Übersetzung Italienisch - Deutsch
1. Sitzung – 15.10.2009
Kleine Geschichte der
Übersetzungstheorie und -praxis
1
I.
DIE ITALIENISCHE
ÜBERSETZUNGSGESCHICHTE
• Zunächst Übersetzungen aus dem Lateinischen und
Griechischen
• Latein als Zwischenstufe aus dem Griechischen
• „Relatinisierung“ des Italienischen durch Übersetzungen aus
dem Lateinischen
• Einfluss der Nachbarkulturen zu unterschiedlichen Epochen
–
–
–
–
14. Jh.: zahlreiche Übersetzungen aus dem (Alt)Französischen
17. Jh.: Dominanz von Übersetzungen aus dem Spanischen
18. Jh.: Mehrheitlich Übersetzungen aus dem Französischen
19. Jh.: wenige Übersetzungen aus dem Deutschen und Spanischen
2
II.
1.
2.
3.
4.
5.
KLEINE GESCHICHTE DER
ÜBERSETZUNGSTHEORIE
Der Beginn übersetzungstheoretischer Überlegungen in der
Antike
Übersetzung im Mittelalter
Übersetzungstheorie und -praxis in der frühen Neuzeit
Übersetzungstheorie im 18. und 19. Jahrhundert
Sprachwissenschaft und Übersetzungstheorie im frühen 20.
Jahrhundert
3
Kleine Geschichte der Übersetzungstheorie
• 1. Kapitel
– Der Beginn übersetzungstheoretischer Überlegungen in der
Antike
•
•
•
•
Cicero
Horaz
Hieronronymus
Augustinus
4
Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Römische Antike – die Übersetzung
griechischer Texte: Cicero (106-46 v.Chr.)
– Ciceros Kommentare zum Übersetzen stellen
einen der ersten Schritte in die theoretische
Analyse des Übersetzungsvorgangs dar.
– Cicero steht vor der konkreten Frage, wie
Reden aus dem antiken Athen, die als
Beispiele für junge Redner in Rom dienen
sollen, übersetzt werden müssen, damit man
überhaupt ihre Vorbildlichkeit erkennen
kann.
5
Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Cicero
– Er rechtfertigt seine Vorgehensweise in De optimo genere
oratorum mit der Formel „non converti ut interpretes sed ut
orator“ („ich habe sie nicht als Dolmetsch übertragen,
sondern als Redner“).
6
Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Ziele des Übersetzens nach Cicero
– Übereinstimmung mit dem aktuellen
Sprachgebrauch;
– der übersetzte Text soll sprachlich wie
ein authentischer einheimischer Text
wirken;
– die Übersetzung soll nicht nur Idee und
Konzept vermitteln, sondern auch deren
Form und die davon abhängige Wirkung,
dh. die pragmatische Dimension des
Textes;
7
Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Cicero
– Die Forderung nach
Wirkungsgleichheit wird vom
Kriterium der Textart abhängig
gemacht (ähnlich wie in der
modernen Textlinguistik).
8
Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Römische Antike – Horaz (65 - 8
v.Chr.)
– Horaz unterscheidet in seiner Ars
poetica zwischen wörtlicher und
sinngemäßer Übersetzung
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Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Römische Antike – Hieronymus
(347-419 n.Chr.)
– Hieronymus ist der Schutzpatron
der Übersetzer.
– Neben seiner Bibelübersetzung
schrieb er über Bibelauslegung und
theologische Kontroversen,
historische Texte, und machte
weitere Übersetzungen.
10
Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Hieronymus
– Am besten bekannt ist Hieronymus als Verfasser
der Vulgata, einer Bibelübersetzung in das
gesprochene Latein seiner Zeit, die eine Korrektur
der Itala oder Vetus Latina (der „Italischen“ oder
„Alten Lateinischen“ Version) war .
– Die Vulgata brauchte einige Jahrhunderte, bis sie
die Vetus Latina überall abgelöst hatte.
– Erst ab dem 8. bis 9. Jahrhundert war sie im
ganzen westlichen Christentum im Gebrauch.
– Ungefähr ab dem 9. Jahrhundert wurde sie im
Westen als einzig gültige Bibel angesehen, die
Bibelübersetzung in die Volkssprachen kam bis
zur Reformation weitgehend zum Erliegen.
