Sefer Chassidim
• Die von Shmuel und hauptsächlich Jehuda verfaßte
Schrift ist eine der wichtigsten jüdischen mittelalterlichen
Werke zur Ethik.
• Moritz Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens
und der Kultur der abandländischen Juden während
des Mittelalters und der neueren Zeit, Wien 1880:
Massenbewegung mit großem Einflussbereich in
Aschkenas– das kollektive Werk von Generationen
• Ivan Marcus: Realisiertes Programm für eine kleine
jüdische Sekte, wenige Individuen, die neue Wege
beschritten, ein Sonderleben der chassidischen
Gemeinschaft.
• Joseph Dan - ein Traum, der nie Wirklichkeit wurde,
eine Utopie..
Joseph Dan, Jewish Mysticism II: The Middle Ages,
Jerusalem 1998; Ivan G. Marcus, Piety and Society, the
Jewish Pietists of Medieval Germany, Leiden 1981.
Sefer Chassidim
• Umfasst das gesamte jüdische Leben, Alltag, Gebet,
Frömmigkeit, Theologie, 1538 in Bologna gedruckt,
Berlin 1891 (aufgrund der Handschrift Bologna), 1172
Paragraphen, während Parma 1983 Paragraphen hat.
Voneinander unabhängige, hunderte von Erzählungen,
Schriftauslegungen, ethische Anweisungen etc.
• Die Hefte sind nach Themen eingeteilt wie Buße,
Dämonenerzählungen, Wundererzählungen,
Zaubergeschichten, Moralerzählungen, (historische
Exempla), hagiographische Erzählungen, Traumberichte,
Schadensgeister.
• Die zwei Handschriften Bologna und Parma sind zwei
verschiedene Redaktionen der ursprünglichen Hefte.
Man kann vier verschiedene Rezensionen festmachen.
Autor der einleitenden Hefte ist Shmuel, des größeren
Teils Jehuda.
• Viele der Erzählungen schildern
»borderline cases« (Alexander-Frizer), die
Fälle von Wertekonflikten thematisieren
und so dem Chassid Wegweisung geben
wollen.
• T. Alexander-Frizer, The Pious Sinner.
Ethics and Aesthetics in the Medieval
Hasidic Narrative, Tübingen 1991.
• „Einmal fragte einer, dessen Trieb ihn übermannte und
er deshalb fürchtete, dass er sich versündigt und sich zu
einer verheirateten Frau oder zu seiner menstruierenden
Frau legt [...], ob er dann, um die Sünde zu vermeiden,
onanieren dürfe. Da antwortete der Befragte: In diesem
Augenblick solle er es tun [...], aber er bedürfe dafür
einer Sühne, sich z.B. im Winter ins Eiswasser zu
setzen.“[1]
•
[1] Ivan G. Marcus hat ein Faksimile der Ms.Parma H
3280 herausgegeben: Sefer Chasidim, Jerusalem 1985.
• Ein bedeutsames Element der esoterischen Theologie
des Sefer Chassidim ist, dass die durchaus alltäglichen,
aber doch außergewöhnlichen oder bemerkenswerten
Phänomene in dieser Welt, zu denen auch Dämonen
und Vampire sowie die magische Macht der
Gottesnamen gehören, Beispiele für die Existenz des
Unsichtbaren und damit auch der unsichtbaren Gottheit
sind.
• Diese Auffassung ist es, welche wohl ein wesentliches
Motiv für die Sammlung der in die mehrere Hunderte
gehenden Erzählungen im Sefer Chassidim war.
• Die Chassidim wollen beweisen, dass es Dinge gibt, die
man nicht sieht, aber die dennoch existieren. Auch Dinge
der Erfahrung (wie Atem, Staub, Geruch etc.), welche
zeigen, dass es tatsächlich Dinge gibt, die man dennoch
nicht sieht, gerade so wie Gott. Zu solchen
existierenden, aber nicht sichtbaren Dingen zählen auch
die Dämonen, deren Wahrnehmung und Auftreten als
Beweise dafür gelten, dass es unsichtbare Mächte – wie
Vampire, Werwölfe, Hexen - gibt.
• „Es wurde einmal einer mit Reißzähnen und einem Schwanz
geboren. Da sprachen die Leute: Am Ende wird er Menschen
fressen. Am Besten man tötet ihn. Da riet ihnen ein Weiser: Reißt
ihm Zähne und Schwanz aus, damit er allen ändern gleicht, dann
kann er niemand schaden.“[1]
• „Eine Gemeinde wollte an einen anderen Ort umziehen. Da kam ein
Toter zu einem von ihnen im Traum und sprach: Verlasst uns nicht,
denn wir freuen uns, wenn ihr zum Friedhof kommt. Wenn ihr uns
aber verlasst, wisset, dass ihr dann alle getötet werdet. Sie
kümmerten sich nicht darum und wurden alle getötet.“[2]
•
[1] Sefer Chasidim, Parma §171.
• [2] Sefer Chasidim, Parma §269.
• „Es war einmal eine Frau im Verdacht, eine
Streija zu sein, die Schaden anrichtet. Einmal
erschien sie einem Juden als Katze und er
schlug sie. Am nächsten Tag bat sie den Juden,
ihr von seinem Brot und Salz zu geben. Er wollte
dies tun, da sprach ein Alter: ‚Sei nicht
überfromm’. Wenn einer anderen gegenüber
schuldig ist, kann man seine Frömmigkeit nicht
zeigen, denn wenn sie am Leben bleibt, wird sie
den Menschen schaden.“[1]
•
[1] Sefer Chasidim, Parma §1466.
• Was ist eine „Streija“? Es ist im Grunde eine Art Vampir.
• Man kennt Kinder stehlende Wesen bereits in der griechischen
Mythologie unter dem Namen Stringes, Strigais oder Striglais,
welche in Vogelgestalt zu den kleinen Kindern flogen, um diesen
das Blut auszusaugen.
• Die Striges der römischen Mythologie, wie sie zum Beispiel bei Ovid
zu finden sind, sind ebenfalls Kinder raubende, blutsaugerische,
weibliche Dämonen. Sie besitzen einen Vogelleib und den Kopf
einer verführerischen Frau.
• Ovid (Fastae 131): „Gierige Vögel sind sie, Sie fliegen nachts
herum.Sie suchen Kinder, wenn die Amme abwesend ist. Diese
tragen sie weg. Sie verderben ihren Körper mit ihren Krallen. Sie
sollen die Eingeweide des Säuglings mit ihren Krallen
herausreissen. Ihren Schlund haben sie voll von dem Blut das sie
trinken.“
• In der Zoologie werden die Eulenvögel allgemein als
Strigiformes bezeichnet. Eine Unterabteilung sind die
eigentlichen Eulen im engeren Sinn (Strigidae).
