Jugend und Werte
Ergebnisse neuerer Wertestudien
© Prof. Martin Lechner 2005
Allgemeine Vorüberlegungen zum Wertewandel
Werteverfall oder Wertewandel?
Helmut Klages: Pflicht- und Akzeptanzwerte - engagierte
Selbstentfaltungswerte -- hedonistische Selbstentfaltungswerte
Heiner Keupp: Traditionelle Werte – Materielle Werte –
Postmaterielle Werte – Postmoderne Werte
Umgang mit Wertpluralität
(1.) Außenorientierung (Nomozentriker): „Das Selbst passt sich an“
Maxime: Selbstkontrolle
(2.) Innenorientierung (Autozentriker): „Das Selbst emanzipiert sich“
Maxime: Selbstverwirklichung
(3.) Innen/Außenorientierung (Egotaktiker): „Neue Vermittlung
zwischen Selbst und Umwelt“ – Maxime: Selbstmanagement
Der Wertewandel lässt sich heute verstehen als
• Anpassungs- und Normalisierungsbewegung
• Kombinationsbewegung, die zu einer Gemengelage
scheinbar widersprüchlicher Werte führt (Wertesynthese)
Wir haben es zunehmend mit einer ‚Gesellschaft der Zwischentöne‘ zu
tun. Das große ‚Sowohl-als-Auch‘ rückt an die Stelle des ‚EntwederOder‘, und das dynamische Offenbleiben ersetzt statische
Endgültigkeiten.
Jugendliche sind „Trendsetter eines individuellen Wertekonzeptes“ (Shell
2002)
Der Wertewandel ist in ein qualitativ neues Stadium getreten: Nicht so sehr
der Inhalt der Werte steht zur Diskussion, sondern die Konstruktion, die
Gültigkeit und die Reichweite der Werte
‚In‘ und ‚out‘? - Was bei Jugendlichen angesagt ist
toll aussehen
Karriere
Technik
Treue
Markenkleidung
Verantwortung übernehmen
studieren
Europa
glauben
selbständig machen
heiraten
Aktien
Bioläden
Bürgerinitiative
in Politik einmischen
Drogen
0
Q: 14. Shell-Jugendstudie 2002
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
„Wer die Jugend hat, hat Zukunft!“ -
oder
„Wer die Zukunft hat, hat die Jugend“?
2000
1.
Umweltschutzgruppen
3,5
2.
Gerichte
3,4
3.
Menschenrechtsgruppen
3,4
4.
Polizei
3,3
5.
Bürgerinitiativen
3,1
6.
Gewerkschaften
3,1
7.
Zeitungen
3,1
8.
Bundeswehr
3,0
9.
Fernsehen
2,9
10.
Bundesregierung
2,7
11.
Bundestag
2,7
12.
Arbeitsorganisationen
2,6
13.
Kirchen
2,5
14.
Politische Parteien
2,5
Q: 13. Shell-Jugendstudie2000
Vertrauen Jugendlicher in Institutionen
5 = sehr viel Vertrauen
1 = sehr wenig Vertrauen
Jugend – ein Seismograph für gesellschaftlicher
Problemlagen
Krise der
Arbeitsgesellschaft
Macht der Medien
Krise der Schule
Krise d. Familie
Wertewandel
Umweltkrise
Glaubens- und
Kirchenkrise
Krise des
Sozialstaates
„Wer die Jugend beforscht, beforscht sich selbst“ (Zinnecker)
Jugend als Integrations- oder
Innovationspotential?
Jugend als Integrationspotential
•
Schule und Jugendarbeit als „Anpassungsagenturen“
