Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
– Im Rückblick auf das Wirken Jesu kann Lukas allein auf die Heilungen Bezug nehmen (Apg 2,22; 10,38) oder die Wunder
der Wortverkündigung vorordnen (Lk 24,19; Apg 1,1).
– Berufung und Nachfolge können mit dem Wunderwirken Jesu verbunden
werden (Lk 5,1-11; 8,1-3).
 Gegen dieses Urteil spricht nicht die Auslassung von vier Wundergeschichten des Mk.
+ Speisung der 4000 (Mk 8,1-10): Doppelung
+ Heilung des Taubstummen (Mk 7,31-37) und des Blinden (Mk 8,22-26):
hoheitlichen Jesusbildes.
Die Auslassung des Seewandels bleibt allerdings schwierig.
• Lk sieht Jesus als den endzeitlichen Propheten, der in seinen Taten die biblische
– Der „Antrittspredigt“ in 4,16-30 zufolge erfüllt sich jesajanische Prophetie im
– Auf die Traditionen von Elija und Elischa als den profiliertesten menschlichen
besonders lk Wundergeschichten Bezug
(7,11-17; 17,11-19).
Beeinträchtigung des
Heilsverheißung erfüllt (U. Busse).
Wirken Jesu.
Wundertätern im AT nehmen
93
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §17,1
Zu den Antithesen I
Im MtEv begegnet in 5,21-48 eine Reihe von sechs so genannten „Antithesen“. Gegenübergestellt wird das, was den Alten gesagt worden
ist, einem Wort Jesu, das eingeleitet wird mit der Formulierung: „Ich aber sage euch.“
1.
2.
3.
4.
5.
6.
Vom Töten (5,21-26)
Vom Ehebruch (5,27-30)
Von der Ehescheidung (5,31f)
Vom Schwören (5,33-37)
Vom Verzicht auf Gegengewalt (5,38-42)
Von der Feindesliebe (5,43-48)
„Primäre Antithesen“
So werden häufig die erste, zweite und vierte Antithese bezeichnet, denn in der Forschung herrschte lange Zeit die Einschätzung vor, in
diesen Fällen sei die Fassung des Jesuswortes als Gegensatzspruch ursprünglich.
 Für die dritte, fünfte und sechste Antithese kommt dies nicht in Frage. Zu ihnen gibt
es Parallelen im LkEv – jeweils ohne
antithetische Formulierung (Lk 6,27-35; 16,18).
In diesen Fällen ist die Gestaltung als Gegensatzspruch sekundär, geformt nach dem
Vorbild der „primären Antithesen“, die Matthäus aus seinem Sondergut übernommen hat.
94
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
 Manche Forscher lehnen allerdings die Unterscheidung in primäre und
sekundäre Antithesen ab: Erst der Evangelist
Matthäus habe die antithetische
Form aller in Frage kommenden Sprüche geschaffen.
Wahrscheinlich gehen die erste und zweite Antithese, also die vom Töten und die vom Ehebruch, in antithetischer Gestaltung auf
Jesus zurück; im Falle des Spruches gegen das Schwören dagegen dürfte die antithetische Form wie auch in den übrigen Fällen
sekundär sein, da sich einige Unterschiede zur Anlage der ersten beiden Antithesen entdecken lassen.
95
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §17,2
Zu den Antithesen II – Vom Töten
21 „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: ,Du sollst nicht töten; wer aber tötet, soll dem Gericht verfallen sein.‘ 22 Ich
aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht verfallen sein. Wer aber zu seinem Bruder sagt: ,Dummkopf!‘, wird dem
Hohen Rat verfallen sein. Wer aber zu seinem Bruder sagt: ,Du Narr!‘, wird der Hölle des Feuers verfallen sein.“
.
Zum Verständnis
• Im Hintergrund des atl Zitates stehen Anordnungen wie Ex 21,12; Lev 24,17; Num
35,16-18. Ein bestimmtes Vergehen erhält im
Rahmen einer Rechtsordnung eine bestimmte gerichtliche Verurteilung. Dazu bringt V.22 einen Gegensatz („ich aber sage
euch“),
nicht als Aufhebung des Gebots, sondern als Verschärfung. Nicht erst die Tötung, schon der Zorn gegen den Bruder führt dazu, dem
Gericht verfallen zu sein.
• Die drei Sätze der Antithese sind nicht als Steigerung angelegt (sonst wäre der Sprung vom Hohen Rat zum „Höllenfeuer“ in den
Strafandrohungen nicht erklärlich). Der erste ist thematischer Obersatz, die beiden anderen konkretisieren ihn an Beispielen.
96
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
• Die Verurteilung des Zornes ist der jüdischen Tradition gut bekannt, allerdings nicht als Gegensatz zum Toragebot, sondern als dessen
Ergänzung. Dagegen sagt die Antithese: „Die alttestamentliche Rechtsordnung ist zuwenig radikal und entspricht dem Willen Gottes
noch nicht voll; die radikal formulierte weisheitliche Mahnung aber ist sein eigentlicher Wille“ (U. Luz). Dieser Wille ist nicht schon
dann erfüllt, wenn das Leben des anderen unangetastet bleibt; ganz prinzipiell muss in personaler Beziehung das Wohl des anderen
bestimmend sein.
• Wenn die Gegenüberstellung zum Gesetz wesentlich zur Antithese gehört, dann wird nicht im Rahmen eines Lasterkatalogs eine
bestimmte Emotion verurteilt. Entscheidend ist die Beschneidung eines möglichen Freiraums: Man kann sich nicht auf das
Tötungsverbot zurückziehen, um aggressive Affekte gegen den Nächsten auszuleben. Um diesen inhaltlichen Impuls geht es, nicht um
die Ankündigung des Gerichts für jede zornige Aufwallung.
97
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §17,3
Zu den Antithesen III – Vom Ehebruch
27 „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: ,Du sollst nicht ehebrechen‘. 28 Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu
begehren, hat schon Ehebruch mit ihr begangen in seinem Herzen.“
Zum Verständnis
• Der atl Bezug ist das Dekaloggebot in Ex 20,14; Dtn 5,17. Die Antithese verlegt das Gebot
wieder in einen rechtlich nicht einklagbaren
Raum: Ehebruch geschieht nicht erst in der vollbrachten Tat, sondern schon im Blick in „begehrlicher Absicht“.
• Jesus geht es bei der veränderten Sicht des Ehebruchs weniger um die Integrität und
Heiligkeit der Ehe, denn:
Würde der Frau als vielmehr um Schutz und
 Die Antithese spricht nicht allgemein von „Frau“, sondern von „Ehefrau“. Dann bezeugt
sie die traditionelle Sicht, nach der
ein Mann nur mit der Frau eines anderen die Ehe
brechen kann: Er bricht die Ehe des anderen (nicht seine eigene), weil er dessen
Besitzrechte verletzt. Damit ist ein emanzipatorischer Impuls im Blick auf Frauen
fraglich (auch Mt 5,32 belegt die
patriarchale Sicht der Ehe).
98
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
 Dass in Mt 5,28 an „Ehefrau“ zu denken und damit die patriarchale Sicht der Ehe nicht überwunden ist, ergibt sich aus dem Bezug
auf das Dekaloggebot in Ex 20,17 („du sollst nicht begehren die Frau deines Nächsten“). Deshalb ist die Übersetzung mit „lüstern“
(EÜ) nicht passend. Es geht nicht allgemein um den „lüsternen Blick“ auf eine Frau.
 Auch die Beschränkung auf die Perspektive des Mannes spricht für das Verständnis
von „Frau“ als „Ehefrau“. Mann und
Frau erscheinen nicht als gleichermaßen Gefährdete. Es ist allein der Mann im Blick, der in die Ehe eines anderen einbricht.
99
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §18,1
Zu den „Antithesen“ IV – Vom Schwören
„Schwört (überhaupt) nicht, weder beim Himmel noch bei der Erde noch bei Jerusalem. Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein.“
Zum Verständnis
• Es geht um eine grundsätzliche Ablehnung des Eides. Dies ergibt sich aus dem Verbot, bei Himmel, Erde oder Jerusalem zu schwören.
Denn dies waren gängige
Ersatzformeln, um das Aussprechen des Gottesnamens beim Schwur zu umgehen. Auch diese
Ersatzformeln werden abgelehnt.
• Die grundsätzliche Ablehnung des Eides kann in zwei Dimensionen entfaltet werden.
– Im Blick auf das Verhältnis zum Menschen geht es um das Gebot der absoluten
Wahrhaftigkeit. In jedem Fall,
nicht nur wenn man Gott ausdrücklich zum Zeugen
anruft, besteht die Verpflichtung, die Wahrheit zu sagen.
– Im Blick auf Gott könnte es um die Heiligung des Gottesnamens gehen, um Gottes
Majestät. Diese soll
nicht dadurch beeinträchtigt werden, dass der Mensch Gott
beansprucht, um die Wahrhaftigkeit seiner Aussagen zu
beteuern.
Dies entspräche dem Horizont, in dem in jüdischer Tradition Kritik am Eid geübt
wurde. Außerdem begegnet im
Vaterunser die Bitte um Heiligung des Namens
Gottes (Lk 11,2/Mt 6,9).
100
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
 Aber:
Im Wortlaut des Schwurverbots kann man diese Dimension nur dann
Anspielungen in Mt 5,35f für ursprünglich hält. Dies wird meist abgelehnt.
festmachen, wenn man die ergänzenden atl
Deshalb wäre auch ein weiterer theologischer Bezug denkbar: Der Mensch ist deshalb zu absoluter Wahrhaftigkeit verpflichtet, (1) weil
er angesichts der angebrochenen
Gottesherrschaft beständig in der Situation steht, dass Gott sein Zeuge ist; (2) weil er
im
Verhalten zum Nächsten das vorbehaltlose Ja Gottes spiegeln soll.
