Bernd Winkelmann
Akademie Solidarische Ökonomie, Vortrag ÖV Mainz // Manuskript
Stand 27.4.2014
Überwindung der Pseudoreligiosität des Kapitalismus
– Neuentdeckung der Ganzheitlichkeit, der Transzendenz und Spiritualität
I. Die Pseudoreligiosität des Kapitalismus
1. Logik und Leitprinzipien des Kapitalismus
2. Der pseudoreligiöse Charakter des Kapitalismus
3. Zivilisatorische Folgen
4. Ursachen und Zusammenhänge: Das Dreigestirn des mechanistischen Weltbildes
II. Die Neuentdeckung der Ganzheitlichkeit, der Transzendenz und Spiritualität
1. Anstöße aus den Wissenschaften
2. Begriffsklärung
3. Wege, Erfahrungen, und Merkmale der neuen Spiritualität
4. Das Wiederfinden eines ganzheitlich-spirituellen Menschenbild
5. Spiritualität an Grundlage einer humanen Zivilisation?
6. Herausforderung an Kirchen und Religionen
Dahinter Doppelthese:
1. dass Kapitalismus nicht nur eine bestimmte Wirtschaftsweise ist, sondern vor allem eine Ideologie mit deutlich
pseudoreligiösen Charakter
2. dass die ideologische Macht des Kapitalismus erst durch eine Wiederentdeckung der Ganzheitlichkeit des Lebens, der
Transzendenz und Spiritualität gebrochen werden kann. (Leonardo Boff: „Die Zukunft der Mutter Erde“)
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I. Die Pseudoreligiosität des Kapitalismus
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Was ist Kapitalismus?
1. Logik und Leitprinzipien des Kapitalismus
Leitprinzipien:
1. Kapitalisierungsprinzip: aus Kapital (Geld) muss mehr Kapital (Geld ) werden
2. Privatisierungsprinzip: Privatisierung möglichst jeder Wertschöpfung
Ziel und Zweck allen Wirtschaftens:
- Profitmaximierung, Renditensteigerung, Geldmehrung,
- Akkumulation des Kapitals in Privatverfügung der Kapitaleigner
- Folgeprinzipien...
- Abschöpfungs- und Bereicherungsmechanismen...
Dahinter Grundideologie, Grunddogma:
Das Zusammenspiel von Eigennutz, Konkurrenz und Markt würde wie
von einer „unsichtbaren Hand geleitet“ zum Wohlstand aller führen.
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Darin erkennbar::
2. Der pseudoreligiöse Charakter des Kapitalismus
Das Wirken der „unsichtbare Hand“ wird bei den Vätern der kapitalistischen Ideologie als
göttliches Wirken verstanden:
a) Adam Smith (1723-1790): dies aber auf Grundlage „ethischer Gefühle“, eines „Rechtstaates“
(Duchrow: „illusionäre Marktgläubigkeit“)
b) Bernard Mandeville (1670-1733): „Laster“ aller Art wie
Gier, Betrug, Luxus, Ausbeutung, Polizeistaat, Zerstörung
und Wiederaufbau usw. seien Quelle und Wirkkraft
für Fortschritt und Gemeinwohl („Bienenfabel“)
(Duchrow: „zynische Marktgläubigkeit“)
Friedrich August von Hayek bezeichnet das Suchen nach
Gerechtigkeit im Wirtschaften als schlimmstes Übel und die Ungleichheit
als notwendige Voraussetzung guten Wirtschaftens.
Michael C. Burda amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler 2009 :
„Als Ökonom kann ich diese Gier (der Finanzindustrie) nicht verurteilen.
Ich muss sie sogar loben! Ohne das Streben nach Gewinn, das der
Motor unseres Wirtschaftsstreben ist, wäre der Wohlstand, den wir
genießen, unmöglich.“
(Grafik John Heartfield)
Hiermit doppelter Dammbruch:
a) ethisch: Eigensucht, Gier und Gegeneinander wird Leitprinzip zwischenmenschlichen Handelns;
b) religiös: dem wird eine religiöse Legitimität zugesprochen.