•
Zukunftsorientierung: „Anstrengung und Verzicht in
der Jugendzeit lohnen sich“ (Bildungsversprechen)
•
Wertevermittlung als „Wertetransfer“
Jugend als Innovationspotential
•
•
•
•
Emanzipatorische Jugendarbeit
Jugend als „Neuerer“ in Gesellschaft und Kirche
Entwertung der älteren Generation im Bildungsprozess
Werteerziehung als Wertekommunikation
Individualisierung –
Der Schlüssel zum Verständnis der Jugend von heute
Individualisierung meint
* Nicht: „Individualismus“, „Beziehungslosigkeit“, „Egoismus“, „unsolidarisches
Verhalten“
* Sondern: ein neues Muster der Lebensführung, das ein früheres Muster ablöst;
Individualisierung bedeutet:
o Die Biographie des Einzelnen wird „aus vorgegebenen Fixierungen
herausgelöst, offen, entscheidungsabhängig und als Aufgabe in das Handeln
jedes Einzelnen gelegt wird.“
o Das Individuum wird zum „Planungsbüro seiner Biographie“ (U. Beck):
o Mit den Freiheitschancen steigen die Risiken des Einzelnen
Von einer sozial vorgeformten
zu einer
individualisierten Lebensführung
Politik
Religion/
Kirche(n)
Arbeit
Offener Gestaltungsraum
der je eigenen Biographie
Medien
Freizeit
Schule
Jungsein in der Postmoderne
Die Jugendphase hat sich unter den Bedingungen der Pluralisierung, der
Individualisierung und Globalisierung verändert:
• von einer Übergangsphase zu einer eigenständigen Lebensphase
• von einer kurzzeitigen zu eine ausgeweiteten Lebensphase, die in zwei
Phasen unterteilt ist:
- Zeit der Schule: „Jungsein heißt Schülersein“!
- Nachschulische Lebensphase als junger Erwachsener
• von einer einheitlichen, kollektiven Statuspassage zu pluralen
Verlaufsformen und Zeitstrukturen (verschiedene Jugenden je nach
Geschlecht, Herkunft, Sozialräumen, Ethnien)
• von einem Moratorium (Vorbereitungsraum auf das Leben) zu einem
Laboratorium (Ernstfall des Lebens) - Ende der Jugend?
Wandel der Lebensphase „Jugend“ vom
„psychosozialen Moratorium zum psychosozialen Laboratorium“
(W. VOGELSANG)
„Vom Moratorium zum Laboratorium“
„Jungsein“ heißt in zunehmendem
Maße nicht mehr allein „Reifen und
Wachsen“, auf vorgegebene (gute)
Ziele und Zustände hin, ... nicht mehr
Heranwachsen und Aufwachsen,
gesund und ungestört „groß“ werden
....,
sondern
„Jungsein“
heißt
in
zunehmendem Maße: individuell,
unter Einsatz persönlicher und
sozialer Ressourcen zu leistende
Ausrichtung des (eigenen) Lebens am
institutionellen
Standard
der
(jugendlichen) Normalbiographie und
Erarbeitung einer ‚Normalform des
Lebens‘ bereits im Kindes- und
Jugendalter.
– W. BISLER –
Bewältigungsaufgaben im Jugendalter
Entwicklungsaufgaben
(Selbst)Bildungsaufgaben
Bewältigungsaufgaben


