Phonologie des Altenglischen
Die altenglische Schrift
Die ältesten altenglischen Dokumente sind
Runeninschriften. Ein bekanntes Beispiel ist das
Ruthwell Cross, ein schottisches Steinmonument,
in dem ein Teil des altenglischen Gedichtes "The
Dream of the Rood" (Der Traum des Kreuzes)
eingraviert ist. Die Inschrift hat durch Witterungseinflüsse und mutwillige Zerstörungen stark
gelitten, so daß sie nur noch bruchstückhaft
überliefert ist. Im Original gibt es keine
Wortzwischenräume. Der Sprecher im Gedicht ist
das echte Kreuz und berichtet die Ereignisse der
Kreuzigung aus der Sicht des ae. Dichters. Das
Gedicht stammt aus dem frühen 8. Jh. und ist im
nordhumbrischen Dialekt abgefaßt. Das Kreuz hat
vier Flächen, die nach Nordosten, Südosten,
Südwesten und Nordwesten zeigen.
Ruthwell Cross
Das folgende Beispiel befindet sich auf dem südwestlichen Fragment:
 {rist
krist
Christus
wæs
war
kamen
Edle
Wæs
oÒN
rÒÐi
ÌWEÞræ
on
rodi
hweþræ þer
am
Kreuz aber
da
 {WÒMU
æÞÞilæ
til
kwomu
æþþilæ til
zu
dem einen
ÞEr
fusæ
färrãn
fusæ
rrn
strebend von-fern
ãnuM
anum
 Christus war am Kreuz aber strebende Edelleute kamen da aus der Ferne zu
dem einen.
Das Runenalphabet in fu Þ Òr ú (fuþorc)-Anordnung
f
u
Þ
Òo
r
ú
G
Ww
f
u
þ
o
r
c
g
w
Ì
n
i
h
Ïj
P
x
s
h
n
i
io
j
p
x
s
t
b
E
M
l
×
O
Ð
t
b
e
m
l
N
oe
d
ã
æ
Ý
ä
{
©
Ê
a
æ
y
ea
k
k'
g
Die altenglische Schrift
 Altenglisch wurde von zeitgenössischen Schreibern in einer
modifizierten Form des lateinischen Alphabets geschrieben,
der sog. insularen Schrift (insular script), eine Weiterentwicklung der insularen Halbunziale, die von irischen
Mönchen nach England gebracht worden war.
 Diese Schrift unterschied sich in einigen Buchstaben (z.B.
e, f, g, r e f g r deutlich von der späteren karolingischen
Schrift. Die Buchstaben þ und w wurden der angelsächsischen Form des Runenalphabets entnommen und der
Buchstabe ð ist eine einheimische Erfindung.
Anfang der Beowulf-Handschrift
HWÆT WE GARDEna
þeod cyninga
hu ða æþelingaß
oft ßcyld ßcefing
monegü mægþum
egßode eorl Šyððan
feaßceaft funden
weox under wolcnum
oð $ him æghwylc
ofer hron rade
gomban gyldan
in gear dagum
þrym gefrunon
ellen fremedon.
ßceaþena þreatum
meodo ßetla ofteah
æreßt wearð
he þæß frofre gebad
weorð myndum þah
þara ymb ßittendra
hyran ßcolde
$ wæß god cyning.
Form und Substanz
 Ferdinand de Saussure formulierte den fundamentalen
Unterschied zwischen sprachlicher Form und sprachlicher
Substanz. Dabei ist 'Form' Sprache im eigentlichen Sinne,
Sprache als Sprachsystem, 'Substanz' die sinnlich wahrnehmbare Realisation oder Repräsentation der Form.
 Die wichtigsten sprachlichen Substanzen sind Laut und
Schrift. Sprachliche Form ist die im Psychischen verankerte
Fähigkeit des Sprechers beliebige Sätze seiner Sprache zu
bilden und zu verstehen.
 Form kann daher nicht direkt von außen her analysiert
werden, der Weg führt immer über die phonische oder
graphische Substanz, die daher die Form in irgendeiner
Weise verschüssselt enthält.
Phonische und graphische Substanz
 Eine nur schriftlich überlieferte Sprache wie das Altenglische
unterscheidet sich von lebenden Sprachen vor allem
dadurch, daß der Zugang zur sprachlichen Form nur über
die graphische Substanz möglich ist.
 Nun sind Laut und Schrift nicht völlig voneinander
unabhängig, die Schrift wird meist in gewisser Weise die
phonische Substanz reflektieren, genauer genommen die
Organisation der phonischen Substanz.
 Trotzdem kann die Schrift einen hohen Grad von Autonomie
haben, wie z.B. Sprachen wie das Neuenglische zeigen.
'Graphologie' oder Graphemik
 Bevor daher eine 'phonische' Interpretation der graphischen
Substanz unternommen werden kann, muß die Organisation
der graphischen Substanz selbst untersucht werden. Dies ist
