Möglichkeiten und Grenzen integrativer Forschungsansätze aus humangeographischer Sicht
Peter Weichhart
Institut für Geographie und Regionalforschung
der Universität Wien
55. Deutscher Geographentag Trier,
Sonderveranstaltung
„Möglichkeiten und Grenzen von Forschungen im Schnittfeld von
Physischer Geographie und Humangeographie“
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Sehen als …
Der „H-E-Kopf“
„Wir können … (eine
Illustration) … einmal als
das eine, einmal als das
andere Ding sehen. – Wir
deuten sie also, und sehen
sie, wie wir sie deuten“
(L. WITTGENSTEIN, 1984,
Philosophische Untersuchungen. Werkausgabe
Bd. 1, S. 519).
… oder:
(Quelle: Joseph JASTROW, 1900, Fact and Fable in Psychology. – Boston.
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Der „Aspektbezug“ der Kognition
Wir können die
Graphik entweder
als Hasen- oder
als Entenkopf sehen, niemals aber
gleichzeitig als
beides!
Der H-E-Kopf lässt sich als Metapher für ein Grundproblem „integrativer Projekte“ ansehen:
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Das Verhältnis von Sinn und Materie
Wissenschaftliche Zugänge zur Darstellung und Erklärung
der Realität weisen ebenfalls einen derartigen Aspektbezug
auf. Wir sehen die Welt entweder als rekursive kommunikative (Sinn-)Struktur oder als physisch-materielle Struktur.
Naturalistisch-materialistische
versus
kulturalistisch-konstruktivistische
Deutung der (sozialen) Welt
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Das eigentliche Problem:
In Wahrheit besteht die (soziale) Welt aber gleichzeitig immer aus beidem: Materie und Sinn(zuschreibung) – so wie der H-E-Kopf in Wahrheit
gleichzeitig und gleichermaßen immer beides ist:
die graphische Abstraktion der Form eines Hasenund eines Entenkopfes. Das Problem liegt in der
Struktur unseres Erkenntnisapparates, nicht in
der „Realität“.
Die Problemlösung:
Eine „Kopenhagener Deutung“?
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Komplementarität
Gesucht wäre ein konzeptioneller Ansatz, welcher
der Komplementarität von Sinn und Materie in der
sozialen Welt gerecht wird und geeignet erscheint,
Theorien der Mensch/Gesellschaft-Umwelt-Interaktion zu entwickeln.
Ein Erfolg versprechender Kandidat
für ein derartiges „Framing“
dürfte das handlungstheoretische
Paradigma sein
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Eine zentrale Leistung der
Handlungstheorie:
Der Begriff des „Handelns“ erbringt genau jene
Leistung, die in der klassischen Geographie im
Landschaftsbegriff und im Raumbegriff aufgehoben war: die Verknüpfung von physisch-materiellen
Gegebenheiten, Bewusstseinszuständen und
der sozialen Welt.
Die Handlungstheorie bietet die Möglichkeit, naturalistischmaterialistische (intendierte und nichtintendierte Handlungsfolgen) und kulturalistisch-konstruktivistische (Genese und
diskursive Begründung von Intentionalität) Deutungen der
Welt im Kontext eines kohärenten Denkmodells zu verbinden.
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Entwicklungserfordernisse
Um die Handlungstheorie als Basiskonzeption einer geographischen Mensch-Umwelt-Forschung aber tatsächlich
nutzbar machen zu können, wäre noch einiges an
Entwicklungsarbeit erforderlich:
• Agency von sozialen Aggregaten und Organisationen
• (nichtdeterministische) Rückwirkungen (Agency?)
physisch-materieller Strukturen auf Subjekte und
soziale Gegebenheiten
• handlungstheoretische Interpretation von Diskursen
(„ökologische Doktrin“ als Teilelement „ökologischer
Regimes“ (W. ZIERHOFER))
• handlungstheoretische Interpretation von Konzepten
wie Vulnerabilität, Risiko oder Resiliance
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Das Beispiel der „sozialökologischen
Interaktionsmodelle“
GESELLSCHAFT
„Natur“,
Ökosysteme
Kolonisierung:
Artefakte, Settings
MetaboAneignung,
lismus
Arbeit
Population
Physisch-materielle Welt
?
?
„Kultur“, Sinnkonstitution,
rekursive
symbolische
Kommunikation
Ökologische
Doktrin
„Hybride Systeme“
Nach M. FISCHER-KOWALSKI u. H. WEISZ, 1999; verändert
„Gesellschaft“
im Verständnis
der Soziologie
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Der aktuelle Stand des fachpolitischen
und theoretischen Diskurses
• Einheitsrhetorik und Mythos
Zwar ist viel von der Einheit des Faches und der Bedeutung integrativer Projekte die Rede, in der Forschungspraxis existiert die Einheit aber nicht (zwei
Fächer) und wirklich integrative Projekte sind äußerst
selten.
• Halbherzigkeit
Wenn die fachpolitische und inhaltliche Bedeutung des
Problems tatsächlich so groß ist, wie in Festreden und
programmatischen Texten unterstellt wird, warum werden
keine wirklich ernsthaften Anstrengungen unternommen,
es zu lösen?
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Der aktuelle Stand des fachpolitischen
und theoretischen Diskurses
• Zurück in die Zukunft
Viele Ansätze und Überlegungen zur Einheit und zu integrativen Projekten beziehen sich explizit oder implizit auf
die klassische Geographie (Landschaftskunde, Länderkunde). Das sei jedermann unbenommen, kann aber
eher nicht als besonders innovativ angesehen werden.
• Hintergrundtheorie
Integrative Forschungsansätze lassen sich nur verwirklichen, wenn sie theoretisch begründet sind. Die Notwendigkeit derartiger Hintergrundtheorien wird häufig nicht
eingesehen. (Area 2004.)
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Lösungsansätze und
Therapievorschläge
• Null-Lösung
Man könnte das Faktum, dass die beiden Geographien
praktisch kaum mehr etwas miteinander zu tun haben, zur
Kenntnis nehmen und einfach zur Tagesordnung übergehen (N. THRIFT).
• weg von der Halbherzigkeit
Wenn wir eine Problemlösung ernsthaft anstreben,
müssten wir Nägel mit Köpfen machen (Institutionalisierung, gut dotierte Förderprogramme, SFB, Dissertantenkollegs, langfristige Projekte, Arbeitsgruppen, …).
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Lösungsansätze und
Therapievorschläge
• „slow science“ statt „Exzellenz-Stalinismus“
Unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen einer
drittmittelorientierten kompetitiven Forschung haben Projekte mit einer starken Betonung theoretisch-konzeptioneller Aspekte keine guten Karten.
• Ein Blick über den Tellerrand
Es erscheint lohnend, den Blick über den Tellerrand zu
wagen und zu prüfen, wie man Probleme integrativer
Projekte in anderen Disziplinen zu lösen versucht.
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Ein Blick über den Tellerrand
• Umweltsoziologie
• Umweltpsychologie
• Techniksoziologie
• Science Studies
Es ist viel zu tun – packen wir es an.
Aber ordentlich, und mit Kraft!
Quelle: Raum 37/00, S. 23
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Möglichkeiten und Grenzen integrativer For