Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V.
Herbsttreffen 2015 des Arbeitskreises Geo-, Montan-, Umwelt-,
Weltraum- und Astrowissenschaften (GeoMUWA) am 13.11.2015 in
Berlin (Rathaus Tiergarten)
Heinz Kautzleben (MLS), Berlin:
Initiativvortrag zum Projekt „Hans Stille (1876-1966) – deutscher Geologe mit
Weltruf, Funktionsträger der Akademie der Wissenschaften in Berlin in
schwierigen Zeiten“
Abstract:
Der Anlass für das Projekt, in dessen Rahmen sich der Arbeitskreis GeoMUWA und seine
Mitstreiter in diesem und dem nächsten Jahr mit Leben, Werk und Wirkung von
Akademiemitglied Hans Stille befassen werden, sind, wie schon im Titel angedeutet, zwei
ganz verschiedene bedeutende Jubiläen: zum einen – in der politischen Geschichte – das
Ende des 2. Weltkrieges vor 70 Jahren, das zu tiefgreifenden Umbrüchen auch in der
Akademie der Wissenschaften in Berlin geführt hat, und zum andern – in der
Wissenschaftsgeschichte
–
die
Formulierung
der
„Neuen
Globaltektonik“
(oder
„Plattentektonik“) in den 1960er Jahren, die vielfach mit der durch Alfred Wegener 1913
veröffentlichten Hypothese über die Wanderung der Kontinente verbunden wird. Seinen
wissenschaftlichen Weltruf hat der Niedersachse Hans Stille mit seinen Leistungen auf dem
Gebiet der Tektonik und Geotektonik errungen. Er wurde lange (nicht zutreffend) als
Kontrahent zur Hypothese über die Kontinentaldrift bezeichnet. Nachdem Hans Stille bereits
ab 1914 führendes Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen gewesen war,
wurde er 1933 in Berlin zum Ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der
Wissenschaften gewählt, 1936 der Sekretar ihrer Physikalisch-mathematischen Klasse und
kandidierte er 1940 (gegen Theodor Vahlen) für die Wahl zum Präsidenten. Nach der
Schließung der Preußischen Akademie der Wissenschaften durch die Siegermächte im Juni
1945 kämpfte er an der Seite von Johannes Stroux für deren Weiterführung als „Deutsche
Akademie der Wissenschaften zu Berlin“ (DAW) und die Zuordnung von zumeist herrenlos
gewordenen Forschungseinrichtungen, was 1946 in der sowjetisch besetzten Zone auf
1
Befehl der dortigen Militärregierung erfolgen konnte. Von 1946 bis zu seiner Emeritierung
1950 war Hans Stille Vizepräsident der DAW.
Rainer Kind (MLS), Potsdam:
Neue seismische Daten zur Struktur und Entstehung der kontinentalen
Lithosphärenplatten
Einleitung
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gab es zwei konkurrierende Haupthypothesen zur globale
Tektonik, die mit Fixismus (Stille 1918) und Mobilismus (Wegener 1912) bezeichnet wurden.
Der Fixismus ging von einer Schrumpfung des Erdkörpers aus als Ursache für
Vertikalbewegungen (Gebirgsbildung) und lehnte horizontale Bewegungen ab. Wegener
dagegen erkannte die Drift der Kontinente, meinte aber dass zur Bestimmung der
Antriebskräfte mehr Beobachtungsdaten nötig seien. Der erste Vertreter großer
Lateralbewegungen war allerdings schon Eduard Suess (Suess 1875), der in der Alpen die
großen Deckenüberschiebungen erkannte (siehe Abbildung 1), obwohl er ein Vertreter der
Kontraktionstheorie war und deren Schwächen kannte.
Abbildung 1: Deckenüberschiebungen nach Suess (Sengör 1982).
Beide Hypothesen, Fixismus und Mobilismus, stützten sich bis in die zweite Hälfte des 20.
Jahrhunderts nur auf sehr unvollkommene Beobachtungsdaten. Mit der Verfügbarkeit
großer Mengen geophysikalischer Daten ab der Mitte des letzten Jahrhunderts wurde der
Mobilismus in Form der globalen Plattentektonik generell akzeptiert.