11
Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Hieronymus
– Anhänger eines sinnorientierten
Übersetzens
– Kampf gegen die starke Strömung des
wörtlichen Übersetzens
– Ausnahme: die sinnorientierte
Methode in heiligen Schriften ist dort
nicht zulässig, wo auch die Wortfolge
ein Mysterium ist (Brief an
Pammachius).
12
Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Hieronymus
– „Ich gebe nicht nur zu, sondern ich
bekenne frei heraus, dass ich bei
der Übersetzung griechischer
Texte – abgesehen von den
Heiligen Schriften, wo auch die
Wortfolge ein Mysterium ist –
nicht ein Wort durch das andere,
sondern einen Sinn durch den
anderen – ausdrücke“
13
Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Römische Antike – Augustinus
(354-430 n.Chr.)
– Augustinus entwickelt im 2. Buch von
De Doctrina Christiana die
komplexeste Theorie der sprachlichen
Zeichen in der Antike und der
Möglichkeiten ihrer Übersetzung und
exemplifiziert die Spannung zwischen
einer rein semantischen und einer
rein pragmatischen Orientierung.
14
Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Die Übersetzungstheorie von
Augustinus
– Unterscheidung zwischen übersetzbaren
und nichtübersetzbaren sprachlichen
Elementen;
– Unterscheidung zwischen textuellen
Eigenschaften der rationalen
Argumentation und emotionalen
Äußerungen, die kulturspezifischen
Charakter aufweisen;
– Kenntnis der Sprachen in ihrem
kulturellen Kontext ist wichtig, sonst wird
der Übersetzer mit unbekannten und
unübersetzbaren Zeichen konfrontiert.
15
Der Beginn übersetzungstheoretischer
Überlegungen in der Antike
• Die Übersetzungstheorie von Augustinus
– Idiomatik ist nicht das alleinige Kriterium
einer guten Übersetzung;
– Spannung zwischen richtigem Verständnis
und Idiomatik wird hingenommen;
– Hauptinteresse übersetzungstheoretischer
Überlegungen: die Wahrheit der hl. Schrift
und deren Verbreitung (bestimmte Theorie
und Praxis bis zur Renaissance).
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Kleine Geschichte der Übersetzungstheorie
• 2. Kapitel
– Übersetzung im Mittelalter
• Die „Übersetzerschule“ von Toledo
17
Übersetzungspraxis im Mittelalter
• Die „Übersetzerschule von Toledo“
– Übersetzerschule von Toledo ist ein im frühen 19.
Jahrhundert von Armand Jourdain geprägter
Begriff, unter dem verschiedene Aktivitäten der
Übersetzung aus dem Arabischen
zusammengefasst werden, die seit dem 12.
Jahrhundert in Toledo nachweisbar sind.
– Es handelte sich dabei nicht um eine Schule im
Sinne einer Institution, sondern um
verschiedenartige Aktivitäten der Übersetzung,
die durch den Kontakt zwischen arabischkundigen
Mozarabern und Juden mit Romanen bzw.
lateinischen Autoren ermöglicht und zum Teil
durch bischöfliche oder königliche Initiative
gefördert wurden.
18
Übersetzungspraxis im Mittelalter
• Die „Übersetzerschule von Toledo“
– Ein einheitlicher Entstehungsprozess lässt sich für die in Toledo
entstandenen Übersetzungen nicht nachweisen.
– Aus den Incipits und Prologtexten einiger dieser Werke und aus dem
Vergleich erhaltener Fassungen ergibt sich aber in vielen Fällen ein
Zusammenwirken arabisch- und lateinkundiger Autoren, bei dem
zunächst ein Jude oder Mozaraber nach dem arabischen Original eine
romanische Zwischenstufe erstellte, die unter Umständen nur
mündlich bestand und ihrerseits die Grundlage für die lateinische
Version bildete.
– Mozarabisch oder Kastilisch dienten in diesem Fall nur als nur
Übermittlersprachen.
– Später, in der alfonsinischen Periode, wurde im Regelfall aus dem
Arabischen ins kastilische Spanisch übersetzt und durch einen
emendador die Schlussredaktion vorgenommen.
19
Übersetzungspraxis im Mittelalter
• Die „Übersetzerschule von Toledo“
– Im 13. Jahrhundert gingen neue Übersetzungsinitiativen von Alfons X. aus,
wobei nun nicht mehr die Übersetzung ins Lateinische, sondern die ins
Kastilische im Vordergrund stand und hierbei speziell der Dialekt des
toledaner Hofes eine sprachlich normierende Rolle spielte.
