Durchlässigkeit zwischen Gesundheitsfachberuf und
Hochschulstudium – Hintergründe und Herausforderungen
Dr. Walburga Katharina Freitag
Wannseekonferenz „Therapeutische Berufsausbildung heute ‐ das Spannungsfeld zwischen Berufsqualifizierung
und akademischer Berufsbefähigung“, Berlin, 07. November 2014
Gliederung
1. Hintergründe – EU und Deutschland, Bildungsund arbeitsmarkttheoretische Aspekte
2. Bildungs- und Karriereverläufe von
Studienberechtigten mit beruflicher Ausbildung
3. Herausforderungen - Zukunftsthemen für die
Berufsfachschulen
4. Herausforderungen - Durchlässigkeit in die
Hochschule - Zukunftsthemen
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EU-Bildungspolitik und strukturelle Durchlässigkeit
• Unionsbürgerschaft – wir können uns als Arbeitnehmer/in, zur
Arbeitssuche oder zur Berufsausbildung in den Ländern der
EU aufhalten. Ziel: räumliche Mobilität
• Instrumente: u.a. Europäischer Qualifikationsrahmen, in den
nationale Qualifikationsrahmen einfließen (u.a. DQR),
Anerkennungsgesetze
• Forderung der „Transparenz“ der Qualifikationen: ‚Lesbarkeit‘,
Nachvollziehbarkeit, Vergleichbarkeit, Niveaubestimmung
(EQR/DQR/QR und mehrsprachiges Diploma Supplement)
• Räumliche Bildungsmobilität und transnationale sowie transinstitutionelle Anerkennung von Lernergebnissen und
Qualifikationen sind aufs Engste miteinander verknüpft.
• Anerkennung und Anrechnungwerden zum „Dreh- und
Angelpunkt“ für die Realisierung räumlicher Mobilität .
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Umsetzung in Deutschland: Bildungspolitische
Regelungen & Initiativen (I)
• Bologna-Erklärung 1999: „Einführung eines Leistungs/Kreditpunktesystems – ähnlich dem ECTS – als Mittel zur
Förderung der Mobilität. „Punkte sollten auch außerhalb von
Hochschulen, bspw. durch lebenslanges Lernen, erworben werden
können, vorausgesetzt, sie werden durch die jeweilige
aufnehmende Hochschulen anerkannt“.
• KMK-Anrechnungsbeschluss (I) (2002): „Außerhalb des
Hochschulwesens erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten können
max. 50% eines Hochschulstudiums ersetzen, wenn (….) sie nach
Inhalt und Niveau dem Teil des Studiums gleichwertig sind, der
ersetzt werden soll“.
• Strukturelle Durchlässigkeit der Bildungswege ist bei allen
bildungspolitischen Akteuren akzeptiert; selten werden
Systemgrenzen in Frage gestellt.
• Begründungen: Fachkräftemangel & Demographischer Wandel;
bei Gesundheits- und Sozialberufen: Professionalisierung und
Akademisierung
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Bildungspolitische Regelungen & Initiativen
in Deutschland (II)
• Integration von Anrechnung in den Qualifikationsrahmen
für deutsche Hochschulabschlüsse (2005)
• BMBF-Initiative „Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf
Hochschulstudiengänge“ (seit 2005-2008/2011)
• KMK-Anrechnungsbeschluss (II) (2008)
• KMK-Beschluss „Hochschulzugang für beruflich qualifizierte
Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung“ (2009) (Zuvor bereits heterogene länderspezifische
Regelungen)
• Deutscher Qualifikationsrahmen (Konsens über Struktur
Dez. 2011)
• Initiativen „ANKOM-Übergänge“ und „Bund-LänderWettbewerb: offene Hochschulen“ seit Herbst 2011. ANKOM
mit 20 und OHO mit 99 beteiligten Hochschulen!
