Probleme der italienischen
Etymologie
1
1. SITZUNG AM 12.04.2010
Themenübersicht
2
 WISSENSCHAFTSGESCHICHTE
 19.04.10 Die vorwissenschaftliche Etymologie
(Antike bis 18. Jahrhundert)
 26.04.10 Die Etablierung der Etymologie als
wissenschaftliche Disziplin im 19.
Jahrhundert
 03.05.10 Die italienische Etymologie des 20.
Jahrhunderts
 10.05.10 Die italienische Etymologie des 20. und 21.
Jahrhunderts
 17.05.10 Etymologische Großprojekte – Max Pfisters Lessico
etimologico italiano
Themenübersicht
3
 FALLSTUDIEN
 31.05.10
Die Entstehung lexikalischer Einheiten: die
Wortbildung und semantische
Begriffsschöpfung
 07.06.10
Die Entstehung lexikalischer Einheiten: die
Entlehnung
 14.06.10
Vorrömischer Substrateinfluss im
Italienischen sowie in den italienischen
Dialekten
 21.06.10
Das Problem der Dubletten: lateinischer
Erb- und Lehnwortschatz
Themenübersicht
4
 FALLSTUDIEN
 28.06.10
Germanischer Superstrateinfluss im
Italienischen
 05.07.10
Der Einfluss von Kulturadstraten im
Italienischen
 LEISTUNGSKONTROLLE (je nach Studiengang)
 12.07.10
Allgemeine Wiederholung
 19.07.10
Abschlussklausur
Themenübersicht
5
 HEUTIGE SITZUNG
 12.04.10 Allgemeine Einführung – Faktoren des
etymologischen Arbeitens
(1)
(2)
(3)
Der Etymologiebegriff
Aufgabe der Etymologie
Voraussetzungen des etymologischen Arbeitens
Der Etymologiebegriff
6
 Die Etymologie (gr. ἔτυμος étymos ‚wahrhaftig‘,
‚wirklich‘, ‚echt‘ und -logie) wird als
Wissenschaftszweig der historischen Linguistik
zugeordnet.
Allgemeine Einleitung
7
DIE METHODIK ETYMOLOGISCHER
FORSCHUNG ANHAND GESAMTROMANISCHER
BEISPIELE
Aufgaben und Voraussetzungen
8
 Der Wortschatz einer Sprache setzt sich aus drei
Teilen zusammen



Erbwörter
Innersprachliche Derivate (Ableitungen und
Zusammensetzungen)
Lehnwörter
Aufgabe der Etymologie…
9
 Bestimmung der drei Elemente einer gegebenen
Sprache
 Vergleich der Erbwörter mit den Wörtern
verwandter Sprachen und Dialekte
 Zurückverfolgung der formalen und inhaltlichen
Entwicklung bis in die Ausgangssprache
Aufgabe der Etymologie…
10
 Identifizierung von Ableitungen hinsichtlich
 ihrer Bestandteile
 Ihres Wortstammes
 und der Formantien (Suffixe, Präfixe)
Aufgabe der Etymologie…
11
 Erkennung und Beurteilung von Lehnwörtern nach
 phonetischen
 und chronologischen Gesichtspunkten
Aufgabe der Etymologie…
12
 Für die Beurteilung soziokultureller Hintergründe,
welche die Entlehnung ermöglichten, ist es das Alter
von Lehnwörtern zu bestimmen.
 Hinweise ergeben die Erstbelege oder auch
phonetische Merkmale des Lehnwortes
Die Etymologie: Kunst oder Wissenschaft?
13
 Leo Spitzer [1925]: „Finde Etymologien, suche sie
nicht! […]. Und wie das Kunstwerk, so trägt jede
etymologische Arbeit ihre Eigengesetzlichkeit in
sich – es gibt kein Schema, das sich in allen Fällen
treffsicher anwenden läßt. Aus dem Grundsatz
‚jedes Wort hat seine eigene Geschichte‘ folgt der
andere: ‚jede wortgeschichtliche Untersuchung ist
auf eigene Art zu führen‘. Die etymologische
Untersuchung muß sich elastisch ihrem
Gegenstand anpassen. Jeder Rigorismus ist vin
Übel.“
Bedingungen etymologischer Forschung
14
 1. Umfangreiche Materialsammlung, die im Idealfall
alle erreichbaren Belege umfasst.