101
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §18,2
Zu den „Antithesen“ V – Verzicht auf Gegengewalt
„Dem, der dich auf die (rechte) Wange schlägt, halte auch die andere hin, und dem, der (dich vor Gericht bringen und) dir dein Untergewand
nehmen will, dem lass auch das Obergewand.“
Zum Verständnis
• Das erste Beispiel geht von einer gewaltsamen Aktion aus, das zweite setzt einen
Pfändungsprozess voraus, der um das Untergewand
geführt wird. Demjenigen, der dies fordert, soll man auch noch den Mantel lassen (nach Ex 22,26f; Dtn 24,12f nur begrenzt pfändbar, er
muss am Abend wieder zurückgegeben werden).
• Hintergründe der beschriebenen Situation werden nicht ausgeführt, ebenso wenig das Ziel
des geforderten Verhaltens.
• Dennoch ist das Verhalten sicher nicht ziellos. Es wird ja nicht nur passives Ertragen propagiert, sondern eine bestimmte Reaktion
gefordert. Das beschriebene widersinnige
Verhalten wird nicht erklärt, dann soll es offensichtlich gerade durch seine Widersinnigkeit wirken.
102
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
 Es handelt sich um einen Aufschrei, einen bewusst provokativen Protest „gegen jegliche
Art der den Menschen
entmenschlichenden Spirale der Gewalt und (Ausdruck) der
Hoffnung auf ein anderes Verhalten des Menschen,
als es im Alltag erfahren werden
kann“ (U. Luz). Dafür werden Beispiele gegeben, die auf andere Situationen zu
übertragen sind. Es handelt sich nicht um Rechtssätze, die so wie beschrieben immer
und in jeder Situation zu
befolgen sind.
• Der Kontext der Mahnung ist in der Botschaft von der Basileia zu entdecken: Auch der Schuldige und Gewalttäter soll wahrgenommen
werden im Horizont der endgültigen göttlichen Initiative zugunsten der Menschen – und die geschieht nicht nach den menschlichen
Maßstäben der Aufrechnung von Schuld und Strafe, Gewalt und Gegengewalt, Schlag und Gegenschlag.
• Die Reichweite dieser Weisung wird, wohl notwendig, kontrovers bestimmt.
103
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Zu den „Antithesen“ VI – Von der Feindesliebe
„Liebt eure Feinde, betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters werdet. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen
und Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“
Zum Verständnis
• Auch dieser Spruch bedenkt nicht die angezielten Folgen im Blick auf den Feind. Deshalb
trifft das Stichwort von der
„Entfeindungsliebe“ den Wortlaut nicht. Die Folgen des
Handelns interessieren nur für diejenigen, die ihre Feinde lieben: Sie erlangen
dadurch
die Gotteskindschaft.
• Begründet wird dies mit Blick auf das Handeln Gottes. Gott unterscheidet in der Fürsorge
für seine Geschöpfe nicht zwischen Bösen
und Guten. In der Entsprechung zu diesem Verhalten werden die Täter der Feindesliebe Gotteskinder sein.
• Der Horizont des endzeitlichen Gottesreiches wird im Spruch nicht aktiviert. Dennoch dürfte er für Jesus entscheidend sein, wenn er von
der unterschiedslosen Güte Gottes für
alle spricht. Der Grundgedanke deckt sich ja mit der Gottesherrschaft, wie sie Jesus verkündet:
Gott hat die Unterscheidung zwischen Sündern und Frommen aufgegeben und nimmt jetzt alle in Israel gleichermaßen an. Wenn wir
demselben Gedanken jetzt in einer „schöpfungstheologischen“ Aussage begegnen, dann ist ein Zusammenhang wahrscheinlich.
104
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
• Der Spruch lässt sich nicht eingrenzen auf Feindschaft innerhalb des Gottesvolkes. Heiden gehörten auch zur
Lebenswirklichkeit in Palästina, und der für „Feind“ verwendete Begriff lässt keinerlei Einschränkung in der
Bedeutungsweite zu.
• Ist das Gebot der Feindesliebe lebbar? Eine bejahende Antwort hängt ab von der Erfahrung der zuvorkommenden
Liebe Gottes. Ist sie so tragfähig, dass auch die Zumutung der Feindesliebe angenommen und verwirklicht werden
kann?
• Von Lk 6,27-35 her klärt sich wenigstens ein Aspekt: Es geht in der Feindesliebe nicht um eine emotionale Haltung
des „Gernhabens“, sondern um ein bestimmtes Tun zugunsten von Feinden.
105
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §18,3
Zu den „Antithesen“ VII – Von der Ehescheidung
„Jeder, der seine Frau entlässt, macht, dass sie zum Ehebruch verleitet wird. Und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch.“ (Mt 5,32)
>
Zum Verständnis
• Formal gesehen erscheint das Wort Jesu zur Ehescheidung zunächst als Rechtssatz: Ein bestimmtes Verhalten wird mit einer
bestimmten Strafe belegt. Das zweite Element, die Nennung der Strafe, fehlt allerdings. An seine Stelle tritt ein „ethisches Urteil“ (R.
Pesch).
• Eigentlich angesprochen wird hier der verheiratete Mann. Ihm werden die
Konsequenzen einer Entlassung seiner Frau klar
gemacht: Er ist verantwortlich dafür, dass Ehebruch geschieht. Adressat der Aussage ist damit derjenige in dem „Beziehungsgeflecht“,
der nach der Tora gar nicht belangt werden kann. Sinn ergibt
der Ausspruch nur, wenn vorausgesetzt ist, dass die Entlassung der
Frau die Ehe nicht aufhebt. Der Mann hat in der Sicht Jesu über das Bestehen seiner Ehe kein Verfügungsrecht.
106
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
• Jesus verwirft also die Ehescheidung. Er sagt dies aber in der Form eines Rechtssatzes, der letztlich keine rechtlich fassbare Bestimmung
enthält, sondern dem verheirateten Mann klar macht, dass er seine Ehe nicht aufheben kann. Das Wort Jesu zur Ehescheidung ist also
überfordert, wenn man es im Sinne eines Rechtssatzes versteht, der unabdingbar und unter Absehung der näheren Umstände auf alle
Ehen anzuwenden ist.
• Wie bei der Antithese vom Ehebruch geht es Jesus zuvörderst kaum darum, die Stellung der Frau in der Ehe zu verbessern. Im
Vordergrund steht nämlich nicht deren Benachteiligung, sondern das Bestehen einer Ehe, das der Mann nicht aufheben kann. Der
Spruch setzt die üblichen Besitzverhältnisse voraus.
• Dennoch: Wenn Jesus die Ehescheidung als Weg zum Ehebruch darstellt, ist faktisch die Ehefrau nicht mehr verfügbarer Besitz des
Mannes, den er behalten oder wegschicken könnte, wie es ihm beliebt. Entscheidend ist für Jesus wohl der Horizont der endgültigen
Initiative Gottes zugunsten der Menschen. Von ihr her ist das Verhältnis der Menschen zueinander grundlegend neu zu bestimmen –
und davon kann die Ehe nicht ausgenommen sein.
107
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §19,1
Besitz und Reichtum
• In der Jesusüberlieferung finden sich eindringliche Worte, die nicht nur vor den Gefahren des Reichtums zu warnen scheinen, sondern
den Reichtum grundsätzlich als Hindernis für den Zugang zur Basileia darstellen (Q 16,13; Mk 10,25parr).
• In Mt 6,24par wird der Ausschließlichkeitsanspruch Gottes nicht zu anderen Göttern in Beziehung gesetzt, sondern zum Besitz. Im
Blick auf die Konsequenzen bleibt der Spruch offen. Auch wird nicht näher ausgeführt, was es heißt, den „Mammon“ gering zu achten.
 Es geht wohl darum, die Prioritäten zu klären. Das Bauen auf den Besitz ist
mangelndes Vertrauen auf Gott (s. Q 12,22-32).
Zwar hat Jesus keinen generellen Besitzverzicht verlangt (s.u.), es ging ihm aber nicht allein um die innere Einstellung zum Besitz:
Reichtum stufte er offenbar als wirkliche Gefahr für den Zugang zur Basileia ein.
• Darauf weist der Spruch von Kamel und Nadelöhr, dessen drastische Zuspitzung nicht abgeschwächt werden kann durch die Deutung
des Nadelöhr auf ein kleines Stadttor in Jerusalem. Wer seine Lebenssicherung auf den Reichtum baut, schließt sich dadurch selbst von
der Gottesherrschaft aus.
108
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §19,2
 In der Reaktion der Jünger („wer kann dann errettet werden?“) ist das
Erschrecken über den harten Spruch zu spüren.
Der Hinweis, bei Gott sei alles möglich (Mk 10,27parr), könnte eine nachträgliche Entschärfung sein, vielleicht aber auch
die Überzeugung Jesu wiedergeben, dass sich die Gottesherrschaft
auch gegen Widerstände von menschlicher Seite aus
durchsetzen wird – und dies nicht gegen die Menschen.
• So ist auch kein genereller Besitzverzicht als Forderung Jesu erkennbar. Unter seinen Anhängern gibt es ortsfeste Sympathisanten,
die die Wanderexistenz nicht teilen. Auch die Jünger Jesu haben offensichtlich nicht allen Besitz aufgegeben („Simons Haus“).
Außerdem setzen manche Jesusworte einen wenigstens bescheidenen Besitz voraus (z.B. Q 6,30.34; Lk 14,12f).
109
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §20,1
Konfliktfelder I – Das Verhältnis zu Sündern
• Die Anstößigkeit der Nähe Jesu zu Sündern als Ausdruck seiner Vergebungsbotschaft war bereits in den Gleichnissen zu beobachten,
mit denen Jesus für diese Botschaft warb (s. §12,1; Folien 47-58). Sie wird aber auch in einigen Erzählungen inszeniert.