Personale Kompetenzen
 Selbstbewusstsein
 Umgang mit Gefühlen
 Umgang mit Wissen
 Neugierde
 Kritikfähigkeit
 Dinger hinterfragen

Bewältigung zunehmender
Leistungsanforderungen in
Schule und Beruf

Bewältigung
innerfamilialer Konflikte
(Trennung, Scheidung)
Soziale Kompetenzen
 Ausdrucksfähigkeit
 Teamfähigkeit
 Verantwortung
 Solidarität

Bewältigung
psychosozialer Krisen (z.B.
Drogen, Magersucht

Bewältigung von
Liebesbeziehungen

Bewältigung von
Arbeitslosikeit







Reifere Beziehung zu
Altersgenossen/-innen
aufbauen
Geschlechtsrolle
übernehmen
Akzeptanz und Nutzung
des Körpers
Emotionale Ablösung von
Eltern
Berufliche Karriere
Partnerschaft
Persönliches Wertesystem
ausbilden
Soziale Verantwortung
übernehmen

„Egotaktik"
– eine notwendige neue Lebenskompetenz
Unter den postmodernen Bedingungen brauchen die
Jugendlichen neue Kompetenzen der Lebensführung,
die hohe Ansprüche an das Individuum stellt.
Egotaktische Lebensführung (Shell 2002), d. h.
– die Leistungsanstrengungen erhöhen
– ein aktives Umweltmonitoring betreiben
– positiv denken
– Kosten gegen Nutzen abwägen
– zwischen Alternativen sich entscheiden
– ein tragfähiges soziales Netzwerk knüpfen
– kreativ private und berufliche Herausforderungen angehen
– Fehlerfreundlichkeit
– materielle Grundlagen
Schlüsselkompetenzen
für postmoderne Lebensführung
Wandel der Erziehungswerte
1951 und 2000
80
70
60
50
Gehorsam/ Unterordnung
Leistung
Selbständigkeit/freier Wille
40
30
20
10
0
51
57
67
72
76
81
86
91
98
Wandel der Erziehungswerte
zwischen 1951 und 2000
80
70
60
50
Gehorsam/ Unterordnung
Leistung
Selbständigkeit/freier Wille
40
30
20
10
0
51
57
67
72
76
81
86
91
98
Vier Stil-Typen der jungen Generation:
12- bis 25-Jährige
25%
Pragmatische
Idealisten
26%
Selbstbewusste
Macher
Modernisierungsgewinner
Modernisierungsverlierer
Zögerliche
Unauffällige
25%
Robuste
Materialisten
24%
Q: Shell-Jugendstudie 2002
Wertetyp: Selbstbewusster Macher
Andere Meinungen tolerieren
Sozial Benachteiligten helfen
Phantasie und Kreativität entwickeln
Hohen Lebensstandard haben
Seine Bedürfnisse durchsetzen
Das Leben voll genießen
Fleißig und ehrgeizig sein
Gesetz und Ordnung respektieren
Wertetyp: Pragmatische Idealisten
Andere Meinungen tolerieren
Sozial Benachteiligten helfen
Phantasie und Kreativität entwickeln
Hohen Lebensstandard haben
Seine Bedürfnisse durchsetzen
Das Leben voll genießen
Fleißig und ehrgeizig sein
Gesetz und Ordnung respektieren
Wertetyp: Zögerliche Unauffällige
Andere Meinungen tolerieren
Sozial Benachteiligten helfen
Phantasie und Kreativität entwickeln
Hohen Lebensstandard haben
Seine Bedürfnisse durchsetzen
Das Leben voll genießen
Fleißig und ehrgeizig sein
Gesetz und Ordnung respektieren
Wertetyp: Robuste Materialisten
Andere Meinungen tolerieren
Sozial Benachteiligten helfen
Phantasie und Kreativität entwickeln
Hohen Lebensstandard haben
Seine Bedürfnisse durchsetzen
Das Leben voll genießen
Fleißig und ehrgeizig sein
Gesetz und Ordnung respektieren
Jugendliche als gesellschaftliche Trendsetter
Altersgruppe 14-19 Jahre
in den Sinus-Milieus®
Oberschicht /
Obere
Mittelschicht
Sinus B1
Etablierte
1
Sinus
C12
4%
210.000
Sinus A12
Konservative
Sinus B12
7%
0%
360.000
20.000
Mittlere
Mittelschicht
2
Sinus B2
DDRNostalgische
Traditionsverwurzelte
Sinus C2
540.000
Experimentalisten
16%
780.000
110.000
Sinus BC3
100.000
3
Hedonisten
Sinus B3
23%
Konsum-Materialisten
12%
1.11 Mio.
570.000
Soziale
Lage
Grundorientierung
1.12 Mio.
11%
2%
2%
23%
Bürgerliche Mitte
Sinus
AB2
Sinus A23
Untere
Mittelschicht /
Unterschicht
Moderne
Performer
Postmaterielle
A
© Sinus Sociovision 2003
B
C
Traditionelle Werte
Modernisierung I
Modernisierung II
Pflichterfüllung, Ordnung
Konsum-Hedonismus und Postmaterialismus
Patchworking, Virtualisierung
Quelle: VerbraucherAnalyse 2003,01, Basis = 31.424 Fälle
= stark überrepräsentiert
= überrepräsentiert
= durchschnittlich
* 4.95 Mio. = 8% der dt. Wohnbevölkerung ab 14 Jahren
= unterrepräsentiert
= stark unterrepräsentiert
Jugendliche als gesellschaftliche Trendsetter