Alle historisch fassbaren Dokumente der Schriftsprachen und
der Dialekte
Nur auf einer breiten Materialbasis ist in Zeit und Raum die
Vitalität eines Wortes feststellbar
Bedingungen etymologischer Forschung
15
 2. Genaue Kenntnis der lautlichen Entwicklungen in
den Schriftsprachen wie auch in den Dialekten, die
ermöglicht,


Wortstamm und Wortbildungselemente zu erkennen und zu
interpretieren
und Erbwörter von Lehnwörtern zu trennen
Bedingungen etymologischer Forschung
16
 3. Sachkenntnisse und Vorstellungskraft, die
erlauben, von der Wortdefinition aus die Verbindung
mit der außersprachlichen Realität herzustellen.

Dabei sind vor allem bei Bezeichnungen von Geräten,
Techniken, Tieren und Pflanzen Fachkenntnisse erforderlich,
auch um eventuell vorkommende Metaphern oder
Übertragungen interpretieren zu können.
Bedingungen etymologischer Forschung
17
 4. Verschiedendlich hilft erst eine vertiefte Kenntnis
der untersuchten Sprache oder des betroffenen
Dialekts, ein Lexem in seinen soziokulturellen
Kontext einzuordnen und soziolinguistische
Komponenten oder konnotative Elemente zu
erfassen.
Bedingungen etymologischer Forschung
18
 5. Ohne Findigkeit und Phantasie können keine
Etymologien entdeckt werden.


Viele etymologische Wörterbücher sind individuelle
Einzelleistungen
Max Leopold Wager hatte große Bedenken gegenüber
Teamarbeit
Wichtige Tätigkeiten etymologischer Forschung
19
 Datierung und Feststellen der Erstbelege
 Überprüfen der Erstbelege in ihrem Kontext und
Eruierung ihrer Bedeutung
 Sprachgeographische Interpretation dialektaler
Formen
Faktoren wissenschaftlicher Etymologie
20
 Lautliche, morphologische und morphosyntaktische
Gegebenheiten

Lautliche Entwicklung

Diez [1853]: „Im gegensatze zur unkritischen methode unterwirft
sich die kritische schlechthin den von der lautlehre aufgefundenen
principien und regeln, ohne einen fußbreit davon abzugehen,
sofern nicht klare thatsächliche ausnahmen dazu nöthigen…“
Die Rekonstruktion der romanischen Ursprache
21
 Meyer-Lübke: Die lateinische Sprache [1888]
 Hugo Schuchardt, Vokalismus des Vulgärlateins
[1866-1868]

Seit dem 1. Jh. n. Chr. Indizien für einen Wandel des lat.
Vokalismus in Inschriften, z.B. ĭ statt ē:
rĭgna statt
 mĭnsis statt
 prĭndere

rēgna
mēnsis
statt
prēndere
Erscheinungsformen und Phasen des Lateinischen
22
Die Rekonstruktion der romanischen Ursprache
23
 Übergang vom Quantitätensystem zum
Qualitätensystem

