Österreichische Literatur der
Zwischenkriegszeit
Wendelin Schmidt-Dengler: Ohne Nostalgie.
Wien: Böhlau, 2002.
Claudio Magris: Der habsburgische Mythos in der
österreichischen Literatur, Dissertation. Wien:
Zsolnay, 1963/1966/2000.
Nostalgie
(bildungsspr.) vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von
unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der
Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung
verklärten Zeit äußert
Franz Blei verharmloste diesen Einschnitt in seiner Autobiographie
aus dem Jahre 1930 Erzählung eines Lebens: „Dieser Weg in
Zukunft ging, da er um den Ring herumzog, im Kreise, wahrhaft
im Kreise Das gute österreichische Revolutiönchen strich in
einem so sanften Winde, daß es ihren Trägern die Mäntel ganz
von selber und ohne ihr Zutun und allgemein ungemerkt auf die
andere Seite drehte“.
Die Verelendung des Mittelstandes nach 1918.
Magris
Die österreichisch-ungarische Monarchie ging 1918 unter. Doch für seine
Intellektuellen und Dichter, die mit ihm plötzlich auch ihre Gesellschaft und
damit das Fundament ihres Lebens und ihrer Kultur zerstört sahen, für die
österreichischen Schriftsteller, die nun mit einem neuen politischen Klima
konfrontiert waren, ... für sie stellte sich das alte habsburgische Österreich als
eine glückliche und harmonische Zeit, als geordnetes und märchenhaftes
Mitteleuropa dar, in dem die Zeit nicht so schnell zu vergehen schien und
man es anscheinend nicht so eilig hatte, Dinge und Empfindungen des
Gestern zu vergessen. In ihrer Erinnerung wurde dieses Österreich zu einem
"goldenen Zeitalter der Sicherheit. Alles in unserer fast tausendjährigen
österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst
der oberste Garant dieser Beständigkeit... Jeder wußte, wieviel er besaß oder
wieviel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine
Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht", verklärte Stefan Zweig die
Monarchie in seiner Autobiographie Die Welt von Gestern.
Magris
Von der Zeit Maria Theresias über Nestroy und
Grillparzer zu Hofmannsthal, Kraus und Musil.
Außerdem geht er widerholt auf Stefan Zweig,
Hermann Broch, Franz Werfel und den Kronzeugen
des habsburgischen Mythos - Joseph Roth - ein.
Es waren Autoren, die sich auch außehalb Österrichs
durchgesetzt haben.
Autoren wie Karl Hans Strobl und dessen Roman Wie
haben gebauet wurden dabei unterschlagen.
Unterschiede zum literarische Leben in der Weimarer Republik
Die Monarchie hatte 51 Mill. Einwohner, das neue
Deutsch-Österreich, wie der Staat hieß, nur 6,5 Mill.
Im Friedensvertrag von Saint German wurde jedoch der
Anschluß an Deutschland verboten. Der Prozentsatz
derjenigen, die sich doch mit der Weimarer Republik
identifizierten, war in Deutschland größer als die Zahl
der Österreicher, die der Monarchie nicht
nachgetrauert hätten.
Die Muskete - Autoren
Die Muskete: Kultur- und Sozialgeschichte im
Spiegel einer satirisch-humoristischen Zeitschrift
1905-1941. Wien: Tusch (1983).
Unter den Autoren waren auch andere Autoren als
Strobl, M. Jelusich, R. Hohlbaum: F. T. Csokor,
P. Rosegger, E. Friedell, P. Altenberg, A.
Wildgans, H. Hesse, M. Brod und R. Musil.
Die Muskete
Aggressiv
Karl Paumgartten Repablick (R. ,1925): aus der Monarchie
wurde nur er Abschaum der fremden Völker aufgenommen.
Vorbild: der Kriminalromans Eugen Sues "Die Geheimnisse
von Paris" aus den 1840er Jahren
Hugo Bettauer († 26. 3. 1925) :
1923/24 Der Kampf um Wien:
nur wer Wien hat, dieses Kronjuwel, hat Mitteleuropa: das
wissen die Sklaven, die Magyaren, Monarchisten und
Republikaner, Reaktion und Anarchie.. Die Rettung Wiens
durch amerikanisches Kapital.
1924
Das entfesselte Wien
1924 Die freudlose Gasse (1925 von G. W. Pabst verfilmt,
hier debütierte Greta Garbo als Kollegin von Asta Nielsen).
Bettauer
Ab 1924 gab er gemeinsam mit Rudolf Olden
Sie und Er. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik
heraus, in der er eine liberale Einstellung zur Sexualität,
Straffreiheit für Homosexualität u. Abtreibung
propagierte.
Murray G. Hall: Der Fall B. Wien 1981.
