Pädagogischer Mix
„ADHS Kinder und alle Kinder, die uns Sorgen machen.“
VERDACHT AUF GEWALT AM KIND!
WAS TUN?
DSA Britta Aicher
Sonja Farkas
Kinderschutzzentrum WIGWAM
© DSA Britta Aicher/Sonja Farkas
Pädagogischer Mix/10. Nov. 2007
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VERDACHT AUF GEWALT AM KIND! WAS TUN?
1. WAS ES BEDEUTET ALS PÄDAGOGIN/PÄDAGOGE BEI GEWALT AM KIND HINZUSCHAUEN
2. KINDER UND JUGENDLICHE SETZEN ZEICHEN
3. HALTUNG UND KONKRETE HANDLUNGSSCHRITTE
4. VERNETZTE INTERVENTION
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1. WAS ES BEDEUTET ALS PÄDAGOGIN/PÄDAGOGE BEI
GEWALT AM KIND HINZUSCHAUEN
•
LehrerInnen haben auch bei größter emotionaler Nähe zu einem betroffenen Mädchen oder
Buben immer auch noch andere Kinder in der Klasse und einen privaten Lebensraum, in
dem sie dem betroffenen Kind nicht begegnen.
Diese Distanz ist die beste Voraussetzung dafür, bei Gewalt ins Vertrauen
gezogen zu werden oder Auffälligkeiten zu bemerken.
•
Glauben schenken, das Kind ernst nehmen, einen gewaltfreien Raum bieten, Tabus als
solche enttarnen, die Wahrnehmung stärken – klingt so wenig im Vergleich zu: Missbrauch
beenden, Täter hinter Gitter bringen, Verhältnisse sprengen, Gesellschaft verändern.
Unsere Erfahrung ist, dass es gerade diese scheinbar kleinen Schritte sind,
die real möglich und notwendig sind und für ein betroffenes Kind
riesengroße Schritte bedeuten.
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1. WAS ES BEDEUTET ALS PÄDAGOGIN/PÄDAGOGE BEI
GEWALT AM KIND HINZUSCHAUEN
•
Warum ist es so schwierig hinzuschauen, zu sehen, Verbündete zu finden und
Konsequenzen zu ziehen?
Konfrontation mit nicht für möglich gehaltenen Widerständen und Angriffen
aus Bekanntenkreis, Arbeitsumgebung, übergeordneten Stellen und der öffentlichen
Hand.
Der Grund dafür ist Angst. Angst, dass kein Stein auf dem anderen bleibt.
Die Konfrontation mit Gewalt, besonders mit sexueller Ausbeutung, und den
„Filmen“ im Kopf, die ausgelöst werden, sind nur schwer zu stoppen.
Häufig sind das vorübergehende Begleiterscheinungen, die nachlassen,
wenn aktiv Schritte gegen die vermutete Gewalt unternommen werden.
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1. WAS ES BEDEUTET ALS PÄDAGOGIN/PÄDAGOGE BEI
GEWALT AM KIND HINZUSCHAUEN
„WENN EINE PÄDAGOGIN ODER EIN PÄDAGOGE DEN WEG IN
EINE BERATUNGSSTELLE GEFUNDEN HAT, IST FÜR DAS VON
GEWALT BETROFFENE KIND DIE HÄLFTE DES MÖGLICHEN
WEGES BEREITS GESCHAFFT.“
Ursula Enders von Zartbitter Köln
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2. KINDER UND JUGENDLICHE SETZEN ZEICHEN
•
Viele betroffene Kinder senden Signale aus, um Menschen in ihrem Umfeld aufmerksam zu
machen und somit Hilfe zu bekommen:
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Sie verhalten sich plötzlich anders
Haben starke Stimmungsschwankungen
Versuchen bestimmte Situationen oder Aktivitäten zu vermeiden, die Erinnerungen an
die Gewalterfahrung hervorrufen
Ihr Verhalten ist nicht altersadäquat, sie zeigen plötzlich regressives oder stark
sexualisiertes, distanzloses Verhalten
Spielen die Gewaltsituation nach
Drücken das Erlebte in ihren Zeichnungen aus
Leiden unter psychosomatischen Beschwerden und Ängsten
Entwickeln autoaggressive Verhaltensweisen wie Selbstverletzungen, Essstörungen,
Drogenkonsum
Körperliche Symptome wie Verletzungen
Es gibt eine Vielzahl an möglichen Hinweisen auf Gewalt. Eine Auffälligkeit
alleine kann Gewalt selten „beweisen“. Zudem ist die Beweisführung in
keinem Fall Aufgabe der Schule, sondern die des Gerichts.