– Thematisch bildeten Astronomie, Physik, Alchemie und Mathematik den
Schwerpunkt, aber auch Spiele und orientalische Literatur sowie Werke zur
Kenntnis der islamischen Religion wurden übersetzt.
20
Übersetzungspraxis im Mittelalter
• Die „Übersetzerschule von Toledo“
– Da Schriften mit einer Vielzahl von im Westen bis
dahin noch nicht oder wenig bekannter
wissenschaftlicher Themen zu übersetzen waren,
standen die Übersetzer vor der Aufgabe, geeignete
Übersetzungen für arabische Wörter zu finden, für die
in der Zielsprache noch kein Äquivalent existierte.
– Sie lösten diese Aufgabe vielfach durch Entlehnungen
aus dem Arabischen und trugen so wesentlich dazu
bei, dass bis heute ein wesentlicher Teil des
wissenschaftlichen und technischen Wortschatzes in
den europäischen Sprachen arabischen Ursprungs
oder arabisch aus anderen orientalischen Sprachen
vermittelt ist.
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Übersetzungspraxis im Mittelalter:
Italien: volgarizzamenti
• Volgarizzamento
– Traduzione in lingua volgare di un’opera latina o più
raramente greca, con alcune modifiche rispetto al testo
originale per adattarlo al nuovo contesto culturale. Fu un
genere particolarmente diffuso in Italia nei secoli XIII e XIV,
in concomitanza con la nascita di una cultura letteraria in
volgare e quindi con l’esigenza di rendere disponibili a un
pubblico più vasto modelli e insegnamenti provenienti da
altre letterature.
22
Übersetzungspraxis im Mittelalter:
Italien: volgarizzamenti
• L’autore di un volgarizzamento non si pone come
obiettivo la fedeltà al testo originale, bensì l’utilità o
il piacere che può trarne il lettore moderno: per
questo motivo si sente libero di omettere delle parti
considerate poco significative, aggiungere spiegazioni
sia di singole parole sia di concetti o avvenimenti,
trasporre un racconto da un’ambientazione a
un’altra, rielaborare completamente lo stile
dell’opera.
23
Übersetzungspraxis im Mittelalter:
Italien: volgarizzamenti
• Tra i più importanti volgarizzamenti medievali
in lingua italiana abbiamo quello di Cicerone
realizzato da Brunetto Latini, quello di
Sallustio a opera di Bartolomeo da San
Concordio, di Virgilio e Ovidio a opera di
Andrea Lancia, e di Boezio a opera di Alberto
della Piagentina. Il giovane Boccaccio
volgarizzò alcuni libri di Livio.
24
Quelle
• "Volgarizzamento," Microsoft® Encarta®
Enciclopedia Online 2009
http://it.encarta.msn.com © 1997-2009
Microsoft Corporation. Tutti i diritti riservati.
25
Kleine Geschichte der Übersetzungstheorie
• 3. Kapitel
– Übersetzungstheorie und -praxis in
der frühen Neuzeit
• Martin Luther
• Erasmus v. Rotterdam
• César Oudin
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Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Martin Luther (1483-1546)
– Auf der Wartburg blieb Luther bis zum 1. März 1522
inkognito als „Junker Jörg“.
– Auf Anraten Melanchthons übersetzte er im Herbst
1521 das Neue Testament in nur elf Wochen ins
Deutsche.
– Als Vorlage diente ihm ein Exemplar der griechischen
Bibel des Erasmus von Rotterdam, zusammen mit
dessen eigener lateinischen Übersetzung sowie der
Vulgata.
– Luthers Bibelübersetzung erschien ab September 1522.
1523 erschien auch Luthers erste Teilübersetzung des
Alten Testaments; beide zusammen erlebten bis 1525
bereits 22 autorisierte Auflagen und 110 Nachdrucke,
so dass bis zu einem Drittel aller lesekundigen
Deutschen dieses Buch besaßen.
27
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Martin Luther
– Luther machte biblische Inhalte auch dem einfachen
Volk zugänglich.
– Zwar gab es vorher schon 14 hochdeutsche und vier
niederdeutsche gedruckte Bibelausgaben.
– Jedoch waren diese Übersetzungen durch ihr
„gestelztes“ Deutsch für das einfache Volk schwer
verständlich.
