Die Sünder, der Sturm und
die Strafe. Rungholt in 2070?
Hans von Storch;
Institut für Küstenforschung,
GKSS Forschungszentrum, Geesthacht; und
KlimaCampus, Universität Hamburg
27. März 2008
Folie 1 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Überblick
 Globaler und regionaler
menschgemachter Klimawandel
 Rungholt-Motiv
 Kommunikation
- Vergangenheit und Szenarien
des regionalen Klimas
- Norddeutsches Klimabüro
- Klimaberichte
Siehe auch GKSS Stand im Foyer!
27. März 2008
Folie 2 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Naturwissenschaftliche Einschätzung des
menschgemachten Klimawandels – global
1) Das Klima ist veränderlich; es wirken natürliche Faktoren und
menschgemachte Faktoren
2) Der wichtigste menschgemachte Faktor ist die erhöhte
Gegenwart von strahlungsaktiven Gasen, den so genannten
Treibhausgasen, in der Atmosphäre. Diese Treibhausgase werden
durch vielfältige menschliche Aktivität freigesetzt und nur
langsam wieder aus der Atmosphäre entfernt.
3) Erhöhte Konzentrationen von Treibhausgasen in der
Atmosphäre führen zu einer Erwärmung. Neben der Wirkung auf
die Temperatur und unmittelbar damit zusammenhängenden
Eigenschaften sind die Veränderungen anderer Klimavariablen
räumlich uneinheitlich.
27. März 2008
Folie 3 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Einschätzung:
Globale Erwärmung real?
4) Die
KlimaforschungsGemeinschaft ist
sehr weitgehend
davon überzeugt,
dass die derzeitig
beobachteten
Veränderungen des
Klimas weitgehend
(ca. 2/3) auf den
menschlichen
Einfluss zurück geht.
27. März 2008
Folie 4 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Naturwissenschaftliche Einschätzung des
menschgemachten Klimawandels – global
5) Die Ansichten darüber, inwieweit wir derzeit anthropogen
verstärkte oder vermehrte Extremereignisse (also etwa
Windstürme, Starkniederschläge) sehen, ist gespalten.
6) Beschreibungen der Zukunft sind keine Vorhersagen,
sondern alternative Szenarien, deren Wahrscheinlichkeit
nicht angegeben werden kann. Sie sind keine Vorhersagen
sondern hängen davon ab, wie sich die Emissionen zukünftig
entwickeln. Sie stimmen jedoch alle darin überein, dass die
Temperaturen und die mittleren Wasserstände steigen.
27. März 2008
Folie 5 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Einschätzung:
IPCC Berichte zutreffend?
7) Die Einsichten
der Klimaforschung
werden in den IPCCBerichten
(Intergovernmental
Panel on Climate
Change, in der
Öffentlichkeit
bisweilen als
„Klimarat der UN“
bezeichnet) gut
zusammengefasst.
27. März 2008
Folie 6 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Regionale Entwicklung der
Temperatur und Sturmtätigkeit
8) Temperaturen in
Norddeutschland sind in
den letzten Jahrzehnten
gestiegen.
Sturmtätigkeit hat von
Jahrzehnt zu Jahrzehnt
geschwankt, aber auf
längere Sicht fast
unverändert seit 1800.
