Anna Mikulová
 Der
Begriff des Diskurses wurde laut
unterschiedlicher philosophischer und
allgemeiner Lexika ursprünglich in der
Bedeutung „erörternder Vortrag“ oder „hin
und her gehendes Gespräch“ verwendet. Seit
den 1960er Jahren wird der Begriff jedoch
zunehmend von so genannten Diskurstheorien
verwendet und erhält je nach Theorie eine
völlig neue spezifische Bedeutung. Der
aktuell populäre Begriff „Diskurs“ wird heute
meist in Anlehnung an das Konzept der
Diskursanalyse von Michel Foucault
verwendet.
Grundlegend für die Diskurstheorie im Sinne von
Habermas ist ein bestimmtes Verständnis von
Sprache und Verständigung, wie es Habermas in
seiner Theorie des kommunikativen Handelns
entwickelt hat. Danach wird unterschieden
zwischen
 kommunikativem Handeln, in Form regelmäßig
verständigungsorientierter Äußerungen, sog.
Sprechakten, und
 strikt eigeninteressiertem "strategischen
Handeln".
 Nach diesem Verständnis verhält sich das
strategische Handeln zum kommunikativen
Handeln parasitär, das den Originalmodus des
Sprechens darstellt.

Grundlegend für die Diskurstheorie im Sinne von
Habermas ist ein bestimmtes Verständnis von
Sprache und Verständigung, wie es Habermas in
seiner Theorie des kommunikativen Handelns
entwickelt hat. Danach wird unterschieden
zwischen
 kommunikativem Handeln, in Form regelmäßig
verständigungsorientierter Äußerungen, sog.
Sprechakten, und
 strikt eigeninteressiertem "strategischen
Handeln".
 Nach diesem Verständnis verhält sich das
strategische Handeln zum kommunikativen
Handeln parasitär, das den Originalmodus des
Sprechens darstellt.


Jürgen Habermas bezeichnet in seiner Theorie des
kommunikativen Handelns den Diskurs als Prozess einer
Aushandlung von individuellen Geltungsansprüchen der
einzelnen Akteure (bei Habermas auch als "Aktoren"
bezeichnet). Ein Merkmal der Sprache ist dabei nach
Habermas die ihr innewohnende Rationalität. Die
Ergebnisse einer Kommunikation – wenn sie frei ist von
Verzerrungen durch Macht oder Hierarchien – sind ihm
zufolge zwangsläufig rational. Als Ideal, als beste
Versicherung für wahrhaftige Erkenntnisse, sieht er somit
den "herrschaftsfreien Diskurs" - aufgebaut auf
Diskursnormen (Prinzipielle Gleichheit der Teilnehmer,
Prinzipielle Problematisierbarkeit aller Themen und
Meinungen, Prinzipielle Unausgeschlossenheit des
Publikums) und authentischen Gefühlen. Die dadurch
erreichte kommunikative Realität soll das beste Argument
zum Gewinn bringen - auf welches weiter aufgebaut
werden kann.

Der aktuell populäre Begriff "Diskurs" bezieht sich
jedoch nicht auf Habermas oder etwa die Theorien
der Gesprächs- und Konversationsanalyse der 1970er
Jahre. Im Sinne einer Diskurstheorie wird der Begriff
heute meist in Anlehnung an das Konzept der
Diskursanalyse von Michel Foucault verwendet. Grob
vereinfacht meint Foucault mit Diskurs das in der
Sprache aufscheinende Verständnis von Wirklichkeit
einer jeweiligen Epoche. Die Regeln des Diskurses
definieren für einen bestimmten Zusammenhang,
oder ein bestimmtes Wissensgebiet, was sagbar ist,
was gesagt werden soll, was nicht gesagt werden
darf, und von wem es wann in welcher Form gesagt
werden darf (zum Beispiel nur in Form einer
wissenschaftlichen Aussage).
Die sogenannte "diskursive Praxis" setzt sich
zusammen aus
 sprachlichen Aspekten (dem Diskurs) und
 nichtsprachlichen Aspekten (zum Beispiel
politische Institutionen oder Architektur).
 In manchen an Foucault anschließenden Theorien
wird der Vollzug bestimmter (körperlicher)
Darstellungsweisen (Performativität) als Teil der
diskursiven Praxis verstanden. Beispielsweise
bestimmte feministische Theorien fassen die
Geschlechtsidentität selbst als diskursive Praxis
auf (vgl. Judith Butler). Die heute als real
wahrgenommenen Unterschiede zwischen Mann
und Frau können so als diskursive Konstruktion
dargestellt werden.