Trotz der großen Fortschritte in den letzten Jahrzehnten sind wesentlich Fragen der
globalen Tektonik noch ungeklärt, z. B. wie entstehen Kontinente. Mit Hilfe der seismischen
2
Tomographie, die Temperaturunterschiede im Erdinneren feststellen kann, wurde
festgestellt, dass die relativ kalten kontinentalen Lithosphärenplatten bis zu 200 km mächtig
sind. Das Auflösungsvermögen dieser Methode ist aber relativ beschränkt bei der Feststellung
von Strukturen innerhalb der Lithosphärenplatten, aus denen eventuell auf ihre Entstehung
geschlossen werden kann. Eine noch relativ neue seismische Methode, die sogenannte S
Receiver Function Methode (Kind et al. 2012), kann neue Erkenntnisse liefern. Mit dieser
Methode gelingt es, seismische Diskontinuitäten im Erdmantel bis zu ca. 400 km Tiefe mit
bisher unerreichter Genauigkeit abzubilden. Voraussetzung dafür sind aber das
Vorhandensein einer ausreichenden Anzahl seismischer Stationen. Weltweit existieren
zahlreiche permanente seismische Netze, deren Daten auch zu einem großen Teil in
Datenarchiven öffentlich zugänglich sind. In tektonisch besonders interessanten Regionen
werden temporäre Stationsnetze eingesetzt, um genauere Abbildungen zu erhalten. Mit Hilfe
großer Mengen bereits existierende Daten und der neuen Analysemethoden wurde bereits
eine Reihe überraschender neuer Ergebnisse erzielt.
Die S Receiver Function Methode
Diese Methode benutzt Scherwellenaufzeichnungen weit entfernter Erdbeben, die an
seismischen Diskontinuitäten unterhalb der Messtationen gestreut werden. Die wichtigsten
diese gestreuten Wellen sind Konversionen von Scherwellen zu Kompressionswellen. Diese
erreichen die seismischen Stationen als schwache Vorläufer der Hauptsignale. Mit
geeigneten Methoden müssen die schwachen Signale vieler Erdbeben summiert werden, um
sie aus dem Rauschpegel herauszuheben. Damit gelingt es überraschend gut, seismische
Diskontinuitäten im oberen Erdmantel zu identifizieren und zu kartieren. Neben den schon
bekannten Diskontinuitäten wie der Kruste-Mantel Grenze (Moho), der Lehmann
Diskontinuität (Untergrenze der Asthenosphäre) und der Diskontinuität in 410 km Tiefen
wurde die bisher kaum direkt beobachtete Lithosphären-Asthenosphären Grenze klar
beobachtet und zwei bisher unbekannte Diskontinuitäten wurden identifiziert. Das ist die
sogenannte Mid Lithospheric Discontinuity, die unter Kratonen in ca. 100 km Tiefe
beobachtet wird und eine Zone erniedrigter Geschwindigkeit direkt oberhalb der 410 km
Diskontinuität. Für beide Diskontinuitäten gibt es bisher keine allgemein anerkannte
petrologische Interpretation.
Die Lithosphäre unter Nordamerika
3
In den USA gibt es besonders viele moderne seismische Breitbandstationen, deren Daten
öffentlich verfügbar sind. Innerhalb des USArray Projektes wurden diese Stationen im
Abstand von 70 km aufgestellt, registrierten für zwei Jahre und wurde dann zu einem neuen
Ort bewegt. Mit diesem wandernden Stationsnetz wurden die gesamten USA abgedeckt. Eine
Analyse der S Receiver Function Daten des USArray Projektes ergab, dass sich die ozeanische
Farallon Platte, die vor ca. 70 Millionen Jahren mit dem Milliarden Jahre alten amerikanischen
Kraton zusammenstieß, unter einem sehr flachen Winkel bis zu 200 km weit unter den Kraton
schob (Kind et al. 2015). Diese Kollision verlief teilweise sehr kompliziert und führte
vermutlich auch zu einer Absenkung von Teilen der kratonischen Lithosphäre (siehe
Abbildung 2). Diese Interpretation ist umstritten, da man bisher aufgrund tomographischer
Abbildungen von einem sehr steilen Abtauchen der Farallon Platte ausging. Hinweise auf
konservierte Subduktion aus der Zeit der Entstehung des amerikanischen Kratons wurden
ebenfalls aus anderen Receiver Function Daten und seismischen Reflexionsdaten erhalten
(Bostock 1998). Gegenwärtig ablaufende kontinentale Subduktion wird unter Tibet
beobachtet (Zhao et al. 2011). In Skandinavien wurden Hinweise auf eine geschichtete
Lithosphäre gefunden, die möglicherweise ebenfalls auf Kollision und Subduktion deuten
könnten (Kind et al. 2013).
