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Lokales
Donnerstag, 1. Oktober 2015
EJZ
Energiewende als Chance
Ihre EJZ
heute
Strom wird künftig sauber und billig, glaubt Prof. Dr. Claudia Kemfert, und berichtete davon in Breese/Marsch
Überall.
Das meint
auch: in
LüchowDannenberg.
Claudia
Kemfert ist
eine der renommiertesten Expertinnen Deutschlands,
wenn es um Energiefragen geht
und sie hat das zweifelsfreie
Wort am Dienstagabend während einer CDU-Veranstaltung
in Breese in der Marsch ausgesprochen (Seite 3). Überall
nämlich brauche es mehr
Flächen für Windenergie. Auch
in Lüchow-Dannenberg. Das
dürfte einige hiesige Menschen ordentlich aufs Windrad,
pardon, auf die Palme bringen. Denn ausgerechnet mehr
Flächen überall wollen einige
Windenergie-Kritiker gerade
nicht, wollen vielmehr keine
Flächen nirgendwo. Naja,
irgendwo vielleicht, aber bitteschön nicht hier, bitteschön
nicht vor der eigenen Haustür.
Kemfert ist sich sicher, dass es
anders aber nicht geht mit der
Energiewende, mit sauberem
und günstigem Strom und sie
ist sich offenbar sicher, dass es
innerhalb der deutschen Grenzen noch einige Flächenpotenziale gibt. Ich vermute, dass
sich der eine oder andere von
Ihnen, liebe Leserinnen und
Leser, dazu in einem Leserbrief
äußern wird.
Ihr Benjamin Piel
Sie erreichen die Redaktion
montags bis freitags von 9 bis
18 Uhr unter (0 58 41) 12 71 60.
rg Breese/M. Claudia Kemfert ist eine der renommiertesten
Wissenschaftlerinnen
Deutschlands, wenn es um
Energiepolitik und Klimaschutz
geht. Ihr Wort hat Gewicht,
was die Professorin an der
Hertie School of Governance
in Berlin und Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und
Umwelt am Deutschen Institut
für Wirtschaftsforschung sagt,
wird gehört. In Berlin, Brüssel,
in Breese in der Marsch. Dort
sprach sie auf Einladung des
CDU-Kreisverbandes über die
Energiewende. Über Zukunftschancen- und risiken, über
Möglichkeiten und Machbares.
Über Sinn und Unsinn. Darüber, dass heute der Grundstein
gelegt werde für die Energieversorgung der Zukunft. Die, so
Kemfert, werde ausschließlich
aus erneuerbaren Energien gespeist. Und sie werde billig sein.
Wenn die Energiewende
geschafft ist, weg von Kohle
und Atom, hin zu erneuerbaren Energien, werde es viel
Strom geben, der kaum noch
etwas kostet, prognostizierte
Kemfert. Schließlich würden
Windkraftanlagen, die gebaut
sind, Solarparks, die stehen,
Wasserkraftwerke, die laufen,
Biomasse-Kraftwerke,
wenn
sie in Betrieb sind, nicht mehr
annähernd die Kosten verursachen, wie es bei Atom- oder
Kohlekraftwerken der Fall ist.
„Wir investieren jetzt in die saubere und günstige Energie der
Zukunft“, erläuterte sie ihren
Zuhörern im voll besetzten Saal
des Gasthauses Grönecke. Das
Erneuerbare-Energien-Gesetz
Sprach in Breese in der Marsch über die Energiewende: Prof. Dr. Claudia Kemfert, eine der führenden Expertinnen in Sachen Energiepolitik und Klimaschutz.Aufn.: R. Groß
(EEG) sei aktuell ein Instrument, die damit verbundenen
Kosten seien eine Momentaufnahme. Kein perfektes Instrument, aber eines, das seine
Berechtigung habe. Es gelte, so
schnell wie möglich umzusteigen, komplett umzusteigen, und
das koste eben Geld.
Es mache keinen Sinn, das
neue System der Energieversorgung aus regenerativen Energien nur auf das alte aus Atomund Kohlestrom aufzupflanzen.
„Die erneuerbaren Energien
müssen Kohle und Atom erset-
zen“, stellte Kemfert heraus. Aktuell sei die Folge der Förderung
der erneuerbaren Energien, dass
– weil sie zusätzlich zu den alten Kraftwerken entstehen –
„wir in Energie schwimmen, der
Strom an der Börse verramscht
wird“. Unter solchen Voraussetzungen könnten sich keine
Bedingungen entwickeln, unter
denen sich nötige Technologien
wie Speicherkraftwerke durchsetzen oder sich Gaskraftwerke,
die für die Versorgungssicherheit gebraucht würden, rentieren würden.