– Vor allem fußten sie auf der Vulgata, der die griechische
Septuaginta zugrunde lag: Sie hatten also zuvor
mindestens zwei Übersetzungsschritte hinter sich.
– Luther dagegen bemühte sich wie die Humanisten um
eine möglichst direkte Übersetzung der hebräischen und
griechischen Urtexte.
– Er übersetzte weniger wörtlich, sondern versuchte,
biblische Aussagen nach ihrem Wortsinn ins Deutsche zu
übertragen.
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Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Martin Luther
– Sendbrief vom Dolmetschen
• […] So wenn Christus spricht: "Ex abundantia cordis os loquitur." Wenn ich
den Eseln soll folgen, sie werden mir die Buchstaben vorlegen und so
dolmetschen: Aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund. Sage mir,
ist das deutsch geredet? Welcher Deutsche verstehet solches? Was ist
Überfluss des Herzen für ein Ding? Das kann kein Deutscher sagen, es sein
denn, er wollte sagen, es bedeute, daß einer ein allzu groß Herz habe oder
zuviel Herz habe; wiewohl das auch noch nicht recht ist, denn Überfluss
des Herzens ist kein Deutsch, so wenig als das Deutsch ist: Überfluss des
Hauses, Überfluss des Kachelofens, Überfluss der Bank, sondern so redet
die Mutter im Haus und der gemeine Mann: Wes das Herz voll ist, des
gehet der Mund über. Das heißt gutes Deutsch geredet, des ich mich
beflissen und leider nicht allwege erreicht noch getroffen habe, denn die
lateinischen Buchstaben hindern über die Maßen sehr, gutes Deutsch zu
reden. […]
• http://luther.glaubensstimme.de/luther48.html
29
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Erasmus von Rotterdam (1465/69 ? 1536)
– 1516 veröffentlichte Erasmus eine kritische
Edition des griechischen Neuen Testaments
Novum Instrumentum omne, diligenter ab
Erasmo Rot. Recognitum et Emendatum., mit
einer lat. Übersetzung und Kommentar.
• Vertreter einer philologischen Position
• Der Übersetzer wird zum Textkritiker
30
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Übersetzung als Bereicherung der eigenen Sprache
im Frankreich der Renaissance
– Ziel: der kulturelle Rückstand gegenüber Italien sollte
beseitigt werden
• Theoretiker wie Thomas Sébillet (1512–1589), Art poétique
françoys (1548), und Barthélemy Aneau (ca.1510–1561),
Imagination poétique / traduicte en vers françois, des latins
& grecs (1552), sahen im Übersetzen nicht nur eine
unerlässliche Stilübung für den künftigen Schriftsteller, sondern
auch einen hocherwünschten Dienst an der eigenen Sprache.
• Diese Auffassung vertrat auch Jacques Peletier du Mans (1517–
1582) in seiner 1555 erschienenen Art poétique.
31
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Jacques Peletier du Mans
– 1547: Œuvres poétiques
• u.a. mit Übersetzungen aus Homers
Odyssee, Virgils Georgica sowie 12
Sonnette von Petrarca
– J.P. unternahm außerdem den Versuch
einer phonetischen Orthographie des
Französischen (z.T. durch die Einführung
neuer typographischer Zeichen)
– Peletier setzte die reformierte
Orthographie in seinen eigenen Werken
ein, fand aber keine Anhänger.
32
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
33
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Übersetzung als Bereicherung der eigenen
Sprache im Frankreich der Renaissance –
skeptische Stimmen
– Joachim du Bellay (1522-1560), Deffence et
illustration de la langue françoyse (1549) [im
5. Kap.]
• Warnung vor einer Überschätzung der Übersetzung als
Mittel der Sprachbereicherung: sie genügen nicht, um
der frz. Sprache Vollkommenheit zu verschaffen
• Nachschöpfung / Nachdichtung bevorzugt
• Dilemma: Verteidigung der Volkssprache gegen das
Lateinische, doch Glanz konnte das Frz. nur mithilfe
des Lat. erlangen
34
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
Quelle: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1050733.chemindefer
35
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
36
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Claude-Gaspard Bachet de Méziriac
(1581-1638)
– Vorläufer einer Sprachwissenschaftlich
orientierten Übersetzungswissenschaft
– Wurde von literarisch orientierten
Übersetzungstheoretikern als
„Erbsenzähler“ verspottet
•
•
•
•
•
Lateinisch
Hebräisch,
Griechisch
Italienisch
Spanisch
37
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Das Zeitalter der belles infidèles in Frankreich (17. bis
18. Jh.)
– Im Zeitalter der Klassik und der Aufklärung ging es den
französischen Übersetzern in der Regel vor allem darum, den
fremden Autor zu 'französieren', d.h. ihn dem strengen
klassischen Stilideal und dem daran orientierten
Publikumsgeschmack anzupassen.
