Am Ende des Geldes ist noch Monat da ...
Skizzen zum Zustand der
Republik
Armut, Gewalt, Arbeitslosigkeit,
Staatsverschuldung
FACHTAGUNG
(K)EIN THEMA IN DER KRISE
29.09.2009
1
Dr. Ulrich Thien
Gliederung
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Reichtum
Staatsverschuldung
Sozialwort der Kirchen 1997
Armut und Grenzen für Einkommensarmut
Armuts- und Reichtumsberichte
Konkretisierungen ausgewählter Lebenslagen
 Arm trotz Arbeit
 Armut und Einkommen
 Armut und Verschuldung
 Armut und Bildung
 Konsequenzen und Forderungen
 Fragen/Herausforderungen
2
Dr. Ulrich Thien
Reichtum
Armut und Reichtum wachsen in
einem solchen Maße,
dass die Spaltung
unserer Gesellschaft immer
mehr verschärft
wird.
In der Mitte der Gesellschaft knirscht
und bröckelt es.
Die Mittelschicht schwindet.
Die Konsequenzen der Wirtschaftskrise,
die sozialen Probleme bei den Menschen
bekommen wir noch viel deutlicher im
Laufe des Jahres 2010 zu spüren!
3
Dr. Ulrich Thien
Reichtum im 3. Armuts- und Reichtumsbericht
•
•
•
3.418 € als Single und mehr als 7.178 € als Familie an Einkommen
Reichtumsschwelle hat wenig analytischen Wert
14 von 413 Seiten über Reichtum im 3. ARB sind beschämend
Präsentiert werden keine Zahlen, sondern Einstellungen der Bevölkerung zu Reichtum und
Vermögen
•
•
•
•
Erklärtes Ziel Reichtumsberichterstattung zu verstärken (Erforschung
Vermögensbildung) wird nicht erreicht
Zahlen aus dem 2.ARB sind nicht fortgeschrieben
In NRW gibt es 463.000 Menschen über der Reichtumsschwelle und
3.192 Einkommensmillionäre
50% der Haushalte besitzen weniger als 1,6 %, während die oberen 10 %
der Haushalte über 61,1 % des Nettovermögens verfügen
(Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung)
4
Dr. Ulrich Thien
Geldvermögen
5
Dr. Ulrich Thien
Banken und Manager
6
Dr. Ulrich Thien
Staatsverschuldung
•
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands lag 2008 bei ca.
2.500 Mrd. EUR.
(Das BIP beschreibt die Größe einer Volkswirtschaft in einem Jahr; ist der Geldwert aller
im Inland an Haushalte verkauften Güter und erbrachten Dienstleistungen.)
•
Die aufgelaufene Gesamtverschuldung (Die Summe der in den vergangenen
Jahrzehnten insgesamt aufgelaufenen Schulden) betrug Ende 2008 ca.
1.640 Mrd. EUR, das sind rund 66% gemessen am BIP.
Im Europäischen Stabilitätspakt („Maastricht-Vertrag") hat Deutschland sich
verpflichtet, eine Grenze von 60% nicht zu überschreiten.
•
Im Jahre 2008 lag die Neuverschuldung nahe Null. Hier liegt die
Grenze des Erlaubten bei 3% gemessen am BIP. Aufgrund der Finanzkrise
ist 2009 mit einer außerordentlich hohen Neuverschuldung zu rechnen.
1.735 Mrd. Euro Staatsverschuldung
Stand 28.09.2009
Info: www.staatsverschuldung.de
7
Dr. Ulrich Thien
Bund, Länder und
Kommunen müssen
Steuerausfälle bis 2012
von über 300 Mrd. Euro
verkraften
Die Staatsfinanzen drohen
wegen der
Mindereinnahmen in den
nächsten Jahren aus dem
Ruder zu laufen!