eine Tatsache, die erst in jüngster Zeit genügend Beachtung
gefunden hat, währen man sich seit längerer Zeit eingehend
mit der Organisation der phonischen Substanz beschäftigt
hat.
 Es ist daher nicht verwunderlich, daß dieses relativ neue
Teilgebiet der Linguistik, man könnte sie 'Graphologie'
nennen, seine wesentlichen methodischen Prinzipien von
der Wissenschaft von der Organisation der phonischen
Substanz, der Phonologie übernommen hat.
Phoneme als Lautklassen
 Da wie gesagt die Graphologie in ihren Methoden und in ihrer
Terminologie von der Phonologie stark beeinflußt ist, soll hier
zunächst eine kurze Darstellung der Phonologie folgen.
 Die eigentliche formale Aufgabe der Sprachlaute ist es, anzuzeigen, daß zwei sprachliche Äußerungen verschieden sind.
Greifen wir uns z.B. die Phontypen [l], [I], [] und [d]
heraus, so können wir sie zu [lId] und [ld]
zusammenfügen. Nun wissen wir, daß [lId] lid und [ld]
lead zwei verschiedene englische Wörter sind, und dieser
Unterschied wird durch den lautlichen Unterschied der beiden
Phontypen [I] und [] angezeigt. Man sagt, daß [I] und []
in Opposition stehen, daß sie kontrastiv distribuiert sind und
damit verschiedenen Phonemen angehören.
Komplementäre Distribution
 Nehmen wir noch den Phontyp [] dann können wir u.a.
auch die Folge [d] deal bilden. Theoretisch wäre
natürlich auch [dl] möglich, aber wir stellen fest, daß
diese Folge im Englischen nicht vorkommt. Eine genaue
Untersuchung des Englischen würde zeigen:
a) es gibt kein Wortpaar, das durch die Phontypen [l] und []
unterschieden wird;
b) nur [] kommt im unmittelbaren Auslaut oder vor einem
Konsonanten vor, dagegen erscheint [l] in dieser Stellung nie.
 Das bedeutet, daß [l] und [] nie in Opposition stehen
können. Man sagt [l] und [] seien komplementär verteilt
und gehörten einem Phonem an.
Freie Variation – nicht-kontrastive Distribution
 Es gibt auch Phontypen, die nicht komplementär verteilt
sind, die also im gleichen Kontext vorkommen können, aber
dennoch keine kontrastive Funktion haben (z.B. können
Verschlußlaute im Auslaut mit und ohne Verschlußlösung
vorkommen).
 In diesem Falle spricht man von freier Variation.
 Die Erscheinungen der komplementären Verteilung und der
freien Variation kann man zusammenfassen unter dem
Begriff nicht-kontrastive Distribution.
 Die Begriffe phonetisch ähnlich und nicht-kontrastiv verteilt
wiederum ergeben den Begriff funktional äquivalent.
Phonem als Klasse von Phontypen
Ein PHONEM ist eine Menge von Phontypen, die
funktional äquivalent sind.
phonetisch
ähnlich
nicht-kontrastiv
verteilt
freie Variation
Klasse
äquivalenter Phone
komplementäre
Distribution
Allophon
 Die Mitglieder eines Phonems bezeichnet man als sein Allophone. Sie
sind sozusagen die Vertreter ihres Phonems in ganz bestimmter
Umgebung, und schließen sich in ihrer Umgebung gegenseitig aus.
 Ein weiteres Beispiel kann dies verdeutlichen. In der Äußerung
[  n` ] kommen u.a. die Phone
[], [] und [] (ein palatales, labialisiertes und velares [k])
vor. Sie gehören drei verschiedenen Phontypen an, sind aber, wie
weitere Beispiele zeigen würden, nicht kontrastiv verteilt.
 [] kommt nur vor Vorderzungenvokalen (æ, e, i),
 [] nur vor [u] und [w] und [k] vor den übrigen Hinterzungenvokalen
vor.
 [, , ] sind daher Allophone eines Phonems /k/.
[] vertritt das Phonem /k/ vor Vorderzungenvokalen, []
vertritt es vor [u] und [w], und [k] vor Hinterzungenvokalen.
Analogie von Phonem und Graphem
 Die Begriffe Phon, Phontyp, Allophon, Phonem und
kontrastive bzw. nicht-kontrasitve Verteilung lassen sich
analog auf die Verhältnisse in der graphischen Substanz
übertragen.
 Die Entsprechungen in der Graphemik sind: Graph, Allograph und Graphem. Ein Graph ist jedes vorkommende