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2. KINDER UND JUGENDLICHE SETZEN ZEICHEN
•
Als PädagogIn findet man häufig für das „auffällige“ Verhalten von betroffenen Kindern
keinen erklärbaren Grund. Was bleibt ist ein „komisches Gefühl“, das Sie nicht einordnen
können und das Sie nicht mehr loslässt und Gefühlsverwirrungen auslöst.
Eines der wichtigsten „Erkennungsmerkmale“ für Gewalt bleibt im
Umgang mit Kindern demnach das eigene Gefühl.
Es ist wichtig, dem eigenen Gefühl zu trauen, auf Erzählungen der Kinder
zu hören, offen zu sein, um die Möglichkeit der Gewalt in Erwägung
ziehen zu können und die Mittelungsversuche der Kinder als mögliche
Hinweise auf Missbrauch und Misshandlung wahrzunehmen.
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3. HALTUNG UND KONKRETE HANDLUNGSSCHRITTE
•
Ruhe bewahren
•
Suchen Sie sich Verbündete – Personen, die Ihnen glauben und Sie ernst nehmen,
vielleicht sogar den Verdacht teilen. Erkundigen Sie sich, wann und wem Sie meldepflichtig
sind.  § 37 Abs.1 Jugendwohlfahrtsgesetz
Ständig aktualisierte rechtliche Fragen finden Sie unter www.schulpsychologie.at
•
Holen Sie sich professionelle Hilfe im Kinderschutzzentrum Wigwam – Es wird
Ihnen geholfen, zu mehr Klarheit zu gelangen, die eigenen Möglichkeiten kennenzulernen
und die eigene, dem Beruf zugeordnete Rolle wieder zu finden.
•
Bleiben Sie bei dem Kind – Sehr schnell wird bei Gesprächen über anderes wie z.B. den
Täter oder die Meldung beim Jugendamt etc. gesprochen und das Kind gerät aus dem
Blickfeld.
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3. HALTUNG UND KONKRETE HANDLUNGSSCHRITTE
•
Vertrauen aufbauen – Bestätigen Sie dem Kind seine Wahrnehmung. Versuchen Sie
möglichst behutsam mit dem Erzählten oder Gezeigtem umzugehen, aber machen Sie keine
vorschnellen Versprechungen (z.B. absolute Geheimhaltung), die können häufig nicht
gehalten werden und es kann zu einem Vertrauensbruch kommen.
•
Loben Sie das Kind – für seinen Mut und geben Sie die Information, dass es vielen
Kindern ähnlich geht. Die Verantwortung für Grenzverletzungen jeder Art liegt ausschließlich
beim Täter.
•
Konfrontieren Sie nicht vorschnell die Eltern - wenn ein möglicher Täter im engeren
Umfeld des Kindes zu vermuten ist.
•
Besprechen Sie alle Schritte mit dem Kind – Erklären Sie, dass Sie Hilfe beiziehen
müssen, weil Sie alleine nicht so gut helfen können.
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3. HALTUNG UND KONKRETE HANDLUNGSSCHRITTE
•
Verfassen Sie Gedächtnisprotokolle - über Aussagen und Verhaltensweisen des Kindes
und dessen Umfeld.
•
Normalität – Alltag leben. Sehen Sie nicht nur das „arme Opfer“ im Kind. Der Schulalltag
ist möglicherweise der einzige Halt für das Kind. „Normalität“ und Strukturen geben Halt
und Sicherheit.
