LANDGRABBING mehr als ein neokoloniales Rollback
Historisches
Landeigentum - Kolonialzeit:
• Die „Krone“ etc.
• Privater Großgrundbesitz
• Gemeindeland (traditionell, nicht verbrieft, marginalisiert)
• Produktion und Export von „Kolonialwaren“
Landeigentum - „Junge Nationalstaaten“:
• Staatseigentum
• Privater Großgrundbesitz (stockende Landreform)
• Gemeindeland (traditionell, nicht verbrieft, marginalisiert)
Landeigentum – neoliberale Ära:
• Markgestützte Landreform (schrittweise Privatisierung, Katasterprojekte)
• Gefährdung/Ausschluss traditioneller Nutzungsrechte
• (=> Aufstand in Chiapas)
• Produktion und Export von Cash-crops (= „Neokolonialwaren“)
Landgrab - Definitionen
Olivier De Schutter:
Landkäufe bzw. Pachtverträge von über 1.000 ha
GRAIN:
Landkäufe bzw. Pachtverträge von über 10.000 ha
Weitere Merkmale:
• Ackerland
• Verträge mit Regierungen oder Firmen
• Ziel: Produktion und Export von Grundnahrungsmitteln
Food Riots 2008 - Beispiele
Große Landkäufe ausländischer Unternehmen
auch schon vor 2008
Neumann Kaffee-Gruppe (Hamburg)
2001:
2.000 Hektar gekauft
2.000 Menschen zwangsumgesiedelt
2004:
Pachtvertrag über 2.300 Hektar
Inzwischen 14.000 ha in Nutzung,
d.h. 11.700 ha unrechtmäßig
Die neue Qualität
Von 2006 bis April 2009:
15-20 Mio. Hektar (entspricht 20% der
Ackerfläche Europas) gekauft oder
gepachtet.
Gründe für den Kaufrausch
(de Schutter 2009)
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Agrotreibstoff-Hype
Ressourcenerschöpfung (Bodenmüdigkeit, Wassermangel)
Wachsender Bedarf an Fasern (=Zellulose) und Holz
CO2-Handel
Erwarteter Wertzuwachs
Wer “kauft“ ? (1)
▪ Australia (Maquarie...)
▪ Bahrain* (Trafco, MAP, Ithmaar, Al
Salam...)
▪ Bangladesh
▪ China* (DTE, Chongqing, CSFAC,
CNADC...)
▪ Djibouti*
▪ Egypt* (Citadel Capital...)
▪ France* (Pergam, Louis Dreyfus, AFD?...)
▪ Germany (Deutsche Bank, KTG Agrar...)
▪ India* (Varun, Ruchi, Karuthuri, etc)
▪ Iran* ???
▪ Israel
▪ Japan* (Marubeni, Sumitomo, Itochu,
Kobebussan, Mitusbishi...)
▪ Jordan*
▪ Korea* (Daewoo, Hyundai, LG....)
▪ Kuwait* (KIA, Americana Group...)
▪ Libya* (LAP)
▪ Lithuania (Agrowill)
* with government support or involvement (public policy frameworks,
financial assistence or incesntives, directives, enabling bilateral treaties,
etc)
GRAIN | November 2009
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Malaysia* (Sime Darby)
Mauritius*
Netherlands (Rabobank, APG...)
Qatar* (Mawashi, Zad Holding, QIA)
Saudi Arabia* (Hadco, Al Rabie, Al
Rajhi, Foras, Tadco, Almarai, Binladin, Al
Amoudi...)
Singapore* (Temasek, Vitagrain,
Olam...)
South Africa (AgriSA, Agri-Vie...)
Sweden (Black Earth, Alpcot Agro...)
Switzerland (EBG Capital...)
Syria*
Thailand (CP Group)
UAE* (Abraaj, Al Qudra, EIG, Abu Dhabi
Fund for Development, Iffco, Dubai
World...)
UK (Lonhro, cru, Bidwells, Schroders,
Barclays, Emergent, Terra Firma, Jim
Slater, Lord Jacob Rothschild...)
US (Jarch Capital, KKR, AIG, M.Stanley,
BlackRock, Jim Rogers, George Soros,
Bunge, Altima, TIAA-CREF...)
West Africa* (WAEMU)
Wer “kauft“ ? (2)
Zwei „Typen“ von Käufern
1.
Finanzkräftige Länder mit prekärer Eigenversorgung
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China (20 % der Weltbevölkerung auf 9% der globalen Landfläche)
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Golfstaaten (VAE, Qatar: ca. 75% Migranten)
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Saudi-Arabien: Projekt „Selbstversorgung mit Weizen“ aufgegeben
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Indien (Folgen der Grünen Revolution)
(Verträge oftmals durch Regierungsdelegationen angebahnt, dann privat bzw.