8
Dr. Ulrich Thien
Sozialwort der Kirchen 1997:
Reichtum wächst, Armut breitet sich aus
In den letzten 20 Jahren ist mit dem Reichtum zugleich die Armut in
Deutschland gewachsen. Die Armut in Deutschland unterscheidet sich
grundlegend von der Armut in den Ländern der Dritten Welt. Dennoch ist die
Armut in der Wohlstandsgesellschaft ein Stachel. Armut hat viele Gesichter
und viele Ursachen. Sie ist mehr als Einkommensarmut. Häufig kommen bei
bedürftigen Menschen mehrere Belastungen zusammen, wie etwa geringes
Einkommen,
ungesicherte
Wohnverhältnisse,
hohe
Verschuldung,
chronische
Erkrankungen,
psychische
Probleme,
langandauernde
Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung und unzureichende Hilfen. ...
(Nr. 68)
9
Dr. Ulrich Thien
Das Kreuz
mit der
Armut
10
Dr. Ulrich Thien
Armut – Brisanz des Themas erkennen
•
•
•
•
•
•
Armut ist kein neues Phänomen
Armut hat ein weibliches Gesicht, ein junges Gesicht und
hat Kindergesichter
Armut grenzt aus, macht krank und verkürzt Lebenserwartungen
Arbeitslosigkeit ist der Armutsverursacher Nr. 1
Die Arbeitsmarktreformen haben viele Probleme eher verschärft
Armut ist alltäglich, betrifft ein Drittel der Bevölkerung und
greift in die Mitte der Gesellschaft
Nüchterne Zahlen und Tabellen sind eine Wirklichkeit ...
Sie verschleiern die Dimension von Einzelschicksalen ...
Sie sagen nicht aus, wie es Menschen geht, die in Armut leben ...
11
Dr. Ulrich Thien
Ein Beispiel:
Eine 43-jährige Frau, dessen Mann seit 5 Jahren
arbeitslos ist, berichtet
• „Ich bin mit den Nerven am Ende. Einkaufen bei den billigsten der BilligDiscounter, viel Nudeln auf den Tisch und wenig Obst. Dazu hoffen, dass die
Waschmaschine nicht kaputt geht oder die Kinder nicht schon wieder einen
teuren Atlas zu 35 € brauchen. Nachhilfe für unseren Ältesten ist nicht drin,
denn wir zahlen immer noch an den Raten für den Kinderwagen. Von
unserem früheren großen Freundeskreis sind zwei übrig geblieben.
Ausgehen ist nicht, keine Kirmes. Aber alle zwei Monate gehe ich zum
Frisör."
• Solche Beispiele gibt es vielfach mit immer neuen Facetten.
• Vieles erzählen Betroffene erst im dritten Beratungsgespräch oder
verschweigen es auch dann noch:
die wirklichen Ängste, Enttäuschungen, Demütigungen,
die Verletzung des Schamgefühls,
das vermeintlich eigene Versagen oder auch die Unfähigkeit,
von anderen Hilfen anzunehmen oder sich selbst zu helfen.
12
Dr. Ulrich Thien
Grenzen für Einkommensarmut
•
Sächliches Existenzminimum:
Alle 2 Jahre legt die Bundesregierung einen Existenzminimumsbericht vor auf Grundlage des
Sozialhilfebedarfs. (Herbst 2008)
Das steuerliche Existenzminimum darf das sächliche Existenzminimum nicht unterschreiten. (BFG)
•
Sozialhilfebedarf
Höher als das sächliche Existenzminimum wegen Einbezugs der Kosten der Unterkunft.
•
60% Armutsrisikogrenze (Laeken-Indikatoren/Europäischer Rat)
Personen mit weniger als 60 % des medianen Äquivalenzeinkommens im jeweiligen Mitgliedsstaat
gelten als arm. (Systematik „Leben in Europa" EU-SILC).