• In der Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin (Joh 7,53-8,11) erwarten die Fragesteller, dass Jesus gegen die Steinigung der Frau
votiert – und damit gegen die Tora (Lev 20,10; Dtn 22,22-24). Jesus streitet die Schuld der Frau nicht ab, sein Aufruf, nicht mehr zu
sündigen (8,11), setzt aber voraus, dass diese Schuld nicht mehr zwischen der Frau und Gott steht. Da nur ein Einzelfall vorgestellt
wird, bleibt die Frage außerhalb des Blickfeldes, wie sich Jesu Vergebungsbotschaft zur Tora-Frömmigkeit verhält.
• Die Erzählung von Jesus und der Sünderin (Lk 7,36-50) bedenkt die Stellung Gottes zu den Sündern ausdrücklich. Die Frau sucht die
Nähe zu Jesus, der weist sie nicht zurück. Er rechtfertigt sein Verhalten mit einem kleinen Gleichnis, das die erwiesene Liebe als Folge
erfahrener Vergebung verständlich machen soll.
 Der Zusammenhang von Liebe und Vergebung bleibt allerdings mehrdeutig. Das Gleichnis und V.47b weisen darauf, dass die
Liebe Folge von Vergebung ist. Die
Sequenz ab V.48 mit dem Vergebungszuspruch legt die umgekehrte Logik nahe:
Vergebung als Folge der Liebe bzw. des Glaubens. >
110
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
 Wahrscheinlich zeigt sich in dieser Spannung ein überlieferungsgeschichtliches
Akzent liegt auf der erfahrenen Vergebung als Grund für die erwiesene Liebe.
Wachstum der Erzählung an. Der ursprüngliche
• Jesus und Zachäus (Lk 19,1-10): Die Initiative für die Begegnung liegt trotz eines anfänglichen Interesses auf Seiten des Zöllners bei Jesus.
Das Problematische dieses Verhaltens wird ausdrücklich benannt (V.7: „Und alle murrten, als sie es sahen, und sagten: Bei einem Sünder
ist er eingekehrt“). Von den Begründungen, die Jesus gibt, lässt sich vor allem der Bezug auf die Abrahamssohnschaft mit den
Grunddaten des Wirkens Jesu verbinden (V.9: „Jesus sprach zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, weil auch er ein Sohn
Abrahams ist“).
111
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §20,2
Konfliktfelder II – Die Sabbatauslegung Jesu
• Aus den Sprüchen Mk 2,27; 3,4 lässt sich eine besondere Sicht des Sabbats rekonstruieren: Was am Sabbat erlaubt ist, bestimmt sich
vom Wohl des Menschen her. Um des Menschen willen wurde der Sabbat eingerichtet (möglicher Hintergrund Ex 20,9f); ist der
Mensch in Not geraten, kann die ihm gebotene Hilfe nicht gegen das Gebot der Sabbatheiligung sein. Die Auslegung des Sabbatgebotes,
die den Menschen durch eine Unzahl von Vorschriften eingrenzt, verfehlt den Willen Gottes.
• Es geht Jesus also nicht darum, dass angesichts der Basileia der Sabbat relativiert würde, er in der endzeitlichen Stunde gebrochen
werden dürfe oder jetzt neu bewertet werden müsse. In der Jesustradition gibt es keinen Hinweis darauf, dass Jesus selbst einen Konflikt
gesehen hätte zwischen Sabbatheiligung und Basileia. Dies haben höchstens andere getan.
• Auch die Geschichten von Sabbatheilungen lassen nicht erkennen, dass Jesus den Sabbat angesichts der Gottesherrschaft in Frage
gestellt hätte.
– In Lk 13,10-17; 14,1-6 geht die Argumentation von der gängigen Sabbatpraxis im Verhalten gegenüber Tieren aus. Von dem, was
am Sabbat als erlaubt gilt, wird geschlossen, dass auch eine Heilung am Sabbat nicht gegen die Tora sein kann.
>
112
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
– Nur in kaum ursprünglichen Zusammenhängen spielt der Gedanke einer nicht schuldhaften Sabbatübertretung eine Rolle (Mk 2,25f;
Mt 12,5).
 Jesus versteht den Sabbat als Einrichtung, die zum Wohl des Menschen
geschaffen wurde. Von diesem ursprünglichen
Gotteswillen her bestimmt er das Maß des Erlaubten am Sabbat. Diese Blickrichtung, die nicht definiert, was am
Sabbat noch
getan werden darf, ist auf Widerspruch gestoßen. Der Streitpunkt ist aber nicht, dass sich Jesus über den Sabbat gestellt hätte.
Der Konflikt dreht sich um die rechte Auslegung des Tora-Gebotes, den Sabbat zu heiligen.
113
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §20,3
Konfliktfelder III – Die Frage kultischer Reinheit
• Grundlage der Diskussion ist meist der Spruch Mk 7,15 (oder das ähnliche aus 7,18.20 zu rekonstruierende Wort). Die Szene Mk
7,1-23 gilt gewöhnlich als sekundär.
• Nimmt man den Spruch wörtlich, wäre das ganze System der Unterscheidung von rein und unrein aufgehoben. Dies ist aber
unwahrscheinlich, denn:
– Dieses System ist in der jüdischen Tradition wie auch allgemein in der antiken
Lebenswelt verankert. Eine Aufhebung
müsste deutlichere Spuren in der Jesustradition hinterlassen haben. Selbst Mk 7,19 wendet das Wort nur auf einen bestimmten
Bereich an: Jesus habe mit seinem Wort alle Speisen für rein erklärt.
– Die Verwendung bei Mt zeigt, dass der Spruch im jüdischen Milieu nicht einmal als prinzipielle Aufhebung der Grenze
zwischen reinen und unreinen Speisen verstanden werden musste. Mt zieht eine Folgerung im Blick auf die
Ausgangsfrage des Streitgespräches: Das Essen mit ungewaschenen Händen verunreinigt den Menschen nicht (Mt 15,20).
114
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
 Die Rezeption des Wortes im MtEv ist von besonderer Bedeutung, weil sie zeigt, dass das Jesus-Wort im jüdischen Milieu
nicht als prinzipielle Aufhebung der Grenze zwischen reinen und unreinen Speisen verstanden werden musste,
oder
gar als Aufhebung des Systems kultischer Reinheit. Nicht der Wortlaut allein entscheidet über das genaue Verständnis,
sondern der Kontext, in dem
das Wort gehört wird.
• Wir kennen den ursprünglichen Sachzusammenhang des Wortes nicht; so besteht die Gefahr, diesen Rahmen entsprechend der
Gesamtsicht der Stellung Jesu zur Tora zu ergänzen.
 Das Wort taugt nicht als Beleg einer grundsätzlichen Tora-Kritik Jesu. Doch ist nicht zuviel behauptet, wenn man
einen Zusammenhang annimmt, in dem eine zu laxe Haltung Jesu kritisiert wird: er kümmere sich nicht ausreichend
um Reinheitsfragen; mit dem Spruch antwortet Jesus in einem „weisheitlich geführten Schlagabtausch“ (M. Ebner).
115
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Jesus und die Tora
Keine grundsätzliche Aussage
Die Frage, welche Stellung Jesus zur Tora eingenommen hat, wird nicht durch eine grundsätzliche Aussage geklärt. Der
Stürmerspruch (Lk 16,16par) stellt zwar „Gesetz und Propheten“ der Herrschaft Gottes gegenüber, bestimmt das Verhältnis
beider Größen aber nicht näher. Dass die Gegenwart, durch die Basileia bestimmt, in Spannung zu „Gesetz und Propheten“
träte, wird nicht gesagt; auch nicht, dass sie deren Erfüllung sei.
Positive Bezugnahmen auf die Tora
• Mk 10,17-22: Dekalog-Gebote werden als Maßstab des rechten Verhaltens
zitiert. Allerdings ist in 10,21 angedeutet,
dass noch mehr zu sagen ist. Dem Fragesteller fehlt trotz der Gebotserfüllung noch etwas.
• Mk 7,9-13: Das Gebot der Elternehrung wird durch die Auslegung der Schriftgelehrten außer Kraft gesetzt. Jesus erscheint
hier als Anwalt der Tora
gegen deren Verfälschung.
116
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Relativierung der Tora?
• Die „primären Antithesen“ (Mt 5,21f.27f) sollen den Hörern die Möglichkeit nehmen, sich dem Nächsten gegenüber aggressiv
zu verhalten; (mit den Augen) in seine Ehe einzudringen, und sich dabei auf die geschriebene Tora berufen zu können, die
solches nicht verbiete. Dabei ist aber keine Aussage über das Ungenügen der Tora angezielt, sondern die Mahnung der Hörer:
Sie können das Gesetz nicht als Freibrief für jene Fälle nutzen, zu denen sich das Gesetz nicht äußert.
• Jesus entwickelt seine Botschaft von der Gottesherrschaft nicht als Auslegung und Aktualisierung der Tora. Er tritt nicht auf als
Toralehrer und Entscheider strittiger Rechtsfragen. Seine Weisungen zum Verhalten, das der Gottesherrschaft entspricht,
werden ebenfalls nicht aus dem Gesetz hergeleitet. Dies muss aber aus Jesu Sicht nicht als Distanz zur Tora ausgelegt werden,
sondern könnte den Bedingungen seines Herkunftsmilieus entsprechen.
117
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §20,4
Mk 2,1-3,6 im Überblick
2,1-12: Heilung eines Gelähmten
• Spannungen weisen auf ein überlieferungsgeschichtliches Wachstum des Textes:
– Unmotivierter Zuspruch der Sündenvergebung in V.5
– Der Anspruch, den die Schriftgelehrten im Wort Jesu erkennen, ist dort nicht
ausgedrückt.
– Zwischen V.10 und V.11 zeigt sich im Bruch des Satzbaus eine literarische Naht an.
– In der Reaktion der Zeugen wird der Widerspruch der Schriftgelehrten nicht
berücksichtigt.