• Zu diesen gehört die Gattung der Käuze (Strix). Der
Zusammenhang zwischen den Motiven der Nachteule,
der verführerischen Hexe und der Striga zeigt sich
deutlich, wenn man die verschiedenen romanischen
Sprachen miteinander vergleicht.
• So ist die „strega“ im Italienischen eine böse alte Frau
oder Hexe, die mit dem Teufel im Bunde steht.
• In einer Oxforder Handschrift aus dem
14.Jahrhundert, welche Teile der HechalotLiteratur enthält, ist folgender Vers enthalten:
• „Schwarze Striga, schwarz über schwarz, Blut
wird sie essen, Blut wird sie trinken. Wie ein
Ochse wird sie brüllen, Wie ein Bär wird sie
brummen, Wie ein Wolf wird sie erdrücken."
• So ist die Chasidische „Streija“ ein weiblicher
Vampir wie deren berühmteste Vertreterin, Lilith.
Zu Lilith
• Eine einzige Textstelle der Bibel (Jesaja
34,14) erwähnt Lilith. Während in den von
Sumer und Babylon her geprägten
Vorstellungen Lilith eine Göttin aus der
Umgebung der Ischtar war, ist sie im
biblischen Schrifttum, zusammen mit
anderen Spukgestalten, bereits zu einem
farblosen Wüstengespenst geworden.
Lilith im Talmud
„R. Jirmija ben Eleazar sagte: Alle die Jahre,
während welcher Adam, der Urmensch, im
Banne war (gemeint ist jene Zeit von 130
Jahren, zwischen dem Tode Abels und der
Geburt Seths, in welcher er sich von Eva
fernhielt), zeugte er Geister, Dämonen und
Lilin.“ (Erubin 18b)
• „R. Jirmija ben Eleazar sagte: Sie
(gemeint sind die Menschen, welche den
Turm zu Babel zu bauen versuchten)
teilten sich in drei Gruppen... Diejenigen,
die sagten: Kommt, wir wollen
hinaufsteigen und Krieg (gegen Gott)
führen, wurden (verwandelt in) Affen,
Gespenster und Lilin.“ (Sanhedrin109a)
• Lilith wird als verführerische Frau mit
langen Haar und Flügeln im Talmud und
im Sohar geschildert.
• „R. Chanina sagte: Man darf nicht in
einem Hause allein (andere Übersetzung:
in einem alleinstehenden Hause) schlafen,
denn wer in einem Hause allein schläft,
wird von der Lilith überfallen.„(Shab 151b)
Alphabet des Ben-Sira, 9-10. Jhr.
• „Der Sohn des Königs (Nebukadnezzar) wurde plötzlich
krank. Der König sagte zu ihm (ben Sira): Heile meinen
Sohn. Wenn du es nicht tust, werde ich dich töten.
Sogleich setzte er (ben Sira) sich nieder und schrieb ein
Amulett im Namen der Reinheit. Er schrieb darauf die
Namen der Engel, welche für die Heilung bestimmt sind
mit ihren Namen, ihren Gestalten, ihren Händen und
ihren Füßen. Als Nebukadnezzar das Amulett sah, sagte
er zu ihm: Wer sind diese? Er antwortete: Dies sind die
Engel, die für die Heilung bestimmt sind: Senoi,
Sansenoi und Semangloph. Als der Heilige, gelobt sei er,
den ersten Menschen allein schuf sagte er: Es ist nicht
gut für den Menschen, allein zu sein. Und er schuf für ihn
eine Frau aus Erde wie ihn (Adam) und er nannte sie
Lilith.
Bald begannen sie miteinander zu streiten. Sie
sagte zu ihm: Ich will nicht unten liegen. Er aber
sagte: Ich will nicht unten liegen sondern oben,
denn du bist dazu bestimmt, unten zu liegen. Sie
sagte zu ihm: Wir sind beide gleichberechtigt,
denn wir sind beide aus Erde (geschaffen). Aber
sie hörten nicht aufeinander. Als Lilith dies sah,
sprach sie den erklärten Namen Gottes aus und
flog in die Luft. Adam stand vor seinem Schöpfer
im Gebet und sagte: Herr der Welt.
• Die Frau, die du mir gegeben hast, ist von mir
weggegangen. Sogleich sandte der Heilige, gelobt sei er,
drei Engel hinter ihr her, um sie zurückzubringen. Der
Heilige, gelobt sei er, sagte zu ihm (Adam): Falls sie
zurückkehren will, ist es gut, wenn nicht, dann muß sie
es auf sich nehmen, daß jeden Tag hundert ihrer Kinder
sterben. Sie (die Engel) gingen zu ihr und fanden sie
inmitten der reissenden Wasser, in welchem dereinst die
Ägypter ertrinken sollten. Und sie sagten ihr die Worte
Gottes. Aber sie wollte nicht zurückkehren. Sie sagten zu
ihr: Wir müssen dich im Meer ertränken. Sie sagte zu ihnen: Laßt mich. Denn ich bin nur dazu geschaffen
• worden, um Kinder zu schädigen acht Tage bei Knaben
und zwanzig Tage bei Mädchen (nach der Geburt) . Als
sie hörten, was sie sagte, bedrängten sie sie noch mehr.
Sie sagte: Ich schwöre im Namen des lebendigen
Gottes: Wenn ich euch oder eure Gestalt auf einem
Amulett sehe, dann werde ich keine Gewalt über das
besondere Kind haben. Und sie nahm es auf sich, daß
jeden Tag hundert ihrer Kinder sterben würden. Deshalb
sagen wir, daß jeden Tag hundert Dämonen sterben.
Deswegen schreiben wir ihre Namen auf ein Amulett für
kleine Kinder. Und wenn sie (Lilith) sie sieht, dann
erinnert sie sich ihres Versprechens, und das Kind ist
gerettet."
• Die seltsamen Namen der Engel in den LilithAmuletten - Senoi, Sansenoi und Samangelof sind wahrscheinlich durch Einflüsse aus dem
Griechischen entstanden (Sisinios, Sines
Sisynodoros), wie man schon bei aramäischen
Amuletten sehen kann.
• Lilith ist im Zohar die Mutter und Königin der
Dämonen. Andere führende weibliche Dämonen
sind z. B. Naama, Agrat und Machalat. Auch
wenn Dämonen eigentlich sterblich sind, so
leben führende Gestalten wie Lilith und Naama
bis zum „jüngsten Gericht“.
Sefer Raziel haMalach, S.35a (Kopie eines
Wochenbettamuletts).
• Vor dem Hintergrund der traumatischen
Erfahrung der Kreuzzüge und der Pogrome im
Rheinland entwickelten die Chasidim eine
asketisch weltabgewandte Frömmigkeit. Sie
sehen das Ziel des menschlichen Lebens im
jenseitigen Lohn, der mit den in dieser Welt
erlittenen Leiden wächst. Weltabwendung und
Sündenfurcht erzeugte ein vierstufiges
Bußsystem mit einem Rabbiner „Beichtvater“,
was es zuvor im Judentum so nicht gegeben
hat.