Der roman. Vokalismus geht auf offene und geschlossene
Vokale des Vulgärlateinischen zurück:

vlat. [e] (< klat. ĭ, ē, oe) wird in freier und betonter Stellung zu
afrz. [éj] (> nfrz. wa):


klat. tēla > vlat. *tela > afrz. teile > nfrz. Toile
vlat. [] (< klat. ĕ, ae) wird in freier und betonter Stellung zu
afrz./nfrz. [jé]:

klat. pĕdĕ(m) > afrz. piet > nfrz. pied
Der vlat. Vokalismus (das sog. italische Vokalsystem)
24
Konsonantismus: die intervok. Plosiva
25
 Lat. intervokalisches [-p-] entwickelt sich zu:
 > frz.
[-v-]
săpĕre > savoir
rĕcĭpĕre > recevoir

> sp.
[--]
săpĕre > saber
rĕcĭpĕre > recibir

> it.
[-p-], [-v-]
săpĕre > sapere
rĕcĭpere > ricevere
Erb- oder Lehnwort?
26
 Lat. apis (Akk. apem)
 Lat. Diminutiv apĭcŭla(m), *apicla > *apecla
 Frz. abeille
 Okz. abelha
 Sp. abeja
 Pg. abelha
 It. ape, pecchia
Faktoren wissenschaftlicher Etymologie
27
 Lautliche Entwicklung
 Der Konflikt zwischen den Anhängern und Gegnern der
Lautgesetze hat der etymologischen Forschung hinsichtlich
ihrer Weiterentwicklung zunächst geschadet
Faktoren wissenschaftlicher Etymologie
28
 Lat. apicula(m) führt nicht automatisch zu frz.
abeille, d.h. die Abweichung muss erklärt und
begründet werden.



Vgl. sp. abeja, pg. abelha, kat. abella (vgl. it./tosk. pecchia)
Lat. apis / Akk. apem > afrz. ef.
Weitere mfr. Formen waren avette und mouche à miel
Faktoren wissenschaftlicher Etymologie
29
 Etymologie und lautliche Entwickung am Beispel
von frz. abeille

Nfrz. abeille (vgl. lat. apicula „Bienchen“) kann mittels
lautlicher Kriterien als okzitanisches Lehnwort identifiziert
werden (< abelha)
Cf. mfrz. aveille
 intervokal. [p] wird im Norden der Galloromania nicht nur bis zur
Stufe [b] sonorisiert (wie im Okzitanischen), sondern
(gesetzmäßig) bis zur Spirantisierungsstufe [v].

Afrz. Formen für „Biene“
30
31
Die Etymologie von abeille in frz. Wb.
32
 DDM = A. Dauzat, J.
Dubois, H. Mitterand,
Nouveau dictionnaire
étymologique et historique,
Paris 1964.
 Picoche = J. Picoche,
Nouveau dictionnaire
étymologique du français,
Paris 1971.
 BlWbg = O. Bloch, W. von
Wartburg, Nouveau
dictionnaire étymologique
de la langue française,
Paris 51968 (11932).
33
34
APIS und APICULA
35
Interpretation
36
 Zunächst „lautgesetzliche Entwickung“ in
Nordfrankreich:



Lat. Akk. apem > ef, é; Pl. apes > és (phonetisch schwaches
Wort), bisweilen auch wés
Vgl. lat. aucellus „Vogel“ > ézé (Pl. ézés) (lautliche Ähnlichkeit
mit és „Bienen“)
Ungenauigkeit insbes. in syntaktischen Konstruktionen wie le
vol des és vs. le vol d‘ezés
Interpretation
37





wés „Wespe“ (< lat. vespa) vs. és/wés „Bienen“ (Homophonie)
In einigen Gegenden Nordfrankreichs wurde és unter dem
Einfluss von wep (< lat. vespa) zu ep, insbes. in der Gegend
um Paris;
guêpe (< lat. vespa x fränk. wespa)
Verstärkung oder Ersetzung von é, és, éf, ép etc. durch mouche
(„Fliege“) oder mouchette („kleine Fliege“)
mouche à miel
Zur Etymologie der frz. Bezeichnungen für „Biene“
38
Zur Etymologie der frz. Bezeichnungen für „Biene“
39
avette
 essaim
 essette
 mouche
 mouchette