– Die Bezeichnung «belles infidèles» geht auf eine Kritik
zurück, welche die freien Nachdichtungen mit einer zwar
schönen, aber untreuen Frau verglich («une femme qui était
belle, mais infidèle»).
– Der Vergleich geht wohl auf Gilles Ménage zurück.
38
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Das Zeitalter der belles infidèles in Frankreich
– Als „Kopf“ der Bewegung der belles infidèles gilt
Nicolas Perrot d'Ablancourt (1606-1664).
• Er übersetzte u.a. Werke von Cicero, Tacitus und Julius
Caesar.
• Seine Nachahmer wurden als «perrotins» bezeichnet.
http://www.academie-francaise.fr/immortels/base/academiciens/fiche.asp?param=42
39
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Das Zeitalter der belles infidèles in Frankreich am
Beispiel von zwei Catull-Übersetzungen
– Obwohl sich Catull sowohl als Liebesdichter als auch als
Epigrammatiker im Geistesleben der französischen
Renaissance einen festen Platz gesichert hatte, entstanden
nur zwei Gesamtübertragungen bis zum Anfang des 19.
Jahrhunderts.
• Die erste entstand im Jahre 1653 von Michel de Marolles, die
zweite 1771 von einem Dichter namens Alexandre Masson de
Pezay.
40
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Das Zeitalter der belles infidèles in Frankreich am
Beispiel von zwei Catull-Übersetzungen
– Während sich der Abbé de Marolles der Forderung des
franciser der antiken Texte nicht anschloss und daher auch
seine Catull-Übersetzung beim Lesepublikum durchfiel, ist
Pezays Nachdichtung in 'poetischer Prosa' als Beitrag zur
französischen Unterhaltungs-Literatur seiner Zeit in die
belles-infidèles-Strömung eingegangen.
41
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• Kritik an den belles infidèles
– Anne Lefebvre (Madame Dacier) (16471720) kritisierte die zu freien
Übersetzungen und setzte sich für
genaue Übersetzungen ein.
•
•
•
•
•
Les comédies de Terence (1688)
Iliade d'Homère (1699)
Odyssee d'Homère (1716)
Les poésies d'Anacreo et Sapho (1681)
Trois comédies de Plaute (1683)
42
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• César Oudin (* ca. 1560 - 1625)
– Offizieller Hofdolmetscher für den französischen König
Heinrich IV. und Übersetzer, der 1614 die erste französische
Übersetzung von Don Quijote anfertigte.
• „ eine wörtliche Übersetzung, in der die Grenze der
‚Idiomatizität‘ nicht respektiert wird“ (Albrecht 1998, 304)
• Obwohl nicht zu den belles infidèles gehörig, ein großer
Publikumserfolg.
– Oudin war für die italienische, spanische und deutsche
Sprache als Dolmetscher am Hofe des französischen Königs
beauftragt.
– Als Anerkennung seiner Dienste betraute Heinrich IV. ihn am
11. Februar des Jahres 1597 mit dem Amt eines „Secrétaire
et Interprète des langues étrangères“.
43
Übersetzungstheorie und -praxis in der
frühen Neuzeit
• César Oudin
– Der Hofdolmetscher übersetzte auch Schriften aus dem
Ausland und publizierte Bücher, die Franzosen bei dem
Erlernen der Sprachen halfen.
• 1597: Grammaire et observations de la langue Espagnolle
recueillies & mises en François
• 1607: Tesoro de las lenguas francesa y española.
• 1609: Thrésor des trois langues, espagnole, françoise et
italienne
• 1610: Grammaire italienne mise et expliquée en François.
44
Kleine Geschichte der Übersetzungstheorie
• 4. Kapitel
– Übersetzungstheorie im 18. und 19. Jahrhundert
•
•
•
•
Herder
Goethe
Schleiermacher
W. v. Humboldt
45
Übersetzungstheorie im 18. und 19.