Lund und Stockholm
27. März 2008
Folie 7 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Wasserstand in der Nordsee
9) Derzeitige
Veränderungen des
mittleren
Wasserstands in der
Nordsee unklar, da
lokale
Wasserstandsreihen
von verschiedenen
nichtklimatischen
Faktoren abhängen
27. März 2008
Wasserstandsschwankungen – Jahresmittel der
Tidenhochwasser und jährliches 99%-til der
Tidenhochwässer relativ zum Jahresmittel
Folie 8 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Sturmfluten in der Elbe
Vergangenheit
27. März 2008
Folie 9 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Sturmfluten in der Elbe
Vergangenheit
Differenz Scheitelhöhen
Hamburg - Cuxhaven
10) Sturmfluten in der Elbe
deutlich erhöht seit 1962 –
aufgrund wasserbaulicher
Maßnahmen, vor allem wegen
der Verkürzung der Deichlinie
27. März 2008
Folie 10 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Szenarien für Norddeutschland
27. März 2008
11) Szenarien für Norddeutschland (gerundet):
2030: Temperaturen +1 ±0.4 Grad; Starkwind +2%±1% (Winter);
Niederschlag –10% Sommer, +10% Winter (±5%);
2085: Temperaturen +3 ±1.2 Grad; Starkwind +8%±4%; (Winter)
NiederschlagFolie
–30%
Sommer, +30% Winter (±10%);
11 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Sturmfluthöhen längs
der deutschen Nordseeküste
12) Szenarien für Sturmfluten an der
Nordsee spiegeln sowohl veränderte
Windbedingungen als auch veränderte
Füllungen der Weltozeane wieder
Woth, pers. Mitteilung
27. März 2008
Folie 12 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Sturmfluthöhen
in Cuxhaven und Hamburg
Ohne Landhebung/senkung,
morphologische Veränderungen!
27. März 2008
Folie 13 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Reaktionsmöglichkeiten auf
Klimawandel
13) Der menschgemachte Klimawandel ist nicht mehr ganz
zu vermeiden, er ist nur noch zu vermindern.
Der menschgemachte Klimawandel findet statt. Er wird
sich in Zukunft weiter und deutlicher entfalten.
Er ist bei uns sichtbar im thermischen Regime.
Reaktionsmöglichkeiten:
Vermeidung von Klimawandel
- durch Emissionsminderungen
- durch technische Eingriffe
Anpassung an Klimawandel.
27. März 2008
Folie 14 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Reaktionsmöglichkeiten – Anpassung
und Verminderung
14) Jeder Klimawandel wird erhebliche Anstrengungen für eine
Anpassung an veränderte Bedingungen nach sich ziehen.
15) Optimistische Vorstellungen sprechen davon, dass der
Anstieg der globalen Lufttemperatur bis 2100 auf 2 Grad über
dem Niveau von 1850 begrenzt werden kann.
16) Die 2 Grad Zahl ist eine politische Zahl, keine
wissenschaftliche Zahl.
17) Da der Klimawandel nicht mehr völlig vermieden werden kann
und eine globale Änderung von 2 Grad regional und lokal zu
deutlich veränderten klimatischen Bedingungen führen wird,
werden Anpassungsmaßnahmen auch in diesem optimistischen
Falle erforderlich.
27. März 2008
Folie 15 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Reaktionsmöglichkeiten – Anpassung
und Verminderung
18) Szenarien sprechen auch von der Möglichkeit, dass
erheblich höhere Temperaturanstiege vor uns liegen
könnten, z.B. 5-6 Grad.
19) Viele Abschätzung über zukünftige Schäden, wie z.B. die
neulich von einer NGO veröffentlichten zukünftigen
Todeszahlen aufgrund von Hitzestress, sind mit politischen
Hintergedanken formuliert.
Zum einen vernachlässigen sie die Wirkung von
Anpassungsmaßnahmen, und zum anderen verschweigen sie,
dass gleichzeitig weniger Kältewellen weniger
Gesundheitsbelastungen darstellen würden.
27. März 2008
Folie 16 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Reaktionsmöglichkeiten – Anpassung
und Verminderung
20) In der öffentlichen Debatte wird das Thema der Anpassung
kaum thematisiert; in den Verwaltungen und bei Betroffenen
jedoch wird diese Perspektive jetzt verstärkt aufgegriffen.
21) Die Fixierung der öffentlichen Debatte auf die
Verminderungen der Emission ist daher nicht
problemangemessen. Sie vernachlässigt in unverantwortlicher
Weise den Schutz der Gesellschaft vor den derzeitigen und
zukünftigen Klimagefahren.