Abbildung 2: Vereinfachtes Modell der nordamerikanischen Lithosphäre abgeleitet aus neuen
S Receiver Function Daten des USArray Projektes. Dargestellt ist im Westen die LithosphärenAsthenosphären Grenze der Farallon Platte, die sich bis fast zu den Großen Seen unter der
amerikanischen Kraton schiebt. Sie taucht im Norden sehr flach ab und ist im Süden relativ
4
horizontal. Im Osten ist unter dem Kraton die Mid Lithospheric Discontinuity dargestellt, die
sich im zentralen Bereich nach Westen absenkt.
Schlussfolgerungen
Schon seit Jahrzehnten gab es Hinweise aus der Reflexionsseismik, dass Überbleibsel
präkambrischer kontinentaler Subduktion sich in Kratonen erhalten haben. Aufgrund neuer
seismischer Methoden haben sich diese Hinweise vervielfacht und durch Hinweise auf
gegenwärtig ablaufende kontinentale Subduktion ergänzt. Das ist ein starker Hinweis, dass
Plattentektonik seit Milliarden Jahren aktiv ist und dass die resultierende Subduktion eine
entscheidende Rolle bei der Entstehung der Kontinente gespielt hat
Literatur:
Bostock, M. G.: Mantle stratigraphy and evolution of the Slave province, J. Geophys. Res.,
103(B9), 21,183–21,200,1998.
Kind, R., X. Yuan, and P. Kumar: Seismic receiver functions and the lithosphereasthenosphere boundary, Tectonophysics, 536–537, 25–43, 2012.
Kind R, F. Sodoudi, X. Yuan, et al.: Scandinavia – A former Tibet? Geochemistry, Geophysics,
Geosystems 14, 10, 4479-4487, 2013.
Kind, R., X. Yuan, J. Mechie and F. Sodoudi: Structure of the upper mantle in the northwestern and central United States from USArray S-receiver functions. Solid Earth, 6, 957–
970, 2015.
Sengör, Celal A. M.: Eduard Suess' relations to the pre-1950 schools of thought in global
tectonics. Geologische Rundschau 71, 2, 381-420, 1982.
Stille H.: Über Hauptformen der Orogenese und ihre Verknüpfung. Nachr. k. Ges. Wiss.
Göttingen, Math.-Phys. Kl., 362-393, 1918.
Suess, E.: Die Entstehung der Alpen. W. Braunmüller, Wien, 168pp., 1875.
Wegener, A.L.: Die Entstehung der Kontinente. Petermanns Geogr. Mittlg., Aprilheft 185195,
Maiheft 253-256, Juniheft 305-309, 1912.
Zhao, W., P. Kumar, J. Mechie, R. Kind, R. Meissner, Z. Wu, D. Shi, H. Su, G. Xue, M. Karplus
and F. Tilmann: Tibetan plate overriding the Asian plate in central and northern Tibet, Nat.
Geosci., 4, 870–873, 2011.
Axel Müller (MLS), Oslo:
Hans Stille (1876-1966) über den Zusammenhang zwischen globaler Tektonik
und Magmatismus
Abstract
Hans Stille (1876-1966) war ein Wegbereiter der Erkennung, Analyse und Korrelation von
globalen tektonischen Ereignissen - den gebirgsbildenden (orogenen) Phasen. Stille‘s
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Arbeitsmethode war der regionale und globale Vergleich basierend auf detaillierten
Feldbeobachtungen. Seine Ideen, Methoden und Modelle nahmen ihren Ausgangspunkt in
der vom Ihm erkannten und stratigraphisch (zeitlich) eingeordneten Saxonischen
Bruchtektonik im Deckgebirge des Teutoburger Waldes. Von seinem Dissertationsgebiet
ausgehend erweiterte Stille systematisch seine tektonischen Korrelationen sowohl räumlich,
d.h. weltumspannend, als auch zeitlich, was 1924 in seinem berühmten Werk „Grundfragen
der vergleichenden Tektonik“ resultierte. Bereits 1922 erkannte Stille, dass orogene Phasen
von zyklischen magmatischen Ereignissen mit spezifischem Chemismus begleitet sind. 1938
hielt er in Berlin über dieses Thema den Vortrag „Die Großfelder der Erdkruste und ihr
Magmatismus“, der 1940 in der wichtigen Publikation „Zur Frage der Herkunft der Magmen“
resultierte.