•
•
50% Armutsrisikogrenze (Sozialbericht NRW, 2007)
Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS)
Einkommens- und Verbrauchsstichprobe der Statistischen Ämter von Bund und Ländern,
liefert Daten zur Entwicklung der Lebensverhältnisse privater Haushalte
•
Sozio-Ökonomisches Panel (SOEP)
Stichprobenerhebung u.a. zur Haushaltszusammensetzung, Erwerbs- und Familienbiographie,
Erwerbsbeteiligung, Einkommensverläufe, Gesundheit, Lebenszufriedenheit
•
OECD-Skala (Stand 2005, OECD-Studie von Okt. 2008)
Der Bericht aller 30 OECD-Länder beschreibt Daten über Einkommensverteilung und Armut
und benennt Ungleichheiten (wie z.B. Vermögen privater Haushalte, Konsumgewohnheiten,
öffentliche Sachleistungen), die sonst außer Acht gelassen werden
13
Dr. Ulrich Thien
Armutsgrenzen und Armutsquoten
Sächliches
Sozialhilfebedarf
Sozialbericht
Beispiele für mtl. Existenz- NRW 2007
altes/neues
gesamt
Nettoeinkommen minimum
Bundesgebiet
2007
1-Personen-HH
Paar mit zwei
Kindern unter 14
2006
2008
2006
Armutsrisikogrenze
(60% des medianen Äquivalenzeinkommens)
OECD
2005
EU-SILC
2005
SOEP
2004
2005
588 €
615 €
681 €
676 €
591 €
758 €
781 €
856 €
880 €
1.615 €
1.661 €
1.643 €
1.626 €
1.485 €
1.543 €
1.640 €
1.798 €
1.848 €
EVS
2004
2003
874 € 1.000 €*
1.835 €
2.100 €
14
Dr. Ulrich Thien
Grundsicherung
(seit Juli 2009, Sozialhilfe SGB XII
sowie Arbeitslosengeld II und Sozialgeld von SGB II)
Nahrungsmittel
Alkoholische Getränke / Tabak
Bekleidung / Schuhe
Energiekosten
Wohnen: Reparaturen/Dienstleistungen
Haushaltsgegenstände
Gesundheitspflege
Verkehr
Nachrichtenübermittlung
Freizeit, Unterhaltung, Kultur
Bildung (seit 2009 100 € / Schuljahr)
Gaststättenbesuche
Sonstiges (Friseur etc.)
Erwachsene*
Kinder bis
6 Jahre
Kinder
7-14 Jahre
Kinder
15-25 Jahre
359,00 €**
215,00 €
251,00 €
287,00 €
113,60 €
68,04 €
79,44 €
90,83 €
19,07 €
35,68 €
11,42 €
21,37 €
13,33 €
24,95 €
15,24 €
28,53 €
26,87 €
25,68 €
13,20 €
16,08 €
31,52 €
40,90 €
0,00 €
8,51 €
27,89 €
16,09 €
15,37 €
7,90 €
9,63 €
18,88 €
24,50 €
0€
5,10 €
16,70 €
18,77 €
17,95 €
9,24 €
11,24 €
22,04 €
28,59 €
0 € (+8,33 €)
5,95 €
19,50 €
21,47 €
20,52 €
10,56 €
12,86 €
25,20 €
32,69 €
0 € (+8,33 €)
6,80 €
22,30 €
* Dieser Regelsatz gilt für eine(n) Alleinstehende(n), Alleinerziehende(n) sowie Personen mit minderjährigen Partner.
Der Regelsatz für volljährige Personen in einer Bedarfsgemeinschaft beträgt pro Person 323 €.
Eine Alleinerziehende erhält zum Regelsatz einen Aufschlag von 36 %
** zuzüglich angemessene Kosten der Unterkunft
15
Dr. Ulrich Thien
Urteil des Bundessozialgerichtes vom 27.01.09:
Kinderregelsätze verfassungswidrig
• Die Ableitung des Kinderregelsatzes (für Kinder unter 14 Jahren) aus dem
Verbrauchsverhalten einen Erwachsenen ist verfassungswidrig,
- weil eigene Bedarfe von Kindern nicht ermittelt wurden
- Kinder im SGB II anders behandelt werden als im SGB XII,
- weil es keine weitere Altersstufenaufteilung gibt.
