Manierismus
Manierismus (ital. maniera: Stil, Manier) bezeichnet eine Spätform
der Renaissance in Malerei, Baukunst, Plastik, Musik und Literatur.
Der Manierismus umfasst in Italien etwa die Zeit von 1515-1600, in
Frankreich etwa 1550-1610, in Deutschland etwa 1560-1610. In der
Literatur dauert der Manierismus bis etwa 1630 an.
Der Begriff „Manierissmus“ wurde von Giorgio Vasari eingeführt,. um
den Stil des späten Michelangelo zu charakterisieren, und wurde auf
dessen Nachfolger verallgemeinert.
Inhaltsverzeichnis
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1 Stilmerkmale und Geistesgeschichte
2 Baukunst und Plastik
– 2.1 Italien
– 2.2 Frankreich
– 2.3 Spanien
– 2.4 Deutschland und Österreich
3 Malerei und Graphik
4 Literatur
5 Bedeutende Vertreter
– 5.1 Baukunst und Plastik
– 5.2 Malerei und Graphik
– 5.3 Literatur
6 Literaturangaben
Stilmerkmale und Geistesgeschichte
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Allgemein ist der Manierissmus gekennzeichnet durch eine Abkehr von den harmonischen und ausgewogenen
Kompositionen der Hochrenaissance, die zu einer gesuchten, gezierten, kapriziösen und spannungsgeladenen
Manier führte, deren allegorische und enigmatische Darstellungen nur von eingeweihten Kennern (besonders des
aufstrebenden Bürgertums) verstanden werden sollten. In der Bildhauerei ist die Figura Serpentinata (s.
Giambolognas "Raub der Sabinerin" in Florenz) charakteristisch für den Manierismus.
Im Gartenbau drückt sich die Vorliebe des Manierismus für das Groteske und Überraschende durch Grotten und
Wasserspiele aus. Deren Tricktechnik inspirierte schließlich René Descartes zu seiner Theorie des menschlichen
Automaten.
Obgleich der Manierismus sich parallel zur Spätrenaissance Michelangelos, da Vincis, Raffaels und Tizians
entwickelt hatte, fällt seine Entstehungszeit mit politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen in Italien und Europa
zusammen: Neu entstandene, ehedem bürgerliche Adelsfamilien (Medici) kamen in den alten Stadtrepubliken
(Florenz) an die Macht; der für Italien wichtige Mittelmeerhandel verlor nach der "Entdeckung" Amerikas deutlich
an Bedeutung, das habsburgische Spanien stieg zur Weltmacht auf, und ausgehend von Deutschland gestalteten
Reformation und Gegenreformation ganz Europa um. 1527 eskalierte die Situation als spanische, italienische und
deutsche Söldner in habsburgischen Diensten Rom überfielen, plünderten und den Medici-Papst Klemens VII.
gefangen setzten (Sacco di Roma). Unter dem Eindruck dieser Ereignisse kamen die manieristischen Künstler zu
dem Schluss, dass das Programm der Renaissance, die Schönheit der Natur durch die Kunst zu verherrlichen,
verfehlt und dass stattdessen die Natur durch die Kunst zu überwinden und zu erlösen sei. Dabei haben auch
neuplatonische, gnostische und alchemistische Gedanken eine Rolle gespielt.
Während die Renaissance noch eine hauptsächlich italienische Kulturleistung gewesen ist (die indes ins übrige
Europa exportiert wurde), war der Manierismus die vielleicht erste europäische Kunstbewegung überhaupt. Vor
allem Flamen (Giambologna, Stradanus) zogen nach Italien, um dort zu lernen und zu wirken, wobei sie ihre
Kunstauffassungen mitbrachten und die Spätrenaissance bereicherten. Eine wichtige Rolle spielte der von
Gutenberg erfundene Buchdruck, der es ermöglichte, Kupferstiche oder Holzschnitte in ganz Europa zirkulieren zu
lassen. Insbesondere die Werke Dürers wurden so in Italien bekannt gemacht und aufgegriffen.
Baukunst und Plastik
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Italien
In Italien ist neben Rom Oberitalien mit den Städten Florenz, Mantua, Vicenza und
Venedig das Zentrum des Manierismus.
Eines der ersten manieristischen Bauwerke sind Vasaris Uffizien in Florenz.
Der Palazzo del Te in Mantua, die von Vignola gebaute Villa Farnese in Caprarola
und der von Ammanati umgebaute Palazzo Pitti in Florenz sind representative
Herrschaftssitze im Stil des Manierismus.
Frankreich
In Frankreich sticht vor allem Fontainebleau hervor.
Spanien
Philipp II. ließ sich außerhalb von Madrid das Escorial als Burg, Kloster und
Prunkschloss errichten.
Deutschland und Österreich
Bedeutendstes Zentrum des Manierismus in Deutschland ist München. Der
Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses ist ein wichtiges Bauwerk des
deutschen Manierismus.