22) Neben Forschung und Planung für den „Klimaschutz“ (Schutz
des Klimas vor dem Menschen) ist auch aktive Forschung für den
Schutz der Gesellschaft vor dem (jetzigen und zukünftigen)
Klima nötig, also Forschung zur Ermöglichung und Absicherung
wirksamer Anpassungsmaßnahmen.
27. März 2008
Folie 17 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Reaktionsmöglichkeiten – Anpassung
und Verminderung
23) Versuche, den Eindruck zu erwecken, die breit
propagierten weitgehend symbolische Akte würden „das
Problem“ lösen, verharmlosen das Problem.
Energiesparlampen und Verzicht auf Fernreisen lösen „das
Problem“ nicht.
24) Wissenschaftler sollten nicht die Bandbreiten der
Optionen einschränken, und „richtige“ Politiken vorgeben,
sondern die volle Bandbreitem der Optionen inkl. aller
Vorbehalte als Informationen in den gesellschaftlichen
Raum geben (Konzept des „ehrlichen Maklers“) .
27. März 2008
Folie 18 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Die Sünder, der Sturm
und die Strafe. Rungholt in 2070?
27. März 2008
Folie 19 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Wenn wir über Klimawandel
und Sturmfluten denken und
sprechen, dann müssen wir
berücksichtigen:
a) Wir sind Teil einer Kultur,
die Vorstellungen über Klima
und über Wetterrisiken
(Sturmfluten) konstruiert
und tradiert.
b) Daher sind gewisse
Erklärungen a-priori in der
öffentlichen Wahrnehmung
richtig, weitgehend
unabhängig von der
Tatsachenlage.
27. März 2008
Folie 20 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Diese kulturell
konstruierten
Wahrheiten sind:
a) Die Natur schlägt
zurück, wenn sie zu sehr
vom Menschen gequält
wird.
b) Sie schlägt zurück mit
Extremereignissen.
c) Extremereignisse sind
Zeichen an der Wand
und mahnen zur Umkehr.
d) Ohne moralische
Umkehr nehmen die
Extremereignisse zu,
siehe (a).
27. März 2008
Folie 21 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Damit ist der Untergang
Rungholts eine Mahnung für
uns – um diesem Schicksal zu
entgehen müssen wir
(umwelt)gerechter leben.
In der Logik unserer Kultur
richtig, im Lichte
naturwissenschaftlichen
Fakten keine sinnvolle
Deutung.
Trotzdem sollten wir
umweltgerechter leben, aber
das allein bewahrt uns nicht
vor dem Schicksal
Rungholts.
27. März 2008
Folie 22 - Extremwetterkongreß, Hamburg
GKSS Kommunikationsstrategie für Öffentlichkeit, Politik
und Wirtschaft
1) Daten zur raum-zeitlichen Beschreibung der jüngsten
und zukünftig möglichen Klimaschwankungen für
praxisorientierte Bewertungen und Planungen
2) Norddeutsches Klimabüro
3) Regionale Klimaberichte
Dazu neben naturwissenschaftlichen Arbeiten
(Klimastatistik und –modellierung) auch
sozialwissenschaftliche Untersuchungen zur sozialen
und kulturellen Konstruktion
27. März 2008
Folie 23 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Der CoastDat
Datensatz
GKSS in Geesthacht
- Raum-zeitliche detaillierte Beschreibungen des veränderlichen regionalen
Klimas in Nordeuropa (seit 1958)
- Wind, Stürme, Seegang, Sturmfluten, Strömungen und andere Größen
- Szenarien für zukünftig mögliche Klimate (100 Jahre)
Anwender/Nachfrager
- Behörden und Ämter – mit Aufgaben im Küstenschutz und Verkehr
- Firmen, die mit der Bewertung Risiken (Schifffahrt, Off-Shore
Konstruktionen und Betrieb) und Möglichkeiten (Windenergie) zu tun haben
- Die allgemeine Öffentlichkeit und Medien, die nach Erklärungen für
Ereignisse und Wandel sowie nach Perspektiven und Anpassungsmöglichkeiten
fragen.