<
<
<
<
<
vlat. *apitta (?)
lat. examen
Abl. von es (-ette)
lat. mŭsca
Abl. von mouche
Die lautliche und semantische Entwicklung von lat.
ĕxāmĕn
40

ĕxāmĕn, -ĭnĭs (n) (< indoeur.
*eks-ag-smen „das Heraustreiben“)
 → examinare „die Waage ins
Gleichgewicht bringen“


→ examinatio „Prüfung“
→ examinator „Prüfer“



Schwarm (z.B. ĕxāmĕn apium
„Bienenschwarm“)
„Schar“, „Haufen“, „Menge“
das Zünglein an der Waage
(eigentlich: „das Heraustreiben aus der
Ruhelage“)


Metonymie: „Prüfung“
Mlat. „Urteil“, „Gottesurteil“
Erbwort:
mündliches Kontinuum   
ĕxāmĕn
sciame
[ame]
essaim
[es̃]
enjambre
[eambre
]
41
Die lautliche und semantische Entwicklung von lat.
ĕxāmĕn
42
 Lat. ĕxāmĕn „Bienenschwarm“

> frz. essaim [es̃] (essaim d‘abeilles „Bienenschwarm“)


> it. sciame [ame] „Bienenschwarm“




→ sciamare „(aus)schwärmen“
> sp. enjambre [eambre] „Bienenschwarm“, (fig.) „große
Menge“


→ essaimer „(aus)schwärmen“, „sich zerstreuen“, „Niederlassungen
gründen“
→ enjambrar „schwärmen“, „schwärmende Bienen einfangen“
> kat. eixam „Bienenschwarm“
> okz. eisa „Bienenschwarm“
> pg. enxame „Bienenschwarm“
Buchwort: Entlehnung aus schriftlich
überlieferten Texten 
esame
examen examen
[
]
EXAMEN
examen
[
]
[eze]
43
Dubletten
44
Die Darstellung im REW (31935)
45
Die Erstdatierung von Erb- und Lehnwörtern
46
 frz. essaim [1160]
 sp. enjambre [1335]
 it. sciame [frühes 14. Jh.]
vs.
vs.
vs.
frz. examen [1307]
sp. examen [1438]
it. esame [1. isolierter Beleg 1306;
allgem. gebräuchlich seit
dem 18. Jh.]
Beobachtungen auf lautlichem Gebiet
47
 Lat. ĕxāmĕn > it. sciame:
 1. Aphärese/Prokope von vortonigem e 2. Palatalisierung des Nexus [ks] zu []
 3. Apokope von auslautendem -n
Beobachtungen auf lautlichem Gebiet
48
 Lat. ĕxāmĕn > sp. enjambre:
 1. Epenthese von -n 2. Palatalisierung des Nexus [ks] zu [] im Altspanischen
(enxamre [eamre]) und Velarisierung zu [] im
Neuspanischen
 3. Epenthese von -b- zwischen -mr 3. Apokope von auslautendem -n
Beobachtungen auf lautlichem Gebiet
49
 Lat. ĕxāmĕn > frz. essaim:
 1. Assibilierung des Nexus [ks] zu [s]
 2. Palatalisierung von [ā] in offener Silbe zu []
 3. Nasalierung zu [] durch auslautendes [m]
 4. Apokope von -en
Allgemeine Gesetzmäßigkeit?
50
 lat. ĕxa lat. exalbare „weiß machen“


> it. scialbare
vlat. *exaquare „ausspülen“ (parasynthetische Bildung von aqua)
> it. sciacquare
 > sp. enjuaguar (über asp. enxaguar)

Literaturhinweise
51
H.-M. Gauger / W. Oesterreicher / R. Windisch:
Einführung in die romanische Sprachwissenschaft.
Darmstadt 1981, S. 99-133.
 M. Pfister: Einführung in die romanische Etymologie.
Darmstadt 1980, S. 26-47; 135-137.