Jahrhundert
• Neuorientierung beim Übergang von der Aufklärung
zu Klassik und Romantik
– Die Übersetzung wird zum Instrument der kulturellen
Vermittlung
– Unterschiedliche Übersetzungsauffassungen in Deutschland
und in Frankreich
• In Frankreich versuchte man, das Fremde möglist nah an die
eigenen literarischen Formen anzugleichen
• In Deutschland sollten Defizite der deutschen Sprache
ausgeglichen oder neue Formen hinzugewonnen werden.
46
Übersetzungstheorie im 18. und 19.
Jahrhundert
• Johan Gottfried v. Herder (17441803)
– Über die neuere deutsche Literatur
(1767)
• Bewusstsein über die Grenzen der
Übersetzung
• Übersetzungen können die eigene
Sprache bereichern, aber sie kann nicht
den pragmatischen Kontext eines Werkes
importieren
• Interlinguales Interesse an
Übersetzungen
47
Übersetzungstheorie im 18. und 19.
Jahrhundert
• Johann Wolfgang v. Goethe
(1749-1832)
– West-Östlicher Divan (1819)
– Kulturelle Vermittlung
– Annäherung des Fremden und
Einheimischen, des Bekannten und
des Unbekannten
48
Übersetzungstheorie im 18. und 19.
Jahrhundert
• Johann Wolfgang v. Goethe
– Skizzierung von 3 Übersetzungsarten
• 1. Die Prosa:
– „Ich ehre den Rhythmus wie den
Reim … aber das eigentlich tief
und gründlich Wirksamme, das
wahrhaft Ausbildende und
Fördernde ist dasjenige was vom
Dichter übrigbleibt, wenn er in
Prose übersetzt wird“
49
Übersetzungstheorie im 18. und 19.
Jahrhundert
• Johann Wolfgang v. Goethe
– 2. „Parodistische“ Übers.“. Nach Goethe
charakteristisch für die frz. Übersetzer
des 18. Jahrhunderts: „Der Franzose,
wie er sich fremde Worte mundrecht
macht, verfährt auch so mit den
Gefühlen, Gedanken, ja den
Gegenständen, er fordert durchaus für
jede fremde Frucht ein Surrogat, das auf
seinem eigenen Grund und Boden
gewachsen sei“.
50
Übersetzungstheorie im 18. und 19.
Jahrhundert
• Johann Wolfgang v. Goethe
– 3. Ideal einer kulturellen Begegnung ohne prosaische
Vereinnahmung oder totale Assimilation fremder Werke:
• „Eine Übersetzung, die sich mit dem Original zu
identifizieren strebt, nähert sich zuletzt der
Interlinearversion und erleichtert höchlich das
Verständnis des Originals; hiedurch werden wir an
den Grundtext hinangeführt, ja getrieben, und so ist
denn zuletzt der ganze Zirkel abgeschlos-sen, in
welchem sich die Annäherung des Fremden und
Einheimischen, des Bekannten und Unbekannten
bewegt“.
51
Übersetzungstheorie im 18. und 19.
Jahrhundert
• Friedrich Schleiermacher (1768-1834)
– Vorlesung von 1813
• Ziel: Kennenlernen einer fremden Kultur
durch das Mittel der Übersetzung
• Im Mittelpunkt stehen die praktischen
Übersetzungsprobleme
• Radikalisierung des Übersetzungsproblems:
Zeichen und Bezeichnetes lassen sich nicht
trennen.
• Der Übersetzer als verstehender Leser wird
zum 2. Autor:
52
Übersetzungstheorie im 18. und 19.
Jahrhundert
• Wilhelm von Humboldt (1767-1835)
– Denken in Abhängigkeit von der
Muttersprache:
• „Die Sprache ist gleichsam die äußerliche
Erscheinung des Geistes der Völker; ihre
Sprache ist ihr Geist und ihr Geist ihre
Sprache, man kann sich beide nicht identisch
genug denken“
– Übersetzen als unmögliche Aufgabe?
– Potentielle Übersetzbarkeit
53
Übersetzungstheorie im 18. und 19.