www.coastdat.de
27. März 2008
Folie 24 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Nordeutsches Klimabü[email protected]
Klimaforschung
Norddeutsches
Klimabüro
Praxis
z.B. Küstenschutz, Tourismus,
Landwirtschaft, Off-shore
Schiffbau, Transport,
NorddeutschesAktivität,
Klimabüro
Fischerei, Energieversorgung
schließt Lücke
Wasserwirtschaft,
Versicherungen
zwischen Klimaforschung
und Praxis
27. März 2008
Folie 25 - Extremwetterkongreß, Hamburg
HGF Klimabüros
• Norddeutsches Klimabüro @ GKSS&CLiSAP:
Küstenklima, Küstenschutz, marine Anwendungen,
Stürme – seit 2006
•Süddeutsche Klimabüro @ FZK & KIT:
Starkniederschlägen/Hochwässer, Stürme sowie
Klimawandel im Hochgebirge. – seit Dezember 2007
•Klimabüro für Polargebiete und
Meeresspiegelanstieg @ AWI: seit Dezember 2007
•Mitteldeutsches Klimabüro @ UFZ & U Leipzig:
klimarelevante Bereichen der Medizin;
Katastrophenvorsorge – in Vorbereitung
27. März 2008
Folie 26 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Zustandsberichte über regionalen
Klimawandel,
wie er für die jüngere Vergangenheit (200 Jahre), für
die Gegenwart und mögliche Zukünfte
wissenschaftlich dokumentiert ist.
… BACC, Klimawandel Hamburg, Nordsee, Laptev See
27. März 2008
Folie 27 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Grundsätze
 Es wird nur berücksichtigt, was publiziert ist, d.h. alle
Angaben können durch Ausleihen in einer Bibliothek
nachgeprüft werden.
 Keine inhaltliche Mitwirkung durch politisch oder
weltanschaulich tätige Gruppen sondern nur
wissenschaftlich ausgewiesene Einrichtungen.
 Keine Finanzierung durch Dritte.
 Zweck ist eine Darstellung des Konsens über Wissen und
Unwissen, der auch ein Konsens des Dissens sein kann.
 Das Ergebnis wird durch unabhängige Gutachter kritisch
bewertet.
27. März 2008
Folie 28 - Extremwetterkongreß, Hamburg
BACC = BALTEX Assessment for
Climate Change in the Baltic
Sea Region wurde in 2005 bis
2007 unter der logistischen
Regie des Internationalen
BALTEX Sekretariats der
GKSS und in Abstimmung mit
der HELCOM Kommission
durchgeführt.
Zweiter Bericht per 2012.
http://www.baltex-research.eu/BACC/Introduction1.html
27. März 2008
Folie 29 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Klimabericht
für die Metropolregion Hamburg
Im Rahmen des CLiSAP Exzellenzentrums der Hamburger
Klimaforschung (ZMK; MPIfM, [email protected]) wird der
Zustandsbericht Hamburger Klimawandel für den
Großraum Hamburg (Metropolregion, Holstein,
Nordniedersachsen) in 2007-2010 in Abstimmung mit dem
Senat der Freien und Hansestadt Hamburg
(Klimaleitstelle) und dem Umweltministerium des Landes
Schleswig-Holstein zusammengestellt.
27. März 2008
Folie 30 - Extremwetterkongreß, Hamburg
BACC
BACC-Zusammenfassung
1. Der Ostseeraum hat sich 1850 um ca. 0.85o erwärmt.
2. Es ist plausibel, dass dies Erwärmung größten Teils auf erhöhte
Treibhauskonzentrationen zurückzuführen ist.
3. Bisher ist dies menschgemachte Signal auf die Temperatur und
damit zusammenhängende Größen beschränkt.
4. