Wie entsteht und verbreitet sich
Lautwandel in der Gemeinschaft?
Das Lautwandel-Modell von John Ohala
Jonathan Harrington
Siehe insbesondere
Ohala, J. J. 1993. The phonetics of sound
change. In Charles Jones (ed.), Historical
Linguistics: Problems and Perspectives. London:
Longman. 237-278
und andere Veröffentlichungen hier
http://linguistics.berkeley.edu/PhonLab/users/ohala/index3.ht
ml
Forschung im IPS auf Ohalas Modell basiert
Harrington, J., Kleber, F., and Reubold, U. (2008). Compensation for
coarticulation, /u/-fronting, and sound change in Standard Southern British:
an acoustic and perceptual study. Journal of the Acoustical Society of
America, 123, 2825-2835.
Haupteigenschaften von Ohalas Modell
Eine enge Beziehung zwischen synchroner Variabilität
und Lautwandel.
Lautwandel-Analyse kann nur durch die physischen
Prinzipien der Sprachproduktion und –perzeption
verstanden werden.
Es muss zwischen den Ursprung und die Verbreitung
des Lautwandels unterschieden werden
Der Ursprung des Lautwandels ist eine Fehlinterpretation
des Hörers: Hypo- und Hyperkorrektur.
Lautwandel ist nicht kognitiv, nicht phonologisch, und
nicht teleologisch (ziellos).
Lautwandel ist hörbar und abrupt: dessen
Verbreitung kann allmählich sein
1. Synchrone Variabilität und Lautwandel
Ohala: "Today's variability is tomorrow's sound change"
1. Synchrone Variabilität und Lautwandel
Viele Gemeinsamkeiten
Synchron:
Rat geben -> Ra[k] geben
Diachron:
Latein: adplicare -> Italienisch: applicare
Synchron: Kindersprache.
Mandarin-Chinesisch: /bama/ -> [baa]
Diachron: Latein: una, Franz. /œ/
2. Lautwandel, Produktion, Perzeption
Physiologische und akustische/auditive Prinzipien
gestalten nicht nur die synchrone Variabilität,
sondern die universellen Eigenschaften und
Verteilung der Laute in den Sprachen der Welt.
Lautwandel hat seine Wurzeln in genau denselben
Prinzipien.
Daher um Lautwandel zu verstehen, müssen wir die
physischen Prinzipien verstehen, die die Produktion
und Perzeption der Sprache ermöglichen.
Daher sind empirische Untersuchungen der
synchronen Variabilität für Analysen des
Lautwandels unentbehrlich.
2. Lautwandel, Produktion, Perzeption
Analog zur Geologie…
…progress in geology was made by adopting the
uniformitarian principle, that the composition of the
stars and the earth and the forces and processes that
shaped them are the same as the elements and
forces that are detectable now
Sound change is based on uniformitarianism:
variation in speech studied today parallels variation
in centuries past.
2. Lautwandel, Produktion, Perzeption
Lautwandel-Produktion (Beispiel)
die meisten Plosiv-Geminaten sind in den Sprachen
der Welt stimmlos (zB Italienisch /fatto/).
Lautwandel: mehrere Beispiele, /d:/ -> /t:/. Kein
Beispiel /t:/ -> /d:/.
Begründung
Der subglottale Luftdruck muss höher als der
supraglottale sein, damit die Stimmlippen vibrieren, und
Stimmhaftigkeit zustande kommt.
Wenn der Mundraum geschlossen ist, steigt der
supraglottale Luftdruck und die Stimmhaftigkeit wird
gelöscht.
2. Lautwandel, Produktion, Perzeption
Auditives Prinzip
Nasalisierung hat auditiv eine Senkung der
Vokalhöhe zur Folge.
zB (a) Synthese von [] (b) Vokal wird nasalisiert, ohne
die Formanten zu ändern: wahrgenommen als [ã]
Synchron: Nasalisierte Vokale in den Sprachen der Welt
sind eher phonetisch offen. ([u] ist zB selten )
Lautwandel: wenn durch Lautwandel Vokale nasaliert werden,
dann senkt sich auch oft die phonetische Höhe.
Franz. ‘braun’ (w)
[bRyn] jedoch
Franz. ‘braun’ (m)
[bRœ̃] (nicht [bry])
3. Ursprung des Lautwandels nach Ohala
3. Ursprung des Lautwandels
Lautwandel wird allzu oft im Rahmen der
Vereinfachung der Artikulation interpretiert (also
Lautwandel kommt zustande, weil sich Sprecher nicht
so viele Mühe geben wollen).
Ohalas Kritik:
es ist sehr schwierig, artikulatorische Mühe, oder
Vereinfachung der Artikulation zu definieren.
akustische Eigenschaften und der Hörer spielen eine
viel bedeutendere Rolle als zuvor vermutet.