Die Reaktion der Presse auf das Attentat: nicht der
Mörder, der Ermordete ist schuldig.: er sei ein Opfer er
Geister geworden, die er rief, für die
Nationalsozialisten war er ein Symbol der
Schmutzliteratur. (Alfred Rosenberg: ein Musterbeispiel
jüdischer Zersetzunstätigkeit)
Bettauer
Die Stadt ohne Juden, 1925
Zurückberufen. Die Währung steigt. Eine lockere Satire.
Durch die karikaturistische Darstellung wird der brutale
Umgang verharmlost. Die antisemitischen Vorurteile
dadurch bestätigt, gegen die er sich zu wehren
glaubte.
Strobl: Gespenster im Sumpf, 1920
eine negative Utopie, die im Jahre 1950 spielt; die
Stadt von einem Klüngel, der roten Hand,
regiert, die Lebensmittel, die auf einem Floß von
der Außenwelt geschickt werden, Grund zu
einer Rauferei, sonst sind die Armen nur
Erdenfresser. Der Untergang Wiens mit der
Weltuntergang gleichgesetzt.
1927: Justizpalastbrand
85 Demonstranten und 4 Polizisten getötet
paramilitärische Organisationen Heimwehr und Schutzbund
das rot Wien und der schwarz regierte Rest des Landes
Februarkämpfe 1934
mehrere Hundert Toten in vielen österreichischen Industrieorten. In Wien
wurden Arbeiterheime und Gemeindebauten (Karl-Marx-Hof, Goethe-,
Sandleiten-, Reumann- und Schlingerhof) hart umkämpft, in weiten
Teilen des Landes (Niederösterreich, Kärnten, Salzburg, Tirol,
Vorarlberg und Burgenland) herrschte dagegen vollständige Ruhe;
führende Sozialdemokraten in Kärnten und Vorarlberg distanzierten
sich von vornherein von dem Aufstandsversuch.
Doderer: Dämonen
15. Juli 1927 (Cannae der österreichischen
Freiheit)
Doderer arbeitete seit 1931 an den "Dämonen".
Erscheinungsjahr: 1956
50 Gestalten aus allen Gesellschaftsschichten
sind überwiegend Anhänger des alten
Österreich und warnen vor dem Aufstand als
einer »Dämonie«, die schon bei Dostojewski als
Dämonen beschrieb.
Salzburger Festspiele ab 1920
Die Barockstadt schien die Barocktradition der
theresianischen Zeit gut aufgehoben zu haben,
der Gegenwart sollte das Bild einer Ordnung
entgegengehalten werden, wie sie in der von
Max Reinhardt 1922 in der Salzburger
Kollegiatskirche uraufgeführt:
Hofmannsthal verarbeitet hier Calderóns
Fronleichnamsspiel Das große Welttheater
Das große Welttheater
Der Meister (Gott) läßt sich von der
unverständigen Welt ein Schauspiel bereiten.
Auf die Frage des Widersachers, wie ein von
Anfang bis Ende vom Meister vorbestimmtes
Spiel noch unterhalten könne, wird er belehrt,
die Kreaturschaft des Menschen bestehe in
jenem Funken von Freiheit, in der Wahl
zwischen Gut und Böse. Tod als
Bühnenmeister, unverkörperte Seelen mit der
Rolle des Königs, der Weisheit, der Schönheit,
des Reichen, des Bauern und des Bettlers
belehnt.
Das große Welttheater
Das Spiel im Spiel inszeniert den sozialen
Konflikt, den der Bettler so formuliert:
Ihr habt, und ich hab nicht – das ist die Red
Das ist der Streit und das, um was es geht!
Die Welt lässt ihr Lied von der vergänglichen Zeit
ertönen, und alle Spieler verspüren den
nahenden Tod, der sie einzeln abruft. Aber nur
Weisheit und der Bettler gehen ihm gelassen
entgegen.
Der Anspruch auf natürliche Gleichheit des
Schicksals als Teufelswerk dargestellt.
Max Mells Apostelspiel (1924)
Das politische Programm des Festivals tritt noch deutlicher in
Mells Apostelspiel (1928 bei den Salzburger Festspielen).
Versspiel in Knittelversen
Die naive Frömmigkeit eines Bauernmädchens vermag zwei
Gesellen von Raub und Mord abzuhalten. Einer von ihnen
trägt einen gelbbraunen russischen Militärmantel, um die
antibolschewistische Tendenz des Stückes zu
unterstreichen, obwohl sie sich Petrus und Johannes
nennen. Sie sind entschlossen, die 15-jährige Magdalene,
ihren Großvater zu ermorden und den Bergbauernhof, wo
sie Abendessen und Nachtquartier bekommen haben,
niederzubrennen.

Das große Welttheater