Juni 2004
Aus der Praxis: Ausschreibung im
Rahmen der Sozialpädagogischen
Familienhilfe
Informationsveranstaltung am 17.Juni 2004 in
Hannover
EREV & IGFH
Juni 2004
Ziel einer Ausschreibung ist die Herstellung eines
„...fairen Wettbewerbs um die beste Leistung“
(Westfälische Nachrichten, 12.11.2003),
verbunden mit der billigenden Inkaufnahme,
„...dass Trägerstrukturen zerstört werden...“
(Protokoll AG 78, 28.07.2003).
Juni 2004
Bisherige Verfahren der sozialpädagogischen
Arbeit werden dabei implizit als nicht mehr
zeitgemäß oder unbefriedigend betrachtet: „CDU
pocht auf mehr Wettbewerb“ (Westfälische
Nachrichten, 20.09.03)
Juni 2004
„...dass Träger ein kreisweites Angebot bereit
stellen müssen“ (Westfälische Nachrichten,
20.09.2003), bedeutet u.U., Träger „...müssen
ihre Strukturen so reformieren, dass sie mit
anderen Wohlfahrtsverbänden konkurrenzfähig
bleiben. Billiger und besser werden...“.
(Westfälische Nachrichten, 20.05.2004) (ABstz)
„Sollte das der Fall sein“, so die
jugendhilfepolitische Sprecherin der SPD,
Irmgard Wilde, „sei das der Abschied von der
bisher so erfolgreich praktizierten
Sozialraumorientierung.“ (Westfälische
Nachrichten, 12.11.2003)
Juni 2004
„die Trennung von Durchführungs- und
Gewährleistungsverantwortung...(führt
zur)...Auflösung des wohlfahrtsverbandlichen
Modells der Organisation sozialer Dienste“ (sfs,
März 2004)
Juni 2004
Mit einer Ausschreibung werden das eigene
Selbstverständnis, bisherige Arbeitsweisen, die
Trägerstruktur und nicht zuletzt Arbeitsplätze
bedroht, was nicht ohne innerorganisatorische
Folgen bleibt, die (auch) emotional verarbeitet
werden (müssen).
Phasen der SPFH-Ausschreibung
aus der Perspektive eines Freien Trägers,
Kreis Steinfurt
Vortrag Frau Prof.
Böllert über
„Wettbewerb in der
Jugendhilfe“ mit der
Tendenz:
Kreisjugendamt sieht
sich bestärkt,
auszuschreiben
28.04.2003
Ankündigung der
Ausschreibung für
das Jahr 2004
20.02.2001
Widerstand und
EinflussVersuche auf
Politik und
Verwaltung
Feb. bis Aug.
2003
Juni 2004
Erbitterte Diskussion
über Rechtmäßigkeit
von Ausschreibungen
seitens der
Spitzenverbände
Herbst 2003
Trotz grundsätzlicher Ablehnung
Entwicklung einer gemeinsamen
Leistungsbeschreibung mit dem
Kreis und den beteiligten Trägern
Winter 2003
Beschluss zur
Ausschreibung
18.09.2003
Planung eines
kreisweiten Angebots
und Festlegung einer
Ausschreibungstaktik
April 2004
„Gewinn“ eines
beschränkten
Ausschreibe-Anteils
23.05.2004
Konsolidierung des
Fallbestandes, neues
Marketing als
eingeführter Anbieter
Ab Juni 2004
Für Träger ohne
Zuschlag: Unter
Umständen Anrufen
der Vergabekammer,
Streit vor dem
Verwaltungsgericht
Formaler Beginn des
Ausschreibungsverfahrens
Damit wahrscheinlicher
Abbau von 2,5 Stellen
Februar 2004
Quelle: Emotionale Veränderungskurve nach Roth 2000,in:OE 4/03 S. 36
Juni 2004
Juni 2004
Juni 2004
Was wird Wie zu Welchen Bedingungen
vom Auftraggeber ausgeschrieben?
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Gegenstand
Zuschlagskriterien
Kalkulation des Entgeltes
Personaleinsatz
Kooperationen
Nachweise
– Referenzen
– Rechtsstruktur
– Bescheinigungen des
Finanzamtes/Gemeinützigskeitsbescheinigung
– Haftpflichtvers./Berufsgenossenschaft
– Bietererklärung
• Laufzeit
Juni 2004
Juni 2004
Leistungsbeschreibung des Auftraggebers
• Inhalt/Umfang
• Qualifikation des Personals
• Erwartungen
Erwartungen
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Organisation des Dienstes
Art der Beschäftigung
Freistellung der Leitung
Fachleistungstunde:brutto/netto
Vertretungsregelung
Übernahme der Garantenpflicht §13 StGB
Evaluation
Trägerübergreifend Kooperation
Juni 2004
Juni 2004
Juni 2004
Juni 2004
Gegen alle Regeln
Auch wenn Ausschreibungen als wesensfremd
erscheinen und möglicherweise aufgrund dessen
nicht zur Anwendung kommen, spiegeln sie
dennoch eine grundlegende Entwicklung in der
Jugendhilfe wider, die ernst genommen werden
muss: Wettbewerb und Ökonomisierung
Juni 2004
Der Preis ist nur die Eintrittskarte
Der „Gewinn“ einer Ausschreibung zwingt zu
einer bis dahin nicht denkbaren
Anpassungsleistung und führt zu einer zentralen
Frage: wie lassen sich die eingeforderten
Elemente der Leistungsbeschreibung
(Dokumentation, etc.) mit der Anwaltsfunktion und
dem Selbstverständnis eines sozialen Trägers
und dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
verbinden?
Juni 2004
Nach der Ausschreibung ist vor der
Ausschreibung
Der einmal angestoßene Prozess ist irreversibel.
Juni 2004
Es gibt sie noch, die Subsidiarität (die
Partnerschaft zwischen...)
Mit der Einführung eher wettbewerbsorientierter
Instrumente wird die bisherige Partnerschaft
zwischen Öffentlichen und Freien Trägern bei der
Bedarfseinschätzung und Angebotsentwicklung
nicht außer Kraft gesetzt. Vielmehr tritt
Ausschreibung als neues Instrument in die
bisherige Praxis mit ein. („not a revolution but
reloaded“, vgl. Neo/Matrix)
Juni 2004
Nicht entweder/oder, sondern sowohl als
auch: die Jugendhilfe braucht einen
Hybridantrieb
Nach allem was man weiß, wird die Arbeit der
Jugendhilfe zukünftig durch beides bestimmt
werden, durch Anwaltsfunktion und durch
Wettbewerb. Der institutionelle Lernauftrag
bedeutet, diese Parallelität innerorganisatorisch
zu kommunizieren und zu gestalten (Wettbewerb
braucht Kompetenz...).
Die Tragik des menschlichen Lebens, so der
Philosoph Kierkegaard, scheint darin zu
bestehen, dass wir es nur rückwärts verstehen,
es jedoch nur vorwärts leben können. Vermutlich
gilt das auch für Ausschreibungen und
Organisationen.
Es ist die beste aller Welten. (Leibnitz)
Vielen dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Juni 2004

Der Preis ist nur die Eintrittskarte