•
„Viele Schriften der Chaside Aschkenas, auch solche
aus anderen Kreisen als dem um Jehuda he-Chasid,
sind noch nicht ediert und entsprechend wenig erforscht.
Sie selbst berufen sich auf alte Traditionen aus dem
Orient, die schon in Italien ihre Vorfahren überliefert
bekamen. Die genauere Herkunft ihrer Gedankenwelt ist
noch weithin unbekannt, ebenso nicht wirklich geklärt,
warum diese Bewegung sich gerade um diese Zeit
entfaltete. Der Hinweis auf die geänderten Verhältnisse
seit den Kreuzzügen und ihre Auswirkungen in der
jüdischen Spiritualität ist sicher richtig, erklärt aber nicht
alles.“[1]
•
[1] Stemberger, Judaistik, S.147.
• Die asketisch weltabgewandte
Frömmigkeit des Sefer Chassidim sieht
das Ziel des menschlichen Lebens im
jenseitigen Lohn, der mit den in dieser
Welt erlittenen Leiden wächst. Der Kampf
gegen den eigenen Bösen Trieb hat
höchsten religiösen Wert, so dass das
Leben in der Welt als Aufgabe zum
Bestehen der gottgesandten
Versuchungen begriffen wird.
Buss-System
• 1. teschuva ha-ba'ah, die Abwendung von sich
anbietenden Möglichkeiten zum Sündigen
• 2. teschuvat ha-gader, die Nähe der Möglichkeit
zum Sündigen vermeiden, durch Ausweitung der
Grenze des Gebotenen,
• 3. teschuvat ha-mischkal, die freiwillige
Übernahme einer Buße, deren Schmerz den von
der Sünde gewonnenen Genuss aufwiegt
• 4. teschuvat ha-katuv das ist die freiwillige
Übernahme von in der Tora gebotenen Strafen.
• Neue Institution eines »Beichtvaters« in Gestalt
des Chacham,des Weisen…
Warum Gebete in den Himmel oder Tempel richten, wenn
Gott doch überall ist?
• Gott schuf die „Kavod“ Herrlichkeit oder
Schechina (philosophische Erklärung von
Sa‘adja Gaon, 10. Jahrhundert).
• Texte aus El‘azar Ben Yehuda von Worms
(gest.1223), Hilkhot ha-Kavod, die Lehrsätze
von der Herrlichkeit Gottes, dt. Tübingen 1997
• Jehuda He-Chassid: »Wenn es nach Rav
Sa'adja Ga'on ginge, der sagte, dass dies ein
erschaffener Kavod ist, dann können wir über
ein solches Geschöpf ja nicht sagen >er ist
unser Gott<!«
•
•
•
Für Jehuda ist der Kavod das Ziel der menschlichen Gebete dar und vertritt
somit den unendlichen Gott in der Kommunikation mit dem Menschen. Der
Kavod wird damit als die den Menschen zugewandte Seite der Gottheit
präsentiert, die durch ihre Begrenztheit den menschlichen Sinnen erfahrbar
wird. Diese sichtbare Seite der Gottheit, die der Menschenwelt zugewandt
ist, haftet am unendlichen Schöpfer und ist mit ihm verbunden.
Die Rückseite, mit welcher der Kavod am Schöpfer haftet, weil er an dieser
Stelle aus dem Schöpfer emaniert, ist dem Menschen nicht zugänglich, die
andere, ihm zugewandte Seite hingegen kann er sehen. Diese den
Menschen, das heißt vor allem den Propheten, zugewandte Seite erscheint
in wechselnder Gestalt, je nach dem Bedürfnis der Botschaft, die dem
Propheten zu vermitteln ist.
Der Kavod Gottes vertritt den Lokalbezug der Gottheit, während der
unendliche Schöpfer allgegenwärtig ist und in allem weilt. Darum ist der
Kavod nicht nur die Offenbarungsseite der Gottheit, sondern auch der Ort,
an den sich das menschliche Gebet, zum Beispiel zum Himmel hin, richten
soll, denn…
Lehre von der Demut (Ähnlichkeitsgestalt), auch
Massal (Glücksstern) oder Engel
• Dies ist eine Art himmlisches Spiegelbild des Menschen.
Diese Gestalt beschützt den Menschen als persönlicher
Schutzengel und lässt während des irdischen Lebens
seiner Seele das Licht des Kavod zufließen. In der
oberen Gestalt ist das Schicksal des unteren Pendants
schon vor dessen Geburt eingezeichnet. Von da her
können die Engel und Propheten etwas über die Zukunft
des Menschen erfahren. Dieses Zelem fungiert als der
himmlische Stellvertreter des Menschen, vertritt ihn auch
vor dem himmlischen Gericht, das auch seine künftige
Eheschließung im Himmel vorwegnimmt. Als solches ist
der Zelem aber auch der Angriffspunkt für den Zauber,
welcher über die himmlische Gestalt auf den Menschen
gelenkt wird.
Gematria
• Sefer Gematriot, Jerusalem 2005, Zahlenanalogien biblische und andere Texte gedeutet werden:
• » >Denn im Ebenbilde (be-Zelem) Gottes< (Gen 9, 6),
das hat den Zahlwert von Abraham [nämlich 248];
>machte er den Menschen<. Das heißt im Verdienst
Abrahams machte er die Welt. Und so erscheint es, als
ob Abraham den Menschen gemacht hat. [Darum heißt
es auch Gen 12,5]: >Und die Nefesch (Menschen), die
sie [Abraham und die Seinen] in Haran gemacht
hatten<.«Band 1, S.16
• Diese Verbindung zwischen dem alten Text und der
neuen Theologie herzustellen ist es, was diese und die
anderen hermeneutischen Techniken in den Schriften
der Chasside Aschkenas vor allem leisten sollen.
• Den ersten 9 Buchstaben des hebräischen Alphabets werden die
Zahlen 1 - 9 zugeordnet, von alef bis zum tet.
• Die nächsten 9 Buchstaben entsprechen 10 - 90, von jod (i) bis
tsade (ts).
• Die letzten vier Buchstaben, kof bis taw, bilden 100 – 400.
• Mit den anders geschriebenen fünf Endbuchstaben, kaf, mem, nun,
pe und tsade, wird dies von 500 – 900 fortgeführt.
• Eine Variante dieser Methode ist das Wegstreichen der Nullen. So
kann der Buchstabe taw auch 4 an Stelle von 400 gezählt werden.
• In einem anderen System wird zum Quadrat gerechnet. Der
vierbuchstabige unaussprechliche Gottesname, das
Tetragrammaton (JHWH), besteht üblicherweise aus den Zahlen 10
(jod), 5, (he), 6 (waw) und 5 (he). Das ergibt den Zahlenwert 26.