In Österreich gilt Salzburg mit dem Schloss Hellbrunn und seinen Gartenanlagen und
Wasserspielen als Beispiel des späten Manierismus auf der Schwelle zum
Frühbarock. Als eine Hochburg des europäischen Manierismus gilt Prag zur Zeit
Kaisers Rudolf II.
Malerei und Graphik
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Nach Vasari sind Architektur und Malerei Kinder der Zeichenkunst. Das
macht sich in der Malerei durch die Bevorzugung der Linie vor der Fläche
bemerkbar. Proportitionen werden stark verzerrt (lange Körper, Beine,
Hälse: s. Abb. 1) und Körper posieren in den unmöglichsten, dynamischen
Verrenkungen [1]; die Perspektive wird gezielt mißachtet (Abb. 2). Weitere
Stilelemente sind grelle und krasse Farbunterschiede [2], die z.T. schon
expressionistisch anmuten, und Vexierbilder [3] sowie Anamorphosen.
Abb. 1: Parmigianino: Madonna mit dem langen Hals (nächste seite)
Abb. 2: Parmigianino: Selbstbildnis
Die innovativen Stilelemente des Manierismus wurden vom Barock
aufgegriffen, was Frühbarock und Manierismus leicht verwechselbar macht.
Dennoch gibt es einen großen programmatischen Unterschied: Der
Manierismus wendet sich an den Verstand und liebt intellektuelle
Spielereien und Anspielungen; der Barock, als Kunstform der
Gegenreformation, wendet sich an das (religiöse) Gefühl und versucht zu
überreden, nicht zu überzeugen.
Manieristische Stilexperimente sind Vorbilder für den Expressionismus,
Dadaismus, Surrealismus und Kubismus.
Abb. 1: Parmigianino: Madonna mit
dem langen Hals.
•Abb. 2: Parmigianino:
Selbstbildnis.
Literatur
• Nach G. R. Hocke sind Anagramm und Akronym,
Epigramm und Oxymoron die typischen Stilmittel
manieristischer Sprach-Alchemie in der Literatur.
Bedeutende Vertreter
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Baukunst und Plastik
Michelangelo, Giorgio Vasari, Giambologna, Benvenuto Cellini, Alessandro
Vittoria, Adriaen de Vries, Bartolomeo Ammanati, Giacomo della Porta,
Ludwig Münstermann
Malerei und Graphik
Michelangelo, Tintoretto, Giorgio Vasari, Pontormo, Parmigianino,
Arcimboldo, El Greco, Rosso Fiorentino, Federigo Zuccari, Hendrik
Goltzius, Albrecht Dürer, Cornelis Cornelisz van Haarlem, Martin van
Heemskerck, Giovanni Stradanus, Denijs Calvaert, Joachim Wtewael,
Bartolomäus Spranger, Caravaggio, Bronzino, Antonine Caron de Beavais,
Orazio Grevenbroeck, Domenico Beccafumi, Lelio Orsi, Albrecht Altdorfer,
Hans Bock d. Ä., Gianbattista Bracelli, Luca Cambiaso, Lorenz Stoer, Ehard
Schön, Jacob Swanenburgh, Giuseppe Arcimboldi
Literatur
Michelangelo, Gianbattista Marino, Cervantes, Hofmannswaldau, Francois
Rabelais, Ludovico Ariost, Luís de Góngora, Baltasar Gracián, William
Shakespeare, Georg Philipp Harsdörffer, Emanuele Tesauro, Giovanni
Battista Guarini, Torquato Tasso, Edmund Spenser, Speroni
Literaturangaben
• Burck, Erich: Vom römischen Manierismus, Darmstadt 1971
• Gustav René Hocke: Die Welt als Labyrinth. Manier und Manie in
der europäischen Kunst. Rowohlt, Hamburg, 1957.
• Gustav René Hocke: Manierismus in der Literatur. Sprach-Alchemie
und esoterische Kombinationskunst. Rowohlt, Hamburg, 1959.
• Tibor Klaniczay: Renaissance und Manierismus. Zum Verhältnis von
Gesellschaftsstruktur, Poetik und Stil. Akademie-Verlag, Berlin 1977.
• John Shearman: Manierismus. Das Künstliche in der Kunst.
Athenäum, Frankfurt a.M. 1988.
• Jacques Bousquet: Malerei des Manierismus. Die Kunst Europas
von 1520 bis 1620. Bruckmann, München 1985 (3. Aufl.).
• Franzsepp Würtenberger: Der Manierismus. Der europäische Stil
des sechzehnten Jahrhunderts. Verlag Anton Schroll, Wien 1962.
• Werner Hofmann: "Zauber der Medusa. Europäische Manierismen"
Wien 1987, Löcker Verlag
Impressum
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Stellv. Chefredakteure: Prof. Dr. Serdal Boran
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