Faktoren etymologischen Arbeitens
– gesamtromanischer Kontext
52
Faktoren etymologischen Arbeitens
53
 Morphosyntaktische Faktoren
 „In Einzelfällen sind nicht nur phonetische und
morphologische Gegebenheiten zu beachten, sondern auch
morphosyntaktische Faktoren, die in einen chronologischen
Rahmen passen müssen“ (Pfister, Einf. i. d. rom. Etymol.,
1980, 47)
Morphosyntaktische Faktoren
54
 Beispiel
 Frz. fesse-mathieu „Wucherer“, „Geizhals“
Das Wort wurde im 16. Jh. als Verbalkompositum aufgefasst; vgl.
fesser „den Hintern versohlen“;
 Belegt bei Noël du Fail (ca. 1520-1591): „A Rennes on l‘eust
appellé fesse-mathieu comme il dirait batteur de saint Mathieu,
qu‘on croit avoir esté changeur“
 FEW 6/I, 518: „daher kann der Ausdruck … nur bedeuten ‚hau den
juden‘, womit einmal mehr der haß der christen früherer zeiten
gegenüber wuchernden jüdischen geldverleihern zum durchbruch
kommt“ [H.E. Keller]

Morphosyntaktische Faktoren
55
 Motivation der etymologischen Erklärung
 Matthäus war Zöllner
 Der Name wurde einem jüdischen Geldverleiher als Spitzname
gegeben
 Existenz analoger Bildungen
fesse-maille „geizig“
 fesse-pinte „Trunkenbold“
 fesse-cahier „Kopist“

Morphosyntaktische Faktoren
56

Lindfors-Nordin (Zeitschrift für französische Sprache und
Literatur 36) hingegen interpretiert fesse-mathieu als
Substantiv-Komposition:

fesse-mathieu = Gürtel des Matthäus, da er auf künstlerischen
Darstellungen häufig mit einem vergoldeten Gürtel erscheint
(„Matthäus-Gürtel“).
Morphosyntaktische Faktoren
57

Diese These wird von Ernst Gamillscheg in seinem
Etymologischen Wörterbuch der französischen Sprache
(21969) übernommen:

„fesse steht für afrz. faisce (s. faisse) und bedeutet noch im 16. Jh.
‚Gürtel‘; ‚Schärpe‘, am Gürtel wird im späten Mittelalter der
Geldbeutel getragen; faisse Mathieu bedeutet also ‚Gürtel (mit
dem Geldbeutel) des hl. Mathaeus‘. Der Ausdruck wird zum
Symbol für St. Mathieu als Wucherer.“
Morphosyntaktische Faktoren
58
 Die etymologische Streitfrage kann nur nach
morphosyntaktischen Kriterien entschieden werden:


fesse-mathieu ist zum 1. Mal 1585 in Rennes belegt
Ist im 16. Jh. Eine neugebildete Wortzusammensetzung
mittels Juxtaposition in der Funktion eines possessiven
Genetivs noch möglich?
Morphosyntaktische Faktoren
59
 Ist
die Bildungsweise Subst. + Subst. statt
Subst. + de + Subst. im 16. Jh. noch vital?
Eher
unwahrscheinlich.
 Verbalkompositum
Die ikonographische Darstellung
des hl. Matthaeus in der Kunst
Geldbeutel
60
Faktoren etymologischen Arbeitens
61
 Semantische Faktoren
 Die Grundlage der wissenschaftlichen Etymologie wurde
durch die historische Lautlehre geschaffen.
 Erst zum Beginn des 20. Jh. verstärkte Hinwendung zur
Semantik:

