Sicherheit und Risiko – Atomkraftwerk, Bewertung der technischen Sicherheit
Eine Kernschmelze in 10.000 Jahren. Wie kommt man zu so einer Angabe und was bedeutet
sie? Solche Angaben kennen wir auch aus unserem täglichen Sprachgebrauch, z.B. das
Jahrhundertwetter oder die Jahrhundertflut. Hiermit will man zum Ausdruck bringen, wie
selten solch extreme Ereignisse sind, länger als ein normales Menschenleben, sodass eine
Generation sowas u.U. nicht erlebt und nur aus den Überlieferungen ihrer Vorfahren kennt.
(Dass solche Ereignisse mittlerweile im 10-Jahres-Abstand auftreten, ist bereits eine Folge
der globalen Klimaerwärmung, unabhängig von deren Ursachen.)
In der Technik ist es üblich die Zuverlässigkeit von Produkten mit solchen
Zahlenverhältnissen zu beschreiben. Die Basis sind statistische Untersuchungen an einer
Vielzahl von gleichartigen Produkten. Diese Methode versagt aber bei komplexen Systemen
wie Kernkraftwerken mit einer, für statistische Zwecke zu geringen Stückzahl. Hier behilft
man sich zunächst mit statistischen Untersuchungen an Einzelkomponenten. Deren
Ergebnisse werden dann auf Basis der Wahrscheinlichkeitstheorie mit mathematischen
Gleichungssystemen, welche die Sicherheitskonzepte der Anlage abbilden (mehrere
gestaffelte Sicherheitsbarrieren), miteinander verknüpft. Dies kann dann, mathematisch
korrekt, Ergebnisse wie „1 in 10.000 Jahren“ ergeben. Bei einem geringfügig anderen Aufbau
des Gleichungssystems kann sich aber auch „1 in 100.000 Jahren“ ergeben. Das zeigt die
Unschärfe dieser Methode. Beide Zeiträume liegen weit außerhalb unserer Lebenserfahrung
und suggerieren ein hohes Maß an Sicherheit.
Die Rechnung basiert also auf Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie. Das Ergebnis kann
somit nur im Sinne dieser Methoden bewertet werden. Voraussetzung für ein möglichst
realistisches Ergebnis ist eine möglichst große Zahl von Produkten/Ereignissen. Das
Ergebnis kann also niemals eine genaue Prognose für ein einzelnes Kernkraftwerk sein und
schon gar nicht für den Zeitpunkt eines Unfalls. Denn präzise ausgedrückt heißt das
Ergebnis: „ Irgendwann innerhalb von 10.000 Jahren 1-mal“. Dies kann in 10.000 oder 5.000
Jahren oder morgen sein.
In der Praxis kann man mit solchen Angaben wenig anfangen, weil sie wesentlich länger sind
als die Lebensdauer der betroffenen Anlagen. Hat man aber mehrere gleichartige Anlagen,
so kann man auch davon ausgehen, dass sich bei allen Anlagen die Fehler statistisch
gleichmäßig über den errechneten Zeitraum verteilen. Solche Angaben über die
Zuverlässigkeit von Produkten sind als „MTBF“ bekannt, abgeleitet aus dem Englischen
„meantime between failure“, also „mittlere Zeit zwischen den Ausfällen“.
Wenden wir diese Methode auf die Kernkraftwerke an. Zurzeit sind weltweit etwa 440
Kernkraftwerke in Betrieb. Nach derzeitiger Planung werden es in einigen Jahren ca. 600
sein. Wenn sich der Zeitpunkt eines Unfalls bei allen Kernkraftwerken statistisch gleichmäßig
auf die 10.000 Jahre verteilt, dann müssen wir bei 400 Kernkraftwerken alle 25 Jahre und bei
600 alle 17 Jahre weltweit mit einem SuperGAU rechnen. Das sind schon eher Zeiträume mit
denen man in der Praxis etwas anfangen kann, obwohl die sachliche Aussage dieselbe ist
wie 1 in 10.000 Jahren.
Ist dieses Ergebnis schon eine Antwort auf die Frage nach der Sicherheit und dem
Restrisiko? Was ist eigentlich Risiko bzw. Restrisiko? Diesen Fragen gehen wir in der
nächsten Folge nach.

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