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Kritiker des pseudoreligiöse Charakters des Kapitalismus
> Karl Marx: Kapital, Kapitalakkumulation als religiöses Opium der Kapitaleigener
> Max Weber: „Die protestantische Ethik
und der Geist des Kapitalismus“
> Walter Benjamin: im Schuldsystem
„religiöse Struktur des Kapitalismus“
> Erich Fromm: „Kapitalismus
eine geheime kybernetische Religion“
> Norbert Bolz, David Bosshard:
„Kultmarketing – die neuen Göttes des Marktes“
> Heute: Christoph Fleischmann, Franz Segbers, Christoph Deutschmann u.v.a.
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Kultmarkting
Nach Norbert Bolz und David Bosshart:
„Kultmarketing. Die neuen Götter des Marktes“
(1995)
● Die Märkte in den in den hochentwickelten
entwickelten Industrieländern gesättigt
● Um Wachstum zu sichern, müssen sie
entsättigt werden durch Wecken
zusätzlicher, künstlicher Bedürfnisse.
● Dies funktionier nicht mehr durch
materielle Anreize, sondern durch
Ansprechen emotionaler, ideeller,
spiritueller Sehnsüchte.
● Darum „Kultmarkting“: Kaufe wird zum
Kult; das Idol, die Ware als Fetisch ist
entscheidend.
St. Pauls Kathedrale
in London
Einkaufspassage Galaria
Vittoria in Mailand
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Worin liegen?
Momente des Religiösen – Pseudoreligiösen
Erlösungsversprechen: materielles und emotionales Glück...
Lösung aller gesellschaftlichen Probleme
ewiger Fortschritt
Heilsmittel: Geld, sich selbst vermehrende Geldanalgen („Mammon-Herrschaft“)
Privatbesitze, wirtschaftliches Wachstum
Schuld- und Entschuldung: Schulgeldsystem, Schuldverschreibung („Kredit“, „Gläubiger“),
Schuldhaftung, Entschuldung (Insolvenz)
Heilsmittler: Banken und Banker, Finanzmärkte („vertrauen“)
Erlösungskult: Kaufen, Kultmarketing, Börse, Aktien, spekulative Geldanlagen
Kultorte (Tempel): Kaufhäuser, Banken, Banker als „Priester“ (Heilsmittler)
Dies als Religion oder pseudo?
Pseudoreligiös weil:
> keine wirkliche Transzendenz, d.h. keine erlösende Kraft aus einem Jenseits des „Eigenen“,
> Ersatzbefriedigung, Scheinerlösung, Erlösungsbetrug,
> krankmachendes Sucht (Gier), Zerstörung des Humanum, der menschlichen Zivilisation
Wir sehen: Kapitalismus macht Haben und Eigennutz zur Ersatzreligion und zum „geheiligten“ Leitprinzip
unserer Kulturepoche!
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Worin liegen die
3. Zivilisatorische Folgen
Unsere gegenwärtig Zivilisation ist durch vier Schlüsseldaten gekennzeichnet:
1. Schlüsseldatum:
Schaffung enormer Reichtümer
M. Miegel:
„Stichflammenentwicklung“
und Vermögen:
Produktivitätszuwächse, Geldvermögen,
wissenschaftlich-technischen Vermögens...
- in Tempo und Geschwindigkeit,
wie noch nie in der Menschheitsgeschichte
Exemplarische Daten:
Seit 1991 das Welt-Bruttosozialprodukt
um über das 2-Fache gestiegen,
der Welthandel verdreifacht,
der Energiekonsum verdoppelt.
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2. Schlüsseldatum
Extreme Ungleichheit
der Teilhabe, wachsende ReichtumsArmutsschere
Schlüsselzahl:
> In D. verfügen 10% Supereiche über
66% des Nettovermögens;
> Weltweit 20% über 83%
80% etwa 17%
Die 85 reichsten Menschen der Welt verfügen
über so viel wie die arme Hälfte der
Weltbevölkerung (Oxfam 2014)
Auf der Erde sterben täglich 100.000 Menschen an
Hunger und seinen Folgen, alle 5 Sekunden ein Kind
unter 10 Jahren.
Papst Franciscus:
„Unsere Wirtschaft tötet.“
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3. Schlüsseldatum
2011 bei 1,5
Gravierende Übernutzung
und Überlastung des Ökosystems
unserer Erde
Ökologischer Fußabdruck in D. bei dem 3-4 Fachen,
der USA bei dem 9-10- Fachen.