• Vorschlag Deutscher Caritasverband:
- Die Regelsätze für Kinder eigenständig berechnen,
- wachstumsbedingte höhere Sätze für Bildung, Spielzeug,
Kinderbetreuung, Schulmaterialien, gesellschaftliche Teilhabe,
- Anpassung der Regelsätze an Preissteigerung lebenswichtiger Güter
- Für Kinder unter 6 Jahren Anhebung auf ca. 250 € (+ 39 €)
- für Kinder zwischen 6 – 13 Jahren auf ca. 265 € (+ 54 €)
- für Kinder zwischen 13 – 17 Jahren auf ca. 302 € (+ 21 €)
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Dr. Ulrich Thien
Frei verfügbares Einkommen
17
Dr. Ulrich Thien
3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung
•
Armutsrisikoquote ist seit 1998 kontinuierlich gestiegen
•
18 % aller Bürger gelten als arm, zusätzlich 13 % erhalten Transferleistungen
(SGB II, Kindergeld) = 31 % im Kontext von Armut lebend
-
24 % Alleinerziehende
28 % Migranten
46 % Arbeitslose
•
Kinder überdurchschnittlich betroffen (bes. Alleinerziehenden, Arbeitslosen)
•
Zahl dauerhaft Armer gestiegen
•
Als arm gilt, wer weniger als 60% des Durchschnittseinkommens erhält:
781 € für eine alleinstehende Person,
1640 € für eine 4 - köpfige Familie
18
Dr. Ulrich Thien
Der Sozialbericht NRW 2007
•
Armut bezieht sich nicht nur auf einen Mangel an finanziellen Ressourcen,
sondern auch auf einen Mangel an Verwirklichungs- und Teilhabechancen.
•
Armutsgefährdet sind in NRW:
•
45%
aller Erwerbslosen
•
43,3%
aller kinderreichen Familien (3 und mehr Kinder)
•
39,8%
aller Alleinerziehenden
•
39,4%
aller MigrantInnen (ca. 1,3 Mio. Menschen)
bes. betroffen: 44% aller türkischen MitbürgerInnen
•
24,4%
aller Personen unter 18 Jahren
•
7,4%
aller Personen über 65 Jahren
•
6,7%
der Erwerbstätigen
* Quelle Sozialbericht NRW 2007
19
Dr. Ulrich Thien
Sozialstaat
In den 777 Mrd. Euro sind sämtliche
Sozialleistungen enthalten (z.B. Renten,
Pensionen, Krankenversicherungsleistungen,
Arbeitslosengeld, Jugend- und Sozialhilfe).
Der Staat, die Unternehmen und die privaten
Haushalte zahlen dafür.
Allerdings: die Bürger kommen letztlich für
die Sozialanteile beim Staat und den
Unternehmen auf:
sie bezahlen mit Steuern und Abgaben das
soziale Engagement; sie kaufen als
Verbraucher Waren und Dienstleistungen.
Fazit: Allein die Steuerzahler und
Konsumenten finanzieren den Sozialstaat.
20
Dr. Ulrich Thien
Armutsberichte zeigen sich in jedem existenzunterstützenden Angebot sehr konkret
Existenzunterstützende Angebote
Ernährung
Tafel, Warenkorb, Suppenküchen,
Mittagstisch
Kleidung
Kleidershops, Babykorb
Einrichtungsgegenstände
Möbelshops
Geldleistungen
Gutscheine, Einzelfallhilfen, Soforthilfen
Beratung
(ehrenamtlich)
Sozialbüros - "Offenes Ohr" u.ä., ASB,
Schuldnerberatung
Beratung
(hauptamtlich)
Allgemeine Sozialberatung, Schuldner- und
Insolvenzberatung, Integration und Migration,
Wohnungslosenhilfe
An Ihren Ort ?