1950 erschien eine weitere bedeutende Arbeit zu diesem Thema „Der
‚subsequente‘ Magmatismus“. Im Rahmen des Projektes „Beziehung der Leibniz-Sozietät zu
Hans Stille“ sollen Stille‘s Modellansätze und Ideen über globale Tektonik und assoziierten
Magmatismus diskutiert und analysiert werden u.a. unter dem Aspekt, dass die Arbeiten
während seiner Berliner Schaffensperiode als Akademiemitglied bzw. deren Vizepräsident
entstanden.
Hennes Obermeyer, Karlsruhe:
Paradigmenentwicklung in politischen Spannungsfeldern 1920-1970
Abstract
Hans Stille (1876-1966) sammelte, aufbauend auf seinen Kartierungserfahrungen als
Bezirksgeologe der PGLA, in weltweitem wissenschaftlichen Austausch Daten über Faltungen
und Diskordanzen und versuchte sie mit den Faltungen und Diskordanzen hauptsächlich der
mitteleuropäischen Varisziden zu parallelisieren. Sein Ziel war der Entwurf einer globalen
Tektonik.
Ausgehend von den Ideen des 19. Jahrhundert wird unter Stille der schrumpfende Planet
Erde zu einer Ansammlung von Hochkratonen und Tiefkratonen die durch verschiedene
Typen von Geosynklinale voneinander getrennt sind. Paroxysmal wird der Inhalt der
Geosnklinalen, in Falten gelegt, als Decken überschoben und von Magmatiten intrudiert,
regurgitiert.
6
Zur Zeit Stilles (1876-1966) war von der Erdoberfläche gerade mal 30% hinreichend gut
bekannt. Die restlichen 70%, namentlich die Ozeanböden harrten ihrer Erforschung. Heute
ist bekannt, dass die Kenntnis über Funktion der ozeanischen Kruste wesentlich für das
Verstehen der planetarischen Entwicklung ist. Deshalb erscheint auch das Scheitern Stilles
(und auch Wegeners) aus heutiger Sicht unausweichlich.
In der wissenschaftsgeschichtlichen Betrachtung stellt sich damit die Frage, welche
"allochtonen" und welche "autochtonen" Faktoren die Entwicklung der Paradigmen
gefördert oder behindert haben.
Zu den autochtonen Faktoren gehört neben dem fehlenden Schulterschluss mit
benachbarten Disziplinen wie Geophysik, Geodäsie und Meeresforschung vor allem die
methodische Ödnis, zu glauben, man könnte alleine mit Verstand und Hammer (mente et
malleo) ein globales 4D-Puzzle lösen. Der Vergleich von geowissenschaftlichen
Veröffentlichungen der Jahre 1900-1930 zeigt eine massive Dominanz von stratigraphischpaläontologischen Publikationen von etwa 85%. Dieser hohe Wert nimmt ab den 1950er
Jahren kontinuierlich ab und beträgt heute noch etwa 10%. In gleich hohem Maße war die
fehlende Bereitschaft zur Quantifizierung und zur Verifikation dafür verantwortlich, dass
Irrwege nicht früh genug als solche erkannt wurden. Experimente und mathematisch
hinterlegte Modelle waren vor 1930 nicht en vogue.
Wesentlich für retardierte Entwicklung der deutschen Geowissenschaften sind jedoch
externe Faktoren. Wirtschaftlicher Stress in Kriegsjahren und wirtschaftlichen Notzeiten
behinderte die Forschungen zur Hälfte der Zeit. Mangelnde politische Unterstützung zu Zeit
der Weimarer Republik wurde durch die Wissenschaftsfeindlichkeit des Faschismus abgelöst.
Die unrühmliche Rolle der DFG ist dafür bezeichnend.
Von dem allgemeinen Drain-Off der Wissenschaftler 1933-1939 sind die Geowissenschaften
nur scheinbar nicht betroffen, da Geologen der Emigrantenstatistik durch Arbeit bei
ausländischen Rohstoff-Unternehmen entgehen konnten. Tatsächlich finden sich bei
genauerem Hinsehen Emigranten aufgrund religiöser Diskriminierung (W. Salomin-Calvi, M.
Pfannenstiel), politischer Diskriminierung (H. Becker) und einfachem Mobbing (R.
Brinkmann).