Die Altersgruppe 20-24 Jahre*
in den Sinus-Milieus®
Oberschicht /
Obere
Mittelschicht
Sinus B1
Etablierte
1
Sinus
C12
8%
300.000
Sinus A12
Konservative
Sinus B12
9%
1%
2
Sinus B2
Traditionsverwurzelte
DDRNostalgische
2%
14%
Sinus C2
540.000
Experimentalisten
590.000
80.000
Sinus BC3
Hedonisten
Sinus B3
13%
Konsum-Materialisten
12%
490.000
Soziale
Lage
Grundorientierung
15%
2%
90.000
3
940.000
Bürgerliche Mitte
Sinus
AB2
Sinus A23
Untere
Mittelschicht /
Unterschicht
24%
360.000
60.000
Mittlere
Mittelschicht
Moderne
Performer
Postmaterielle
A
530.000
© Sinus Sociovision 2003
B
C
Traditionelle Werte
Modernisierung I
Modernisierung II
Pflichterfüllung, Ordnung
Konsum-Hedonismus und Postmaterialismus
Patchworking, Virtualisierung
Quelle: VerbraucherAnalyse 2003,01, Basis = 31. 424 Fälle
= stark überrepräsentiert
= überrepräsentiert
= durchschnittlich
* 3,99 Mio. = 6% der dt. Wohnbevölkerung ab 14 Jahren
= unterrepräsentiert
= stark unterrepräsentiert
Wichtige Lebensbereiche für Jugendliche
80
70
60
50
1990
2000
40
30
20
10
0
Arbeit
Familie
Freunde
Freizeit
Politik
Religion
Quelle: Jugend-Wertestudie
„Solidarischer Individualismus“ (U. Beck)
West
(%)
Ost
(%)
Mein Privatleben geht mir über alles
85
86
Wenn jemand in der Familie oder im
Freundeskreis Hilfe braucht, setze ich mich für
ihn/sie ein
93
96
Politik darf nicht den Behörden und den
Berufspolitikern überlassen werden; ich bin
bereit, selbst tätig zu werden
45
44
Ich setze mich für Menschen ein, die in Not
geraten sind, auch wenn sie nicht zu meinem
Freundes- oder Beknntenkreis gehören
60
67
Ich bin bereit, mich in sozialen Organisationen
für andere zu engagieren
46
41
Quelle: DJI-Jugendsurvey 1997
Wertorientierung Jugendlicher (12-25 J.)
(sehr) wichtige Werte
Gefühle berücksichtigen
Fleiß und Ehrgeiz
Sicherheit
Unabhängigkeit
männlich
weiblich
Gesetz und Ordnung
Kreativität
viele Kontakte
Eigenverantwortung
Familienleben
4,6
4,8
5
5,2
5,4
5,6
5,8
Q: 14. Shell-Jugendstudie 2002
6
Werteorientierung Jugendlicher
(12-25 J.)
weniger wichtige Werte
Konformität
Politikengagement
Gottesglauben
Macht und Einfluss
Sozialengagement
Selbstdurchsetzung
Umweltzbewusstsein
Toleranz
Gesundheitsbewusstsein
männlich
weiblich
Lebensgenuss
0
1
2
3
4
5
6
7
Q: 14.Shell-Studie 2002
Was ist für ein erfülltes Leben „sehr wichtig“
(14 bis 24 Jahre)
Freunde
Beruf, der Spaß macht
sicherer Arbeitspaltz
Gute Ausbildung
Eltern
Freiheit
Partnerschaft Freiheit
Viel Freizeit
Viel Geld
Schönes Wohnen
Berufliche Karriere
Kinder/eig. Familie
Jgdl. 14-25 J.)
Reisen
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
Q: ÖLJ-Studie 1998
Wie bzw. wo man gesellschaftlich aktiv ist
allein, pers. Aktivität
anders
Partei
Gewerkschaft
Bürgerinitiative
ja
Greenpeace, AI
nein
Rettungsdienst
Kirchengemeinde
Jugendorganisation
Schule, Hochschule
Verein (Sport, Musik …)
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
Q: Shell-Jugendstudie 2002
Jugend und Beruf
Religionszugehörigkeit Jugendlicher
30%
53%
5%
Katholisch
Keine Religion
Andere Religion
Freikirchlich
Muslimisch
Evangelisch
1%
4%
7%
Quelle: Jürgen Zinnecker u.a.: null
zoff & voll busy, 2002
Schwindende religiös-kirchliche Praxis
bei Jugendlichen
100
90
80
70
60
50
1990
2000
40
30
20
10
0
Konfession
Rel. Erziehung Gottesglaube
Wöchentl.
Messe
Quelle: Jugend-Wertestudie
Religiöse Signaturen bei
Jugendlichen
15,30%
27,40%
16,00%
nicht-religiös
kirchlich-religiös =
christlich
autonom-religiös =
religiös unbestimmt
20,60%
20,00%
konventionell-religiös =
religiös-funktional
christlich-autonom =
christlich orientiert
Jugend und Kirche
60
51
50
49
40
30
20
10
24
28
20
15
7
6
0
aktives
Mitglied
interessiert gleichgültig ablehnend
Quelle: Trierer Studie 2000
1991
1999
Jugend und Werte 2005?
1. Was ist Ihre Sicht und Einschätzung der Werte Jugendlicher?
2. Was fordert uns als Erwachsene / LehrerInnen heraus?
3. Welche Ansatzpunkte gibt es für eine Werteerziehung
(Wertetransfer – Werteerhellung – Wertekommunikation)?

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