• Rechnet man aber stattdessen 10² + 5² + 6² + 5, erhält man den
Wert 186. Dieses entspricht dem Zahlenwert des Wortes makom
(Platz), einem weiteren Gottesnamen.
• Damit man bei gematrischen Berechnungen auch
astronomisch hohe Summen erreichen kann, erdachte
man das System der Aufschlüsselung der Zahlenwerte.
Der Buchstabe dalet hat normal den Wert 4. Die 4
beinhaltet allerdings die Ziffern 1, 2 und 3. So addiert
man alles zusammen und erhält den Wert 10.
• Eine ähnliche Methode ist die sogenannte millui
(Auffüllung). Der Buchstabe bejt hat den Wert 2. Bejt
besteht jedoch ausgeschrieben aus den drei Buchstaben
bejt, jod und taw, was insgesamt 412 ergibt. Eine
Verfeinerung hiervon ist die Hinzuzählung der Anzahl der
Buchstaben. Da wir hier drei Buchstaben haben, wird
rasch aus 412 415.
• ‫( משיח‬Maschiach Messias) =
• ‫( נחש‬Nachasch Schlange)
Zahlenwert beider
Worte: 358
Volkserzählungen aus dem „Ma’ase-Buch“ über die
Chasside Aschkenas (jiddisch, Amsterdam 1602, dt.
München 2003)
• »Rabbi Samuel der Fromme ging einmal zu einer Mühle, um für
seinen Vater, Rabbi Kalonymos, den Pessachweizen zu mahlen,
und während er in der Mühle den Weizen mahlte, gab es einen
Wolkenbruch, und die Wasser stiegen so hoch, dass die Esel das
Mehl nicht heim tragen konnten, ohne dass es nass geworden wäre
und für Pessach nicht mehr zu gebrauchen wäre. R. Samuel war
sehr verärgert und wusste zuerst nicht, was er tun sollte. Dann
machte er von dem Namen Gottes Gebrauch, und es erschien ein
riesiger Löwe, größer als ein Kamel. Er legte dem Löwen den
Mehlsack auf den Rücken, nahm auf dem Sack Platz und ritt so auf
dem Rücken des Löwen durch das Wasser, bis zum Haus seines
Vaters. Aber als Samuel zu Hause ankam, tadelte ihn sein Vater,
denn er erkannte, dass sein Sohn den heiligen Namen benutzt
hatte. Daher wurde er sehr zornig und sagte zu ihm: ‚Du hast eine
schwere Sünde begangen, als du den Löwen mit Hilfe des
[göttlichen] Namens erschaffen hast, und zur Strafe für diese große
Sünde wirst du niemals Kinder haben.’ Um seine schwere Sünde zu
sühnen, muss Schmuel der Hasid sieben Jahre der Wanderschaft
im Exil auf sich nehmen.“
• „Rabbi Samuel der Chassid, erschuf
einmal ein menschliches Wesen und
schrieb 'Emet auf seine Stirn. Dieses
menschliche Wesen konnte jedoch nicht
sprechen, da die Fähigkeit zu sprechen
allein in der Hand Gottes liegt. Und dieses
menschliche Wesen, das er erschaffen
hatte, begleitete und diente R. Samuel wie
ein Diener seinen Herrn alle Tage solange
er auf seiner Exilsfahrt war.«
• Den Anfang bildet eine Gruppe von
bedeutenden Gelehrten der Provence, zeitgleich
mit der chassidischen Bewegung:
• Abraham ben Isaak (1110-1179)
• Sein Schwiegersohn Abraham ben David =
Rabed (1125-1198),
• Jacob ha-Nazir
• Isaak „sagi nahor“, der Blinde (1165-1235), Sohn
des Rabed und der wichtigste Kabbalist der
provençalischen Mystiker.
• So sind drei Elemente, die zum Entstehen der
Kabbala beitrugen zu nennen.
• 1. neuplatonische Philosophie
• Einer der wichtigsten Vertreter des jüdischen
Neuplatonismus war Salomo Ibn Gabirol (ca.
1021-1058)
• Etliche arabisch geschriebene Werke wurden
hier in Südfrankreich ins Hebräische übersetzt,
wie z.B. das Chovot Ha-Levavot (Die
Herzenspflichten) von Bachja ibn Paquda (Ende
des 11.Jhrs), oder das Buch Kusari des Jehuda
Halevi (1075-1141).
•
•
Der Neuplatonismus entwickelte eine mystische Stufenlehre. Aus dem „AllEinen“, dem „Ersten“, dem „Ewigen“, strömt alles aus. Diese Emanation
entläßt Geist, Weltseele, Einzelseelen und Materie. Alles leitet sich von
diesem höchsten, unfaßbaren Wesen ab, in dem auch alles wieder
zurückkehrt. In diesen mystisch-intuitiven Lehren findet man gleichsam den
Aufruf zur Ekstase (Eins-Sein mit Gott) als auch zur Askese.
Der jüdische Neuplatonismus wurde aus Spanien von Juden, die vor den
Almohaden und Almoraviden geflohen waren, nach Südfrankreich gebracht,
wobei die islamische Mystik ebenfalls vom neuplatonischen Gedankengut
geprägt ist:
•
„Der Platonismus lag im Vorderen Orient gewissermaßen in der Luft, so
dass die spätere islamische Mystik weitgehend von neuplatonischen
Gedanken durchzogen ist.“[2]
•
[2] Annemarie Schimmel, Rumi, ich bin Wind und du bist Feuer, Leben und
Werk des großen Mystikers, München 2003, S.14.
Gabirol: Tikkun Middot ha-Nefesh
• 20 Triebe, die mit den fünf Sinnen zusammenhängen. Jeder Sinn
ruft Tugend- oder lasterhafte Neigungen hervor. Die vier Qualitäten,
die vier Elemente und die vier Säfte erzeugen in Zusammenwirken
mit den fünf Sinnen 20 Eigenschaften, Tugenden und Untugenden.
Die Aufgabe der Moral ist, alle diese natürlichen Neigungen unter
Kontrolle zu halten.
• Wärme, Luft, rote Galle: Sehen / Stolz, Sehen / Frechheit,
Hören/Grausamkeit, Riechen / Fleiß, Riechen / Zorn.
• Kalt, Wasser, Staub: Fühlen / Mutlosigkeit, Hören / Barmherzigkeit,
Sehen / Scham, Sehen / Demut, Schmecken / Zuversicht.
• Feuchte, Blut, weiße Galle: Schmecken / Hartnäckigkeit, Fühlen /
Geiz, Riechen / Eifersucht, Hören / Hass, Schmecken / Reue.
• Trockenheit, Feuer, schwarze Galle: Fühlen / Mut, Schmecken /
Freude, Hören / Liebe, Fühlen / Freigiebigkeit, Riechen /
Wohlwollen.
• 2. diverse gnostische und alte mystische Lehren. Diese
haben ihren Ursprung höchstwahrscheinlich im Orient.