Im Nachgang bleibt zu fragen, welche Faktoren der Plattentektonik zum Durchbruch
verholfen haben. Es wäre zu leicht, würde man nur den Tod der Protagonisten der
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Geosynklinaltheorie dafür verantwortlich machen. Der intensive Einstieg des amerikanischen
Imperiums in die Meeresforschung ab 1940 hat den Grundstock gelegt. Staaten ohne
maritimen Machtanspruch hatten dem naturgemäß nichts entgegenzusetzen. Hinzu kamen
die Möglichkeiten der externen Beobachtung durch Erderkundungssatelliten ab den 1960er
Jahren, die neuen Möglichkeiten der Geophysik, der absoluten Altersdatierung, der
Hochdruck- und Hochtemperaturpetrologie und letztlich die Möglichkeit anspruchsvolle
mathematische Modelle zu rechnen. Wir beobachten den Wandel vom Dr. phil zum Dr. rer
nat.
Peter Knoll (MLS), Potsdam
Gebirgsmechanisch-seismologische Fragen im Zusammenhang mit der
Fracking-Technologie
Abstract
Die starke Zunahme der flüssigkeitsinduzierten Seismizität in jenen Regionen der USA, in
denen
auch
die
Fracking-Technologie
zur
Kohlenwasserstoffgewinnung
aus
unkonventionellen Lagerstätten in den letzten Jahren stark zugenommen hat, war für das US
Geological Survey Veranlassung, in einer 2015 veröffentlichten Studie, die Auswirkungen
verschiedener technischer Maßnahmen auf die Seismizität einer Region näher zu
untersuchen. Es bestand das Ziel, die aus der Induzierten Seismizität resultierende
zusätzliche seismische Gefährdung einzuschätzen und für bestimmte Regionen möglichst zu
prognostizieren. In Deutschland herrscht die Meinung vor, dass die durch Fracking induzierte
Seismizität kaum die „Fühlbarkeitsschwelle“ an der Erdoberfläche erreicht. In den USA
werden aber in bestimmten Gebieten, in denen die natürliche Seismizität - wie auch in
Deutschland - niedrig ist, flüssigkeitsinduzierte seismische Ereignisse (wahrscheinlich
überwiegend durch Fracking verursacht) beobachtet mit Magnituden M > 3 (bis max. M ≈ 5).
Diese Ereignisse besitzen lokal sehr wohl ein Schadenspotential für die Erdoberfläche (s. im
Text: Bild 1a).
Die Schwierigkeit bei der Systematisierung dieser induzierten seismischen Ereignisse und bei
Erarbeitung geeigneter Modelle für ihre Analyse besteht darin, dass die Prozesse nicht allein
von den natürlichen Bedingungen an einem Standort bestimmt werden, sondern dass
technische, wirtschaftliche und politische Einflüsse (Petersen et al., 2015) Entstehung und
8
Verlauf
wesentlich
bestimmen.
Letztere
Faktoren
sind
allerdings
einer
naturwissenschaftlichen Bewertung nicht zugänglich und lassen sich nicht in seismologische
Modellbildungen einbeziehen. Die Folge davon ist, dass die für natürliche Beben bewährten
Verfahren der wahrscheinlichkeitstheoretischen Analyse und Modellbildung allein nicht
zielführend sind.
Im Beitrag wird ein Weg der besseren Beschreibung und Prognose darin gesehen, die
induzierte Seismizität nicht als seismischen Vorgang allein zu betrachten, sondern sie als
gebirgsmechanischen Bruchvorgag in den obersten Bereichen der Erdkruste zu sehen, der
primär von den natürlichen Bedingungen (tektonischer Spannungszustand, tektonische
Struktur sowie Festigkeits- und Verformungseigenschaften der anstehenden Gesteine und
des Gebirgsverbandes) bestimmt wird und bei dem weiterhin technische Faktoren
auslösende und den Ablauf bestimmende Einflüsse ausüben. Die eigentlichen Ursachen, der
Verlauf und die Modellbildung werden dabei in erster Linie von den natürlichen im
Wechselspiel mit den technisch-technologischen Faktoren (z.B. Drücke und Mengen der
injizierten
Frackflüssigkeiten)
bestimmt.
So
ist
auch
die
freigesetzte
Energie
technologieinduziert, aber in ihrer Quantität tektonisch bestimmt. Der von McGarr, 2014
gefundene Zusammenhang allein zwischen freigesetzter Energie (maximale Magnitude bzw.
maximales seismisches Moment der Ereignisse) und dem Volumen der verpressten Fluide ist
somit schwer verständlich und physikalisch nicht eindeutig erklärbar.