• Der Zuspruch der Vergebung Gottes („vergeben werden deine Sünden“) wird im Streitgespräch christologisch gefasst. Nun geht es um
die Vollmacht Jesu (des Menschensohnes), Sünden nachzulassen.
• Die Erweiterung durch das Streitgespräch (VV.6-10) ist vor dem Hintergrund urchristlicher Verkündigung zu verstehen: Vergebung von
Sünden geschah im Tod Jesu und in seinem Namen und mit Bezug auf dieses Geschehen wird nun Sündenvergebung zugesprochen.
Dies wird in eine Geschichte gefasst, die das göttliche Privileg zur Sündenvergebung dem irdisch wirkenden Menschensohn zuerkennt.
118
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
2,13–17: Berufung des Levi und Gastmahl mit Zöllnern und Sündern
• Die Berufungsgeschichte (V.14) soll in erster Linie zur folgenden Gastmahlszene überleiten, im MkEv wird sie nicht mehr
aufgegriffen.
• Die Gemeinschaft Jesu mit den Sündern ist anstößig, weil sie Ausdruck seiner Vergebungsbotschaft ist. Die Kritiker sehen den
Unterschied zwischen Sündern und Frommen unzulässig verwischt.
• Die Antwort Jesu in V.17 ist (trotz der grundsätzlichen Übereinstimmung der Szene mit Grunddaten des Wirkens Jesu) aus
christologischer Perspektive formuliert: Das Stichwort der Basileia fällt nicht, die Sendungsaussage rückt die Person Jesu in den
Mittelpunkt. So ist auch das Bildwort vom Arzt unmittelbar auf Jesus anwendbar.
• Die Rede von den Gesunden und den Gerechten in V.17 ist kaum ironisierend gemeint. Der Gegensatz von Sündern und Frommen
wird ernst genommen, nur so kann die Antwort die Gemeinschaft mit Sündern rechtfertigen.
119
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
2,18–22: Die Frage nach dem Fasten
• Ein überlieferungsgeschichtliches Wachstum ist wahrscheinlich:
– VV.21f haben inhaltlich keinen direkten Bezug zum Fasten. Als Bildworte können sie auch selbständig überliefert und erst sekundär
dem Streitgespräch zugewachsen sein.
– In VV.19f wird das Fasten zunächst abgelehnt, dann wird die Ablehnung eingeschränkt. Dass die Anwesenheit des Bräutigams
eigens erwähnt wird, ist eigentlich überflüssig und bereitet die Notiz von dessen Abwesenheit vor. Nur der erste Teil der Antwort
(„Können denn die Hochzeitsgäste fasten?“) ist also
ursprünglich.
• Diese Antwort Jesu besagt, dass das Fasten zum Anbruch der Herrschaft Gottes nicht passt. Nun ist Zeit der Freude, da sich die
Heilsverheißungen zu verwirklichen beginnen. In Rahmen von endzeitlichen Heilserwartungen war das Bildfeld der Hochzeit in atljüdischer Tradition bereits geprägt (s. §11,4; Folie 42).
• Der zweite Teil der Antwort spiegelt die Situation der Urkirche. Nun wird nach dem Tod Jesu („Wegnahme des Bräutigams“) das Fasten
angesichts des fastenkritischen Wortes Jesu gerechtfertigt.
• Zugleich setzen sich VV.21f von anderer Fastenpraxis ab. Die Jesusjünger fasten „an jenem Tag“ (wohl der Freitag als Todestag Jesu) und
dieses neue Tun wird gerechtfertigt mit zwei Bildworten, die die Unverträglichkeit von alt und neu ausdrücken.
120
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
2,23–28: Erntearbeit am Sabbat
• Der Einspruch richtet sich nicht auf die Wanderung am Sabbat, auch nicht auf das Abreißen von Ähren eines fremden Feldes,
sondern auf den Vorgang des Abreißens, das als Erntearbeit verstanden wird.
• VV.25f sind wohl als sekundäre Erweiterung zu werten, denn hier fehlt jeder Bezug zur Sabbat-Frage. Die radikale Antwort V.27
wird durch ein biblisches Beispiel gemildert. Dieses geht von einem Bruch des göttlichen Gebotes aus, der nicht schuldig werden
lässt. Dagegen folgt aus V.27, dass der Sabbat durch das Ährenraufen gar nicht gebrochen wird, weil sich das am Sabbat Erlaubte
vom Menschen und seinem Wohl her bestimmt (s.o. §20,2; Folie 112).
• Der Satz über den Menschensohn als Herr des Sabbats ergibt sich nicht aus V.27. Die christologische Aussage schreibt Jesus als
der wesentlichen Lehrautorität die rechte Sabbat-Auslegung zu. Im Rahmen des MkEv könnten die Gegner Jesu im Herrsein über
den Sabbat auch einen blasphemischen Anspruch heraushören.
121
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
3,1–6: Heilung am Sabbat
• Die Erzählung eignet sich als Schlusspunkt der Streitgesprächsammlung: Die Gegner reagieren nicht auf eine anstößige Handlung
Jesu; sie erwarten sie. Für die Frage, was aus der Vollmacht Jesu zur Wunderheilung für die Bedeutung seiner Person und seines
Wirkens folgen könnte (s. 2,10f), interessieren sie sich nicht.
• Angesichts dieser Ausgangslage sorgt Jesus selbst dafür, dass der strittige Punkt zur Sprache kommt. Die Widersacher erwarten
eine Heilung am Sabbat und sehen darin ihr Bild von Jesus bestätigt: er hält sich nicht an das Gebot, den Sabbat zu heiligen.
Ihre Reaktion wird entsprechend in einem „negativen Chorschluss“ geschildert (V.6).
• Die Frage Jesu (V.4) stellt dagegen eine grundlegende Alternative ins Zentrum: Gutes tun oder Böses tun. Dem Menschen Gutes
zu tun verstößt nicht gegen das Sabbat-Gebot, ist doch der Sabbat um des Menschen willen eingerichtet (2,27). Das Unterlassen
des Guten ist Tun des Bösen – damit wird gegen das Gebot verstoßen. Nicht erst wenn Lebensgefahr besteht, kann man am
Sabbat zugunsten des Menschen handeln.
122
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §21,1f
Der tödliche Konflikt in Jerusalem
Jesus wollte seine Botschaft ins Zentrum des jüdischen Volkes tragen und möglichst viele Menschen erreichen – deshalb der Termin des
Paschafestes, zu dem sich viele Pilger in der heiligen Stadt versammelten.
Welche Instanz veranlasste die Verhaftung Jesu?
• Die Römer haben die lokale Oberschicht in die Provinzverwaltung eingebunden. Sie war mitverantwortlich für die Wahrung der
öffentlichen Ordnung und hatte dazu auch polizeiliche Vollmachten.
• Eine Beteiligung der jüdischen Obrigkeit bei der Verhaftung Jesu legt sich nahe, wenn man bedenkt: Jesus wurde als Einzelner
festgesetzt. Es kam nicht zu einem Aufruhr, gegen den römischen Truppen unmittelbar vorgegangen wären.
Warum wurde Jesus verhaftet?
• Es empfiehlt sich nicht, ordnungspolitische gegen religiöse Motive auszuspielen. Im
Ordnung wesentlich mit religiösen Vorstellungen zusammen.
Palästina des 1. Jh. n.Chr. hing die öffentliche
123
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
• Unwahrscheinlich als Ansatzpunkte für die Verhaftung Jesu:
– Die Gottesreichbotschaft Jesu im Ganzen, denn: das Vorgehen gegen Jesus spricht
nicht dafür, dass Jesus nach dem
Muster endzeitlicher Propheten als Störer der
öffentlichen Ordnung verfolgt und dingfest gemacht wurde.
– Prophetische Zeichenhandlungen (Einzug; Tempelaktion), denn diese sind historisch unwahrscheinlich, hätten zum sofortigen
Ende des Wirkens Jesu führen
müssen.
• Am ehesten gab es einen Konflikt um den Tempel, denn:
– Tempelwort (Mk 14,58; 15,29) und -prophetie (Mk 13,2) geben dafür einen
Anhaltspunkt in der Jesustradition.
– Eine endzeitlich begründete Distanz zum Tempel passt in die Verkündigung Jesu (Zusage göttlicher Vergebung ohne Bezug
zum Sühnekult).
– Der Tempel ist ein ordnungspolitisch relevanter Faktor und zugleich für die Priester von grundlegender theologischer Bedeutung.
Ihr Eingreifen gegen Jesus aufgrund einer „Tempelkritik“ wäre verständlich.
124
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §22,2
Alttestamentlicher Hintergrund der Passionsgeschichte
Bedeutung des Schriftbezugs
Der Schriftbezug ist in den Passionsgeschichten stark ausgeprägt. Dies hängt zusammen mit dem Problem des Kreuzes: Warum führte der
Weg des Messias ins Leiden? Auf diese Frage antworten die Schriftbezüge:
• Dies gilt grundsätzlich: Wenn die Passion Jesu als schriftgemäß aufgezeigt werden
kann, dann klärt sich auch, dass das Kreuz
nicht gegen den Plan Gottes gerichtet sein kann, sondern übereinstimmt mit dem göttlichen Willen.
• Die Schrift bietet, vor allem in den Psalmen, die Vorstellung vom leidenden Gerechten. Leiden und Unschuld können zusammengehen.
Zugleich spricht aus diesen Psalmen auch die Zuversicht, dass Gott den leidenden Gerechten errettet. So boten sie ein Muster für die
Deutung des Geschicks Jesu aus urchristlicher Perspektive.
125
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Formen des Schriftbezugs
• Zitate: eher untypische Form des Schriftbezugs in den Passionsgeschichten (gekennzeichnet nur in Mk 14,27par; Mt 27,9f; Lk 22,37).
• Anspielungen sind schwerer zu fassen als Zitate, weil die wörtlich übereinstimmende Textmenge geringer ist.