Dort waren sie bereits seit Jahrhunderten bekannt und
kamen schließlich, so wie auch der sogenannte
Neumanichäismus über Byzanz und Italien, vielleicht
auch noch über Deutschland, nach Südfrankreich.
• 3. Das dritte Element, das entscheidend zum
Aufkommen der Kabbala beitrug, war die Entwicklung
einer Art jüdischen „Mönchswesens“:
• Parallel zur Entstehung der verschiedenen
Talmudakademien formte sich im Lauf des 12. Jhds. eine
Gruppe heraus, die sich selbst als die Pruschim, wörtlich
die Abgesonderten, bezeichnete.
• Sie lebten zurückgezogen in strenger Askese
und Entsagung von materiellen Dingen. Aus
diesen Kreisen wurden dann auch konkrete
mystische Erlebnisse, wie das Erscheinen des
heiligen Geistes im Lehrhaus oder die
Offenbarungen des Elija, berichtet.
• Der Neuplatonismus, der aus Spanien in die
Provence gekommen war, die asketische
Lebensweise, die in Frankreich entstand, führten
zur Synthese dieser drei Elemente aus der Ende
des 12.Jhds. die jüdische Mystik, die Kabbala,
entsprang.
• Man kann die Kabbala gewissermaßen als eine Reaktion auf die
Philosophie und den Gottesbegriff der Philosophen und Theologen
verstehen, auch wenn verschiedene Philosophen Kabbalisten waren
und umgekehrt. War doch im Mittelalter das religiöse Denken der
Philosophen und Theologen aller monotheistischen Religionen auf
die Reinheit des Gottesbegriffes ausgerichtet.
• Diese Reinheit konnte nur erreicht werden, indem die mythischen
Bilder und Aussagen über Gott und die Anthropomorphismen, mit
denen er in der Bibel beschrieben wird, verbannt wurden. Dadurch
konnte man über ihn immer weniger aussagen.
• Es wuchs die Gefahr, dass Gott zu einem Abstraktum wird, das sich
dem einzelnen Gläubigen vollkommen entzieht. Das wiederum
führte zur Gefährdung der Lebendigkeit Gottes. Somit liegt das
wahre Problem des kabbalistischen Gottesbegriffes in der Aufgabe,
den Gott der Philosophen mit der Lebendigkeit des Gottes der Bibel
zu verbinden.
• Erst im 13.Jhd. begann man den Ausdruck
„Kabbala“ für die damals neu
aufgekommene mystische Strömung zu
verwenden. Dass manche Kabbalisten der
Überzeugung waren, sie tragen eine uralte
Tradition vor, ändert nichts am Faktum,
dass wir es hier mit einem Phänomen des
mittelalterlichen Judentums zu tun haben.
• Man kann drei mystische Schulen unterscheiden, die schließlich in
Spanien vereinigt wurden.
• Die eine bildet sich rund um das „Sefer ha-Bahir“ (das helle Buch),
dem ersten Text, der kabbalistische Symbolik enthält, ein weiterer ist
der sogenannte Ijjun-Kreis, aus dem das „Sefer ha-Ijjun“ (Buch der
Meditation) hervorgeht.
• Bei diesen anonymen Ijjun-Mystikern ist die Verbindung zu den
Hekhalot-Lehren besonders ausgeprägt.[1]
• Der dritte und bekannteste Kabbalistenkreis war in der Provence.[2]
•
[1] Mark Verman, The books of contemplation: medieval Jewish
mystical sources, Cambridge 1992.
Zentraler Text dieser Periode
ִ ‫ֵספֶ ר ַהב‬
• Das Buch Bahir Sefer Ha-Bahir ‫ָהיר‬
• Am Ende des 15. Jh. wird das Sefer haBahir von Flavius Mitridates ins
Lateinische übersetzt:
• 1651 wird das Sefer ha-Bahir in
Amsterdam gedruck
Quellen
• Das Buch Bahir, auf Grund der kritischen Neuausgabe von Gerhard
Scholem, Darmstadt 1970 (1923)
141 Paragraphen, beruht auf: Ms München 209 (1298)
• The book Bahir, an edition based on the earliest manuscripts, by
Daniel Abrams, Los Angeles 1994 (hebr.)
Ms München 209 (1298, Basistext) und Ms Vatikan-Barberini Or.
110 (1297 für Varianten).
• 1951 edierte Reuven Margalioth einen hebräischen Text mit 200
Paragraphen, wobei er einige Paragraphen splitterte (hat nicht mehr
Text als Scholem)
• Die englische Übersetzung der Margalioth-Ausgabe von Aryeh
Kaplan: The Bahir, York Beach 1989.
• The early Kabbalah, ed. and introd. by Joseph Dan, New York
1986
Studien
• Dan, Joseph: Jewish mysticism 2,
Northvale 1998.
• Moshe Idel: Jewish mystical leaders and
leadership in the 13th century, Northvale 1998
• Scholem, Gershom: Ursprung und Anfänge der
Kabbala, Berlin 2001 (1962)
• Schäfer, Peter: Weibliche Gottesbilder im
Judentum und Christentum, Frankfurt a. M. 2008
Traditionelle Sicht
• R. Nechunja, ein Rabbiner aus der Zeit der
Mischna, der um 100 unserer Zeit lebte, ist der
Autor des Sefer ha-Bahir.
• Die mündliche Überlieferung des Sefer ha-Bahir
geht also auf das 1. Jh. zurück und die
Kabbalisten halten es für möglich, dass es
schon vor der ersten Veröffentlichung im 12. Jh.
geheime Handschriften gegeben hat.
• 1174 - Sefer ha-Bahir wird in einer
Kabbalistenschule der Provence veröffentlicht…
Wissenschaft
• Fragmentarische Sammlung, die aus mehreren Schichten besteht.
Verschiedene Quellen wurden im 12. Jahrhundert verarbeitet und
redigiert, wobei dieses Zusammenfließen verschiedenster Texte mit
unterschiedlichsten Einflüssen noch unklar ist.
• Einige Teile flossen paraphrasierend in den Text „Raza Rabba Großes Mysterium“ ein, der verloren ist, aber von einigen Autoren im
10. Jahrhundert erwähnt wird.
Siehe: Elliot R. Wolfson, The Tree that is All: Jewish-Christian Roots
of a Kabbalistic Symbol in Sefer ha-Bahir, in: Journal of Jewish
Thought and Philosophy 3 (1993), S.31-76.
• Gershom Scholem argumentierte, dass es ab 1130 in der Provence
entstanden sei.
• Joseh Dan dagegen spricht von einem Verfasser, der den Text
zwischen 1170 1200 außerhalb der Mystiker der Provence
geschrieben hätte..