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Dr. Ulrich Thien
Lebenslagenkonzept als Grundlage für Berichte
22
Dr. Ulrich Thien
Arbeit
•
Kosten und Entwicklung der Arbeitslosigkeit
ca. 68 Mrd. Euro betragen die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Arbeitslosigkeit
(lt. Institut für Arbeitsmarkt – und Berufsforschung IAB der BA Nürnberg)
•
Darin stecken ALG I, ALG II, Steuern und Sozialabgaben (Renten-, Kranken-, Pflege-,
Arbeitslosenversicherung), die dem Staat entgehen
23
Dr. Ulrich Thien
Arbeit
Der Niedriglohnsektor ist in Unordnung geraten*
• 7,7 Mio. atypisch Beschäftigte
1997 – 2007 von 18% auf 26% gestiegen
22,5 Mio. Normalarbeitsverhältnisse
(Niedriglohnbeschäftigte, Teilzeitstellen, Leiharbeiter,
befristete Arbeit, Dauerpraktika, verschiedene Formen
moderner Tagelöhnerei)
Rückgang 1,5 Mio.
Jeder 4. arbeitet für einen Niedriglohn
• Der Anteil der Minijobs hat sich von 1995 - 2006 verdreifacht auf ca. 30% der
Niedriglohnarbeitsplätze
• Das Lohnspektrum nach unten dehnt sich weiter aus - Spaltung Arbeitsmarkt
Durchschnittslohn 6,89 € (Westdeutschland), 4,86 € (Ostdeutschland)
• Der Anteil von Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung im
Niedriglohnbereich ist von 58,6% (1995) auf 67,5% (2006) gestiegen
• 1,4 Mio. Menschen erhalten zur Erwerbsarbeit eine Aufstockung durch SGB II –
Leistungen
bes. betroffen: unzureichend Qualifizierte, An- und Ungelernte, viele Migranten
• Für 2009 wird mit ca. 500.000 Kurzarbeitern gerechnet
* Quellen: Uni Duisburg/Essen, IAQ-Report 01/2008, BA 12/2008, IAB
24
Dr. Ulrich Thien
Arbeit
Arm trotz Arbeit
•
Bei 17,6 % der Alleinverdienerhaushalten mit einem Kind reicht das
Einkommen nicht aus, um dem Armutsrisiko zu entgehen
•
Zunahme von „Working Poor“
•
Die Zahl der Arbeitslosen sinkt - die Zahl der Langzeitarbeitslosen steigt
•
Der Facharbeitermangel ist sehr akut – Zunahme offener Stellen
•
Arbeit allein schützt nicht vor Armut
Jemand der 43 Jahre gearbeitet hat, erhält im Alter eine Grundsicherung von 625 €.
•
Diskussion um Mindestlöhne:
Es ist ein elementarer Grundsatz der Sozialstaatlichkeit, dass ein Mensch von seiner
Hände Arbeit leben muss und nicht unter dem soziokulturellen Existenzminimum liegt.
25
Dr. Ulrich Thien
Arbeit
Lahmende Konjunktur fördert Schwarzarbeit
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Dr. Ulrich Thien
Lebenshaltungskosten
•
Armut und Einkommen
Zwang, das kaufen zu müssen, was gebraucht wird. Nutzung von Angeboten
einer Vorratshaltung ist nicht möglich. Daraus folgt: gezwungene Inanspruchnahme von
Tafeln, Kleider- oder Möbelshops und anderen existenzunterstützenden Angeboten.
•
Keine oder wenig Möglichkeiten zur Ansparung von Gebrauchsgütern
(Waschmaschine, Betten, Küchengeräte u.ä.)
•
Keine Möglichkeiten, für das Alter vorzusorgen
•
Mietschulden, Energieschulden, Umzüge in schlechte Wohngegenden,
Wohnungslosigkeit, ...