Beispiel: Spielt das Schweigen Jesu vor Pilatus auf Jes 53,7 an? Einerseits können in den Passionsgeschichten Anspielungen auf den
Gottesknecht wahrgenommen werden (überliefern, das für die Vielen ausgegossene Blut; vgl. auch Mk 14,65 mit Jes 50,6f); andererseits
bleiben sie auffällig zurückhaltend.
Es gibt Berührungen zwischen der mt Passionsgeschichte und Jer 26; aus den Psalmen könnten (außer Ps 22) eine Rolle spielen Ps
41,10; 42,6.12; 69,22; auch Ps 2,1f.
• Motiv-Aufnahme: geprägte Sachgehalte werden aufgegriffen, die in der atl Tradition an verschiedenen Stellen erscheinen (Beispiel: das
Waschen der Hände in Unschuld; das Schütteln des Kopfes).
• In der Aussage über die Erfüllung der Schriften (Mk 14,49par) äußert sich der oben (s. vorige Folie) vorgestellte grundsätzliche
Gedanke.
126
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Ps 22 in den Passionsgeschichten
Deutlichster Bezug: Ps 22,2 als Gebet des sterbenden Jesus
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Dadurch wird Jesus dargestellt als der leidende Gerechte; die Erniedrigung am Kreuz erweist nicht seine Schuld, denn wie der Beter von Ps
22 wird auch Jesus von Gott errettet – zwar nicht vor dem Tod, aber aus dem Tod. Erkennt man den Ruf der Gottverlassenheit als Zitat,
dann eröffnet sich gerade in ihm der Blick darauf, dass Jesus nicht verlassen ist von Gott. Die Erniedrigung Jesu am Kreuz wird nicht
überspielt, sondern ernst genommen. Zugleich wird in jenem Schrei auch die Gewissheit der Erhörung wachgerufen – jedenfalls wenn man
die Worte nicht für sich betrachtet, sondern als Zitat aus dem 22. Psalm.
Weitere Bezüge
• Die lk Fassung der Verspottung des Gekreuzigten nimmt Ps 22,8 auf.
• Mt 27,43 („Auf Gott hat er vertraut; er erlöse jetzt, wenn er ihn will“) greift zurück auf Ps 22,9.
• Die Verteilung und das Verlosen der Kleider entspricht Ps 22,19.
127
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Mögliche Bezüge
•
•
•
•
Ps 22,7b: Verspottung des Gekreuzigten
Ps 22,8: das Schütteln des Kopfes (wenn man es nicht als geprägtes Motiv auffasst)
Ps 22,17a: Kreuzigung mit zwei Räubern (wenn man nicht eine Anspielung auf Jes 53,12
Ps 22,17b: Durchbohren der Hände und Füße – aufgenommen in Lk 24,39? (im Rahmen
erkennt)
der Erscheinung des Auferstandenen)
Die Abfolge der Bezüge stimmt nicht überein mit der Abfolge der Aussagen im Psalm. Die Passionsschilderung ist also nicht aus diesem
Psalm erwachsen. Den Hörern der Passionsgeschichte wird dadurch der Sinn des Geschehens eröffnet: die Passion Jesu ist zu verstehen
nach dem Muster des leidenden Gerechten. Geschichte und Deutung durchdringen sich.
128
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §23,1f
Die Passion Jesu nach Markus – ein Durchblick
14,1-11: Vom Todesbeschluss zum Verrat des Judas
• In 14,1 liegt ein Einschnitt vor, da die Hohenpriester mit ihrem Tötungsvorhaben nicht auf eine Tat oder Rede Jesu reagieren. Auch die
ausführliche Zeitangabe markiert einen erzählerischen Neueinsatz.
• In der Salbungsgeschichte bleibt das Thema der Passion präsent, da Jesus die Handlung der Frau auf sein Begräbnis hin deutet. Dass Jesus um
baldigen Tod weiß, zeigt (wie auch die in V.2 benannten Vorsichtsmaßnahmen) die begrenzte Macht der Hohenpriester.
• Judas bietet den Hohenpriestern die Gelegenheit, nach der sie gesucht haben. Zugleich eröffnet sein Verrat den weiteren Erzählgang: Er sucht
nun nach jener günstigen Gelegenheit (V.11).
14,12-25: Das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern
• Allein durch die Vorbereitung des Mahles (VV.12-16) wird dieses als Pascha-Mahl gekennzeichnet (V.12). Der Verlauf des Mahles gibt keinen
Hinweis darauf, dass ein Pascha-Mahl gehalten wird. Die recht ausführliche Schilderung der Vorbereitung dient vor allem der Darstellung des
überlegenen Wissens Jesu um die kommenden Ereignisse.
• Dies zeigt sich dann auch im ersten Teil der Mahlszene (VV.17-21), in der Jesus den Verrat ankündigt, ohne allerdings den Verräter zu
bezeichnen. Die Unruhe unter den Zwölfen könnte deren späteres Versagen andeuten. Bei der Gefangennahme erfüllt sich die Ankündigung
Jesu (VV.43-45).
129
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §23,3
• Im zweiten Teil der Mahlszene (VV.22-25) blickt Jesus auf seinen Tod voraus und deutet ihn. Als Heilstod erscheint er allein im
Zusammenhang des Becherwortes: der Wein wird als Blut des Bundes bezeichnet (s. Ex 24,8), das für viele ausgegossen wird (Jes 53?).
• Eine zweite Todesdeutung findet sich im „eschatologischen Ausblick“ (V.25). Hier wird dem Tod Jesu keine Heilsbedeutung zugeschrieben.
Jesus bekundet sein Vertrauen auf das Kommen der Gottesherrschaft trotz seines Todes (s.a. §24,1; Folien 142f).
14,26-31: Auf dem Weg zum Ölberg
• Der Blick weitet sich nun auf alle Jünger. Zwar geht es besonders um das Versagen des Petrus, der sich aus dem angekündigten Fehlverhalten
ausnehmen will, woraufhin ihm ein noch größeres angekündigt wird (VV.29f). Es sind aber schließlich alle Jünger, die zu viel versprechen
(V.31).
• Es zeigen sich zahlreiche Verbindungen zur weiteren Passionsgeschichte:
– Ankündigung der Jüngerflucht / Jüngerflucht (14,50)
– Ankündigung der Verleugnung / Verleugnung (14,54.66-72)
– Ankündigung: Jesus geht nach der Auferstehung nach Galiläa voraus / Aufnahme in der Botschaft des Engels im Grab (16,7)
 kurz leuchtet ein österliches Licht auf, nicht an dem Punkt, an dem Jesus erniedrigt
wird, sondern im
Zusammenhang mit dem Versagen der Jünger.
130
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §23,4f
14,32-42: Im Garten Getsemani
• Das Thema des Jüngerversagens wird an den drei besonders ausgezeichneten Jüngern fort-geführt: Petrus, Jakobus und Johannes erscheinen im
Verlauf des Wirkens Jesu in größerer Nähe zu Jesus (Erstberufene; Erstgenannte in der Zwölferliste; s.a. Mk 5,37; 9,2; 13,3).
• Der besonderen Erwählung entspricht die besondere Gefährdung: die Jünger schlafen ein (s.a. 10,35-37; 14,66-72).
• Im Gebet Jesu zeigt Mk die Not Jesu, zugleich aber auch die Ergebung in den Willen Gottes. Die Abba-Anrede drückt das Vertrauen in Gott
besonders nachdrücklich aus. Jesus geht auch nach dem MkEv nicht verzweifelt in den Tod, sondern nimmt sein Geschick an.
14,43-52: Die Gefangennahme
• Der Faden des Judas-Verrates wird aufgegriffen. Judas identifiziert Jesus und verschwindet danach von der Bildfläche. Hintergründe des Verrats
bleiben ebenso unberücksichtigt wie das weitere Geschick des Verräters. Dessen Tat bliebt als Rätsel stehen.
• Zwei Besonderheiten der Szene könnten auf historische Erinnerung zurückgehen: (1) Dem Diener des Hohenpriesters wird ein Ohr
abgeschlagen (bei Mk nicht ausdrücklich durch einen Jünger). (2) Ein junger Mann wird am Gewand ergriffen und flieht nackt.
• Jesus erscheint zwar nicht so souverän wie in der joh Verhaftungsszene (Joh 18,1-11), bleibt aber nicht rein passiv: Er weist auf das Unrecht
der heimlichen Verhaftung hin (VV.48f) und gibt mit dem Verweis auf die Erfüllung der Schriften (V.49fin) eine Deutung des Geschehens, die
die ganze Passionsgeschichte durchzieht.
131
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §23,6
14,53-72: Verhör vor dem Hohen Rat – Verleugnung des Petrus
• Nach der Gefangennahme verschränken sich zwei Erzählfäden (V.53: Eröffnung der Verhörszene; V.54: Vorbereitung der
Verleugnungsgeschichte).
• Im Verhör zeigen sich zunächst Schwierigkeiten, Jesus ein todeswürdiges Vergehen nachzuweisen: es treten nur Falschzeugen auf, auch das
Tempellogion (V.58) wird als Falschzeugnis bezeichnet (historisch ist hier am ehesten der Ansatzpunkt für Verhaftung und Verurteilung zu
sehen; s. Folie 124).
• Der Hohepriester stellt Jesus daraufhin vor die Bekenntnisfrage (V.61). Dass Jesus sich zur messianischen und zur Würde als kommender
Menschensohn bekennt (V.61), wird vom Hohenpriester als Lästerung gewertet (VV.63f). Historisch ist dieser Zusammenhang
unwahrscheinlich: die Erhebung eines messianischen Anspruchs ist keine Lästerung.
 Die Reaktion des Hohenpriesters ist wohl vor dem Hintergrund der Konsequenzen zu
sehen, die im Urchristentum aus dem
Bekenntnis zum Messias Jesus gezogen wurden: im Blick auf eine hoheitliche Christologie oder die Relativierung der Tora und Öffnung zu
den Heiden hin.