• R. Moses ben Eleazar ha-Darshan schrieb im 13. Jahrhundert einen
Kommentar zum „Shiur Komah“, dort sind Zitate eines Werkes
namens „Sod ha-Gadol“. Diese Zitate sind ein frühes literarisches
Zeugnis des Bahirtextes. Scholem glaubt, dass „Sod ha-gadol“ das
verschollene aramäische „Raza Rabba“ sei, was Abrams nicht
überzeugt.
• Im Bahir sind zu erkennen: frühe Textstränge wie das Sod ha-gadol,
mündliche ältere Traditionen, frühe Zitate einer möglichen Redaktion
in Deutschland, z. b. Ephraim bar Simson, einem Mystiker des 13.
Jahrhunderts. Dieser zitiert um 1240 eine Passage, die wir später
ähnlich im Bahir finden.
• Neuere Forschungen haben gezeigt, daß es nicht zu beweisen ist,
ob die provencalischen Kabbalisten das Bahir tatsächlich gekannt
haben. Abrams glaubt, daß es außerhalb der deutschen Chassidim
bearbeitet wurde. Chaviva Pediah vertritt wiederum die
provencalische Redaktion.
• Nachmanides zitiert als einer der ersten in seinem
Kommentar zur Tora (Genesis 1) das Sefer ha-Bahir
unter dem Titel Midrasch R. Nechunja ben ha-Qana mit
dem Eröffnungssatz „R. Nechunja ben ha-Qana sagte“.
• Unter mittelalterlichen Kabbalisten wurde das Werk
bekannt unter dem Namen Sefer ha-Bahir. Dieser
Ausdruck wurde aus dem Eröffnungsteil genommen: Ein
Vers sagt: „Und jetzt sieht man das Licht nicht, welches
leuchtet („bahir“) am Himmel“ Hiob 37,21
• Die Worte sind hell, aber ihre Brillanz kann das Auge
erblinden lassen, sagt Moses Cordovero (1522-1570)
•
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Es hat durchaus eine Struktur:
die Schöpfung 1-26 (1-18),
das Alphabet, 27-44, (19-28),
die sieben Stimmen und Sefirot 45-123,
(29-87),
• die 10 Sefirot 123-193 (88-133),
• die Geheimnisse der Seele 194-200 (133141).
Gnostische Elemente
• Pleroma, der Weltenbaum, die göttlichen
Kräfte, doppelte Weisheit als Tochter und
Braut, die männlichen und weiblichen
Kräfte innerhalb der göttlichen Fülle, die
Seelenwanderungslehre, die Symbolik der
weiblichen Schechina etc.
• Scholem – Einflüsse durch die Gnosis
• Dan – innerjüdische Entwicklung, keine
historischen Beeinflussungen, sondern eine
theologische Parallelität. Es ist zwar gnostisch
inhaltlich, aber nicht historisch.
• Moshe Idel - Bahir und Gnosis schöpfen beide
aus einer antiken jüdischen Quelle, das
gnostische Element im Bahir ist also das
Bewahren einer alten jüdischen Tradition…
• Weder die Kabbala noch die Gnosis sind
einheitlich. Kurt Rudolph, Die Gnosis, Göttingen
1980 (nicht negativ) Gnosis ist ein „Parasiten –
Denken“, das sich in verschiedenen
Wirtsreligionen Ausdruck verschafft.
• Motive: der Dualismus: die Schöpfung ist das
Reich des Bösen, der Finsternis gegenüber der
göttlichen Lichtwelt und dem unerkennbaren
jenseitigen Gott.
Gnostisches Weltbild
• Der Kosmos ist in zwei grundsätzlich gegensätzliche Bereiche
geschieden.
• Da ist der aus dem »Unfall« hervorgegangene irdische Kosmos, den
der Gnostiker als Gefängnis und Zwangssystem empfindet.
• Er besteht aus den sieben Planetensphären samt der Sphäre des
Zodiak - den Archonten (Herrschergewalten) und Dämonen —, die
ihr finsteres Regiment über die Welt verbreiten und schließlich der
Erde samt der Unterwelt. In den sieben Sphären, der Hebdomas,
oder in der achten, der Ogdoas, thront der Ober-Archont, das ist der
Demiurg (Weltschöpfer).
• Am anderen Extrem steht, völlig außerweltlich, das göttliche
Pleroma (die Fülle), das in keinem Konnex mit der irdischen Welt
steht. Zwischen beiden erstreckt sich zuweilen ein Zwischenreich, in
welchem die exilierte Sophia (Weisheit) weilt und den Menschen ihr
göttliches Selbst, den Funken aus dem Pleroma zukommen lässt.
• Trennend: Kabbala Weg zum unbekannten Gott,
Gnosis – Erkennen, wer wir sind, was wir
geworden sind, woher wir stammen und wohin
wir geraten, Geburt, wiedergeburt.
• Gemeinsam: dualistisches Denken, Frage nach
dem Bösen, kosmischen Unfall sitra achera.
lehre doch ähnlich: nicht von einem Gott,
pleroma – Sefirot, emanation, paar denken bei
den Sefirot – adam kadmon, des Urmenschen.
• kein Schöpfungskampf, sondern gottgewollt trotz
Unfälle. kabbalistische Schöpfungs- und
Menschenbild ist positiver.
• Gott erscheint hier als Träger kosmischer Potenzen.
Diese treten aus der von gnostischen Vorstellungen
geprägten göttlichen Fülle (gr. Pleroma) hervor.
• Die Sefirot erscheinen als Kräfte Gottes. Sie bilden einen
Äon im göttlichen Pleroma. Es werden ihnen göttliche
Eigenschaften zugeschrieben und schließlich sind sie
auch die 10 Schöpfungsworte (ma'amarot).
• Über das Verhältnis zwischen den Sefirot und ihrem
Ursprung in Gott erfährt man im Buch nichts. Sie werden
in Form eines Weltenbaumes, der zugleich auch der
Ursprungsort der Seelen ist, dargestellt. Diese
Darstellung wird auch von späteren Kabbalisten
übernommen und während der gesamten Geschichte
eine der beliebtesten bleiben.
• Die Sefirot sind in drei obere und sieben
untere geteilt.
• Die Reihe der oberen besteht aus den
Sefirot: Keter eljon (höchste Krone), auch
Machschava (Gedanke, Denken, Idee)
genannt, Chochma (Weisheit) und Bina
(Einsicht, Verstehen).
• „Und was ist (dieser) Baum, von dem du gesprochen
hast? Er sagte zu ihm: Alle Kräfte Gottes sind
übereinander, und sie gleichen einem Baum: wie der
Baum durch das Wasser seine Früchte hervorbringt, so
mehrt auch Gott durch das Wasser die Kräfte des
Baumes. Und was ist Gottes Wasser? Das ist Chochma
(Weisheit), und das (die Frucht des Baumes) ist die
Seele der Gerechten, die von dem Quell zum großen
Kanal fliegen, und sie steigt auf und haftet am Baum.