Wilhelm Meyer-Lübke: „Die erneuerte und verschärfte
Betrachtung der Wörter bringt es mit sich, daß auch ihrem Inhalt,
der Wortbedeutung größere Aufmerksamkeit geschenkt wird.“
(German.-roman. Monatsschrift 1 [1909]).
Semantische Faktoren
62
 Alle Versuche, die Gesetzmäßigkeiten des
Bedeutungswandels aufzuzeigen, scheiterten.
 Dennoch gibt es gewisse Tendenzen…

z.B. Oberbegriff wird zur Bezeichnung eines Unterbegriffs
Afrz. ble „Getreide“ bezeichnete ursprünglich den Oberbegriff“
 Je nach Anbaugebiet kann blé für die in einer Gegend
hauptsächlich angepflanzte Getreideart verwendet werden (blé =
froment „Weizen“ [Palsgrave 1530]; Wall. blé = seigle „Roggen“)
etc.

Semantische Faktoren
 klat. FRUMENTUM „Getreide“ 
„Weizen“ (= wichtigstes Brotgetreide)
= klat. TRITICUM




> fr. froment (blé tendre) „Weizen“
> it. frumento „Weizen“
> kat. forment (oder blat)
„Weizen“
> asp. hormiento „Weizen“ (nsp.
trigo < lat. triticum „Weizen“)
63
Semantische Faktoren
64
 Exkurs
 Frz. blé (afrz. blet) < fränk. blad (vgl. dt. Blatt) oder kelt.
*blato (blawd) „Mehl“
 Kat. blat (s.o.)
Die Getreidebezeichnungen im klassischen Latein
FRUMENTUM
„Getreide“
TRITICUM
SECALE
HORDEUM
„Weizen“
„Roggen“
„Gerste“
65
Bedeutungsverengung
FRUMENTUM
„Weizen“
[„Getreide“]
TRITICUM
SECALE
HORDEUM
„Weizen“
„Roggen“
„Gerste“
66
Die diatopische Differenzierung in der Romania
FRUMENTUM „Weizen“
> frz. froment
> it. frumento
> kat. forment
TRITICUM „Weizen“
> sp. trigo
> pg. trigo
SECALE „Roggen“
> frz. seigle
> it. segala, segale
HORDEUM „Gerste“
> frz. orge
> kat./okz. ordi
> it. orzo
> rum. orz
67
Die Fortsetzung lateinischer Getreidebezeichnung in den
romanischen Literatursprachen: TRITICUM „Weizen“
68
FRUMENTUM
> froment
TRITICUM
> trigo
FRUMENTUM
> frumento
Die Fortsetzung lateinischer Getreidebezeichnung in den
romanischen Literatursprachen: SECALE „Roggen“
69
SECALE
> seigle
*CENTENUM
„hundertmalig“
> centeno
SECALE
> segala/-e
Allgem. Glaube: für jedes gesäte Samenkorn gibt es 100 neue.
Die Fortsetzung lateinischer Getreidebezeichnung in den
romanischen Literatursprachen: HORDEUM „Gerste“
70
HORDEUM
> orge
cibada
HORDEUM
> orz
HORDEUM
> ordi
HORDEUM
> orzo
Ursprüngliche Bedeutung „Gewicht“, später Übertragung auf die Gerste.
Abl. von cebar „ein Tier füttern“ < lat. *CIBARE, Abl. von CIBUS „Nahrung“.
Bedeutungsverengung
 lat. BĒSTĬA „Tier“, „Raubtier“




> fr. biche „Hirschkuh“
> it. biscia „Natter“
> sp. bicha „Schlange“
> pg. bicha „Schlange“, „Eidechse“, „Wurm“
It./sp. bestia, frz. bête etc. sind spätere Entlehnungen aus der lat. Schriftsprache.
71
Bedeutungsverbesserung: CABALLUS
CABALLUS vs. EQUUS (>
)
Fortsetzung der Wortform
cheval
caballo
cavallo
cavalho
Übernahme der
Bedeutung von
EQUUS*
*Das Wort EQUUS wurde im 6. Jh. nach Chr.
aufgegeben
72
Wortschwund und Bedeutungswandel
73
 Oppositionen (männl. – weibl.)
 In klassischer Zeit