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Bildungs- und arbeitsmarkttheoretischer
Hintergrund in Deutschland
• Soziale Konstruktion der Differenz zwischen beruflicher und
hochschulischer Bildung („Versäulung“)
• Binär codiertes Deutungsmuster: Überordnung der
hochschulischen und Unterordnung der beruflichen Bildung
• Berufe und Professionen als hochwirksame soziale
Konstrukte und „als generatives Muster der Herstellung
sozialer Ordnung“ (Gildemeister/Wetterer 1992: 230)
• Arbeitsteilung und Karrierewege entlang des Codes
beruflich/akademisch
• Anrechnung berührt diese sozialen Konstruktionen auf
institutioneller (und biographischer) Ebene
Entwickelt auf der Grundlage des Differenzierungsansatzes von
Gildemeister/Wetterer 1992
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Gliederung
1. Hintergründe – EU und Deutschland, Bildungsund arbeitsmarkttheoretische Aspekte
2. Bildungs- und Karriereverläufe von
Studienberechtigten mit beruflicher Ausbildung
3. Zukunftsthemen für die Berufsfachschulen
4. Durchlässigkeit in die Hochschule Zukunftsthemen
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Bildungs- und Karriereverläufe von Studienberechtigten mit beruflicher Ausbildung
(Quelle: Baethge/Kerst et al. 2014)
• Geringste Vertragslösequoten (12,5%, Durchschnitt:
21,8%) und höchste Abschlussquote (86%)
• Geringeres Einkommen 10 Jahre nach Schulabschluss trotz
früheren Berufseintritts; kaum Einfluss von
Aufstiegsfortbildung
• Auch 20 Jahre nach Schulabschluss immer noch
Differenzen; Interessant: Aufstiegsfortbildung zahlt sich
monetär aus, ist allerdings nicht in gleichem Maße
positionsrelevant.
• Fortbildungsaspiration: Ausbildungsabsolvent/inn/en mit
FH-Reife schließen zu 16% eine Aufstiegsfortbildung ab, mit
allg. HZB 6,1%, ohne Studienberechtigung 7,3%.
• Studienaspiration: 10% aller Ausbildungsabsolventen
nehmen ein Studium auf. Ohne HZB 2%, mit allg. HSReife 38%.
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Deutsche Studienanfängerinnen und -anfänger mit abgeschlossener
Berufsausbildung vor der Studienaufnahme nach Geschlecht und Art
der Hochschule für die Wintersemester 1985/86 bis 2011/12
Mit abgeschlossener Berufsausbildung
insgesamt
Wintersemester
Davon
Davon
Insgesamt
Männer
Frauen
U
FH
25
28
35
37
38
35
32
30
26
25
28
25
23
27
22
28
31
37
40
42
40
37
35
30
28
30
29
27
31
22
20
25
33
33
31
28
27
25
22
22
25
21
19
23
21
16
19
26
25
24
23
21
18
17
15
16
12
11
14
11
48
53
66
68
70
63
62
62
52
51
54
51
45
48
40
Darunter mit abgeschlossener Berufsausbildung
nach Erwerb der Hochschulreife
Insgesamt
Davon
Davon
Männer
Frauen
U
FH
10
15
16
18
17
16
16
16
15
15
15
11
11
13
11
8
13
13
16
16
16
17
17
15
14
13
10
11
12
10
12
17
20
21
18
17
15
15
14
15
16
12
11
14
13
9
13
14
17
14
14
13
12
12
11
11
8
7
10
7
11
19
21
23
24
23
23
27
22
24
21
16
17
19
18
76
21
1
86
12
1
67
30
1
70
27
1
80
18
0
in %
1985/86
1987/88
1990/91
1992/93
1993/94
1994/95
1995/96
1996/97
1998/99
2000/01
2003/04
2005/06
2007/08
2009/10
2011/12
Darunter
Betriebliche Berufsausbildung
Schulische Berufsausbildung
Beamtenausbildung
Nachrichtlich:
Studienanfänger mit
abgeschlossener
Berufsausbildung,
hochgerechnet auf die
Grundgesamtheit
Anzahl
37.900
47.400
70.800
74.500
72.100
64.100
57.300
55.700
49.300
54.600
71.500
61.200
59.400
82.300
81.300
Quelle: DZHW/HIS-Studienanfängerbefragungen, Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Hochschulstatistik, eigene Berechnungen
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Studienaufnahme nach beruflicher Ausbildung
(Quelle: Scheller/ Isleib et
al. (2013): Studienanfänger(innen) im Wintersemester 2011/12. HIS:Forum Hochschule)
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1. Hintergründe – EU und Deutschland, Bildungsund arbeitsmarkttheoretische Aspekte
2. Bildungs- und Karriereverläufe von
Studienberechtigten mit beruflicher Ausbildung
3. Zukunftsthemen für die Berufsfachschulen
4. Durchlässigkeit in die Hochschule Zukunftsthemen
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Zukunftsthemen für die Berufsfachschulen
(I)
Der Wunsch, ein Studium aufzunehmen, beginnt nicht
mit dem Lesen der Reklame für ein Studienangebot ….