• Zum ersten Mal bekennt sich Jesus im MkEv öffentlich zu seiner Würde: In der Passion ist eindeutig, dass die Hoheit Jesu den Weg in die
Niedrigkeit einschließt. Die Darstellung passt sich also in das Messiasgeheimnis ein, das die Darstellung des Wirkens Jesu im MkEv
durchzieht. Wie auf das Messiasbekenntnis des Petrus die erste Leidensankündigung folgt (8,30f), so wird Jesus auf sein Bekenntnis hin zum
Tod verurteilt und anschließend angespuckt, geschlagen und verspottet.
132
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
• Diesen erniedrigten Jesus verleugnet Petrus, der sich also gerade von dem geschmähten Jesus lossagt – dies wird durch die
Verschränkung der beiden Erzählfäden besonders deutlich.
• Trotz dieser Kritik ist Petrus der einzige Jünger, der überhaupt noch in der Szene anwesend ist, und er erkennt sein Versagen (V.72). So
führt eine Linie von diesem Versagen zu seiner besonderen Bedeutung, die im Wort des Engels im Grab aufscheint: Petrus ist dort aus
der Gruppe der Jünger herausgehoben (16,7).
• Mit Petrus verschwindet der letzte männliche Jünger aus der Passionsgeschichte. In der Erzählung vom Tod Jesu erscheinen Frauen, die
Jesus nachgefolgt waren und bis zum Schluss ausgehalten haben (15,40f).
133
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §23,7
15,1-15: Verhör vor Pilatus
• Das Gespräch zwischen Pilatus und Jesus ist schnell beendet. Nach der mehrdeutigen Antwort auf die Frage, ob er der König der Juden sei
(„du sagst es“) schweigt Jesus. Im Folgenden spricht Pilatus nur noch mit den Anklägern.
• Die Barabbas-Szene unterliegt insofern historischem Zweifel, als sich eine Gewohnheit zur Festtags-Amnestie nicht nachweisen lässt. Außerdem
ist Jesus zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht verurteilt, so dass man gar nicht von einer Amnestie sprechen könnte. Literarisch dient die Szene
dazu, die jüdische Obrigkeit als treibende Kraft hinter der Verurteilung Jesu darzustellen.
• Die Rolle des Pilatus bei der Verurteilung Jesu wird dagegen zurückgenommen:
– Er bietet Jesus zur Freilassung an (V.9).
– Er weiß um das wahre Motiv der Auslieferung Jesu (Neid: V.10).
– Er fragt, was Jesus denn Böses getan habe (V.14), erkennt nichts Verurteilenswertes.
– Er verurteilt Jesus nur, um Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten (V.15).
• Dieses Bild stimmt nicht überein mit dem, was aus anderen Quellen über die Regierungsweise des Pilatus bekannt ist (s.a. Lk 13,1). Die
Differenz erklärt sich aus dem Anliegen der urchristlichen Überlieferung. Dass Jesus von einem römischen Präfekten als politischer Rebell
hingerichtet worden war, bedeutete eine Belastung der christlichen Gemeinden im römischen Reich. Dem Anliegen zu zeigen, dass man keine
gegen Rom gerichteten politischen Ansprüche hatte, diente die Darstellung des Pilatus im Prozess Jesu: Er hat Jesus nicht verurteilt, weil er in
ihm einen Aufrührer erkannt hätte.
134
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §23,8f
15,16-20a: Verspottung durch die Soldaten
• Die Verspottung knüpft an die Verteilung als „König der Juden“ an: Jesus erhält Abzeichen königlicher Würde: Purpurgewand und (Dornen)Krone. Zwar wird Jesus auch misshandelt (V.19), dennoch überwiegt das das Moment der Verspottung (V.18.19c.20).
• Die Verspottung ist hintergründig zu lesen im Blick auf den Königstitel: Die Soldaten huldigen sarkastisch einem, der als Messias wirklich ein
König ist – ein König in der äußersten Niedrigkeit.
15,20b-41: Kreuzigung und Tod Jesu
(1) Der Weg zur Hinrichtungsstätte und Kreuzigung (VV.20b-27)
• Der Weg zur Hinrichtungsstätte wird knapp erzählt. Die Notiz zu Simon von Kyrene gibt wohl ein historisches Detail wieder: Es ist kein
Motiv für eine spätere Entstehung erkennbar, auch die Namen der Söhne des Simon weisen auf historische Erinnerung.
• Die Grausamkeit der Kreuzigung wird nicht ausgemalt, nur kurz heißt es: „Sie kreuzigen ihn“ (V.24).
• Der Titel „König der Juden“ als Angabe der Schuld ist historisch glaubwürdig. Er ist, weil politisch kompromittierend, kaum von den ersten
Christen erfunden worden. Die Römer sind gegen auch nur vermeintliche politische Unruhestifter kompromisslos vorgegangen.
• Die Erwähnung der Mitgekreuzigten ist möglicherweise als Inszenierung des Hofstaats des gekreuzigten Königs zu verstehen, so dass die
Verspottung fortgesetzt wird. Denkbar ist auch eine Anspielung auf Ps 22,17.
135
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
(2) Die Verspottung des Gekreuzigten (VV.29-32)
• Die dritte Verspottungsszene (nach 14,65; 15,16-20a) umfasst drei Gruppen von Spottenden: Vorübergehende (also ist nicht an eine Massenszene
gedacht), Hohepriester, Mitgekreuzigte.
• Insofern die Spottenden lästern (blasfhmei/n), sind sie als Sünder gekennzeichnet. Ihr Spott ist zum einen mit dem Tempellogion verbunden
(V.29), zum andern mit dem Messias- und Königstitel.
• Der Spott setzt an dem Kontrast zwischen beanspruchter Vollmacht und hilfloser Lage an. Das Kreuz wird als Widerlegung dieses Anspruchs
verstanden. Dagegen sieht der Evangelist in der Ohnmacht Jesu den Gehorsam dem Willen Gottes gegenüber (s. vor allem Mk 10,34).
(3) Der Tod Jesu (VV.33-39)
• Die Erzählung vom Tod Jesu setzt mit einem apokalyptischen Zeichen ein: Finsternis über der ganzen Erde (V.33). Dass die Sonne nicht mehr
scheint, gehört zu den Schrecken der Endzeit, auf die hin die neue Welt Gottes kommt. Wenn die Finsternis vor dem Tod Jesu angesetzt wird,
könnte dieser als Wende der Welten gekennzeichnet werden.
• Der Tod Jesu wird mit einem zweiten Zeichen verbunden: das Zerreißen des Tempelvorhangs (V.38). Dass dies von oben nach unten geschieht,
soll wohl auf Gott als Urheber des Vorgangs anspielen. Die Deutung dieses Zeichens ist schwierig:
– Soll das Ende des Tempelkults angekündigt werden, weil Vergebung der Sünden nun durch
den Tod Jesu eröffnet wird und nicht
mehr durch den Sühnekult?
– Soll Jesus und sein Tod als nun gültiger Ort der Gottesgegenwart bezeichnet werden?
136
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
• Auch die Reaktion des Hauptmanns (V.39) arbeitet die Bedeutung des Todes Jesu heraus. Der laute Schrei Jesu soll kaum als Zeichen großer Kraft
verstanden werden, die den Hauptmann ins Staunen versetzen würde. Dass die Linie der Ohnmacht und Erniedrigung ausgerechnet im Tod Jesu
abbrechen sollte, lässt sich nicht erklären. Auch der Todesschrei zeigt die Erniedrigung Jesu an. Wie lässt sich dann die Reaktion des Hauptmanns
erklären?
 Im Rahmen des MkEv ist auf den Spannungsbogen zu verweisen, der mit dem Titel „Sohn Gottes“ verbunden ist. In 1,11 und 9,7 ist Jesus als
Sohn Gottes präsentiert worden (den
Lesern bzw. ausgewählten Jüngern). Ansonsten ist ein gegenläufiger Akzent gesetzt: Jesus soll in seiner
Würde nicht bekannt werden (Schweigegebote an Dämonen, Geheilte und
Jünger) – bis zur Auferstehung von den Toten (9,9).
 Man muss also den Weg Jesu bis zum Ende, bis zum Kreuz mitgehen, um angemessen
von seiner Hoheit und Würde als
Sohn Gottes sprechen zu können. Deshalb wird
angesichts der tiefsten Erniedrigung Jesus vom Hauptmann als Sohn Gottes
bekannt.
(4) Frauen als Zeuginnen (VV.40f)
• Die namentlich genannten Frauen, die „von ferne schauten“ (V.40), werden durch den Begriff der Nachfolge als Jüngerinnen Jesu vorgestellt.
• Sie sind die einzigen, die aus dem Jüngerkreis noch übriggeblieben sind, und so das personale Bindeglied zwischen dem Karfreitag und der
Osterverkündigung im leeren Grab. Zwei erscheinen auch als Zeuginnen der Grablegung (15,47). Sie spielen also eine wichtige Rolle für den auf
Ostern zulaufenden Spannungsbogen.
137
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §23,10f
15,42-47: Die Grablegung
• Der Erzählabschnitt dient der Überleitung zur Geschichte von der Auferweckungsbotschaft im leeren Grab.
• Josef von Arimathäa wird nicht ausdrücklich als Jünger präsentiert, sondern über die Ausrichtung auf die Gottesherrschaft in eine gewisse
Nähe zu Jesus gerückt. In der Erzählung bleibt das Motiv für sein Handeln dennoch offen.
 Falls historische Erinnerung bewahrt sein sollte, könnte sich Josef als Ratsherr um die
kultische Reinheit des Landes gesorgt und
deshalb auf die Abnahme der Leichen vom
Kreuz hingewirkt haben, müsste also nicht aus Sympathie für die Jesus-Bewegung
gehandelt haben.