3. Ursprung und Verbreitung des Lautwandels
1. Variation in der Produktion der Sprache verursacht
Zweideutigkeiten in der Perzeption der Sprache.
2. Wegen der Zweideutigkeiten macht der Hörer
manchmal eine falsche Interpretation des intendierten
Lautes. Dies ist der Ursprung eines Mini-Lautwandels.
3. Ob dieser Mini Lautwandel zu einem tatsächlichen
(Maxi) Lautwandel wird, hängt von psychologischen und
soziologischen Faktoren ab.
1. Und 2: = der Ursprung des Lautwandels.
3: = die Verbreitung des Lautwandels.
1. und 2, und nicht 3, gehören (laut Ohala) zur
Phonetik und sollen experimentell untersucht werden.
Wie kommt laut Ohala ein Mini Lautwandel zustande?
Im allgemeinen durch eine vom Hörer, falsche
Interpretation der Koartikulation.
Hypokorrektur
Hyperkorrektur
Die koartikulatorischen
Wirkungen werden
versehentlich als
intendiert interpretiert
Ein intendiertes Merkmal
wird vesehentlich der
Koartikulation zugeordet.
Die Grundlage für Hypo- und Hypokorrektur ist, dass in der
Sprachwahrnehmung Hörer für die Koartikulation
kompensieren...
Kompensierung für die Koartikulation: ein Beispiel
1. Lippenrundung verursacht eine akustische
Senkung der Energie im Geräusch
2. Ein Hörer kennt die Wirkungen der Lippenrundung
und 'schiebt' perzeptiv das Geräusch vom gerundeten
[s] in der Frequenz nach oben
PERZEPTION
Frequenz vom Geräusch
AKUSTIK
si
si
su
Hörer macht
die
Koartikulation
rückgängig
*e.g. Fujisaki & Kunisaki, 1977; Mann & Repp, 1980;
su
Beweise
Ein Kontinuum zwichen /s-ʃ/ wird vor /u/ und vor /a/
synthetisiert – durch Frequenz-Senkung der Energie
Frequenz vom Geräusch
Derselbe Stimulus in /s-ʃu/ wird mit einer größeren
Wahrscheinlichkeit als "s" wahrgenommen. Wieso?
s
ʃ
Weil: Ein Hörer kennt die koartikulatorischen Wirkungen der
Lippenrundung und schiebt perzeptiv das Geräusch vom
gerundeten [s] in der Frequenz nach oben
+ /u/
s

+ /a/
Lautwandel und Hypokorrektur in Ohala
(der Hörer meint: "der
Sprecher intendierte /ci/")
Sprecher
Hörer
rekonstruiert /ci/
plant /ki/
erzeugt
[ci]
rekonstruiert /ki/
kompensiert für
Koartikulation
Akustik
[ci]
Hörer als Sprecher
Lautwandel: /k/
-> /c/
plant /ci, cu/
/c/ wird phonologisiert, weil
es produziert wird, auch in
Kontexten die sich nicht
durch die Koartikulation
erklären lassen
[ci, cu]
Hypokorrektur (fortgesetzt)
Warum wird nicht korrigiert?
Vielleicht weil Kinder die komplizierten
Koartikulationsregeln noch nicht ganz beherrschen.
Es gibt mehrere Beweise aus der Soziolinguistik,
dass Lautwandel hauptsächlich wegen jungen
Leute zustande kommt.
Hypokorrektur (warum wird nicht korrigiert)?
Der Kontext, der für die Koartikulation verantwortlich ist,
geht allmählich verloren.
zB Sprecher intendiert: /on/
Nasalisierung
[on]
Koart. Kompensierung
Hörer rekonstruiert /on/
Nasalisierung und
silbenfinale K Schwächung
[on]
[n] wird kaum
wahrgenommen, daher geht
der Ursprung für
Nasalisierung verloren,
daher keine Kompensierung
rekonstruiert:/on/ oder eher
Lautwandel und Hyperkorrektur
Sprecher intendiert /mana/
Erzeugt: [mana]
Koart. Kompensierung
Hörer rekonstruiert /mana/
Hyperkorrektur (=korrigiert zu viel!)
/mada/
D.h., der Hörer meint: der Sprecher intendierte /mada/
und [n] ist nur unter dem Einfluss vom nasalen /m/
zustande gekommen.
Hyperkorrektur und Lautwandel
Dissimilation
Latein: /kwɪnkwe/ -> /kɪnkwe/
(und dann /tkwe/, 'fünf')
Sprecher intendiert: /kwɪnkwe/
Erzeugt:
[kwɪnkwe]
Mit Lippenrundung
Hyper-Kompensierung: Hörer entfernt nicht nur die
Lippenrundung, die wegen Koartikulation in [k] und [ɪnk]
zustande kommt, sondern auch die vom Sprecher
intendierte Lippenrundung im ersten [w]
Wahrgenommen als:
/kɪnkwe/ oder /kɪnkwe/
Hyperkorrektur und Lautwandel
Hyperkorrektur-Lautwandel betrifft eher Laute, die
mehrere Segmente überbrücken, also Merkmale, die ein
langes Zeitfenster haben (von über 100 ms). Wie zB
Labialisierung, Palatalisierung, Velarisierung = die nicht
robusten Sprachlaute.
Robuste Sprachlaute
Laute wie [p, t, m] die in
den meisten Sprachen
vorkommen.
Nicht-robuste Sprachlaute
Laute, die es in Sprachen
nur gibt, nachdem die
robusten Laute
ausgeschöpt sind.
zB keine Sprache hat [tw, kw]
ohne auch [t, k]. Daher ist [w]
nicht robust.
Weitere Unterschiede
HypokorrekturLautwandel
HyperkorrekturLautwandel
Der Kontext, der für den Lautwandel verantwortlich war:
geht oft verloren
zB /on/ -> /o/
kann nie verloren gehen
kw
nkwe/ -> /k
nkwe/
Kann Lautwandel neue Segmenten bilden, die noch nicht
Bestandteil des Phoneminventars sind?
Ja, wie /o/
Nein
5. Lautwandel ist nicht kognitiv, nicht
phonologisch, nicht teleologisch
Nicht kognitiv
Lautwandel erfolgt durch natürliche, physiologische und
auditive Prinzipien.
Sprecher und Hörer sind sich dieser Prinzipien nicht
bewusst. (Analogie: das Verdauen ist nicht kognitiv d.h.
man braucht nicht von Vorgängen der Chemie informiert
zu sein, und Speisen zu verdauen).
Insofern ist für Ohala Lautwandel nicht kognitiv –
sondern ein für den Sprecher und Hörer unauffälliger
Vorgang, der aus den physischen Prinzipien der
Beziehungen zwischen der Produktion und der
Perzeption der Sprache auf eine natürliche Weise
entsteht.
Nicht phonologisch
Laut der generativen Phonologie kommt Lautwandel
wegen einer Änderung in der Grammatik vor.
Jedoch kann dies nicht der Fall sein wenn:
(a) (laut der generativen
Phonologie) die
Phonologie kognitiv ist
und
(b) Lautwandel durch
nicht kognitive
Vorgänge entsteht.
Vor allem ist für Ohala die (gesamte) Phonologie eine
Beschreibung, aber keine Erklärung.
Eine phonologische Regel wie:
/o/ -> /o/ _ +nasal (Lautwandel Regel)
ist die verkehrte Metasprache, um Lautwandel zu erfassen.
Nicht teleologisch
Teleologie = folgt einem Ziel, hat einen Sinn, einen Zweck.
Lautwandel kann nicht teleologich sein, weil Lautwandel
unbeabsichtigt durch eine fehlerhafte Interpretation (des
Hörers) zustande kommt…
Und daher, contra viele Forscher: Lautwandel kommt nicht
zustande, um die Sprache zu verdeutlichen, oder zu
verbessern (oder weil, wie oft vermutet wird, junge Leute
absichtlich die Sprache für die ältere Generation
unverständlicher machen wollen).
Ohala: “For the same reason that the mature sciences such as
physics and chemistry do not explain their phenomena (any
more) by saying that the gods willed it, linguists would be
advised not to have the speaker's ‘will’ as the first explanation
for language change”.
Ursprung und Verbreitung des Lautwandels
Ursprung: Phonetik
1. Variation in der Produktion
2. Fehlerhafte Interpretation in der Perzeption.
Abrupt/plötzlich/vollständig. /ci/ wird statt /ki/
wahrgenommen – keine allmähliche Änderung von /k/ in /c/.
Verbreitung: Psychologie, Soziologie.
3. Mini Lautwandel -> tatsächlicher (Maxi) Lautwandel
Nur die wenigsten Mini-Lautwandel -> Maxi-Lautwandel
Allmählich. zB allmählich verbreitet sich die /k/ -> /c/
Änderung in der Sprechergemeinschaft…
Ursprung des Lautwandels: Phonetik
Mini-Lautwandel unterliegen naturwissenschaftlichen
Prinzipien, die genau so wie in der Physik entdeckt
werden können. Wir müssen diese Prinzipien zuerst
ausschöpfen, bevor wir zu den psychologischen und
soziologischen Prinzipien schreiten.
Verbreitung des Lautwandels: Psychologie, Soziologie
Der Vorgang ist nicht wissenschaftlich und oft ‘ad hoc’
(willkürlich) hauptsächlich weil die Verbreitung durch so viele
Variablen beeinflusst wird: Phonologie, Morphologie,
Orthographie, Syntax, Semantik, Eigenschaften des
Sprechers….
Daher lässt sich auch nicht die Frage wissenschaftlich
beantworten: warum verbreitet sich ein Lautwandel in einer
Sprache aber nicht in einer anderen?

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