2 Grad-Ziel erreichbar, wenn in 10-20 Jahren der
CO2-pro-Kopf-Ausstoß in D von 11 t auf 2 t,
in den USA von 19 t auf 2t abgesenkt wird.
> Klimabericht 2013/2014: Umbau der
Wirtschaft und Lebensweise jetzt;
Zeitfenster bis 2013;.
> Leonardo Boff „Krieg gegen Gaia“,
„Kapitalismus als Selbstmord“
> Studie Nasa-Centrum: „Drohender
Zusammenbruch unserer Zivilisation“
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4. Schlüsseldatum
Sinnkrise und ethische
Orientierungslosigkeit
„Das grenzenlose Wachstum von Technik,
Wissenschaft und Wirtschaft hat zu einem
"moralischen Vakuum" (Karl Steinbuch)
und zu einer Verunsicherung bezüglich
einer verbindlichen Wertorientierung
geführt.“ (Wirtz/Zöbeli)
Folgen:
Zunahme psychischer Krankheiten wie
Depression, Bornout, Drogenexzesse...
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4. Schlüsseldatum
Kluft zwischen materielle-technolog. Fortschritt (rot)
und sozialethischer Entwicklung (schwarz, oder grün)
Sinnkrise und ethische
Orientierungslosigkeit
„Das grenzenlose Wachstum von Technik,
Wissenschaft und Wirtschaft hat zu einem
"moralischen Vakuum" (Karl Steinbuch)
und zu einer Verunsicherung bezüglich
einer verbindlichen Wertorientierung
geführt.“ (Wirtz/Zöbeli)
Folgen:
Zunahme psychischer Krankheiten wie
Depression, Bornout, Drogenexzesse...
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Schlussfolgerungen
Unsere heutige Wirtschafts- und Lebensweise forciert
ihr technisches Vermögen und quantitatives Wachstum
in der Art, dass sie in Gefahr ist,
ihre eigenen ökologischen, sozialen und ethischen Grundlagen zu zerstören.
Dabei spielt die pseudoreligiöse Ideologie des Kapitalismus
einen Schlüsselrolle.
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Dazu Exkurs:
4. Ursachen und Zusammenhänge
1. Das sozialdarwinistische Menschenbild
● Der Mensch sei von Natur aus ein auf Egoismus, materielle Bereicherung, Neid,
Konkurrenz, Aggressivität hin angelegtes Wesen.
● Nur im Ausleben dieser Gaben könne der Einzelne gut leben und die Gattung Mensch
in der Evolution überleben.
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Dahinter steht der uralte
2. Der materialistische Grundirrtum
Leben und Glück seien im Haben
und immer mehr Haben,
im Machen, Unterwerfen zu finden.
● Dagegen Uralterfahrung
der Menschheit,
dass dies eine zerstörerische Verkennung
des Lebens ist:
- Bibel: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein...
- Erich Fromm: „Haben oder Sein“....
- Erkenntnisse der Glücksforschung....
Tragik unserer Zivilisation:
die kapitalistischen Ideologien haben den materialistische Grundirrtum
und das sozialdarwinistische Menschenbild
zum Leitprinzip der gegenwärtig Kulturepoche gemacht.
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Geistesgeschichtlicher Hintergrund ist
3. Das mechanistische Weltbild der Neuzeit
Das mit der Aufklärung entwickelte neuzeitliche Weltbild (Rene´ Descartes, Newton, John Locke, Francis Bacon u.a.)
brachte enorme Fortschritte der Weltbemächtigung.
Zugleich war es gegenüber den ganzheitlichen Weltbildern der alten Welt ein stark reduktionistisches Weltbild.
1. Die gesamte Welt (Kosmos) wurde in rein
materiell-mechanischen Wirkzusammenhängen erklärt
– die Welt als großes Uhrwerk
2. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit wurde auf das rein
Rationale, auf Logik und Mathematik zurück geführt.
Emotionalität, Gefühl und Leiblichkeit wurden verleugnet,
abgewertet oder rationalisiert.
„Cogito ergo
sum Ich denke, also
bin ich!
Rene Descartes
1596 - 1650
3. Die Natur wurde zum reinen Zweckgegenstand
erklärt, die zu unterwerfen und auszubeuten ist.