Schriftzeichen, diakritische Zeichen, oder jede wiederkehrende Anordnung von Schriftzeichen (Digraph, Trigraph).
 Letzteres ist eine Abweichung von den Verhältnissen in der
Phonologie, aber begründbar. So kommt im Deutschen
c nur in Verbindung mit h und k vor, so daß man ch und ck
als je ein Graph ansehen würde.
Definition: Graphem
 Es gibt natürlich noch weitere Kriterien, so z.B. wenn ein
Digraph und ein Monograph nicht-kontrastiv verteilt sind wie
ae. sēcan – sēcean.
 Ähnliche Graphe können zu Graphtypen zusammengefaßt
werden. Graphtypen, die nicht-kontrastiv verteilt sind, sind
Allographe eines Graphems. Die Definition des Graphems
lautet also:
 Das Graphem ist eine Klasse von Graphtypen, die graphisch
ähnlich und nicht-kontrastiv verteilt sind, d.h. die entweder
komplementär distribuiert sind oder in freier Variation
stehen.
Graphem als Klasse von Graphtypen
Ein GRAPHEM ist eine Menge von Graphtypen, die
funktional äquivalent sind.
substantiell
ähnlich
nicht-kontrastiv
verteilt
freie Variation
Klasse
äquivalenter Graphe
komplementäre
Distribution
Die Bezeichnungen der ae. Vokale
Ae ~ æ ~ ae ~ ę
A ~ a ~ aa
E ~ e ~ ee ~ ei
I ~ i ~ ii ~ ig
O ~ o ~ oo
U ~ u ~ uu
Y ~ y ~ ui
Œ ~ œ ~ oi
Ea ~ ea ~ æo ~ æa
Eo ~ eo ~ eu ~ iu ~ io>
Ie ~ ie
æ
a
e
i
o
u
y
œ
ea
eo
ie
Aefter ~ æfter ~ aefter ~ ęft
Agan ~ agan; ham ~ haam
Ece ~ ece; ned ~ need ~ neid
Ic ~ ic; hi ~ hii ~ hig
Oþþe ~ oþþe; god ~ good
Ufan ~ ufan; brucan ~ bruucan
Yð ~ yð; dryge ~ druige
Œðel ~ œðel; Coin ~ Cœn
Eald ~ eald ~ æold ~ æald
Eorðe ~ eorðe ~ eurðæ
Ieldra ~ ieldra
Die Bezeichnungen der ae. Vokale
 Diese Darstellung ist natürlich etwas vereinfacht.
Außerdem ist die diachronische Verschiedenheit zu
berücksichtigen.
 Die Doppelvokalzeichen (aa, ee, ii, oo, uu) bezeichnen
lange Vokale.
 In ae. Textausgaben wird die Vokallänge meist durch ein
Längenzeichen wiedergeben (ā ē ī ō ū āe), gelegentlich
auch durch einen Akzent (á é ó ú ). Als Graphemzeichen
wurde jeweils das am häufigsten vorkommende Allograph
gewählt (graphemische Norm).
Die Bezeichnung der ae. Konsonanten
B ~ b
b
C ~ K ~ c ~ k ~ ce c
D ~ d
F ~ f
G ~ g ~ ge
H ~ h ~ (ch)
L ~ l
M ~ m
N ~ n
d
f
g
h
l
m
n
Cyning ~ Kyning ~ cyning ~ kyning,
secan ~ secean
God ~ god; mengan ~ mengean
Die Bezeichnung der ae. Konsonanten
P ~ p
p
R ~ r
r
S ~ s
s
T ~ t
t
Þ ~ þ ~ Đ ~ ð ~ (th) þ
Þeod ~ Đeod ~ þeod ~ ðeod ~ (theod)
W ~ w ~ uu ~ w
w
Wynn ~ wynn ~ uuynn ~ wynn
X ~ x ~ cs
x
(z ~ ts)
(ts)
k erscheint manchmal vor y und œ, ce und ge wechselt mit c und g
vor a, o, u, z.B. sēcan ~ sēcean, scacan ~ sceacan, scolde ~ sceolde,
sengan ~ sengean. Einige Allographe sind sehr selten.
Phonologische Interpretation
1. Die Angelsachsen lernten das Alphabet von irischen
Mönchen, die Lateinisch sprachen. Die altenglische Schrift
geht letztlich auf die lateinische Schrift zurück. Wir
müssen nun annehmen, daß die Buchstaben bei der
Übernahme auch die Lautwerte beibehielten, daß z.B.
p im Lateinischen und Altenglischen etwa den
gleichen Laut bezeichnet.
2. Wichtige Hinweise erhalten wir durch Lehnwörter aus
anderen Sprachen und besonders auch durch die
Entlehnung einheimischer Wörter in andere Sprachen.
Phonologische Interpretation
3. Wenn auch die allographischen Varianten keine sprachliche
Funktion haben, so folgen sie doch oft Gesetzmäßigkeiten,
die Rückschlüsse auf das Lautsystem erlauben.
 So zwingt uns zwar die Alternation o~oo ein Graphem o
anzunehmen, doch zeigt eine genauere Untersuchung, daß diese
Alternation zwar in god 'gut' vorkommt, nicht aber in god
'Gott'. Das deutet darauf hin, daß die Schreibung oo ein
sporadischer Versuch ist, die beiden Wörter zu unterscheiden,
wobei die Doppelschreibung wahrscheinlich Länge bezeichnen
soll.
 Ähnlich kommt der Wechsel c ~ ce zwar in
