Zentrale Projektgruppe Geschichte
Geschichte: Neue Schwerpunktthemen
ab dem Abitur 2014
Landesakademie Bad Wildbad, 24.-26.9.2012
„Wind of Change“
2014: Neue Schwerpunktthemen in der schriftlichen
Abiturprüfung
Neues Material: Plakate
Individualisierung als Mega-Thema
2015: Neues Aufgabenformat in der schriftlichen
Abiturprüfung
2015/16: Neuer Bildungsplan
„Natura non facit saltus…“
… und die Geschichte auch nicht.
Stattdessen: Kontinuierlich-stetige
Weiterententwicklung der
Kompetenzorientierung im Abitur seit 2004
Abitur 2008: Geschichte
2. Ordnen Sie die Ost- und Deutschlandpolitik
der Regierung Brandt/Scheel in die
internationale Politik seit Beginn der sechziger
Jahre ein.
Abitur 2010: Geschichte
3. Erläutern Sie, wie die Bundesregierungen in
den 1960er- und 1970er-Jahren auf die
Veränderung im Verhältnis der beiden
Supermächte zueinander reagiert haben.
Abitur 2011: Geschichte
5. Überprüfen Sie anhand von drei Beispielen
Ihrer Wahl, inwieweit die politische
Entwicklung im Innern der Bundesrepublik
von 1949 bis in die 1980er Jahre vom OstWest-Konflikt bestimmt wurde.
Abitur 2012: Geschichte
1. Arbeiten Sie aus M 1 heraus, wie Sebastian
Haffner die Lage der beiden deutschen
Staaten im internationalen Spanungsfeld
beurteilt und welche Folgerungen er daraus
ableitet?
3. Erörtern Sie, ob sich zwischen 1959 und
1979 die internationalen und die deutschdeutschen Beziehungen verbessert haben.
Alexander Gallus (Hg.), Deutsche Zäsuren.
Systemwechsel seit 1806. Köln 2006.
„Die deutsche Geschichte der vergangenen zwei-hundert
Jahre ist – im Vergleich zu derjenigen anderer Länder –
besonders reich an Zäsuren, die mit einem grundlegenden
Wandel der staatlichen und politischen Ordnung
verbunden waren. Es ist daher erstaunlich, wie wenig
diese Systemwechsel zum Gegenstand einer gebündelten
Betrachtung wurden. In der Politikwissenschaft erfreut
sich das Thema der Transformation politischer Systeme
dagegen spätestens seit den Umbrüchen des ausgehenden
20. Jahrhunderts in Ostmittel- und Osteuropa einer großen
Beliebtheit.“ (S. 9)
„Durch die Revolution in Ostmitteleuropa und
der DDR haben sich seit 1989 die Perspektiven
auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts
insgesamt und insbesondere auf die deutsche
Nachkriegsgeschichte gravierend verschoben.“
(Christoph Kleßmann 2005)
„Die Fluchtpunkte historischer Betrachtung
ändern sich. In den Jahrzehnten nach dem
Zweiten Weltkrieg war für die deutsche
Geschichtswissenschaft „1945“ ein solcher
Fluchtpunkt. Die Frage, wie es zur „deut-schen
Katastrophe“ … kommen konnte, beherrschte den
Diskurs nicht nur über das 19. und 20.
Jahrhundert, sondern zeitweise auch über
frühere Epochen: vom Absolutismus über die
Reformation bis zurück ins Mittelalter…
Mittlerweile gibt es einen neuen Fluchtpunkt für
Betrachtungen zur deutschen Geschichte: die
welthistorische Epochenwende von 1989/91.“
(H.A. Winkler 1997)
Welche Zäsuren,
welche Systemwechsel?
1806
1848
1871
1918
1933
1945
1989/90
Wege von der Leitperspektive
zur Fragekompetenz?
„Anknüpfend an die von der Systemwechselforschung eröffneten
Perspektiven ergibt sich eine Fülle von leitenden Fragen:
Wie gestalteten sich die Übergänge von der Monarchie zur
Demokratie, von der Demokratie zur Diktatur und von der
Diktatur zur Demokratie?
Was waren die Ursachen für das Ende des alten Systems?
Wann und wie erfolgte die Institutionalisierung der neuen
Ordnung?
Worin zeigte sich die Konsolidierung der neuen politi-schen
Ordnung, sofern diese überhaupt gelang?
Wie ist der Umbruch zu bezeichnen: als Revolution, Reform,
Wandel, Zusammenbruch oder Umsturz?
Wurde der Umbruch „inszeniert“, und falls ja, in welcher Form
und mit welcher Absicht?
Inwieweit wurde auf frühere Umbrüche und Systemwechsel
in der deutschen Geschichte Bezug genommen?
Verliefen die Entwicklungen in politisch-institutioneller
Hinsicht auf der einen sowie in sozioökonomischer und
politisch-kultureller auf der anderen synchron, oder wichen
diese voneinander ab?
Wie verhielten sich während der Transformation modernisierende und restaurative Tendenzen zueinander?
Wie begegnete die Bevölkerung (öffentliche Meinung) dem
Wandel – zustimmend, ablehnend oder teilnahmslos?
Wie zwangsläufig war die jeweilige Entwicklung?
Wo liegen entscheidende Weggabelungen?
(Gallus 2006, S. 9)
Von der Fragekompetenz zur
Urteilsbildung?
Wie lassen sich die Systemwechsel charakterisieren?
Wie stark fielen die Umbrüche aus?
Bestand eine historisch offene Situation?
Welche (inneren oder äußeren) Kräfte zeichneten für den
Umsturz verantwortlich?
Spielten extremistische Bestrebungen eine tragende Rolle?
Deckten sich die Intentionen mit den Auswirkungen?
Gab es Zusammenhänge zwischen den Systemwechseln?
Welche Nachwirkungen hinterließen sie?
Wie sind sie zu bewerten?
Abitur 2014: Eine mögliche
Leitperspektive?
Zäsuren
Systemwechsel
Systemtransformationen?
Samuel P. Huntington 1991:
Die drei Demokratisierungswellen
1828 – 1926 (1922: 29 Demokratien, 35 Dikta-turen) ►
Deutschland: 1918 (nicht: 1848, 1871)
1943 – 1962 (1942: 12 Demokratien, 49 Dikta-turen) ►
Deutschland: 1945
1974 – 1991 (1973: 30 Demokratien, 92 Dikta-turen) ►
Deutschland: 1989
(Zahlen ohne Länder mit einer Bevölkerung von weniger als 1 Mio.)
nach: S. Huntington, The Third Wave. Democratization in the Late 20th Century. Norman, Oklah. 1991
Nolte 2012:
Vier Demokratisierungswellen
1770 - 1800: Nordatlantische Revolutionen (USA,
Frankreich, Haiti)
1820er/30er Jahre: Lateinamerika (Bolivar), JuliRevolution in Frankreich
1848: Revolutionen in Europa mit „Nachbrenner“ in
den 1860er Jahren („Liberale Ära“ in Europa, Sieg des
Nordens im Civil War)
1905 - 1912: Revolutionen in Russland, im
Osmanischen Reich, in Portugal, Mexiko, China
Doppelrevolution als
Systemwechsel
„Durchgesetzt hat sich … die Tendenz, den Beginn
der Moderne mit der europäisch-atlantischen
„Doppelrevolution“ zu verbinden, der
wirtschaftlich-industriellen, die von England ihren
Ausgang nahm, und der politisch-sozialen, die in
Nordamerika und Frankreich begann.“
(Lothar Gall, Von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft. München
2012, S. 53)
Modernisierung als
Systemwechsel: Definition
„Als Modernisierung werden bevorzugt
solche Prozesse des sozialen Wandels
bezeichnet, die sich erstens beziehen auf
Strukturveränderungen, wie sie in der Zeit von
1750 bis 1830 durch die „englische“ und
Französische Revolution eingeleitet wurden,
und zweitens Strukturveränderungen auf
Makroebene bewirkten.“
(R.M. Lepsius, Soziologische Theoreme über die Sozialstruktur der „Moderne“ und die „Modernisierung“, in: R. Koselleck
(Hg.), Studien zum Beginn der modernen Welt. Stuttgart 1977, S. 10-29, hier: S. 12)
Modernisierung als „breit
angelegtes Schwellenereignis“
„Vor allem im letzten Drittel des 18.
Jahrhunderts entwickelte sich eine
Formierungs- und Veränderungsdynamik, die
die überkommenen geistigen und materiellen
Grundlagen der Alten Welt in Frage stellte und
so zur bürgerlichen Moderne überleitete.“
(Hans Schilling, Höfe und Allianzen. Deutschland 1648-1763. 1989, S. 13)
Das Programm einer „bürgerlichen
Gesellschaft“
Im Zentrum dieses Entwurfs stand das Ziel einer modernen,
säkularisierten Gesellschaft freier, mündiger Bürger (citoyens), die ihre
Verhältnisse friedlich, vernünftig und selbständig regelten, ohne allzu
viel soziale Ungleichheit, ohne obrigkeitsstaatliche Gängelung,
individuell und gemeinsam zugleich. Dazu bedurfte es bestimmter
Institutionen: des Marktes, einer kritischen Öffentlichkeit, des
Rechtsstaates mit Verfassung und Parlament. In dieser gesellschaftlichpolitischen Zielsetzung steckte ein neuer Daseinsentwurf, der auf
Arbeit, Leistung und Bildung (nicht auf Geburt), auf Vernunft und
ihrem öffentlichen Gebrauch (statt auf Tradition), auf individueller
Konkurrenz wie auf genossenschaftlicher Gemeinsamkeit fußte und
sich kritisch gegen zentrale Elemente des Alten Regimes wandte: gegen
Absolutismus, gegen Geburtsprivilegien und gegen ständische
Ungleichheit, auch gegen kirchlich-religiöse Orthodoxie.
(Jürgen Kocka, Bürger und Bürgerlichkeit im Wandel, in: APuZ 9-10/2008, S. 3 - 9, hier: S. 4f.)
Krise der bürgerlichen Moderne
Totalitäre Alternativen zum liberalen Modell:
• Marxismus-Leninismus
• Faschismus/Nationalsozialismus
Internationale Beziehungen:
Systemkonflikt
Ideologisierung der Politik
Ost-West-Konflikt ab 1917
Marginalisierung Europas
Kalter Krieg ab 1947
Deutsche Zäsuren?
„Das Jahr 1945 wurde zur tiefsten Zäsur nicht
nur in der deutschen Geschichte, sondern in
der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts.“
(Paul Nolte)
Deutsche Zäsuren?
„Die eigentliche Zäsur in der neuesten
Geschichte Deutschlands und Europas ist die
Geschichte der Bundesrepublik selbst.“
(Hans-Peter Schwarz)
„Die erste deutsche Republik ist nicht mehr
bloß Vorgeschichte des ‚Dritten Reiches‘ und
Kontrast zu seinen beiden Nachfolgestaaten,
sondern im Positiven wie im Negativen
Vorgeschichte der zweiten gesamtdeutschen
Demokratie. Doch anders als Weimar ist die
erweiterte Bundesrepublik keine ungelernte
Demokratie mehr. Sie hat nicht nur die
Weimarer, sondern auch die sehr viel
erfolgreicheren Bonner Lehrjahre hinter sich.“
(Heinrich August Winkler, 1998)
Westzonen: Ende oder Restauration der
bürgerlichen Gesellschaft?
● Entdifferenzierung in der
„Zusammenbruchsgesellschaft“: „Volk“ (Hans
Mommsen), Währungsreform
● Von der bürgerlichen Gesellschaft zur nivellierten
Mittelstands- (Schelsky) und Konsumgesellschaft
● Delegitimierung und Entmachtung der alten
Führungsschichten
● Entpolitisierung: Repräsentativ-elektorales
Demokratiemodell (Grundgesetz) > Nolte 2012
SBZ/DDR: Entbürgerlichung
• Ende der bürgerlichen Gesellschaft
• Stalins Doppelstrategie
• Ideologisierung, begrenzte Sowjetisierung
• Blockade zivilgesellschaftlicher Bewegungen
(Ulbricht, Sommer 1945: „Es ist doch ganz klar.
Es muss demokratisch aussehen, aber wir
müssen alles in der Hand haben.“)
Entdifferenzierung des
Parteiensystems ab 1945
„Einheitsfront der antifaschistischdemokratischen Parteien“ (1945)
Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED
(1946): „Einheit der Arbeiterklasse“
SED: „Partei neuen Typs“ (1948)
Wirtschaftliche Entdifferenzierung
„Demokratische Bodenreform“ ab 3.9.1945
Entschädigungslose Enteignung der
„Kriegsverbrecher“ und „Großgrundbesitzer“
(über 100 ha)
„Durch die demokratische Bodenreform wurde
das Bündnis der Arbeiterklasse mit den
werktätigen Bauern auf eine feste ökonomische
Grundlage gestellt.“
Gesellschaftliche
Entdifferenzierung
• Entnazifizierung als Hebel zur
Entdifferenzierung
• Elitenwechsel: „Neubauern“, „Neulehrer“,
„Neurichter“
• Soziale Privilegierung der „Arbeiterklasse“ und
der „armen Bauernschaft“
• Entdifferenzierung durch Militarisierung ab
1948: „Volkspolizei“, „Heimatschutz“
Zivilgesellschaft
Der Begriff ‚civil society‘ bezeichnet das genaue Gegenteil von
dem staatsrechtlich und rechtsphilosophisch begründeten
Begriff der 'bürgerlichen Gesellschaft' der deutschen
politischen Terminologie des 19. Jahrhunderts. Die 'civil
society' ist nicht die Gesellschaft der Bourgeoisie und
bestimmt sich nicht aus der Differenz zwischen Familie und
Staat; sie ist die Gesellschaft der politisierenden Aktivbürger
nach dem Vorbild der antiken Stadtstaaten, auf die die
begriffliche Trennung von Staat bzw. Politik und Gesellschaft
nicht anwendbar ist.“
(S. Böhm, Teil und Ganzes, in: K. Acham/W. Schulze (Hg.), Teil und Ganzes. München 1990, S. 45-71, hier: S. 76)

Herunterladen