Sie ist kein eigenes Wesen, hat keinen Eigenwert.
Francis Bacon: Der Mensch solle „die Natur sich gefügig und
zur Sklavin machen, sie auf die Folter spannen, bis sie ihre
Geheimnisse preisgibt.“
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Im Ganzen sehen wir
Das Dreigestirn des materialistischen Weltbildes
Das Zusammenwirken dieser drei Paradigmen ist Grundlage der kapitalistischen Weltanschauung
– ist heute noch das dominante Paradigma unserer Zeit!
z.B. nicht nur in kapital. Wirtschaft, auch in Unterhaltungsfilmen, z.T. in Schulen, Universitäten, Lebensweise ...
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II. Die Neuentdeckung der Ganzheitlichkeit, der Transzendenz und
Spiritualität
?
Hier könnte die entscheidende Kraft liegen,
den pseudoreligiösen Verblendungen des Kapitalismus zu wiederstehen
und die Deformationen unserer Zivilisation zu überwinden.
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Seit etwa 80 -100 Jahren entwickelt sich ein Paradigmenwechsel : die Überwindung des mechanistischen Weltbildes in der
Widerentdeckung der Ganzheitlichkeit und Transzendenz – dies angestoßen durch die moderne Physik (Einstein,
Heisenberg, Niels Bohr, Max Planck, David Bohm u.a.), durch neuere Neurobiologie, Sozialpsychologie, Philosophie ,
Feminismus u.a.
1. Anstöße aus den Wissenschaften
1. Ganzheitliche Wahrnehmung: nicht allein Ratio und Logik,
sondern erst aus dem Einbeziehen von leiblichen, emotionalen,
intuitiven und seelischen Wahrnehmungen
können wir die ganze Wirklichkeit erfassen.
2. Ganzheitliche Werteorientierung: nicht allein das ichbezogene
rationale Zweckdienliche, sondern Achtsamkeit, Mitempfinden,
Solidarität, Fürsorge für anderes Leben, machte den Menschen erst
lebensfähig, glücksfähig, gemeinschaftsfähig.
3. Ganzheitliche, holistische Weltsicht: Welt, Kosmos und Leben
sind mehr als gegenständliche Materie und mechanischer Ablauf;
Geist und Materie sind im Letzten eins („Energie“).
Im Sein wirken Gegenständliches und geistige und seelische
Energien zusammen.
Es gibt ein „Transzendentes“, aus dem Sinn und Sein kommen.
David Bohm: „Die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft werden nur noch einen Sinn ergeben,
wenn wir eine innere, einheitliche und transzendente Wirklichkeit annehmen,
die allen äußeren Daten und Fakten zugrunde liegt.“
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An Stelle eines Dreigestirne des materialistischen Weltbildes tritt somit:
Das Dreigestirn eines ganzheitlichen Welt- und Lebensverständnisses
Schöpfungsspiritualität ,Tiefenökologie
Robert Jastrow (NASA-Physiker):
„Wenn der Wissenschaftler die Berge der Unwissenheit mühsam und fleißig erklommen hat,... wird er von
einer Gruppe von Mystikern und Religionsstiftern begrüßt, die dort seit Jahrtausenden auf ihn warten“. 20
Hier nötig:
2. Begriffsklärung
Transzendenz: lat. „Übersteigen“, das „Überschreitende“
Das jenseits unseres Horizont Liegende, unseren rationalen Erkenntnishorizont
Überschreitende - etwas, was als „allumfassende Wahrheit,“ als „evolutionärer Seinsgrund“,
„Urenergie“, „Wahrheit und Sinngebung“, als „Stimme des Lebens“, als „Großer Geist“, als „Tao“,
als „Logos“, als etwas „mich unbedingt Angehendes“, als „Heiliges“, als „Gott“ oder „Göttliches“ ...
erfahren und umschrieben wird, aber nie zu verobjektivieren ist.
> Transzendenzerfahrung gibt es in religiöser Art, in säkularer, in a-theistischer Art. (z.B. ...
Spiritualität: lat. von „spirtus“, Geist, Geistiges, Geistliches,
Empfänglichkeit für Geistiges aus einem Transzendenten.
> Es gibt religiöse und säkulare Spiritualität.