Denn schon jetzt sei klar,
dass Deutschland seine gesteckten Klimaschutzziele bis
zum Jahr 2020 nicht werde erreichen können. „Davon sind
wir weit entfernt – schade“, bedauerte die Wissenschaftlerin.
Die Klimaabgabe, die von Wirtschaftsminister und Vizekanzler
Sigmar Gabriel (SPD) vorgeschlagen worden war, sei in dieser Hinsicht „eine clevere und
sicher zielführende“ Idee gewesen, doch bedauerlicherweise
sei sie gescheitert. Das dürfe mit
der Energiewende nicht passie-
ren – die sei eine „unglaubliche Chance“, so Kemfert. Eine
Notwendigkeit für den Klimaschutz, und eine wirtschaftliche
Chance für Deutschland. Für
Unternehmen wie für Kommunen. „Die Energiewende wird
regional und lokal gemacht“,
stellte Kemfert heraus. 35 Gigawatt an Strom aus erneuerbaren
Energien käme mittlerweile aus
Anlagen, die von Bürgern oder
privaten Initiativen, kleinen Unternehmen oder Kommunen betrieben oder finanziert würden.
Dennoch habe die Energiewende ein Imageproblem.
Sie werde regelrecht gemobbt,
schlechtgeredet, auch in der
Presse zerrissen. Dabei stimme
vieles gar nicht, was in den Köpfen der Menschen herumspuke,
wenn es um erneuerbare Energien gehe. Ihretwegen würden
nachweislich weder Unternehmen abwandern noch Haushalte in die Schuldenfalle geraten. Und selbst der Anstieg des
Energiepreises sei nicht darauf
zurückzuführen, dass Strom aus
regenerativen Quellen teurer sei
– es sei das EEG, die Umlage,
die den Strom teurer mache.
Biogasanlagen mit Mais zu
füttern, sei ihrer Ansicht nach
der falsche Weg. BiomasseKraftwerke seien wichtig, müssten stärker gefördert werden
– aber nachhaltig arbeiten. Mit
pflanzlichen und tierischen Abfallprodukten. Und es müssten
mehr Flächen für Windenergie
bereitgestellt werden. Überall.
„Naturschutz ist wichtig“, stellte Kemfert heraus. „Aber die
erneuerbaren Energien sind es
auch.“
Beflügelt Richtung Herbst
Arbeitslosenquote in DAN sinkt kräftig um 7,6 Prozent
tl Lüchow. Beflügelt steuert
der Arbeitsmarkt in LüchowDannenberg Richtung Herbst:
1729 Menschen waren zwischen Elbe und Drawehn im
September arbeitslos gemeldet.
Das sind 142 Personen beziehungsweise 7,6 Prozent weniger
als im August. Im Vergleich zum
September 2014 sind es sogar
287 Personen oder 14,7 Prozent
weniger. Damit hat LüchowDannenberg zumindest prozentual gesehen den stärksten
Rückgang im Geschäftsbereich
der Agentur für Arbeit Lüneburg-Uelzen zu verzeichnen.
Dennoch weist Lüchow-Dannenberg auch weiterhin im Geschäftsstellenbereich LüneburgUelzen insgesamt die höchste
Arbeitslosenquote auf.
„Der
übliche
Herbstaufschwung ließ die Arbeitslosenzahlen auch in diesem
Jahr deutlich sinken“, erklärt
Agentur-Chef Bernd Passier.
„Gleichzeitig ist die Arbeitskräftenachfrage nach wie vor
hoch. In einigen Branchen fällt
es Unternehmen zunehmend
schwerer, geeignete Fachkräfte
zu finden.“ In Lüchow-Dannenberg dauert es durchschnittlich
85 Tage, bis eine freigewordene
Fachkraftstelle neu besetzt ist.
Das sind zwei Tage mehr als im
Bundesdurchschnitt. Betroffen
vom Fachkräfteengpass seien
vor allem die handwerklichen
Berufe, wie Mechatronik und
Metallbearbeitung, die Bereiche
Lager und Logistik sowie das
Hotel- und Gaststättengewerbe und der Pflegesektor, betont
Passier. „Mit Weiterbildungen
und Umschulungen versuchen
wir gezielt Perspektiven für Arbeitslose zu eröffnen“, erklärt
der Agentur-Chef.
Deutlich
zurückgegangen
ist in Lüchow-Dannenberg im
September auch die Zahl der
Unterbeschäftigten: Sie sank
auf 2 184 Personen. Das sind
132 Menschen beziehungsweise
5,7 Prozent weniger als im August. Im Vergleich zum September 2014 sind es 384 Personen
beziehungsweise 15 Prozent
weniger. Der Bestand der Arbeitsstellen ist im September um
neun auf 207 gesunken.