„halbstaatlich“ finanziert)
2.
„Kapital“ auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten
Perspektivisch: vertikal integrierte Kapitalgesellschaften, die vom Kauf des
Bodens über die Produktion bis zur Vermarktung alles anbieten
Die „Gastgeber“-Länder:
Afrika:
Asien:
Äthiopien
Demokratische Republik Kongo
Ghana
Kamerun
Kenia
Madagaskar
Mali
Mocambique
Senegal
Sierra Leone
Somalia
Sudan
Tansania
Sambia
Burma
Indonesien
Kambodscha
Kasachstan
Laos
Mongolei
Pakistan
Papua-Neuguinea
Philippinen
Usbekistan
Vietnam
rot: Empfängerländer der Welthungerhilfe
(aber auch Länder in Europa und Lateinamerika)
Krasse Beispiele
Madagaskar
Daewoo-Deal (geplatzt, Präsidentenwechsel): 1,3 Mio Hektar (=50% der
nationalen Ackerfläche).
Jetzt (unter Andry Rajoelina): 465.000 ha für Varun International
Äthiopien
46% der Bevölkerung chronisch hungernd (offizielle Statistik)
85% der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft
3 Millionen Hektar Land sollen vergeben werden
8.000 Anträge vorliegend, davon 1.300 bewilligt (Stand: Herbst 2009)
Mocambique
mehr Pacht- bzw. Kaufanträge als Fläche vorhanden
Karuturi-Äthiopien Deal
• Anfang 2009: Indische Firma Karuturi, größter
Schnittblumenproduzent der Welt, bekommt
40,000 ha und beantragt weitere 300,000 ha.
Kosten: US$1/ha.
• (Zum Vergleich – Bodenpreis in Meck-Pomm:
ca. 4.500€/ha)
• Für Mais und Reis zum Export nach Asien.
• Tagelohn: 50 €-Cent
• Lokale Bevölkerung verliert Weideland &
Anbau von Tef. Proteste werden von der
Polizei unterdrückt.
Quelle: GRAIN | November 2009, modifiziert, PCL
Qatar-Kenia Deal
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Jan 2009: Präsident von Kenia
verkündet, dass Qatar 40.000 ha im
Tana River Delta bekommen und als
Gegenleistung den Hafen von Lamu
ausbauen wird.
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 Gemüse & Obst für Qatar.
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Gebiet mit großer biologischer Vielfalt,
wasserreich und Lebensgrundlage von
150.000 Bauern, Hirten und Fischern.
•
Kenia ist zugleich am Rande einer
Hungerkatastrophe mit ca. 10 Mio.
Betroffenen Menschen
•
Starke Opposition gegen das Projekt
unter der lokalen Bevölkerung und
NGOs, aber das Projekt steht noch.
GRAIN | November 2009
Tana River Delta
A local demonstration against the deal
Mali-Libyen Deal
• Nov 2008: Libyen kauft über die
Fondsgesellschaft Malibya 100.000 ha in
der Region Office du Niger für den Anbau
von Reis u.a.
• Anfang 2009: Die Arbeiten zur Infrastruktur
werden an chinesische Firmen vergeben
und beginnen
• Juli 2009: Auf einer Recherche-Reise von
CNOP* (Via Campesina-Mitglied) wird
ermittelt, dass Kleinbauern enteignet,
Friedhöfe und Weiderouten zerstört werden
und die Bauern nicht entschädigt werden.
• Aug 2009: CNOP befürchtet, dass der Deal
endgültig ist und verspricht, den
Widerstand zu intensivieren
*Coordination Nationale des Organisations Paysannes
GRAIN | November 2009
Abdalilah Youssef, CEO of Malibya
House marked “remove” in Chinese and French
http://www.floraecopower.com/
Sitz: München
„... Anbau und Verwertung von Pflanzen, insbesondere von Castor-Pflanzen
und Eukalyptus ... “
2007:
10.000 Hektar für Energiepflanzen-Anbau in Äthiopien
www.agrarius.com, Sitz: Bad Homburg
“Investieren Sie mit der AGRARIUS AG in bestes Ackerland, um am weltweiten
Bedarf nachwachsender Rohstoffe und Nahrungsmittel zu partizipieren.”
http://www.ktg-agrar.de, Sitz: Hamburg
“Zwar werden bei steigenden Rohstoffpreisen auch weniger fruchtbare Böden
wieder attraktiv für die Bewirtschaftung, diese Flächen sind aber ebenfalls nur
begrenzt verfügbar.”
http://www.aquila-capital.de/, Sitz: Hamburg
Sinkendes Angebot von Agrarland aufgrund von Klimawandel, Wasserknappheit
und anhaltender Industrialisierung
http://www.dws.de/DE/showpage.aspx?pageID=84
“Die rasant wachsende Weltbevölkerung, … Land- und Wasserknappheit – all das
sind Punkte, die für überdurchschnittlich gute Perspektiven der Agrarwirtschaft
sprechen.”