secan~secean 'suchen', nie aber in sacan 'streiten' vor.
Wir können daraus schließen, daß c in secan einen
anderen Laut bezeichnet als in sacan.
Phonologische Interpretation
4. Ähnliche Schlüsse kann man aus Neutralisationsfällen
ziehen. Der Wechsel zwischen i und g in iung ~
gung (auch geong, iong) deutet darauf hin, daß das
anlautendeg in diesem Wort einen Laut bezeichnet, der
Ähnlichkeiten mit i hat. Das Archigraphem A
bezeichnet wahrscheinlich einen Laut, der zwischen den
Lautwerten von a und o steht.
5. Wichtige Rückschlüsse können auch aus den morphologischen Verhältnissen gezogen werden. Daraus ist z.B. zu
ersehen, daß zwischen u – y, o – œ, a – æ eine enge
Beziehung besteht, die auf der gleichen Gesetzmäßigkeit
beruht (i-Umlaut). Wenn man nun annimmt, daß u, o, a,
y einfache Vokale bezeichnen, muß man schließen, daß
auch œ und æ Monophthonge und nicht etwa
Diphthonge bezeichnen.
Phonologische Interpretation
6. Wir wissen, daß das Neuenglische eine Fortentwicklung des
Altenglischen ist. Eine solche Entwicklung ist nicht
willkürlich, sondern folgt bestimmten Gesetzmäßigkeiten.
Aus einer genauen Analyse des Neuenglischen, besonders
auch im Bereich der Morphologie (interne Rekonstruktion)
kann man wichtige Rückschlüsse auf das Ae. ziehen.
7. Auf einer ähnlichen Grundlage beruhen die Erkenntnisse,
die ein Vergleich mit den dem Ae. verwandten germanischen Sprache liefern kann.
Das Vokalsystem
Grapheme æ, e, i, a, o, u, y, œ,
ea, eo, ie
Monographe + æ und œ:
Es deutet alles darauf hin, daß es
sich bei diesen Graphemen um
Bezeichnungen für Monophtonge
handelt. Dabei bezeichnet y
einen hohen, œ einen mittleren
gerundeten Vorderzungenvokal.
vorn
hoch
mittel
tief
hinten
i
e
æ
y
u
œ
o
a
Die Digraphe ea, eo, ie
 Die Interpretation dieser Digraphe ist heiß umstritten.
Unbestritten ist nur, daß sie sowohl lange als auch kurze
Laute bezeichnen und daß die langen in jedem Falle
ursprünglich Diphthonge waren, denn sie gehen auf westgermanische Diphthonge zurück.
 Wir werden daher die langen Laute in jedem Fall als
Diphthonge auffassen, und zwar ea/æ/, eo /e/,
ie /i/. Ursprünglich waren es die Diphthonge /æu/,
/eu/, /iu/.
Die Digraphe ea, eo, ie
 Nach traditioneller Auffassung wie sie in den meisten
Lehrbüchern zu finden ist, handelt es sich bei den
Digraphen ea, eo, ie um Diphthongbezeichnungen. Die
naivste Meinung ist, daß die Einzelelemente die gleichen
Lautwerte haben wie in anderen Stellungen auch, daß sie
also die Diphthonge /ea, eo, ie/ bezeichnen. Dies ist jedoch
aus verschiedenen Gründen nicht wahrscheinlich.
 Historisch gesehen gehen diese Diphthonge auf /æ, e, i/
zurück. Sie treten in ganz bestimmter lautlicher Umgebung
auf. Man nimmt an, daß sich zwischen den Vorderzungenvokalen /æ, e, i/ und den Folgelauten ein Gleitlaut
einschob: [æ, e , i] (Brechung).
Die Digraphe ea, eo, ieals Monophthonge
1. ea, eo, ie bezeichnen die Phoneme /æ, e, i/, die Schreibung diene
nur dazu, die Qualität des Folgekonsonanten zu bezeichnen.
2. Die Digraphe bezeichnen Allophone von /æ, e, i/. Wenn man annimmt,
daß y nur eine besondere Form des Digraphes ui ist (das würde
durch das Runenzeichen für y Ý gestützt, das aus dem Zeichen für
u u und i i zusammengesetzt ist), dann könnte man die
Bedeutung der Digraphe ui, oe, und æ so interpretieren, daß
jeweils das erste Element (u, o, a) die Lippenstellung und
Zungenhöhe bezeichnet, das zweite Element die Zungenstellung (vorn).
Analog auf ea (andere Schreibung für æa), eo, ie
(andere Schreibung: io) übertragen würde dies bedeuten, daß wir es
mit ungerundeten Hinterzungenvokalen zu tun haben: ea [], eo
[], ie [].
3. Es handelt sich nicht um Allophone, sondern um besondere Phoneme
//, //, //.
Die Digraphe ea, eo, ie
ae. Digraph ae. Laut
ea