• Die zweite erzählerische Funktion (neben der Vorbereitung von 16,1-8) ist die Versicherung, dass Jesus wirklich gestorben ist (VV.44f).
16,1-8: Die Auferweckungsverkündigung im leeren Grab
• Die tragende Rolle als menschliche Akteure spielen die Frauen, die auch Zeuginnen des Todes Jesu und z.T. der Grablegung waren.
• Ihr Verhalten ist in historischer Hinsicht auffällig:
– Die Salbungsabsicht nach der Beerdigung und bei dem vorausgesetzten zeitlichen Abstand zum Tod ist unter den klimatischen
Bedingungen Palästinas nicht vorstellbar.
– Die Frauen überlegen sehr spät, wie sie eigentlich ins Grab kommen können.
– Das Schweigen als Reaktion auf die Osterbotschaft scheint kaum angemessen.
138
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
 Der Ausgangspunkt der Erzählung ist also höchstwahrscheinlich kein Erlebnis von Jüngerinnen Jesu am Sonntag nach dem Tod Jesu.
• Für dieses Urteil spricht auch die Tatsache, dass die Geschichte auf die Botschaft des Engels hin konzentriert ist: Die Bewegung zum Grab, der
Aufenthalt dort und das Fliehen vom Grab – alles ist auf die Botschaft des Engels bezogen.
 Also dürfte auch das Osterbekenntnis der Ausgangspunkt der Erzählung sein.
• Die Auferweckungsbotschaft des Engels verweist auf Jesus, den Nazarener, den Gekreuzigten. Damit ist verwiesen auf die Geschichte Jesu:
– Es geht um Jesus von Nazaret, der in Galiläa und Umgebung auftrat, verkündete und
heilte und in Jerusalem schließlich verhaftet
wurde.
– Die Botschaft von der Auferweckung ist nicht am Kreuz vorbei zu haben. Der Erhöhte
bleibt der Gekreuzigte, „nur in dieser
Verknüpfung ist das christologische Bekenntnis richtig“ (L. Oberlinner).
• Folgerung: Die Frauen werden für ihre Suche Jesu im Grab nicht kritisiert. Der Gang zum Grab ist Nachfolge des Gekreuzigten. Dass sie Jesus
anders finden als erwartet, nämlich in der Verkündigung des Engels, wird den Frauen nicht angelastet.
139
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
• Im Wort der Verkündigung ist die Osterbotschaft auch den Adressaten des MkEv zugänglich. Die Darstellung der Frauen wird transparent für
die Situation der späteren Zeit. So erklären sich zwei Besonderheiten:
– Die Erscheinung wird angekündigt, aber nicht erzählt, um den Akzent nicht auf Vergangenes zu rücken.
– Das Schweigen der Frauen: Dessen Bezugspunkt ist nicht der Auftrag, der sich auf die
Jünger richtet, sondern die Botschaft von der
Auferweckung. Durch die Furcht wird deutlich: Die Frauen haben verstanden, dass sie konfrontiert wurden mit einer
Gottesoffenbarung und deren Zumutung erkennen. Mit diesem offenen Schluss mündet das MkEv in die Welt der Adressaten.
140
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung §24,1
Das letzte Mahl Jesu – Mk 14,22-25parr
Vergleich der Traditionsstränge
• Die Abendmahlstradition ist in zwei Strängen überliefert. Die eine Linie wird von Mk und Mt bezeugt, die andere von Paulus (1Kor 11,23-25)
und Lukas, dessen Version auch Spuren der mk Vorlage zeigt. >
• Folgende Gemeinsamkeiten des Handelns Jesu verbinden die beiden Stränge:
– Jesus nimmt Brot, bricht das Brot und deutet es als (seinen) Leib.
– Er nimmt den Becher (Lk/Paulus: „gleichfalls den Becher“) und deutet diese Handlung, indem er eine Beziehung zu seinem Blut und
dem Bund herstellt.
 Vor dem Brechen des Brotes ist bei Mk und Mt eine Segenshandlung, bei Lk und Paulus das Danken eingefügt.
• Die wichtigsten Unterschiede zwischen beiden Traditionssträngen:
– Mk/Mt: Aussage über die Heilsbedeutung des Todes Jesu nur im Rahmen des
Becherwortes / Paulus/Lk: „Leib für“.
– Mk/Mt: Blut für die Vielen ausgegossen / Paulus/Lk: für euch.
– Mk/Mt: Blut des Bundes / Paulus/Lk: der „neue Bund in meinem Blut“.
– Einen Wiederholungsauftrag kennt nur die pln/lk Linie.
– In Mk 14,25 par Mt 26,29 begegnet der so genannte „eschatologische Ausblick“, den
Lukas vor die Abendmahlsworte gesetzt hat,
im Zusammenhang eines eigenen Becherwortes (22,18, s.a. 22,16).
141
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Indizien sekundärer Entwicklung
• Die Formulierung „für euch“ berücksichtigt die Abendmahl feiernde Gemeinde.
• Der Wiederholungsbefehl erklärt sich ebenfalls am besten aus der liturgischen Herrenmahlfeier der Gemeinde, die ihr Tun ausdrücklich auf
Jesus zurückführt.
• Diejenigen Elemente, die eine stringentere parallele Gestaltung ergeben:
– Das Nehmen des Bechers, Danken und Geben des Bechers in der mk/mt Linie.
– Die Form des Becherwortes bei Mk und Mt, die stärker an das Brotwort angeglichen ist als das der pl/lk Linie.
– Der Wiederholungsauftrag bei Paulus und die „für-Aussagen“ bei Lk.
Die Suche nach der ursprünglichen Form der Abendmahlstradition muss vor allem an der mk Fassung ansetzen, zumal hier ein Spruch
begegnet, der Jesu Tod mit der Basileia in Verbindung bringt (14,25).
Das Problem von Mk 14,24f
• Außer dem Bezug auf den Tod Jesu gibt es keinen inneren Zusammenhang zwischen V.24 und V.25. Die nachfolgende Aussage nimmt nicht
ein Stichwort aus der vorherigen auf.
• Über das Deutewort zum Becher hinweg zeigt sich ein Zusammenhang mit der Notiz vom Trinken aller (V.23). Der Anschluss von V.25 an
V.23 ist viel enger als an V.24. Ist dieser Vers sekundär hinzugekommen, erklärt sich auch, dass Jesus erst seinen Tod deutet (V.24), ehe er
von der Gewissheit seines Todes spricht (V.25). Auch das strukturelle Übergewicht des Becherwortes wäre durch allmähliches Wachstum
verständlich.
142
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
So ergäbe sich eine Rekonstruktion der Abendmahlsworte, in der die Sühnedeutung des Todes Jesu fehlt:
Jesus nahm Brot, sprach den Lobpreis/dankte, brach es und gab es den Jüngern und
sprach: „Das ist mein Leib.“ Gleichfalls den
Becher (nach dem Mahl), und sie tranken aus ihm alle. Und er sprach zu ihnen: „Amen ich sage euch: Ich werde nicht mehr trinken vom
Gewächs des Weinstocks bis zu jenem Tag, an dem ich von neuem trinke im Reich Gottes.“
• Zu dieser literarkritischen Rekonstruktion passen inhaltliche Überlegungen, die sich auf die Schwierigkeit beziehen, die Sühnetod-Deutung mit
der Basileia-Botschaft Jesu zu verbinden. Die Abendmahlstradition gibt darauf keine Antwort:
– Der Sühnegedanke ist mit dem Bundesmotiv verbunden, das ansonsten in der Jesus-Überlieferung keine erkennbare Rolle spielt.
– Umgekehrt finden wir den Zusammenhang von Tod Jesu und Basileia gerade in einem Logion, das keine Sühne-Aussage enthält, wohl
aber eine Todesdeutung (Mk 14,25):
Gottesherrschaft und Tod Jesu werden miteinander verbunden, aber ohne dass Jesu Sterben eine Funktion für das Kommen der
Gottesherrschaft hätte. Jesus versichert seine
Jünger angesichts seines nahen Todes des Kommens der Basileia. Er hält an seiner
Botschaft fest, trotz seines Todes.
143
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Der Sinn der Abendmahlsworte Jesu
• Hinter Mk 14,22-25 steht wahrscheinlich eine ältere Überlieferungsform, in der Brot und Becher eine Rolle spielen, der Becher aber nicht auf
das sühnende Sterben gedeutet wurde.
• Wenn die Gabe des Brotes begleitet war von den Worten „das ist mein Leib“, könnte im gebrochenen Brot die Erwartung des Todes
angedeutet sein. Mit „Leib“ ist nicht allein der Körper bezeichnet, sondern der Mensch als Person, in seiner Individualität. „Das ist mein Leib“
würde also bedeuten: „das bin ich“.
• Da Jesus das Brot seinen Jüngern gibt, könnte er auch die Jünger der bleibenden Gemeinschaft mit ihm versichern – über den Tod hinaus. So
ließe sich erklären, dass die Jünger nach Ostern zusammenkamen zum gemeinsamen Mahl und Brotbrechen in Erinnerung an das letzte Mahl
Jesu.
• Im eschatologischen Ausblick (14,25) als ursprünglichem Becherwort versichert Jesus seine Jünger des Kommens der Basileia trotz seines
Todes. Insofern Jesus das Weintrinken als Bild für die vollendete Basileia gebraucht, könnte er seinen Jüngern (wohl auch im Rückgriff auf die
zurückliegenden Mahlfeiern) ein Zeichen hinterlassen haben, das ihnen das endgültige Kommen der Gottesherrschaft verbürgte.
144
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Die „Für-Aussagen“
• Die Abendmahlstradition ist wohl nachträglich um die „Für-Aussagen“ erweitert worden. Das Für kennzeichnet ein „anstelle von“ wie auch ein
„zugunsten von“. Deutet dies in jedem Fall auf den stellvertretenden Sühnetod oder ist dies nur bei Mt der Fall, der ausdrücklich von der
Vergebung der Sünden spricht?