Beispiel: An einem Beispiel soll die Möglichkeit
zur konstruktiven Verwendung des
Diskursbegriffs deutlich gemacht werden: Der
Begriff "Ausländerflut" ist eine Konstante im
"Immigrations-Diskurs" in Deutschland, ein
Begriff, der impliziert, Immigranten träten in
"Fluten" und damit z. B. als Naturphänomen und
Naturkatastrophe auf. In der Analyse des
Diskurses zeigt sich, in welcher Weise wir über
die Welt nachdenken – in diesem Fall über das
als Immigration problematisierte Phänomen der
Überschreitung (eigentlich auch nur gedachter)
Grenzen. Wenn Einwanderung häufig in
Verbindung mit Flut in unserem Denken und
Reden auftaucht, so hat das tiefergehende
Bedeutung.
 Diskursanalyse
ist ein Oberbegriff für die
sozial-, sprach- oder
geschichtswissenschaftliche Analyse von
Diskursphänomenen. Je nachdem, was als
Diskurs betrachtet wird, gibt es dafür
unterschiedliche Interpretationen. In den
Sozialwissenschaften ist nicht nur die Form,
sondern auch der Inhalt des Diskurses
Gegenstand der Analyse.

Allgemein untersucht Diskursanalyse den
Zusammenhang von sprachlichem Handeln und
sprachlicher Form, sowie den Zusammenhang
zwischen sprachlichem Handeln und
gesellschaftlichen, insbesondere institutionellen,
Strukturen. Während man sich in den
Sozialwissenschaften i.A. für
situationsübergreifende Ordnungen der
Sinnproduktion interessiert, ist aus
sprachwissenschaftlicher Sicht die Abgrenzung
des Diskurses (als pragmatisches Phänomen)
gegenüber dem Text (als sprachliche Struktur des
Diskurses, welcher unter anderem in der
Textlinguistik untersucht wird) bemerkenswert.
 Bei
einer Diskursanalyse können folgende
Themen Beachtung finden:
 Sprechakttheorie
 Deixis
 Interjektionen und Responsive
 Reparaturmechanismus
 Sprecherwechsel
 Thema-Rhema-Gliederung

Die Sprechakttheorie, auch Sprechhandlungstheorie, ist
die philosophische Auffassung, dass mit sprachlichen
Äußerungen (Reden) nicht nur Sachverhalte beschrieben
und Behauptungen aufgestellt, sondern darüber hinaus
Handlungen (Akte) vollzogen werden, die für sich
genommen bereits eine Änderung des Zustands der Welt
zur Folge haben. Sie behauptet, dass zum Beispiel eine
Anordnung (Befehl, gerichtliche Verfügung),
Namensgebung einer Person oder Sache (Taufe,
Benennung), die Selbstverpflichtung, etwas zu tun
(Versprechen), der Hinweis auf eine Gefahr (Warnung) oder
eine seelisch verletzende Aussage (Beleidigung) ebenso
eine Veränderung der Realität sind wie etwa das Zerstören
einer Vase. Die Sprechakttheorie untersucht das Wesen
sprachlicher Handlungen, ihre Klassifikation und ihre
Erklärung. Zu den wichtigsten Vertretern zählen John
Langshaw Austin und John Searle.