Mystik: gri. „mystikos“, das Geheimnisvolle, Verborgene,
Tiefes spirituelles Ergriffensein von Transzendenzerfahrung;
visionäres Sehen, Spüren des Allumfassenden, „unio mystica“ = Einseinserfahrung ,
stark transreligiös bis ins Säkulare hinein
Tiefenökologie: (Arne Naess, Joanna Macy u.a.)
Verbindung von Ökologie, Systemtheorie und ganzheitlicher Weltsicht:
die Erde ein großes lebendiges Netzwerk im synergetischen Zusammenspiel materieller,
geistiger, auch spiritueller Kräfte; sich selbst steuerndes System; hochempfindlich im Ausgleich
oder Zusammenbrüchen.
Gaia-Hypothese (Jim Lovelock): unsere Erde hat ein Art „Bewusstein“ der Selbstregulation...
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3. Wege, Erfahrungen, Merkmale der neuen Spiritualität
● Naturwissenschaftlich-philosophische Spiritualität
z.B. Goethe, Kant, Einstein, D. Bohm, Fr. von Weizsäcker, Ken Wilber, W. Schmid ...
● Politische Spiritualität: religiös oder säkular
z.B. M.L. King, Gorbatschow, R. Luxemburg...
● Interreligiöse Spiritualität
z.B. Küng, Gandhi, Dalai Lama...
● Transreligiöse Spiritualität
z.B. Khalil Gibran, Willigis Jäger ...
● Tiefenökologische Spiritualität
z.B. J. Macy...
● Spiritualität in der Kunst
z.B. H. Hesse ...
● Esoterische Spiritualität
z.B. Bhagwan, New Age...
= das alles auch als Aufbruchsbewegungen in den Kirchen, aber eher außerhalb der Kirchen
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Merkmale der neuen Spiritualität
● Einbeziehen eines ganzheitlichen naturwissenschaftlichen Weltbildes
● Ablegen des theistischen Personen-Gottesbildes
● Lösung von traditionellen Kirchinstitutionen,
Dogmen, Riten
● Suchen elementarer Transzendenzerfahrungen,
mystische Erfahrungen
● Suchen einer ganzheitlichen leibbezogenen Praxis
(Meditation, Elemente des Yoga, Qi Gong u.ä.)
● Stark individualistisch
– Suchen freier Gemeinschaft (Kommunitäten)
● Politisch engagiert bes. im Paradigmen-Wende-Gedanken
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Von hierher änder sich das Lebensverständnis und Menschenbild: ein ganzheitlich spirituelles Menschenbild tritt an die
Stelle des sozialdarwinistischen Menschenbildes. Dies zusammengefasst in fünf Erkenntnissen:
4. Das Wiederfinden eines ganzheitlich spirituellen Menschenbildes (1)
1. Ganzheitlich duale (christlich-humanistische) Menschenbild:
> der Mensch ist sowohl ein auf Egoismus, Aggressivität und Habenwollen,
> wie ein auf Mitempfinden, Solidarität, Kooperation, Verantwortung,
sinnvolle Verzicht, spirituelle Sinnfindung hin angelegtes und begabtes Wesen
(„Sünder und Gerechter zugleich“)
2. Der Mensch ist ein Sozialwesen (relationales Menschenbild / Geschwisterlichkeit des Menschen ):
> kann nur in Beziehung, in Gemeinschaft leben, glücklich werden
> braucht Ethik, sich Regeln gebende Sozietät (Gemeinschaft, Staat)
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Ganzheitlich spirituelles Menschenbild und Lebensverständnis (2)
3. Erkenntnisse der neueren neurobiologischen Forschung und Glücksforschung:
> Ab einem mittleren Einkommen steigt Lebenszufriedenheit nicht wirklich.
> Nicht Konkurrenz, Aggression und Kampf ums Dasein - sondern Kooperation,
Zugewandheit, Empathie, Vertrauen und Wertschätzung sind die besseren
Stimulanzien biologischer, sozialer, auch wirtschaftlicher Systeme.“
(Gerald Hüther, Joachim Bauer, Christian Felber)
4. Ökologische Weltsicht: Der Mensch kann nur eingebunden im ökologischen Netzwerk
der Erde leben und überleben („Ökologischer Imperativ“ Hans Jonas, Herrmann Scheer)
Die Natur hat einen Eigenwert (Schöpfungsspiritualität, Tiefenökologie) .