EQUUS – EQUA
In nachklass. Zeit

CABALLUS – EQUA
rum. iapă
logud. ebba
kat. egua
sp. yegua
Hat sich nur in Randgebieten der
Romania erhalten
Wortschwund und Bedeutungswandel
74
 Oppositionen
CABALLUS – EQUA (Spanien: caballo - yegua)
 CABALLUS – CABALLA (Italien: cavallo - cavalla)
 CABALLUS – IUMENTUM (Frankreich: cheval - jument)


IUMENTUM „Lasttier“ → „Stute“
Wortschwund und Bedeutungswandel
75
Bedeutungsverbesserung
CASA
DOMUS
casa
duomo
Sprache und Gesellschaft
77
„Frau“
> afrz. oissour „Ehefrau“
> okz. oisor „Ehefrau“
FEMINA
MULIER
UXOR
1. Frau im Gegensatz zum männlichen
Wesen (VIR, MASCULUS)
Ehefrau im Gegensatz zu VIRGO
„Jungfrau“
2. Tierweibchen (z.B. CANIS FEMINA)
> it. femmina „Weibchen“
> frz. femme „Frau“
> sp. hembra „Weibchen“
> it. moglie „Ehefrau“
> afrz. moillier „Ehefrau“
> sp. mujer „Frau“ im Gegensatz zu „Mann“
„Ehefrau“
Sprache und Gesellschaft
78
 Mit fortschreitender römischer Zivilisation wurde die
Doppelbedeutung von „Frau“ und „Tierweibchen“
problematisch.
 Im südlichen (ländlich geprägten) Italien (d.h. südlich der
Linie Rom-Ancona) und in Sardinien ist die
Doppelbedeutung bis heute erhalten geblieben.
 Dies gilt auch für das Veneto.
 Die meisten Gebiete der Romania haben nur eine der
beiden Bedeutungen akzeptiert.
Sprache und Gesellschaft
79
FEMINA
„Frau“
„Weibchen“
> frz. femme
> it. femmina
> altokz. femna
> altkat. fembra
> sp. hembra
> pg. fémea
Ergänzung der Lücke
a) durch Diminutivbildung: „Tierweibchen“ frz. femelle, okz. femela, kat. femella
b) durch Ersatzwörter (mit Bedeutungswandel): „Frau“ it. donna, kat. dona
(< DOMINA „Herrin“)
Sprache und Gesellschaft
80
81
Von der pejorativen Bezeichnung zur
Standardbezeichnung: lat. TESTA
82
Von der pejorativen Bezeichnung zur
Standardbezeichnung
frz. tête
it. testa
asp. tiesta
Lat. TESTA (TESTUM)
sp. tiesto
83
Die Bezeichnung des Kopfes:
sprachliche Register im Lateinischen
CAPUT
in Gallien und Italien
TESTA
TESTA
84
Die Bezeichnung des Kopfes:
sprachliche Register im Italienischen
testa
zucca
capo (poet.)
zucca
85
Die Bezeichnung des Kopfes:
sprachliche Register im Französischen
tête
citrouille
citrouille
86
Die Bezeichnung des Kopfes: sprachliche Register im
Lateinischen
CAPUT
in Hispanien
CAPITIA (< Pl. von CAPITIUM
„Kopföffnung einer Kutte“)
87
Die Bezeichnung des Kopfes:
sprachliche Register im Spanischen
cabeza
coco
coco
88
Literaturhinweise
89
 Andreas Michel, Italienische Sprachgeschichte. Hamburg
2005, S. 269.
 Max Pfister, Einführung in die romanische Etymologie.
Darmstadt 1980.
 Gerhard Rohlfs, Romanische Sprachgeographie. München
1971.

Probleme der Italienischen Etymologie - 12.04.2010 - UK