Interjektionen (von lat. interiectio, wörtlich „Einwurf“)
bilden eine der in der Sprachwissenschaft traditionell
unterschiedenen Wortarten. Sie sind definiert als
Einzelwörter oder feste Wortverbindungen, die in ihrer
Form unveränderlich sind und syntaktisch unverbunden als
satzwertige (holophrastische) Äußerungen gebraucht
werden. Lexikalisch haben sie keine Bedeutung im engeren
Sinn. Im Unterschied zu Verzögerungslauten (wie äh oder
ähm) drücken sie jedoch eine bestimmte Empfindung,
Bewertungs- oder Willenshaltung des Sprechers aus oder
übermitteln eine an den Empfänger gerichtete
Aufforderung oder ein Signal der Kontaktaufnahme oder vermeidung. Die genaue Bedeutung ist oft abhängig von
der Intonation, die etwa bei der Interjektion hey
zusammen mit anderen Faktoren des Äußerungskontextes
darüber entscheidet, ob es sich um eine Kontaktaufnahme
(hey?), die Aufforderung zu einer Unterlassung (hey!) oder
um einen Trost- oder Koselaut (hey langgezogen und mit
fallender Betonung) handelt.
 Deixis,
Pl. Deixeis (von griech. δείκνυμι,
„zeigen“, lat. demonstratio) ist ein
Fachbegriff aus der allgemeinen
Sprachwissenschaft. Er bezeichnet im
weitesten Sinne sprachliche Einheiten, die
ihre Bedeutung erst im Kontext einer
bestimmten Sprechsituation erlangen. In
manchen Lesarten wird mit dem Begriff
Deixis auch der Vorgang bezeichnet, in dem
bestimmte sprachliche Einheiten ihre
Bedeutung aus dem Kontext erlangen.


Eine Sprechsituation ist eine Situation, in der ein
Sprechakt vollführt wird. Sie fasst im weitesten Sinne
alle Informationen zusammen, die während des
Sprechaktes implizit gegeben sind, also nicht explizit
verbal geäußert werden. Dazu gehören beispielsweise
der Raum, in dem sich die Kommunizierenden
befinden, das Weltwissen, über das die am Sprechakt
beteiligten Personen verfügen, oder Informationen
über den Zeitpunkt, an dem kommuniziert wird.
Deiktische Ausdrücke sind demnach solche Ausdrücke,
die sich auf eine dieser nicht verbal gegebenen
Informationen beziehen, deren Bedeutung also erst in
der bestimmten Sprechsituation ersichtlich wird.[1].
Man nennt solche Ausdrücke auch indexikalische
Ausdrücke, deiktische Ausdrücke, Indexausdrücke'[1],
Deiktika[1], Indikatoren oder auch Zeig(e)wörter.
„Deiktisch sind jene Ausdrücke, die auf die
personellen, temporalen oder lokalen
Charakteristika der Sprechsituation verweisen,
z. B. ich – du, jetzt – dann, hier – da.“
 – Dürr/Schlobinski, Deskriptive Linguistik (2006),
S. 294
 Die Deixis wird je nach Konzept der Semantik
oder der Pragmatik zugeordnet oder als deren
Bindeglied angesehen[2], herrschend wohl als
Teilgebiet der linguistischen Pragmatik, die sich
mit der Verwendung von Sprache in bestimmten
Situationen befasst.



Es gibt unterschiedliche Deixisauffassungen.[5] (S. auch
Indexikalität)
Personaldeixis (ich, du): Um zu wissen, auf wen/was diese
Deixis zeigt, muss man wissen, wer der Sprecher bzw.
Hörer ist, also die Gesprächssituation kennen.



Der Obviativ (lat. obvius, „entgegenkommend“) stellt etwa bei
einigen nordamerikanischen Sprachen über spezielle Pronomina
die Möglichkeit zur Verfügung, zwischen „unmittelbar
vorerwähnt“ (proximat) und „nicht unmittelbar vorerwähnt“
(obviativ) morphologisch zu differenzieren. Beispiele dt. dieser
– jener und lat. iste – ille
Objektdeixis (dieser, jener): Ein Demonstrativpronomen
verweist auf Näheres (Proximal) oder Ferneres (Distal) mit
Bezug auf den Sprecher oder Hörer (Medial).
Lokale Deixis (hier, dort): Lokaladverbien können auch mit
Bezug auf den Sprecher bzw. Hörer auf Näheres und
Ferneres verweisen.
 Temporale
Deixis (jetzt, dann): Ein Bezug
zum Äußerungszeitpunkt wird hergestellt.
Hierher gehören auch die Tempusformen.
 Textdeixis bzw. Diskursdeixis bezieht sich auf
vorangehende/folgende Elemente eines
Textes: In vielen Sprachen können hierfür
auch Demonstrativpronomina verwendet
werden. (Was ich sagen will, ist
dies/Folgendes: …)
Der Sprecherwechsel (auch turn-taking, engl.
turn taking) ist ein gängiges Phänomen in
Gesprächen, das dafür Sorge trägt, dass und wie
mehrere Gesprächsbeiträge (turns) auf die
Gesprächsteilnehmer verteilt werden.
 Die Konversationsanalyse geht davon aus, dass
ein lokaler Mechanismus (local management
system) die Vergabe des Rederechts reguliert. An
einer übergaberelevanten Stelle eines
Gesprächsbeitrags (transition relevant place,
TRP), die u. a. durch intonatorische und
semantische Mittel angezeigt wird, kann ein
Sprecherwechsel nach bestimmten Regeln
erfolgen:

 1)
Sprecher A wählt in seinem Beitrag
Teilnehmer B aus (Fremdwahl). Nach der
nächsten TRP darf B sprechen.
 2a) Wählt Sprecher A in seinem Beitrag
niemanden aus, so darf sich jeder selbst
auswählen und das Wort ergreifen
(Selbstwahl).
 2b) Wählt Sprecher A niemanden in seinem
Beitrag aus, so kann auch er sich erneut
auswählen und weitersprechen.

Dieses System ist so effizient, dass es nur in etwa 5%
der Fälle zu einer Überlappung von Beiträgen
(overlaps) kommt. Diese Überlappungen entstehen
durch eine Ausbeutung oder Missachtung des
Regelsystems oder durch eine 'Fehlberechnung' eines
Beitrags – wenn etwa Beiträge als 'beendet'
interpretiert werden. Im Fall 2a kann es auch zu
Konkurrenzkämpfen um das Rederecht kommen.
Normalerweise korrigiert ein Lösungssystem derartige
Überlappung durch einen Abbruch. Die überlappte
Beitragsstelle wird dann meistens wiederholt. Es
wurde übrigens beobachtet, dass in Gesprächen vor
allem Teilnehmer mit einem niedrigeren Sozialstatus
ihren Beitrag bei einer Überlappung als erste
abbrechen. Es gibt auch Sprachgemeinschaften, in
denen dieser Sprecherwechsel ausschließlich über das
soziale Statussystem geregelt wird
Das Thema ist die Ausgangsinformation, das
schon Bekannte, während das Rhema die darauf
bezogenen Ausführungen bzw. das inhaltlich
Neue bezeichnet. Einheiten können aus dem
vorangehenden Text bekannt und vorher
eingeführt sein (Beispiel 1) oder aber sich aus
dem Vorwissen ergeben (Beispiele 2 und 3).
 (1) Es war einmal ein König (Rhema). Der
(Thema) hatte drei Töchter (Rhema).
 (2) In Berlin (Thema) hat es heute geregnet
(Rhema).
 (3) Ich (Thema) habe gerade einen Anruf
bekommen (Rhema).

 Als
Ausdrucksmittel für die Thema-RhemaStruktur dienen im Deutschen vor allem: die
Betonung (des Rhemas), die Satzgliedstellung
(Thema am Satzanfang, Rhema am -ende)
und besondere grammatische oder
lexikalische Mittel der Perspektivierung wie
etwa das Passiv. Sowohl das Thema als auch
das Rhema können mehrere Satzglieder
umfassen, wobei in einem Satz das Thema
fehlen kann. Satzglieder mit dem größten
Mitteilungswert befinden sich in der Regel
am Ende des Satzes.








Der Thema-Rhema-Gliederung (alt – neu) werden folgende
Gliederungen zur Seite gestellt:
Fokus-Hintergrund-Gliederung (relevant – weniger
relevant)
Topik-Kommentar-Gliederung (worüber – was)
Molnar teilte die Gliederungen dem Organon-Modell
folgendermaßen zu:
Senderebene des Ausdrucks: Fokus-Hintergrund-Gliederung
Sachebene der Darstellung: Topik-Kommentar-Gliederung
Empfängerebene des Appells: Thema-Rhema-Gliederung
In der Textlinguistik wird die Thema-Rhema-Gliederung
eingesetzt, um als Thema-Rhema-Progression Typen der
Satzverbindung und damit der Kohärenz bzw. Kohäsion
zwischen Sätzen zu bestimmen.

Diskurs