•
Vieles besprechbar machen – Reden Sie auch über schwierige Themen. So wird es auch
dem Kind möglich werden, über seine Erlebnisse zu erzählen.
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4. VERNETZTE INTERVENTION
NIEMAND KANN GEWALT, BESONDERS SEXUELLEN
MISSBRAUCH AN KINDERN UND JUGENDLICHEN ALLEINE
BEENDEN. DAZU BRAUCHT ES UNBEDINGT VERNETZTES
ARBEITEN.
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4. VERNETZTE INTERVENTION
•
Bevor Sie sich an behördliche Stellen wenden, sollten Sie das betroffene Kind, die/den
Jugendliche/n darüber informieren.
•
Dokumentationen dessen, worauf sich der Verdacht stützt, sind hilfreich.
•
Klarheit über die eigene Rolle macht den Schritt nach „draußen“ leichter.
•
Eine wichtige Rolle bei der Beendigung von interfamiliärer Gewalt nimmt
Jugendwohlfahrt ein. Eine gut vorbereitete Meldung erleichtert weitere Interventionen.
•
Von einer Anzeige bei der Polizei durch die Schule raten wir ab.
die
Je früher Personen, die einen vagen Verdacht haben, sich Hilfe holen,
desto besser kann einem Kind geholfen werden.
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4. VERNETZTE INTERVENTION
•
Meldung bei der Jugendwohlfahrt - Die Gefährdungsmeldung kann persönlich,
telefonisch, postalisch oder per Mail bei dem zuständigen Jugendamt erstattet werden.
Ein Formular dazu kann auf Anfrage bei der Jugendwohlfahrt bezogen werden.
•
HelferInnenkonferenz - Häufig ist es hilfreich, eine HelferInnenkonferenz einzuberufen,
um weitere Vorgehensweisen des professionellen HelferInnensystems zu besprechen. Diese
Konferenz kann von der Schule, der Jugendwohlfahrt oder dem Kinderschutzzentrum
Wigwam einberufen werden.
•
Prozessbegleitung - Sollte es zu einer Anzeige kommen, bietet das Kinderschutzzentrum
Wigwam juristische und psychosoziale Prozessbegleitung kostenlos an.
•
Psychotherapie - Erst wenn die Aufdeckung abgeschlossen und das betroffene Kind in
Sicherheit ist, wird Psychotherapie im Kinderschutzzentrum Wigwam angeboten.
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4. VERNETZTE INTERVENTION
•
Wie immer Interventionen ausgehen, was immer in weiterer Folge passiert, meistens
bleiben die Kinder in der Schule.
Dort eine Vertrauensperson zu haben, die Glauben schenkt, zuhört und
respektvoll mit Informationen umgeht, für einen da ist , ohne nur ein
bemitleidenswertes Opfer zu sehen, sondern die Stärken und Schwächen
wahrnimmt und Mut macht – so eine Person zu haben, ist für Betroffene
von unschätzbarem Wert.
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BUNDESGESETZBLATT
FÜR DIE REPUBLIK ÖSTERREICH
§ 37 Abs.1 Jugendwohlfahrtsgesetz
Jahrgang 2007
Ausgegeben am 9. Juli 2007
41. Bundesgesetz:
Jugendwohlfahrtsgesetz-Novelle 2007
Teil
Der Nationalrat hat beschlossen:
Das Jugendwohlfahrtsgesetz 1989, BGBl. Nr. 161, zuletzt geändert durch das Bundesgesetz
BGBl. I Nr. 112/2003 und die Bundesministeriengesetz-Novelle 2007, BGBl. I Nr. 6, wird wie
folgt geändert:
1. § 37 Abs. 1 lautet:
„(1) Behörden, Organe der öffentlichen Aufsicht sowie Einrichtungen zur
Betreuung oder zum Unterricht von Minderjährigen haben dem
Jugendwohlfahrtsträger über alle bekannt gewordenen Tatsachen Meldung zu
erstatten, die zur Vermeidung oder zur Abwehr einer konkreten Gefährdung
eines bestimmten Kindes erforderlich sind.“
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Verdacht auf Gewalt am Kind