5. Der Mensch ist auf „Transzendenz“ hin angelegt, erfährt hier tragendes Gehaltensein,
Sinngebung und Gewissensanrede.
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Zwischenreflexion: Woher die Kraft zum Guten?
Die Sozialethische Begabung des Menschen
Die gemeinsame Wurzel der ethischen Dualität:
Egoismus, Aggression, Bereicherung ;
Kriege...
Selbsterhaltung;
Sinnbedürftigkeit,
Beziehungsbedürftigkeit
Je nach Situation, Erfahrung, Stimulans...
Empathie, Solidarität, Kooperation,
Friedensfähigkeit, Spiritualität...
Drei Quellen/ Befähigungen des Menschen zum Guten:
1. Aus der Zweckmäßigkeit des Guten: „Was du willst, das dir die Leute Gutes tun,
das tue ihnen auch!“ (Goldene Regel; I. Kant: Kategorischer Imperativ...)
2. Aus Empathiefähigkeit des Menschen: die Not, das Leid des anderen rührt sein Herz
(„Barmherziger Samariter“, Spiegelneuronen...)
3. Aus erfahrener Wertsetzung eines Unbedingten, der „Stimme des Gewissens“,
des Göttlichen, das Wahre und Gute zu tun über das jeweilig Opportune hinaus
- die transendente Dimension des Ethischen
(z.B. Martin Luther King, Nelson Mandela, Gorbatschow... )
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Von hier Frage nach der Rolle des Spiritualität für die Wertegrundlagen einer menschlichen Zivilisation
5. Spiritualität als Grundlage einer menschliche Zivilisation?
1. Technisch-wirtschaftliche Innovationskraft: gute materielle Lebensvoraussetzungen schaffen.
2. Sozietät: ein Sozialwesen, Staat, Völkergemeinschaf aufbauen, in der
Regelwerke zur Realisierung des Gemeinwohl entwickelt werden.
3. Solidarität: Verhaltensweisen, in denen Schwächere vom Stärkeren mit
getragen werden, weil nur im gegenseitigen Beistehen Gemeinschaft
tragend, menschlich und stabil ist.
4. Spiritualität: als grundlegende Erfahrung von vorgegebenen geistigseelischen Werten, Antrieb und Kraft zum Gutsein, zur Liebe,
religiöse Tiefenbindung, Sinnfindung...
Wie die letzten drei im Kapitalismus unterlaufen, zerstört werden...
Erst wenn das 4. zum tragen kommt, können 1-3 gelingen?
Schlussthese: In der Neuentdeckung der Ganzheitlichkeit und der
Transzendenz und in der Wiederbelebung spirituellen Fähigkeiten
könnte das entscheidende Potential für die Überwindung der kapitalistischen
Pseudoreligion und die Perversion unserer Kulturepoche liegen
- Voraussetzung einer „großen Transformation“ unserer Gesellschaft?
Was von hierher Herausforderung und Aufgabe der Kirchen und Religionen?
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6. Herausforderungen an Kirchen und Religionen ?
1. Das (neue) spirituelle Suchen der Menschen aufnehmen,
die alten Chiffren und Riten transformierten, neue entdecken
2. Hier besonders
> eine ganzheitliche, die Naturwissenschaften einschließende Weltsicht entwickeln,
> die spirituelle Empfänglichkeit des Menschen fördern und wecken,
> das ganzheitlich-spirituelle Menschenbild und Lebensverständnis fördern
3. Prophetisch Zeitansage wagen:
a) Aufdecken der kapitalistischen Pseudoreligiosität,
der Mammon-Herrschaft, der Unrechtsstrukturen;
b) konkrete Schalomansage Frieden, Gerechtigkeit,
Bewahrung der Schöpfung
4. Parteinahme und Anwalt sein für die Opfer
des alten Systems;
5. Selbst im eigenen Leben, in kirchlichen Strukturen
alternative Praktiken und Modelle entwickeln,
Lebensstil-Umkehrbewegung fördern
6. Sich mit allen Religionen in einer Interreligiöse Ökumene zusammenfinden
(Hans Küng, Projekt Weltethos...)
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Frage an die Kirche
Kann Kirche so zu einer
spirituellen interreligiösen Befreiungsbewegung
werden?
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