Die Reaktion der „Weltgemeinschaft“
G8, FAO, Weltbank, IFAD:
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„Win-win“-Situation – Investitionen in landwirtschaftliche Entwicklung
„Freiwillige Selbstverpflichtung“ zu Transparenz, Einbeziehung der
lokalen Stakeholder, Nachhaltigkeit, ...
Klaus Deininger (Weltbankberater zu Landrechtsfragen):
Entlarvend:
Mexiko – beispielhafte Voraussetzungen zur Implementierung freiwilliger
Selbstverpflichtungen: Ein Land in dem „Mechanismen für die legale Vertretung
der Vertragspartner klar und für jedermann verfügbar“ sind (!!)
B. Schanzenbächer (EBG Capital, Zürich):
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Verbindliche gesetzliche Regelungen: „langer holpriger Weg, bei dem es
lange Zeit braucht, um ein positives Ergebnis zu sichern
Freiwillige Regeln: schnelle Entwicklung und Implementierung
(beispielhaft: dem „Roundtable on Sustainable Palm Oil“
Ein Blick auf die „win-win“-Argumente
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Produktivmachen von ungenutzten Flächen
Technologie-Transfer
Miternährung der Bevölkerung des „Gastgeberlandes“
Schaffung von Arbeitsplätzen
Das „Idle Land“-Argument
• Vermeintlich 1.8 Mrd. ha Land ungenutzt – die Hälfte in
Ländern des Südens
• Brasilien 500 Mio ha
• Demokratische Republik Kongo: 160 Mio ha
Kongobecken konkret
• 35 Mio. Menschen vom Wald abhängig (Feuerholz,
Nahrung, Naturheilmittel).
• Weltbank: Steigerung der Holzproduktion um das 60100-fache (6-10 Millionen Kubikmeter/Jahr) zu
Sanierung des Staatshaushalts
• ARD-Gutachten von 2003: Periode intensiven
Holzeinschlags in vielen Teilen des Kongobeckens
könnte Umweltverwüstung sowie die Zerstörung der
materiellen Lebensgrundlage von Gruppen, deren
Überleben extrem von den Wäldern abhängig ist, z.
B. 4 Millionen Pygmäen, auslösen.
Exkurs: Papierverbrauch in Deutschland
• Weltrang Platz 3 im Pro-Kopf-Verbrauch
(228 kg/Jahr)
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Verdopplung innerhalb von 20 Jahren
Nur 3% des Papiers für langlebige Zwecke
Energieaufwand: 2,67 KWh pro 1 kg
(2 Personen-Haushalt = ca. 2400 KWh
Strom + 1200 „Papier-KWh“)
Mehr vom Gleichen:
Appelle, Appelle
• Transparenz
• Beteiligung der Gemeinden
• Dialog zwischen privaten
Investoren und „Target
Countries“
• Benefit sharing
• Capacity building
• Ökologische & soziale
Nachhaltigkeit
• Freiwillige Richtlinien
Olivier de Schutter
(UNO-Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung)
• Minimalprinzipien für Landgeschäfte
• freie und bewusste vorherige Einverständnis der lokalen Gemeinden
bei Änderungen in der Landnutzung,
• Förderung arbeitsintensiver Anbausysteme
• angemessener Schutz gewerkschaftlicher Rechte der (künftigen)
Landarbeiter
• Förderung umweltverträglicher Produktionsmethoden und der
Abschluss von Verträgen
• vorherige Durchführung von Impact Assessments.
• Verträge zur Landnutzung mit sanktionierbaren
Verpflichtungen für die Investoren
FIAN, (Oxfam u.a.)
• U. Hoering zu den von Weltbank und FAO favorisierten freiwilligen
Richtlinien und Verhaltensappellen:
„Da wundert es umso mehr, dass selbst FIAN, glaubt, solche
unverbindlichen und auslegungsfähig formulierten Richtlinien
könnten ein Instrument für soziale Bewegungen, betroffene
Bevölkerungsgruppen und die Zivilgesellschaft werden, um den
Anspruch auf Land und natürliche Ressourcen zu demokratisieren.
Bis diese Richtlinien wirken – wenn überhaupt – gibt es keine
Landrechte von Kleinbauern oder Hirtenvölkern mehr zu schützen.“
Die andere Reaktion:
Der Versuch, breiten Widerstand zu mobilisieren
Quelle: GRAIN | November 2009
Straßenproteste von Via Campesina während des FAO Welternährungsgipfels im
November 2009

LANDGRABBING - mehr als ein neokoloniales Rollback