Diskurse über Migration und Flucht
• In vielerlei Hinsicht unterscheiden sich wissenschaftliche Diskurse
(Fachdebatten) über Migration nicht so sehr von „Populärdiskursen“;
• Dies nicht zuletzt, weil wissenschaftliche Diskurse und
Alltagsdebatten vielfach miteinander verwoben sind.
• Auch bei wissenschaftlichen Debatten, macht es folglich Sinn,
danach zu fragen, in welchem „Diskurs“ diese zu verorten sind.
• Migration“ und „Migrant“ sind oft auch „Catchwords“, die in breitere
gesellschaftstheoretische Debatten eingebettet sind und eine
bestimmte Funktion innerhalb dieser Diskurse spielen. Beispiele:
– In linken Diskursen (z.b. über die „Autonomie der Migration“
werden MigrantInnen als besonders widerständig & als
ProtagonistInnen einer „Globalisierung von unten“ diskutiert –
vielfach ist das freilich bloß Wunschdenken oder eben nur eine
Teilwahrheit
• MigrantInnen als Kosmopoliten: liberales Pendant zum linken
Diskurs – MigrantInnen werden in diesen Diskursen oft als
Avantgarde einer postnationalen Weltgesellschaft gesehen
(bekannteste Vertreterin: Yasemin Soysal); hauptsächlich findet
dieser Diskurs aber außerhalb der Migrationsforschung im engeren
Sinn statt (nämlich in der soziologischen Theorie, politischen
Philosophie)
• Innerhalb der Migrationsforschung wird oft von AutorInnen, die zu
„Transnationalismus“ arbeiten, in ähnlicher Weise das emanzipative
und subversive (nämlich die nationalstaatliche Ordnung
hinterfragende) Moment grenzüberschreitender Wanderungen und
vor allem, fortdauernder grenzüberschreitender sozialer
Beziehungen zum Herkunftsland und zu Mitgliedern der gleichen
Herkunftsgruppe in anderen Einwanderungsländern hervorgehoben
• MigrantInnen als Ausdruck bzw. als Avantgarde der Globalisierung
 legitim, gleichzeitig krankt die Anschauungsweise auch an den
selben „Krankheiten“, denen der euphorische (oder kassandramäßige) Globalisierungsdiskurs eigen ist
• Diskurse über Migration haben gesellschaftlich oft die Funktion
„Sinn“ zu stiften, in gewisser Weise sind sie dann „Metadiskurse“
(z.B. Diskurstopos: Amerika als Einwanderungsland; Besiedlung des
amerikanischen Westens, Großer Trek in Südafrika,Flucht der
Palästinenser nach der Staatsbildung Israels bzw. der Besetzung
des Westjordanlandes, etc.....); die wissenschaftliche Beschäftigung
mit solchen Migrationsbewegungen ist aber oft eingebettet in solche
„sinnstiftende“ Diskurse.
• In Diskursen der Refugee Studies wird hingegen sehr oft ein Diskurs
geführt, der Flüchtlinge zu völlig passiven Objekten äußerer
Bedingungen stilisiert und sie zu eigenschaftslosen „Opfern“ macht
• In dem etwas weiter abgesteckten Feld „Forced Migration Studies“
erscheinen MigrantInnen zudem oft als „globales Proletariat“, das
ein Resultat der Globalisierung darstellt
Nationalstaat und Fluchtmigration
In welcher Weise hängt die Herausbildung von (modernen)
Nationalstaaten mit dem Flüchtlingsproblem zusammen?
– Charakteristika des modernen Staates:
• Ausmaß und „Effizienz“ moderner Herrschaftstechniken/
Bevölkerungskontrolltechnologien (Pässe, Ausweisen,
Ausweiskontrollen, etc…)
• Ausmaß der Durchstaatlichung: moderner Staat = mehr oder
weniger homogenes Rechtsgebiet (Jurisdiktion), weitgehende
Ausschaltung alternativer Macht- und Herrschaftsquellen (regionale
politische Einheiten, „Fronherren“, Kirche, etc.)
• Homogenisierungsprozesse: Religion, Sprache, Ethnie/ Nation 
geht einher mit Ausschlussprozessen
• Veränderte (demokratische) Legitimation des Staates: Frage, wer
zum „Volk“ gehört, wird damit zu einer Kernfrage für politische
Gemeinschaften
– Grundrechte werden im wesentlichen über Staatsangehörigkeit
vermittelt (allerdings in gewisser Weise aufgeweicht, siehe
EMRK)  moderner Flüchtlingsstatus als Substitut für
Staatsbürgerschaft
Historische Phasen: Welche waren jeweils die
wichtigsten Flüchtlingsgruppen?