Und wodurch blüht er? Durch Israel: Wenn sie gut und
gerecht sind, so wohnt die Schechina unter ihnen, und
durch ihre Werke weilen sie in Gottes Schoß, und er läßt
sie fruchtbar sein und sich mehren.Ҥ85
• Die Herrlichkeit Gottes, von der die Bibel spricht und die
Schechina, die wir in den rabbinischen Schriften finden,
werden hier gewissermaßen zu Synonymen.
• In den späten Midraschim, die zum Teil in Südfrankreich
ein Jahrhundert vor dem Auftreten der kabbalistischen
Schriften entstanden, finden wir erste Ansätze der
Hypostasierung des Begriffes. Es ist dort auf einmal die
Rede von Gott und seiner Schechina. Im Buch Bahir
bezeichnet die Schechina bereits eine der
Wirkungskräfte Gottes. Sie wird zum weiblichen Prinzip
in Gott. Eine Reihe von Gleichnissen, wo sie als
Schwester, Tochter oder Mutter dargestellt wird, zeugen
davon. Zudem wird sie auch in Verbindung mit der
Chochma, der oberen Weisheit, gebracht, indem sie die
Weisheit Salomos, also die „untere“ Weisheit, darstellt.
• Das Bild der Sefirot wird in den
verschiedensten Formen symbolisch
dargestellt, am bekanntesten als Baum, in
Anlehnung an Bahir § 85 und als
Urmensch, der Adam Kadmon. Bei diesem
Bild werden den einzelnen Sefirot
Körperteile zugeordnet. Dieser kosmische
Mensch ist androgyn - Jessod entspricht
dem männlichen, Schechina dem
weiblichen Geschlechtsteil.
• Wichtigste Text der Provence-Kabbalisten ist der
Kommentar von Isaak dem Blinden zum Sefer
Jezira, er ist auf deutsch/hebräisch kritisch
editiert als Diss, Domi Akrap hier an der Uni
Wien.
• Für die Namen der sieben unteren Sefirot gibt
Isaak als erster deren Quelle an:
• 1. Chr 29, 11, wo es heißt: »Dein, JHWH, ist die
Gedulla (Größe) und die Gevura (Stärke) und
die Tif'eret (Herrlichkeit) und der Nezach (Sieg)
und der Hod (Schmuck), denn Kol (Alles) ist im
Himmel und auf Erden. Dein, JHWH, ist die
Mamlacha (Königsherrschaft) [...].«
• Im Buch Bahir wird sie auch als Emet
(Wahrheit) bezeichnet.
• Die Sefira, der in der gesamten kabbalistischen
Literatur die meisten Bilder und die reichste
Symbolik gewidmet ist, ist die Schechina. Das
Wort „Schechina“, das in der Bibel und
außerrabbinischen Literatur nicht vorkommt,
bedeutete ursprünglich die Anwesenheit Gottes
an einem Ort. Es war die Gegenwart Gottes,
seine Einwohnung, um den Ausdruck wörtlich
wiederzugeben, damit gemeint.
• Aus jener Zeit stammt auch die Auffassung,
dass an jedem Ort wo Israel ins Exil zog auch
die Schechina mit dabei war.
• Für die mittelalterlichen Religionsphilosophen
stellte die Schechina die erste freie Schöpfung
Gottes dar, damit hat sie keinen Anteil am
göttlichen Wesen und seiner Einheit, sondern
bezeichnet etwas Erschaffenes.
• Sie ist mit Gottes Herrlichkeit (Kavod) und dem
Lichtglanz ident, was bereits zu den bereits
erwähnten Spekulationen der „Chaside
Aschkenas“ führte.
• Die Herrlichkeit Gottes, von der die Bibel spricht und die
Schechina, die wir in den rabbinischen Schriften finden,
werden hier gewissermaßen zu Synonymen. In den
späten Midraschim, die zum Teil in Südfrankreich ein
Jahrhundert vor dem Auftreten der kabbalistischen
Schriften entstanden, finden wir erste Ansätze der
Hypostasierung des Begriffes. Es ist dort auf einmal die
Rede von Gott und seiner Schechina.
• Im Buch Bahir bezeichnet die Schechina bereits eine der
Wirkungskräfte Gottes. Sie wird zum weiblichen Prinzip
in Gott. Eine Reihe von Gleichnissen, wo sie als
Schwester, Tochter oder Mutter dargestellt wird, zeugen
davon.
• Zudem wird sie auch in Verbindung mit der Chochma, der oberen
Weisheit, gebracht, indem sie die Weisheit Salomos, also die
„untere“ Weisheit, darstellt. Wir haben hier somit zwei Aspekte der
Weisheit, die göttliche, die sich im Urpunkt als Anfang manifestiert
und die menschliche am Rande der göttlichen Sefirotwelt. Aus
manchen Stellen im Bahir wird ersichtlich, dass die Schechina,
obwohl sie zu den Sefirot gezählt wird, mit jenen nicht völlig
gleichwertig ist. So im §36, wo sie als Tochter des Königs erscheint
und mit ihm nur über ein Fenster in Beziehung treten kann, oder im
§19 wo sie sogar als König dargestellt wird, im Verhältnis zu den
anderen 9 Königen aber arm erscheint. Sie ist eben die Mittlerin
zwischen den irdischen und den göttlichen Kräften, sie empfängt
einerseits von den oberen Sefirot, kann aber diese positiven Kräfte,
die sie in sich aufnimmt, in dieser Form nicht weitergeben.
•
„Die Sache gleicht einem König, in dessen Gemach die Königin war, an der all seine
Heere sich entzückten, und sie hatten Söhne. Sie kamen täglich, den König zu sehen
und priesen ihn. Sie sagten zu ihm: Wo ist unsere Mutter? Er erwiderte ihnen: Ihr
könnt sie jetzt nicht sehen. Da sagten sie: Gepriesen sei sie, wo immer sie ist! Und
was bedeutet von ihrem Orte aus? Hieraus folgt, dass keiner da ist der ihren Ort
kennt! Ein Gleichnis von einer Königstochter, die von fern herkam, und niemand
wußte, woher sie gekommen war, bis sie sahen, dass sie tüchtig, schön und
ausgezeichnet war in allem, was sie tat. Da sagten sie: Wahrlich, diese ist gewiß aus
der Form des Lichts genommen, denn durch ihre Taten wird die Welt licht. Sie fragten
sie: Woher bist du? Sie sagte: Aus meinem Orte. Da sagten sie: Dann sind die Leute
an ihrem Orte groß. Gepriesen sei sie und gerühmt an ihrem Orte. Und ist denn diese
Herrlichkeit Gottes nicht in seinen Heerscharen enthalten? Er hat sie doch nicht von
dort weggenommen!? Warum aber preisen wir sie dann besonders? Ein Gleichnis:
Jemand hatte einen schönen Garten und außerhalb des Gartens, nahe daran, ein
Stück guten Feldes. Er richtete einen schönen Garten ein, bewässerte den Garten
zuerst, so dass das Wasser sich über den ganzen Garten ausbreitete, außer über
jenes Stück Feld, das nicht damit zusammenhängt, obwohl alles eines ist. Darum
öffnete er ihm einen Ort und bewässerte es gesondert.“§90
• Im Buch Bahir wird die Seelenwanderung
als selbstverständlich beschrieben. Es ist
unklar, wie diese Lehre in das Buch
hineingeflossen ist, der man bei den
zeitgenössischen Religionsphilosophen
ablehnend gegenüber stand. Vielleicht
haben hier nicht mehr rekonstruierbare
Beeinflussungen, wie durch die Katharer,
stattgefunden.