Das kombiniert gebirgsmechanisch-seismologische Herangehen erfordert jedoch die
interdisziplinäre Analyse der Prozesse und natürlich auch die Verfügbarkeit der technischen
Parameter der Fracking-Prozesse selbst. Letztere ist leider aus wirtschaftlichen und
politischen Gründen oft nicht im erforderlichen Maße gegeben.
Abschließend wird darauf hingewiesen, dass es hilfreich sein könnte, den Bruchvorgang im
Herd der Ereignisse als 2-komponentigen Vorgang zu betrachten, einmal ohne und einmal
mit Einbeziehung präexistenter geologischer Störungen in den Bruchablauf. Das führt auf
einen komplexen Herdvorgang. Die genannten komplexen gebirgsmechanischen Vorgänge
unter Mitwirkung einer bestimmten Art tektonischer Störungen (der „potentiellen“
geomechanischen Schwächeflächen nach Knoll, 1978) können auch Konsequenzen für den
Aufstieg der Fracking-Flüssigkeit und somit auch der Chemikalien, die der Flüssigkeit
zugesetzt werden, in die oberflächennahen Grundwasserhorizonte haben.
Ansatzpunkte für eine mögliche Analyse werden im Beitrag genannt.
9
Reinhard O. Greiling (MLS), Karlsruhe
Hans Stilles Beitrag zur Entwicklung der Geotektonik
Abstract
Geotektonik betrifft nach heutigem Verständnis besonders die „Architektur“ der
Lithosphärenplatten, einschließlich der Kratone und Orogene. Geotektonik versucht,
Vorgänge und Prozesse zu erforschen, die die Struktur der Lithosphäre prägten und prägen.
Obwohl dabei der zeitliche Ablauf dieser Vorgänge wichtig ist, liegt der Schwerpunkt doch
eher auf plattentektonischen Aspekten und der Struktur von Orogenen, Rift-Strukturen und
Sedimentbecken.
Stilles Beiträge umfassen viele dieser Aspekte zur Struktur, aus heutiger Sicht ist aber vor
allem sein Begriff der orogenen Phasen (noch) von Bedeutung. Teilweise werden solche
Phasen als Bezeichnungen für einzelne orogene Episoden verwendet (z.B. kaledonisch,
herzynisch), teilweise auch als solche von wichtigen Diskordanzen in der Erdgeschichte (z.B.
laramisch), die vor allem für Erdöl-Lagerstätten von Bedeutung sind.
Reimar Seltmann (MLS)1, Chris Stanley1, Axel Mueller (MLS)1,2
Stilleite – A zinc selenide named after Hans Stille
Reimar Seltmann1, Chris Stanley1, Axel Mueller1,2
1
2
Department of Earth Sciences, Natural History Museum, Cromwell Road, London SW7 5BD, UK
Natural History Museum, University of Oslo, P.O. Box 1172 Blindern, N-0318 Oslo, Norway
Hans Stille (1876-1966) was an outstanding German geologist with international recognition
for his life time achievements both in his holistic geoscientific research, reaching well
beyond his focus interests in tectonics and geotectonics, and through his role as Ordinary
Member of the Prussian Academy of Sciences (he was elected as Academician in 1933) and
his pivotal contribution to revive the German Academy of Sciences in Berlin during
challenging times immediately after WWII.
The potential existence of a zinc selenide was confirmed in 1937 by Paul Ramdohr (Sindeeva,
1964). Ramdohr (1956) reported that he had definitely identified a selenide of zinc which he
had named stilleite (ZnSe) in honour of the German geologist Stille. The mineral was
10
discovered in ore from Shinkolobwe (today’s DR Congo), where it forms microscopic
segregations in linnaeite (Sindeeva, 1964).
Our contribution will feature the main mineral characteristics of stilleite, illustrated by newly
taken images in reflected light.
References:
Ramdohr, P. (1956) Stilleit, ein neues Mineral, natürliches Zinkselenid von Shinkolobwe.
Deutsche Geologische Gesellschaft, Geotektonisches Symposium zu Ehren von Hans Stille.
Stuttgart, F. Enke: 481-483.
Ramdohr, P. (1975) Die Erzmineralien und ihre Verwachsungen. Akademie-Verlag Berlin
1975, 4th edition, 1277 pages.
Sindeeva, N.D. (1964) Mineralogy and types of deposits of selenium and tellurium.
Interscience Publishers (Wiley), New York, London, Sydney 1964. 363 pages.
11

Abstracts - Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin eV