Jahrhundert
• Wilhelm von Humboldt
– „Alles Übersetzen scheint mir schlechterdings ein
Versuch zur Auflösung einer unmöglichen
Aufgabe. Denn jeder Übersetzer muß immer an
einer der beiden Klippen scheitern, sich entweder
auf Kosten des Geschmacks und der Sprache
seiner Nation zu genau an sein Original oder auf
Kosten seines Originals zu sehr an die
Eigentümlichkeiten seiner Nation zu halten. Das
Mittel hierzwischen ist nicht bloß schwer, sondern
geradezu unmöglich.“
54
Kleine Geschichte der Übersetzungstheorie
• 5. Kapitel
– Sprachwissenschaft und Übersetzungstheorie im frühen
20. Jahrhundert
• Inhaltsbezogene Sprachwissenschaft
• Sapir-Whorf-Hypothese
55
Sprachwissenschaft und Übersetzungstheorie im
frühen 20. Jahrhundert
• Leo Weisgerber (1899-1985)
– Sprachinhaltsforschung (s. nächste Seite)
• Sprache als geistige Zwischenwelt
• Weltbild der Muttersprache
• Sprache als relativ geschlossenes, gegen
andere Sprachen abgegrenztes System
56
Sprachwissenschaft und Übersetzungstheorie im
frühen 20. Jahrhundert
• Sprachinhaltsforschung
– von L. Weisgerber begründete Richtung der
Sprachwissenschaft (inhaltsbezogene Sprachbetrachtung),
die besonders Wortbedeutung und Satzsinn untersucht und
die Weltansicht einer Sprache zu erschließen versucht.
– Die Sprachinhaltsforschung gründet in der Sprachauffassung
W. von Humboldts und bestimmt Sprache als Energeia, als
eine Kraft geistigen Gestaltens, deren Entfaltungsformen die
natürlichen Sprachen (Muttersprachen) seien.
– Eine der Sprachinhaltsforschung nahestehende Richtung ist
die Ethnolinguistik von B. L. Whorf.
57
Sprachwissenschaft und Übersetzungstheorie im
frühen 20. Jahrhundert
• Die „Sapir-Whorf-Hypothese“ – die Grenzen der
Übersetzbarkeit
– Die Sapir-Whorf-Hypothese besagt, dass die
(Mutter)Sprache das Denken formt.
– Daraus folgt im Extremfall, dass es bestimmte Gedanken
einer einzelnen Person in einer Sprache gibt, die von
jemandem, der eine andere Sprache spricht, nicht
verstanden werden können.
– Die Sapir-Whorf-Hypothese setzt sich aus zwei Thesen
zusammen: dem Prinzip der sprachlichen Relativität und
der Abhängigkeit der Begriffsbildung von der Sprache.
– Geht man von einem linguistischen Determinismus aus,
folgt daraus eine prinzipielle Unübersetzbarkeit
fremdsprachlicher Texte.
58
Literaturhinweise
• Zur ersten Orientierung
– Albrecht, J.: Literarische Übersetzung. Geschichte, Theorie, Kulturelle Wirkung.
Darmstadt 1998.
– Apel, F./ Kopetzki, A.: Literarische Übersetzung. 2., vollständig neu bearbeitete
Auflage. Stuttgart/Weimar 2002.
– Best, J. / Kalina, S. (Hg.): Übersetzen und Dolmetschen. Eine Orientierungshilfe.
Tübingen/Basel 2002.
– Knauer, G.: Grundkurs Übersetzungswissenschaft Französisch. Stuttgart u.a. 1998.
– Koller, W.: Einführung in die Übersetzungswissenschaft. 7. aktualisierte Auflage,
Wiebelsheim 2004.
– Stolze, R.: Übersetzungstheorien. Eine Einführung. Tübingen 1993.
• Internet
– http://www.uebersetzungswissenschaft.de/
– http://lexikon.meyers.de/meyers/Sprachinhaltsforschung
59
Übersetzungen im neuzeitlichen Italien
• Interkulturelle Differenzen
– Übersetzungen des klassischen französischen
Theaters in Italien in stark bearbeiteten Versionen
• Französisch als Mittlersprache in Italien
insbes. vor dem 19. Jh.
– Übersetzung französischer Übersetzungen aus
dem Englischen ins Italienische
60
Übersetzungen im neuzeitlichen Italien
• Übersetzungen aus zweiter Hand
– Lodovico Antonio Loschi
61
Melchiorre Cesarotti
• Übersetzer von Homer und
Voltaire
• Vorläufer einer
adressatenorientierten
Übersetzungstheorie und Praxis
62

Übersetzung Französisch - Deutsch - UK