Karawane als Protest gegen Fracking
Am Sonntag ab 11 Uhr in Prezelle – Bürgerinitiative Umweltschutz kritisiert das Fehlen öffentlicher Informationsveranstaltungen
ejz Prezelle. Unter dem Motto „Grundwasser schützen, Fracking verbieten“ veranstaltet
die Arbeitsgemeinschaft (AG)
gegen Fracking der Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) am
Sonntag eine Fracking-Karawane in das „Aufsuchungsfeld für
Kohlenwasserstoffe Prezelle“.
Die familienfreundliche Veranstaltung beginnt um 11 Uhr auf
dem Prezeller Dorfplatz.
Neben Redebeiträgen, unter
anderem von Wustrows Bürgermeisterin Andrea Heilemann
(Aufsuchungsfeld
Lüchow/
Wustrow), Dr. Christfried Lenz
und Ingenieur Bernd Ebeling,
wird es dort einen Kurzvortrag zur Fracking-Problematik
geben. Samba-Rhythmen der
Trommelgruppe „Xamba“, angeleitete Akrobatik für Kinder, ein
Infostand sowie warme Mahlzeiten und Kaffee und Kuchen
werden auf dem Platz geboten. Außerdem gibt es geführte
Rundtouren per Fuß und Fahrrad. Die Naturexperten Yvonne
Hollands, Hjalmar Thiel und
Klaus Müller vom Naturschutzbund leiten die Erkundungen
und erklären dabei Wissenswertes über die Besonderheiten und
Schätze der Region in Tier- und
Pflanzenwelt. Die Karawane endet gegen 15 Uhr auf dem Prezeller Dorfplatz.
„Das bevorstehende Fracking-Regelungsgesetz der Bun-
desregierung droht Fracking
in Sandstein, so wie er in der
Region
Lüchow-Dannenberg
als so genanntes Rotliegend
vorkommt, weiter zu erlauben“,
mahnt die AG. In Schiefergestein soll es tiefer als 3 000
Meter generell erlaubt werden,
flacher als 3 000 Meter nach
Zustimmung einer „LobbyKommission“, so die BI-Sicht.
Das bedeute unter anderem
die Gefährdung des Grundwassers durch giftige Chemikalien, einen hohen Verbrauch
an Trinkwasser, Entsorgungsproblematik von Lagerstättenwasser und Bohrschlamm, erhöhte Erdbebengefahr und die
Freisetzung des Treibhausgases
Methan. „Statt eines generellen Fracking-Verbots droht nun
ein
Fracking-Ermöglichungsgesetz“, so ein AG-Sprecher.
„Und statt konsequent Anstrengungen für eine 100-prozentige
regenerative Energieversorgung
zu unternehmen, werden die
Finanzinteressen der Konzerne
bedient und Freifahrtscheine
zur Plünderung der Bodenschätze verteilt“.
Die Mainzer Firma Geo Exploration Technologies (GET)
sucht im Auftrag des Landesbergamts (LBEG) zunächst
bis 2019 auf dem genehmigten
Erlaubnisfeld nach Erdgas und
Erdöl. Per Hubschrauber hat
die GET bereits Hydroscans zur
Auffindung von Vorkommen
durchgeführt. Danach sollen
seismische
Untersuchungen
auf dem Boden und Explorationsbohrungen folgen. „Seit der
Erteilung der Genehmigung
Anfang 2014 hält es die GET
bis heute nicht für notwendig,
Betroffene in einer öffentlichen
Veranstaltung über ihr Vorgehen
zu informieren“, kommentiert
die Fracking AG. „Da werden
Erinnerungen an die Anfänge
um Gorleben geweckt“. Laut
LBEG wurde bislang 324 mal
in 141 Erdgasbohrungen gefrackt, 46 Prozent befinden sich
im Rotliegend-Sandstein. Das
ist eine geologische Formation,
in der zwischen den 70er- und
90er-Jahren auch im Raum
Wustrow und Lemgow Gas gefördert wurde. Derzeit zur Förderung bewilligt ist im Wendland einzig die Gasbohrung bei
Blütlingen, die auf über 3 400
Meter abgeteuft wurde.
„Wir müssen den Konzernen
den Zugang zu unserer Region
verwehren! So wie der Wustrower Rat, der beschlossen hat, Gasunternehmen für Fracking keine Flächen und Wege zur Verfügung zu stellen. Und wie viele
Grundstückseigentümer,
die
per Hinweisschild eine ,Aufsuchung‘ auf ihren Grundstücken
untersagen“, so die AG. Das
Schild gibt es bei der Veranstaltung und im BI-Büro.

Energiewende als Chance