ae. Wort
earnian 'earn'
ae. Laut

ae. Wort
ēast 'east'
eo

eorþe 'earth'

prēost 'priest'
ie

ierfe 'Erbe'

hīeran 'hear'
Nicht alle Digraphe ea, eo, ie bezeichnen freilich Diphthonge. e und i
dienen häufig dazu, die palatale Aussprache der durch c und g
bezeichneten Laute zu kennzeichnen. In solchen Fällen muß also anders
segmentiert werden. Z.B.: ge-o-c 'Joch', ge-o-m-o-r 'traurig', ge-a-r-a 'einst',
ge-o-n-d 'jenseits' gi-e-st 'Gast', gi-e-f-a-n 'geben', etc.
Konsonantensystem
Grapheme:
p
b
f
m
w
t
d
þ
s
n
l
r
c
g
h
Alle Grapheme (mit Ausnahme von w)
kommen auch als Geminaten (Doppelkonsonanten) vor. Dabei wird die Geminate
gg sehr häufig cg geschrieben. Diese
Doppelschreibungen bezeichnen lange
Konsonanten. Eine Reihe von Kriterien,
die Weiterentwicklung zum Neuenglischen, allographische Variation etc.,
deuten darauf hin, daß die Grapheme c
und g jeweils mehr als einen Laut, d.h.
mehr als ein Phonem bezeichnen. Man
kann schließen, daß es sich jeweils um
palatale und velare Konsonanten handelt.
Konsonantensystem
c: /k/ cyning 'king', bōc 'book', drincan 'drink'
/k'/ ceōsan 'choose', cinn 'chin', benc 'bench'
g: /g/ gāt 'goat', singan 'sing', dogga 'dog'
/g'/ sengan 'singe', brycg 'bridge' etc.
Die Beispiele zeigen bereits, daß /k'/ später zu /tS/ wurde,
der Verschlußlaut /g'/ zu /dZ/.
Die Alternation g und i deutet darauf hin, daß g auch den
Halbvokal /j/ bezeichnet: geār /jæ:r/ 'Jahr' ne. year, geong
/jung/ [jNg] 'jung' ne. young, nerian – nergean /nerjan/
'retten', geard 'yard', fæger 'fair', etc.
Frühaltenglisches Konsonantensystem
Labial
Dental
Palatal
Velar
Plosiv