•
Zuzahlungen im Rahmen der Gesundheitsreform werden unbezahlbar (keine
Brille, schlechte Zähne, kein Hörgerät, Medikamente, Vorsorgeuntersuchungen ...)
•
Keine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben (Kino, Zoo, Museum, Schwimmen,
sportliche, kulturelle und/oder gesundheitliche Förderung, Fortbildung, ...)
•
Ausschluss von Kindern bei Klassenfahrten, Geburtstagen, Freizeitaktivitäten
27
Dr. Ulrich Thien
Verschuldung
Armut und Verschuldung
•
Als „überschuldet“ gilt eine Person, wenn sie nicht in der Lage ist, ihre
Schulden innerhalb eines überschaubaren Zeitraums unter Einsatz
vorhandenen Vermögens und freien Einkommens zu begleichen, ohne dabei
die eigene Grundversorgung zu gefährden
•
Gründe sind neben Langzeitarbeitslosigkeit, Konsumverhalten auch das
herrschende Geld-, Konten-, Kreditkarten, Raten- und Leasingsystem
•
3. ARB: Verschuldung armer Haushalte ist gesunken!
-
Blickwinkel nur Kreditschulden, nicht berücksichtigt sind Mietschulden, Schulden
bei Energiekonzernen, Versandhäusern u.ä.
Die negativen Auswirkungen von Mehrwertsteuer- und Energiepreiserhöhungen
auf Haushalte mit geringem Einkommen werden nicht erwähnt
•
720.000 Personen sind in NRW überschuldet
•
ca. 3 Mio. Haushalte bundesweit überschuldet (jeder 12. Haushalt),
weitere 1,2 Mio. akut gefährdet (Statistisches Bundesamt Okt. 2008)
(Steigerung um 6,5% gegenüber 2004)
28
Dr. Ulrich Thien
Verschuldung
Schulden nach Altersklassen
•
400.000 Privatpersonen im Verbraucherinsolvenzverfahren seit 1999, mehr als 105.000 in 2007
•
weitere 300.000 Personen gelten als überschuldet aufgrund einer selbstständigen Tätigkeit
•
Gesamtschulden belaufen sich auf geschätzte 70 Mrd. Euro (der größte Teil ist uneinbringbar):
- Ø 37.000 Euro
- Ø 160.000 Euro bei Schulden mit Immobilienbesitz
- Ø 96.000 Euro bei früherer Selbstständigkeit
29
Dr. Ulrich Thien
Armut und Bildung
•
Kinder aus einkommensarmen Familien haben ein doppelt so hohes
Risiko, in ihrer sprachlichen, sozialen und gesundheitlichen Entwicklung
beeinträchtigt zu sein
•
Diese Kinder hören viel weniger Wörter, haben geringeren Wortschatz,
haben einen 9 Punkte geringeren IQ
•
46 % der „Einkommensarmen“ haben keinen beruflichen
Bildungsabschluss, in der übrigen Bevölkerung 18,5 %
•
in keinem anderen Land Europas ist der Schulerfolg von Kindern so stark
von Bildung und Einkommen der Eltern abhängig wie in Deutschland
•
Immer mehr Kinder kommen am 1. Schultag nicht zur Schule u.a. wegen
fehlender Schultüte, …
30
Dr. Ulrich Thien
Gesundheit
•
•
•
•
Krankheit macht arm, weil
gesundheitliche Einschränkungen die
Chancen am Arbeitsmarkt
verschlechtern
Armut macht krank, weil Arme
gesundheitlichen Belastungen stärker
ausgesetzt sind
Im 3. ARB werden die Gesundheitsreformen (2004, 2007) als Verbesserung der Gesundheitsversorgung
dargestellt, was zahlreicher Studien
und der Praxis widerspricht
Arme und alte Menschen gehen seit
Einführung der Praxisgebühr seltener
zum Arzt, Vorsorgemaßnahmen von
Kindern werden unregelmäßiger
wahrgenommen u.ä.
