Ovid, Metamorphosen VIII, 183-262
„[….] Ich mahne dich, Icarus, fliege
Stets auf dem mittleren Pfad! Denn wenn du dich tiefer hinabsenkst,
Lastet das Naß auf den Federn, wenn höher, verbrennt sie das Feuer.
Flieg in der Mitte der Bahn! […]
Laß dich geleiten von mir!“ Auch im Fliegen erteilt er ihm Weisung,
Und an den Schultern befestigt er ihm das fremde Gefieder.
Während er schafft und ermahnt, benetzen ihm Tränen die greisen
Augen, es beben die Hände des Vaters. Er küßt seinen Knaben
– Nie wird er wieder es tun –, und jetzt, von den Federn gehoben,
Fliegt er voran, voll Angst um den Sohn, dem Vogel vergleichbar,
Der aus dem Nest in der Höhe die zarte Brut in die Lüfte
Führt: er ermahnt ihn zu folgen und lehrt ihn die schädlichen Künste,
Selber schwingt er die Flügel und schaut nach den Schwingen des Knaben.
Irgendein Mensch, der Fische mit schwankender Rute sich angelt,
Oder ein Hirt, gestützt auf den Stab, ein Bauer am Pfluge
Mochte sie sehn und erstaunen und glauben, die Segler der Lüfte
Seien wohl Götter. […]
Da begann sich der Knabe des kühnen Fluges zu freuen
Und verließ seinen Führer: von Himmelssehnsucht gezogen,
Stieg er noch höher hinan. Die Nähe der raffenden Sonne
Schmelzt das duftende Wachs, das Bindemittel der Federn.
Schon ist das Wachs zerflossen: jetzt schwingt er nur noch die Arme,
Aber er fasst keine Luft – es fehlen ihm gleichsam die Ruder –,
Und sein Mund, wie er schreit nach der Hilfe des Vaters, im blauen
Wasser versinkt er. Das Meer hat nach ihm den Namen erhalten.
Keramik, 6. Jahrhundert v. Chr.
Hendrik Goltzius, Sturz des Ikarus, 1588
Anthonis van Dyck, Dädalus und Ikarus, 1620
Peter Paul Rubens, Der Sturz des Ikarus, 1636
Charles Baudelaire, Les Plaintes d‘un Icare (1862)
Ikarus (übertragen von Rainer Maria Rilke, 1921)
Die bei den Dirnen trafen
es glücklich, sind satt und frei:
mir brachen die Arme entzwei,
weil ich bei Wolken geschlafen.
Schuld sind im Himmelsgefild
die Sterne ohnegleichen,
kann, verzehrt, ich nichts mehr erreichen,
als von Sonnen ein Bild.
Unmöglich, daß ich erringe
des Raumes Mitte und End;
irgend ein Blick, der brennt,
bricht mir, ich fühl es, die Schwinge;
und vom Drang nach dem Schönen versengt,
werd ich nicht bis zum Stolz mich erheben,
meinen Namen dem Abgrund zu geben,
der als Grab mich empfängt.
Blériot XI, 1909
Gabriele d‘Annunzio: L‘ala sul mare (1904)
[Der Flügel auf dem Meer]
Glüh’! Es ist ein Flügel allein auf dem Meer.
Als bleicher Trümmer treibt er im Wellenschlag.
Und seine Federn, bar jetzt der Verbindung,
Zittern verstreut bei jedem Windhauch.
Glüh’! Ich sehe das Wachs, es ist der ikarische Flügel,
Der, den der Schöpfer der schändlichen Kuh
Formte, als er Sklave war im Königreich
Des knossischen Königs, wegen ruchloser Tat.
Wer wird ihn auflesen? Wer kann mit stärkerem Band
Die verstreuten Federn wieder vereinen,
Um den tollen Flug neu zu versuchen?
O hohes Los von Dädals Sohn!
Weit hielt er ab von den Grenzen der Mitte,
Der Kühne, und stürzte einsam in die Strudel.
Dädalus zimmert eine
Kuhattrappe für
Pasiphaë
Hellmuth Wetzel: Ikariden (1912)
Und als der Erste schwer, mit knatternden Stössen über der Erde hing,
Da jauchztest du, die Reiher bebten auf deinem Hut,
Und der Tag war leuchtend vor deinem Lachen, vor dem Lachen des Siegs.
Das war damals; und unter dem Sturzhelm starben viele;
Mit verschwielten Fäusten starben sie, verzerrten Gesichts, verkeilt in ihren Willen,
In Qual.
Und andre lagen:
Ihre kühlen, beringten Hände lächelten noch Verachtung vor dem Tod,
Und der duftende Rauch hing noch in ihren Kleidern,
Der kühle Stolz der Weisen redete noch von ihrem jungen Mund.
Denn jung und bartlos sind sie,
Die sterben eh’ andre leben,
Und leben um zu sterben;
Jung und frühreif und hochmütig sind sie und übersatt;
Aber ihrer ist die Erob’rung, die Ferne, die Geschwindigkeit,
Und ihrer ist der tolle Tod.