 Man kann wohl den Gedanken der Stellvertretung nicht von dem der Sühne isolieren.
Andernfalls wäre zu klären, inwiefern „den
Vielen“ (oder „uns“) der Tod zugekommen
wäre, den Jesus stellvertretend auf sich nahm. Jesus ermöglicht ja nicht, wie in der
griechische Tradition des Lebenseinsatzes für das Gemeinwesen, Verwandte o.ä., durch
seinen stellvertretenden Tod das Weiterleben
der Geretteten.
• Der Tod Jesu zugunsten der Vielen (Mk 14,24par; vgl. auch 10,45par) weist wohl auf das vierte Gottesknechtslied (Jes 53), in dem wiederholt
dieser Begriff erscheint (53,11.12; auch 52,14.15).
 Damit gewinnt die Sühneaussage einen universalen Akzent (s.a. Jes 42; 49). Dies ist für die urchristliche Verkündigung sicher von
Bedeutung gewesen, da sie die Grenzen des
Volkes Israel mit der Mission unter Samaritanern und dann unter Heiden verlassen hat.
145
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
„Tut dies zu meinem Gedächtnis“
• In der pln/lk Linie findet sich dieser ausdrückliche Wiederholungsauftrag. Er weist auf eine Besonderheit der Abendmahlsüberlieferung, die
auch für den mk/mt Strang gilt: Die Texte sind geprägt von der Abendmahl feiernden Gemeinde, die mit ihnen ihre liturgische Praxis
begründet (ätiologische Funktion).
• Dass sich in den Texten unterschiedliche liturgische Traditionen niederschlagen, zeigt sich etwa am Fehlen der Notiz „nach dem Mahl“ in der
mk/mt Linie. Die Praxis der Herrenmahl feiernden Gemeinde wirkt sich aus auf die Gestaltung der Abendmahlstradition. Der pln/lk Strang
dürfte hier die ursprünglichere Gestalt bieten.
• Die Wendung „tut dies zu meinem Gedächtnis“ zielt nicht nur auf ein Erinnern; sie meint nicht nur, dass die Glaubenden an Jesus denken.
Vielmehr wird das Vergangene vergegenwärtigt – gerade im Zusammenhang der Pascha-Tradition ist dieser Gedanke in der jüdischen
Tradition verankert.
146
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Die Abendmahlstradition
Mk 14,22-25
Mt 26,26-30
Und während sie aßen,
Während sie aßen,
nahm er
Brot,
sprach den Lobpreis,
brach es,
und gab es ihnen
und sprach:
Nehmt,
dies ist mein Leib.
nahm Jesus
Brot,
sprach den Lobpreis,
brach es,
gab es den Jüngern
und sprach:
Nehmt, esst,
dies ist mein Leib.
Lk 22,15-20
Wunsch das Pascha mit den Jüngern zu
feiern; eschatologischer Ausblick;
Becherwort
Und er nahm
Brot,
dankte,
brach es
und gab es ihnen
indem er sagte:
Dies ist mein Leib, der für
euch gegeben wird.
Dies tut zu
meinem Gedächtnis.
1Kor 11,23-26
Der Herr Jesus
nahm in der Nacht, in der er
überliefert wurde,
Brot,
dankte,
brach es
und sprach:
Dies ist mein Leib
für euch.
Dies tut zu
meinem Gedächtnis.
147
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Und er nahm einen Becher,
dankte
und gab ihn ihnen,
und sie tranken aus ihm alle. Und er
sprach zu ihnen: Dies ist mein
Blut des Bundes, das ausgegossen
wird für viele.
Amen, ich sage euch: Nicht mehr
werde ich trinken vom Gewächs
des Weinstocks bis zu jenem Tag, an
dem ich
von neuem trinke im Reich Gottes.
Und er nahm einen Becher
und dankte
und gab ihn ihnen
indem er sagte:
Trinkt aus ihm alle.
Denn dies ist mein Blut des
Bundes, das für viele ausgegossen
wird zum Nachlass der Sünden.
Ich sage euch aber: Ich werde
nicht trinken von jetzt an
von diesem Gewächs des
Weinstocks bis zu jenem Tag, an
dem ich mit euch von neuem
trinke im Reich meines Vaters.
Und den
Becher gleichfalls nach dem
Mahl,
indem er sagte:
Dieser Becher ist der neue
Bund in meinem Blut, das für
euch ausgegos-sen wird.
Ich sage euch nämlich: Ich
werde
nicht trinken
von nun an
vom Gewächs
des Weinstocks bis
Gleichfalls auch den Becher
nach dem Mahl,,
indem er sagte:
Dieser Becher ist der neue
Bund in meinem Blut.
Dies tut, so oft ihr trinkt, zu
meinem Gedächtnis.
Sooft ihr nämlich dieses Brot
esst und diesen Becher trinkt,
verkündet ihr den Tod des
Herrn, bis er kommt.
das Reich Gottes kommt.
(22,18)
148
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Die Abendmahlstradition
Mk 14,22-25
Mt 26,26-30
Lk 22,15-20
Wunsch das Pascha mit den Jüngern zu
feiern; eschatologischer Ausblick;
Becherwort
Und während sie aßen,
Während sie aßen,
nahm er
Brot,
sprach den Lobpreis,
brach es,
und gab es ihnen
und sprach:
Nehmt,
dies ist mein Leib.
nahm Jesus
Brot,
sprach den Lobpreis,
brach es,
gab es den Jüngern
und sprach :
Nehmt, esst,
dies ist mein Leib.
Und er nahm
Brot,
dankte,
brach es
und gab es ihnen
indem er sagte:
Dies ist mein Leib, der für
euch gegeben wird.
Dies tut zu
meinem Gedächtnis.
1Kor 11,23-26
Der Herr Jesus
nahm in der Nacht, in der er
überliefert wurde,
Brot,
dankte,
brach es
und sprach :
Dies ist mein Leib
für euch.
Dies tut zu
meinem Gedächtnis.
149
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Und er nahm einen Becher,
dankte
und gab ihn ihnen,
und sie tranken aus ihm alle. Und er
sprach zu ihnen: Dies ist mein
Blut des Bundes, das ausgegossen
wird für viele.
Amen, ich sage euch: Nicht mehr
werde ich trinken
vom Gewächs
des Weinstocks bis
zu jenem Tag, an dem ich
von neuem trinke im Reich Gottes.
Und er nahm einen Becher
und dankte
und gab ihn ihnen
indem er sagte:
Trinkt aus ihm alle.
Denn dies ist mein
Blut des Bundes, das für viele
ausgegossen wird zum Nachlass der
Sünden.
Ich sage euch aber: Ich werde nicht
trinken von jetzt an
von diesem Gewächs
des Weinstocks bis zu jenem Tag,
an dem ich mit euch von neuem
trinke im Reich meines Vaters.
Und den
Becher gleichfalls nach dem
Mahl,
indem er sagte:
Dieser Becher ist der neue
Bund in meinem Blut, das für
euch ausge-gossen wird.
Ich sage euch nämlich: Ich
werde
nicht trinken
von nun an
vom Gewächs
des Weinstocks bis
Gleichfalls auch den Becher
nach dem Mahl,
indem er sagte:
Dieser Becher ist der neue
Bund in meinem Blut.
Dies tut, so oft ihr trinkt, zu
meinem Gedächtnis.
Sooft ihr nämlich dieses Brot
esst und diesen Becher trinkt,
verkündet ihr den Tod des
Herrn, bis er kommt.
das Reich Gottes kommt.
(22,18)
150
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
Ergänzung zu Mk 15,33-39
• Zwischen die apokalyptischen Zeichen, die die Bedeutung des Todes Jesu herausstellen, ist das Sterbegebet Jesu und ein sich daran
anschließendes Missverständnis eingefügt.
• Zu Ps 22 als Sterbegebet s.o. Folie 127. Das Zitat zeigt Jesus als leidenden Gerechten, der trotz der erfahrenen Gottesferne seine Hoffnung auf
Gott setzt.
• Die Wiedergabe des Psalmanfangs auf aramäisch ist Aufmerksamkeitssignal und erzählerischer Anker für das Missverständnis, Jesus habe Elija
gerufen.
 Dass die Dabeistehenden die Worte Jesu bewusst verdrehen, deutet der Text nicht an. Es kommt nur darauf an, dass das Stichwort Elija
fällt und die Spötter so ihr Spiel mit dem Gekreuzigten weitertreiben können.
• Die Tränkung mit Essig spielt auf Ps 69,22 an: „Und sie gaben mir zur Speise Gift (LXX: Galle, χολή), und in meinem Durst tränkten sie
mich mit Essig (ὄξος)“.
Der Trank ist wohl als lebensverlängernde Gabe zu verstehen (Linderung von Wundfieber und Durst), allerdings nicht im Sinne eines
Barmherzigkeitserweises. Dass die Akteure ernsthaft mit dem Kommen Elijas rechnen, ist nach den bisherigen Verspottungsszenen
auszuschließen.
Das Motiv der Essiggabe ist allerdings nicht leicht zu deuten. Mt scheint es nicht mit der Funktion der Lebensverlängerung verbunden zu
haben.
151
Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung
• Versteht man das Imperfekt in V. 36 (ἐπότιζεν) konativ („er versuchte ihn zu tränken”), könnte der Tod Jesu sehr deutlich als
Durchkreuzung der geplanten Verspottung gekennzeichnet sein. Jesus stirbt, ehe der Schwamm an seinen Mund kommt.
 Andernfalls wäre diese Sinnspitze aber nicht ausgeschlossen: Direkt auf die Essiggabe stirbt Jesus, der Plan der Verlängerung der Qual
unter dem Vorwand, eine Rettung durch Elija zu ermöglichen, scheitert. Hintergründig deutet sich der Tod Jesu als Sieg über seine
Widersacher an.
152

Jesus von Nazaret – Weg und Wirkung