31
Dr. Ulrich Thien
32
Dr. Ulrich Thien
Konsequenzen
1.
Armut und Reichtum beinhalten eine Diskussion um soziale Werte in der
Gesellschaft – für einen respektvollen Umgang mit dem Thema Armut
2.
Menschen brauchen eine armutsfeste Politik
-
3.
Sozialer Arbeitsmarkt – Integration in Arbeit
Für Menschen, die auf absehbare Zeit keine Chancen auf eine Beschäftigung im
-
4.
existenzsichernde Arbeitsplätze
mehr Geld für Sozialleistungen
Entlastungen speziell für Familien
„Kein Kind ohne Mahlzeit“ – braucht gesetzl. Grundlage
1. Arbeitsmarkt haben, sollten dauerhaft öffentlich geförderte
Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden.
Arbeitsmarktpolitik muss stärker Langzeitarbeitslose im Blick haben
Verbesserungen der Sozialgesetzgebung
Teilhabechancen in allen Lebensbereichen verbessern (z.B. Teilhabe- und Familienpass,
Bildungsbemühungen armer Familien systematisch fördern in Kitas, OGS..)
33
Dr. Ulrich Thien
Konsequenzen - Forderungen
5.
Die politische Dimension existenzunterstützender Angebote beachten:
-
Die Ursachen der Armut bekämpfen.
Die Grundversorgung aller Menschen in unserem Land muss sozialstaatlich gesichert sein!
Träger von Tafeln, Suppenküchen, Kleider- und Möbelshops u.a. müssen sich
neben ihrem direkten Engagement für die Betroffenen immer auch sozialpolitisch
für eine Verbesserung der gesellschaftlichen und gesetzliche Rahmenbedingungen engagieren.
6.
Nachhaltigkeit
Armut ist hinsichtlich der psychischen und sozialen Folgen oft lang anhaltend.
Ein nachhaltiges Agieren bedeutet,
- Ursachen und Wechselwirkungen mit anderen Lebenslagen immer einbeziehen und
- sich mit Armut als Dauerzustand bestimmter Personengruppen nicht abzufinden!
7.
Einsetzen für eine bessere, gerechtere Gesellschaft
Gerechtigkeit bedeutet, "dass die gesamtgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen
wir leben, vor denen gerechtfertigt werden können, die am schlechtesten gestellt sind". (Hengsbach
2009)
34
Dr. Ulrich Thien
Wer die Armen sich selbst
überlässt, raubt nicht nur
ihnen ihre Lebenschancen.
Er bestiehlt die Gesellschaft,
die mit der Kreativität, der
Fantasie, dem Potential dieser
Menschen reicher wäre!
35
Dr. Ulrich Thien
Literaturangaben
•
•
•
•
•
Armen eine Stimme geben, Hrsg. Freie Wohlfahrtspflege NRW, in: Sozialbericht NRW, Armutsund Reichtumsbericht, Düsseldorf 2007 (Sonderdruck)
Caritasverband für die Diözese Münster (Hrsg.), Arme haben keine Lobby, Caritas-Report zur
Armut, Freiburg 1987
Lebenslagen in Deutschland – Dritter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung,
Berlin 2008 (3. ARB)
Sozialbericht NRW, Armuts- und Reichtumsbericht, Düsseldorf 2007 (www.mags.nrw.de)
Wort des Rates der evangelischen Kirchen in Deutschland und der Deutschen
Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland, für eine Zukunft in
Solidarität und Gerechtigkeit, Hannover/Bonn 1997
36
Dr. Ulrich Thien
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit !
Dr. Ulrich Thien, Münster
Diözesancaritasverband Münster
Leitung Referat Soziale Arbeit
Tel.: 0251/8901-296
Mail: [email protected]
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Dr. Ulrich Thien

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