. Gumm; Institut für Geographie, JLU Gießen
(c) Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaften, JLU Gießen
Großer kommunalpolitischer
Handlungsbedarf im Bereich der
systematischen Armutsprävention
Eigeninitiative von Haushalten in
armen und prekären Lebenslagen
führt tendenziell zu einem „Rückzug
professioneller Hilfesysteme“
konterkariert den Ansatz „Hilfe zur
Selbsthilfe“ und das Konzept vom
aktivierenden Sozialstaat
Es fehlen passgerechte Hilfen, die
die Ressourcen der
Familienhaushalte aktiv einbinden
konterkariert den Ansatz „Hilfe zur
Selbsthilfe“ und das Konzept vom
aktivierenden Sozialstaat
Ressourcen des
Haushalts
Hilfen zur
Alltagsbewältigung
konterkariert den Ansatz „Hilfe zur
Selbsthilfe“ und das Konzept vom
aktivierenden Sozialstaat
Integrierte Handlungskonzepte für
mehr Bildungsgerechtigkeit
setzen voraus:
eine Kultur der Kooperation statt
Konkurrenz zwischen familien- und
kindbegleitenden Diensten
Integrierte Handlungskonzepte für
mehr Bildungsgerechtigkeit
erfordern:
verbindlich fixierte Regeln der
Kooperation
Integrierte Handlungskonzepte für
mehr Bildungsgerechigkeit
setzen voraus:
Überwindung der Alltags- und
Reproduktionsvergessenheit in den
„härteren“ Teilstrukturen des
Hilfesystems

als PowerPoint-Präsentation (5,5 MB (!))