• „Warum geht es (manchem) Frevler gut und
(manchem) Gerechten schlecht? Weil der
Gerechte schon (einmal) in der Vergangenheit
ein Frevler war, der nun bestraft wird. Aber
bestraft man denn für (Vergehen der)
Jugendtage? Rabbi Simon hat doch gesagt,
dass man erst vom zwanzigsten Jahre ab
bestraft?! Ich spreche ja nicht vom (selben)
Leben, ich spreche davon, dass er schon in der
Vergangenheit da war.Ҥ 135.
• Die provençalische Kabbala entstand in einer Zeit der
hohen kulturellen und religiösen Spannungen in
Südfrankreich. Die talmudische Gelehrsamkeit war in
Gemeinden wie Marseille, Arles, Montpellier, Narbonne
und Toulouse zu hoher Blüte gelangt, und die Köpfe
waren offen für die philosophischen Richtungen ihrer
Zeit.
• Eine interessante Anmerkung hierzu ist, dass drei der
provençalischen Mystiker in enger verwandtschaftlicher
Beziehung zueinander standen: Der Schwiegersohn
Abraham ben Isaaks aus Narbonne war Abraham ben
David. Er war der Vater Isaaks des Blinden. Ascher ben
David wiederum war Isaaks Neffe.
• Scholem weist in seiner Studie „Ursprung und Anfänge
der Kabbala“ auf Quellen hin, die behaupten, dass diese
vier Männer Offenbarungen des Propheten Elia (hebr.
Gilluj Elijahu) empfangen hätten.
• Es ist sehr aufschlußreich, dass diese Menschen sich
auf diese Form mystischer Offenbarung berufen haben.
• Sie wollten als tief religiöse Juden nicht den Anspruch
erheben, persönlich mit Gott gesprochen zu haben, da
sie dadurch ihrer persönlichen Offenbarung denselben
Wert wie der Offenbarung am Sinai beimessen würden.
• Da die Kabbala sich in der Mitte des traditionellen
Judentums entwickelte, mußte sie einen Weg finden, die
mystischen Offenbarungen in einen anerkannten
Traditionszusammenhang einzureihen, wobei natürlich
der Offenbarung am Sinai die höchste Autorität
beigemessen wurde.
• Die Erscheinungen des Elia in Visionen und Träumen
hat stark traditionellen Charakter.
• So sind die mystischen Visionen der Kabbalisten der
Provence bewußt in den Traditionsrahmen durch die
Erscheinungen des Elia gestellt worden, womit sie über
jeden häretischen Verdacht erhaben sind.
• Was waren eigentlich die Inhalte dieser Offenbarungen?
Scholem vermutete, dass die mystischen
Gebetsmeditationen die eigentlichen Neuerungen
darstellten.
• Der Beter versuchte sich in einen bestimmten Zustand
zu versetzen, in dem es ihm möglich war, geistig in die
Welt der göttlichen Attribute aufzusteigen.
• Dazu brauchte er die richtige Intention (hebr. Kawwana).
Er verband dabei die Worte des normativen Gebets mit
bestimmten Sefirot.
• Der mystische Moment spielte sich nur im Denken ab.
Das Ziel der Kawwana war die mystische Anhängung an
Gott (hebr. Dewekut).
• Die Lehren der ersten europäischen kabbalistischen
Zirkel, die später in Spanien vereinigt wurden, waren
keine „unjüdische“ Gegenreaktion zum Rationalismus
der aristotelischen mittelalterlichen Religionsphilosophie,
wie es Heinrich Graetz noch in der „Wissenschaft des
Judentums“ im 19. Jahrhundert betont hatte, sondern ein
neuer Weg innerhalb der jüdischen Tradition.
• Trotz der inhaltlichen Nähe zu sufistischen Lehren
lassen sich Beeinflussungen durch die islamische Mystik
in den mittelalterlichen kabbalistischen Schulen nur
schwer nachweisen.
• „Die Kabbala als historische Erscheinung im
mittelalterlichen Judentum ist in der Provence
entstanden (…). Von hier wurde sie im ersten Drittel des
13. Jahrhunderts nach Spanien verpflanzt, und ihre
klassische Entwicklung spielte sich im Wesentlichen dort
ab. Sie ist also ein Phänomen des Judentums im
christlichen Abendland und wir haben keinerlei
historische Kenntnisse oder direkte Zeugnisse über ihre
Existenz oder ihre Verbreitung in den Ländern des
Islam.“[1]
•
[1] Scholem, Ursprung und Anfänge, S.9.
•
•
•
•
•
Bei Abraham Maimonides (1186-1237), dem Sohn des Philosophen Moses
Maimonides (1138-1204), in Ägypten gibt es dagegen sehr wohl Verbindugen zum
Sufismus. Auch wenn er selbst zuweilen behauptet, dass seine mystischen
Erneuerungen auf „antiken jüdischen Traditionen“ beruhen, ist die Beeinflussung von
der Mystik des Islam und dem islamischen Gebetsritus offensichtlich.
So forderte er neben der Vereinigung mit Gott, was in der Kabbala als „Dewekut“ und
im Sufismus als „Dhikir“ (durch Aussprechen von Gottesnamen, Musik und Tanz zu
Vereinigung mit Gott und zur Ekstase zu gelangen) bekannt ist, das Waschen der
Füße vor dem Gebet und das Heben der Hände.[1]
Der chasidisch-sufistische mystische Weg des Abraham Maimonides erinnert an AlGhazalis (1058-1111) Verbindung von Mystik und Rationalismus.
Nach Abrahams Tod folgten seine Söhne David (1222-1300) und Obadja (122812665) dem jüdischen Sufismus.
Viele Fragen sind hier noch offen, vor allem ob und wie weit der Einfluss gegangen
ist – prägte der Sufismus die ägyptischen jüdischen Mystiker oder war es umgekehrt?
•
[1] Paul B. Fenton, Abraham Maimonides (1186-1237): founding a mystical dynasty,
in: Jewish Mystical Leaders and Leadership in the 13th Century, hg. von Moshe Idel,
Mortimer Ostow, Northvale, New York 1998, S.127-154.

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