• 17. und 18.Jh: religiöse Minderheiten
• Obwohl schon immer Personen aus politischen Gründen
flüchteten, verstärkt politische Flüchtlinge im Kontext des
Zeitalters der Revolutionen (franz. Revolution,
Revolutionen 1830 und 1848)
• Gegen Ende des 19.Jh. und massiv nach dem 1.
Weltkrieg: ethnische/ nationale Minderheiten und
Staatenlose, aber auch Massenflucht politischer
Flüchtlinge (UdSSR, faschistisches Italien…)
Exkurs: Flucht und Migration im kolonialen Kontext
Vorkoloniale Staaten:
• Fluchtmöglichkeiten/ -dynamiken entsprechend des Charakters von
Staatlichkeit (Was unterschieden vorkoloniale afrikanischen
Staatsgebilde von modernen Staaten?)
Kolonialismus:
•
Flüchtlinge (in Verbund mit Despotie, Krieg, etc.) als eine von
mehreren Rechtfertigungsgründen für Kolonisierung
– Bsp: Südafrika: Mfecane im 19. Jh. (Unterschiede zu gegenwärtigen
Diskursen über humanitäre Intervention?)
• Sklaverei (Form der Zwangsmigration) als Rechtfertigungsgrund für
Kolonisierung (Befriedung)
• Migration während des Kolonialismus - Begriffe „Flüchtige“,
ArbeitsmigrantInnen, etc., aber nicht Flüchtling
• Flucht: als „amtlicher“ Begriff reserviert für Flüchtlinge vor den
Deutschen (1. Weltkrieg),
 Entpolitisierte Sicht von Migration vorherrschend. Bestreben,
„Flüchtlingsprobleme“ zu verleugnen.
Hannah Arendt: Auszug aus Elemente &
Ursprünge totaler Herrschaft
• Was kennzeichnet nach Arendt den Status des
„Staatenlosen“?
• Was unterscheidet Staatenlose von Minderheiten?
• Was sind die Parallelen zum modernen Verständnis von
Flüchtlingen?
• Auf welche modernen Gruppen von Flüchtlingen treffen
Arendts Beschreibungen der spezifischen Qualität von
Staatenlosen besonders zu?
• Wie ist das Verhältnis von Staatenlosigkeit und
Menschenrechten?
Lisa Malkki: Refugees and Exile & Citizens of
Humanity
• Welche Kritik bringt Malkki an den akademischen
„Refugee Studies“ vor?
• Was ist problematisch daran, wenn es ein eigenes,
abgegrenztes Feld von „Refugee Studies“ gibt?
• Welche Bilder von Flüchtling werden durch die „Refugee
Studies“ konstruiert?
• Was ist der eigentliche „Ursprung“ der Refugee Studies?
Aufgabe für die Einheit nach Ostern
Basistext: UNHCR 2000 (Chapter 1)
Gruppe 1: (Gil Loescher, Chapter 2 + UNHCR 2000 Chapter 1):
- Welche Organisationen gab es vor dem UNHCR bzw. parallel zu ihm?
- Was war der Entstehungszusammenhang der einzelnen Organisationen?
- In welcher Weise spielte Machtpolitik im Kontext des kalten Krieges eine
Rolle?
Gruppe 2: (UNHCR 2000 Chapter 1 + Karatani):
- Welche Organisationen waren für ArbeitsmigrantInnen einerseits und
Flüchtlinge andererseits zuständig? Welche Organisationen operierten in
beiden Feldern?
- Welche Gründe gibt es für das Auseinanderdriften von Flüchtlingsregime
einerseits, und globalem Migrationsregime, andererseits?
- Warum stellte in Augen von damaligen Policy Makers Migration bzw. nicht
stattfindende Migration ein (potentielles) Problem für Europa dar?
- Welche Rolle kommt der USA hinsichtlich des sich herausbildenden
institutionellen Arrangements zu?
Gruppe 3 (Loescher, Ch.3 & 4, UNHCR 2000 Ch.1):
• Mit welchen Problemen hatte der UNHCR anfangs zu kämpfen?
• Was war die Hauptfunktion des UNHCR in der Anfangszeit?
• Wie konnte der UNHCR seine Führungsrolle als
Flüchtlingsorganisation erreichen bzw. behaupten?
Gruppe 4: (UNHCR 2000, Ch.1 + Harzig):
• Worum handelte es sich bei dem Problem der „Displaced Persons“?
• Stellen sie dar, wie die kanadische Resettlementpolitik, die
grundsätzlich im Schnittfeld zwischen Flüchtlingspolitik und
ökonomisch orientierter Migrationspolitik steht, humanitäre Anliegen
mit ökonomischen Interesse verband
• Wie können ökonomische Interessen mit humanitären Interessen
verbunden werden? Welche Gefahr liegt darin? Was sind die
Vorteile?

Macht es Sinn, zwischen (irregulären, regulären) MigrantInnen