• „Bildungsaspiration“! Lebenslanges Lernen wichtiges
ausbildungsbegleitendes Thema (Metakognition …) –
• Erkundungen in der Universität – räumliche Erfahrungen
schaffen
In 10 Jahren wird Englisch als Studiensprache
selbstverständlich sein (Internationalisierung, neues
Distinktionsmittel)
• Zur permanenten Weiterentwicklung englischer
Sprachkenntnisse motivieren; Austausch organisieren ….
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Zukunftsthemen für die Berufsfachschulen
(II)
Reflexion der Vor- und Nachteile …
• … der Anwendung von Deskriptoren des DQR und
des QR für Deutsche Hochschulabschlüsse
• … von Lernergebnisbeschreibungen –
Modulhandbücher der hochschulischen
Studienangebote analysieren(36 oder 200 LE ?)
• … der Niveaubestimmung von
‚Lernergebnisbündeln‘ (Lernfelder, Module etc.)
• … studien- und modulbegleitender Prüfungen.
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Der „anrechnungsideale“ Qualifikationsrahmen
Anrechenbar sind mit dem Studiengang gleichwertige bzw. ggf.
gleichartige Lernergebnisse
DQRNiveau
….
Qualifikation
setzt
sich zusammen
aus
definierten
Anteilen
von LEn
bestimmter
Niveaus
5
Niveau 4
6
7
6
7
8
9
5
6
7
8
4
5
6
7
3
4
5
6
Lernergebnisse (LE)
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Gliederung
1. Hintergründe – EU und Deutschland, Bildungsund arbeitsmarkttheoretische Aspekte
2. Bildungs- und Karriereverläufe von
Studienberechtigten mit beruflicher Ausbildung
3. Zukunftsthemen für die Berufsfachschulen
4. Durchlässigkeit in die Hochschule Zukunftsthemen
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Durchlässigkeit in die Hochschule Zukunftsthemen
• Reflexion des Potentials von gesundheitsberuflich
qualifizierten Hochschulabsolvent(inn)en mit
nicht affinen Studienabschlüssen
• Master ohne Bachelor
• Akkumulation von Zertifikatskursen der
wissenschaftlichen Weiterbildung
• Durchlässigkeit bis zur Promotion und Professur
(Kollegs für wissenschaftlichen Nachwuchs?)
• Akademische und professionsbezogene
Promotionen (professional PhD)?
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Forschungsthemen Durchlässigkeit
• Bedeutung der Entwicklung eines akademischen
Habitus
• Forschung über additive und verzahnte Ausbildungs-/
Studienmodelle
• Absolvent(inn)enforschung - u.a. Fragen zur
Beschäftigungsadäquanz und Bezahlung
• Ökonomie der Tätigkeit der therapeutischen
Gesundheitsberufe in der „Gesundheitsindustrie“
• Auseinandersetzung mit dem Wissensbegriff;
unterschiedliche Bedeutungen in den
Bildungsbereichen.
• Beteiligung an der Herstellung von „wissenschaftlich
wahrem Wissen“ im Sinne Foucaults?
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Literatur
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•
Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen (2011): Deutscher Qualifikationsrahmen für
lebenslanges Lernen verabschiedet vom Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen (AK
DQR) am 22. März 2011.
Baethge, Martin, Christian Kerst, Michael Leszczensky und Markus Wieck (2014): Zur neuen
Konstellation zwischen Hochschulbildung und Berufsausbildung. Forum Hochschule 3/2014.
Hannover: Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung.
European Commission (1999): Bologna-Erklärung (deutsch). In: http://www.bolognaberlin2003.de/pdf/bologna_deu.pdf.
HRK, KMK und BMBF (2005). Qualifikationsrahmen für Deutsche Hochschulabschlüsse. Von
der Kultusministerkonferenz am 21.04.2005 beschlossen. Kultusministerkonferenz.
HRK, KMK und BMBF (2005). Qualifikationsrahmen für Deutsche Hochschulabschlüsse. Von
der Kultusministerkonferenz am 21.04.2005 beschlossen. Kultusministerkonferenz,
http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2005/2005_04_21Qualifikationsrahmen-HS-Abschluesse.pdf.
KMK (2002): Anrechnung von außerhalb des Hochschulwesens erworbenen Kenntnissen und
Fähigkeiten auf ein Hochschulstudium (Beschluss der KMK vom 28.06.2002).
KMK (2008): Anrechnung von außerhalb des Hochschulwesens erworbenen Kenntnissen und
Fähigkeiten auf ein Hochschulstudium (II) (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom
18.09.2008).
KMK (2009): Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber ohne schulische
Hochschulzugangsberechtigung. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 06.03.2009.
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