b
t
d
'
g'

g
Frikativ

T
s
Nasal

Liquid
n
l
r
Halbvokal
w
x
Später wurden die palatalen /k'/
und /g'/ zu den Sibilanten /tS/
bzw. /dZ/ (secean 'seek' 
/stSn/, die sc
geschriebenen Konsonantenverbindung /sk/ wurde zu /S/
(z.B. scip 'ship'  /S/.
j
Ae. Konsonantensystem
Labial
Okklusiv
Frikativ
Nasal
Alveolar
Palatal
Velar

t
tS

b
d
dZ
g
s
n
S
x


Liquid
Dental
T
l
r
Halbvokal
w
j
Konsonantische Allophone ae. /,
T,
s/
Es kann mit einiger Sicherheit davon ausgegangen werden,
daß die ae. Frikative /, T, s/ stimmlose und
stimmhafte Allo-phone hatten. Dafür spricht insbesondere die
Weiterentwick-lung zum Neuenglischen.
Stimmlose Allophone: [, T, s]
Stimmlose Allophone sind die Norm. Sie kommen in
folgenden Kontexten vor:
1. Im Anlaut: faran 'fare'; þencan 'denken'; singan 'singen'.
2. In der Nachbarschaft eines andern Obstruenten (inklusive
Geminaten): æfter 'after'; pyffan 'puff'; moþþe 'moth'; brēost
'breast'; cyssan 'kiss'
3. Im Auslaut: wulf 'wolf'; þēof 'thief'; āþ 'oath'; fŷlþ 'filth'; hūs
'house'.
Konsonantische Allophone ae. /,
T,
s/
Stimmhafte Allophone: [v, ð, z]
 Diese kommen nur in intersonorer Position unter bestimmten
Bedingungen vor, und zwar zwischen einem Tonvokal und einem
optionalen Liquid einerseits und einem unbetonten Vokal andererseits: ofer 'over'; wulfas 'wolves'; ōþer 'other'; hūsas 'houses'.
 Dies ist natürlich der Ursprung der neuenglischen Alternation in
Paaren wie wolf/wolves, wife/wives, house/houses, bath/baths,
bath/bathe, etc.
 Wenn man die Regel generell formuliert, müßte eigentlich auch der
velare Frikativ /x/ darunter fallen, dieser kommt jedoch in den
relevanten Kontexten nicht mehr vor, weil er durch einen anderen
Prozeß bereits verloren gegangen ist.
Konsonantische Allophone
Es ist zu vermuten, daß das Phonem /x/ (dorsaler Frikativ)
ähnlich wie im Deutschen ein palatales Allophon [ç] hatte,
z.B. in niht 'night' (im Gegensatz zu sōhte 'sought').
Etwas schwierig ist auch das Phonem /g/ mit den Allophonen
[g] (stimmhafter Plosiv) und [] (stimmhafter Frikativ).
Dabei wurde [g] im Wortanlaut, als Geminate, und nach
Nasalkonsonant gesprochen, [] sonst: gōd 'good', bringan
'bring', docga 'dog'; aber dagas 'days'  [ds]. Es ist
denkbar, daß dieses [] im Auslaut wie in manchen Varianten
des Norddeutschen stimmlos war: bog 'bough' [bx]; vgl.
dt. Tage vs. Tag [tax].
Konsonantische Allophone
Palatalisiertes g [']  [j]: dæġes – dæġ [æj] vs. dagas
[ds].
Es kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass der
linguale Nasal /n/ vor Velarkonsonanten dorsovelar
ausgesprochen wurde: bringan [brINgn], geong
[jUNg]

Phonologie des Altenglischen