Pieter Bruegel d.Ä., Der Sturz des Ikarus, 1558
Königliche Museen der Schönen Künste, Brüssel
2. Version, 1590-95, Sammlung van Buuren, Brüssel
Fokker Eindecker 1915/16
Bertolt Brecht:
Der Sturz des Ikaros. Winzigkeit des
legendären Vorkommnisses (man muß den
Gestürzten suchen). Die Figuren wenden sich
von dem Ereignis ab. Schöne Darstellung der
Aufmerksamkeit, welche das Pflügen
beansprucht. Der fischende Mann rechts vorn,
der zum Wasser in besonderer Beziehung steht.
Daß die Sonne schon untergeht, was viele
erstaunt hat, bedeutet wohl, daß der Sturz
lange währte. Wie anders darstellen, daß
Ikarus zu hoch flog? Daidalos ist längst nicht
mehr sichtbar. Flämische Zeitgenossen in
antiker, südlicher Landschaft. Besondere
Schönheit und Heiterkeit der Landschaft
während des grauenhaften Ereignisses.
(1937/38)
Pieter Bruegel d.Ä., Der Sturz des Ikarus, 1558
Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands (Bd. 1, 1975)
Kein Pflug bleibt stehn um eines Sterbenden willen, sagte der
Buchhändler, auf den Schädel des Greises zeigend, der
ausgestreckt, kaum sichtbar, unterm Gebüsch am Rand des
Ackers lag, den der Bauer bestellte, und der Hirtenjunge,
neben den Schafen auf den Stab gestützt, blickte hinauf in
den leeren Himmel, aus dem Ikaros, von niemandem
bemerkt, gefallen war. Das eingeflochtne Motiv des
Sprichworts richtete sich auf die Unerschütterlichkeit der
irdischen Arbeit, hielt aber auch an deren Schwere und
Freudlosigkeit fest, was getan wurde, wurde getan unterm
Joch, eine Erneurung gab es nicht, fern, winzig, beiläufig,
klatschte der Sohn des Dädalus, dem das Wachs von den
Flügeln geschmolzen war, ins Meer, nur seine strampelnden
Beine waren noch zu sehn, die Wellen würden sich gleich
drüber schließen.
Pieter Bruegel d.Ä., Der Sturz des Ikarus, 1558
Wolf Biermann: Der Sturz des Dädalus (1987)
Die katastrophale Hauptsache aber — die Attraktion! —
der stürzende Ikarus, avanciert beim älteren Brueghel zur
nichtigsten Nebensache. Und eben diese Frechheit des
Malers entzückt uns und macht uns das Bild so berühmt.
Kein Mensch beachtet hier den Sturz des Ikarus. Auch der
Betrachter des Bildes entdeckt erst beim zweiten Hinsehn
rechts unten am Bildrand die nackten Beine... ja, das
isser! Ikarus, grad wie er versinkt. Sowas nenn ich
Realismus in der Kunst. Und das nenne ich nobel und
wirkliche Phantasie des Künstlers, er zeigt die
phantastische Wirklichkeit: Kein Aas kümmert sich groß.
Kein Pflug bleibt stehn
einem Sterbenden zulieb
Das war um 1600 in Deutschland ein populäres
Sprichwort. Alles übertrumpfend der gewaltige Alltag. Und
kleinklein die große Nummer des mythischen Helden.
Pieter Bruegel d.Ä., Der Sturz des Ikarus, 1558
W.H. Auden: Musée des Beaux Arts (1938)
[…]
In Breughel's Icarus, for instance: how everything turns away
Quite leisurely from the disaster; the ploughman may
Have heard the splash, the forsaken cry,
But for him it was not an important failure; the sun shone
As it had to on the white legs disappearing into the green
Water; and the expensive delicate ship that must have seen
Something amazing, a boy falling out of the sky,
had somewhere to get to and sailed calmly on.
Pieter Bruegel d.Ä., Der Sturz des Ikarus, 1558
W.C. Williams: Landscape with the Fall of Icarus
According to Brueghel
when Icarus fell
it was spring
a farmer was ploughing
his field
the whole pageantry
of the year was
awake tingling
near
the edge of the sea
concerned
with itself
sweating in the sun
that melted the wing’s wax
insignificantly
off the coast
there was
a splash quite unnoticed
this was
Icarus drowning
(1962)
Pieter Bruegel d.Ä., Der Sturz des Ikarus, 1558
Günter Kunert: Ikarus 64
1
Fliegen ist schwer:
Jede Hand klebt am Gehebel von Maschinen:
Geldesbedürftig.
Geheftet die Füße
an Gaspedal und Tanzparkett. Fest eingenietet
der Kopf im stolzen im fortschrittlichen
im vorurteilssharten
Sturzhelm.
[…]
3
Dennoch breite die Arme aus und nimm
einen Anlauf für das unmögliche.
Nimm einen langen Anlauf damit du
hinfliegst
zu deinem Himmel
daran alle Sterne verlöschen.
[…]
Wolf Biermann: Ballade vom preußischen Ikarus (1976)
Da, wo die Friedrichstraße sacht
den Schritt über das Wasser macht
da hängt über der Spree
die Weidendammer Brücke. Schön
kannst du da Preußens Adler sehn
wenn ich am Geländer steh
dann steht da der preußische Ikarus
mit grauen Flügeln aus Eisenguß
dem tun seine Arme so weh
er fliegt nicht weg - er stürzt nicht ab
macht keinen Wind - und macht nicht schlapp
am Geländer über der Spree.
https://www.youtube.com/watch?v=2KH_jznEViQ
Pieter Bruegel d.Ä., Der Sturz des Ikarus, 1558

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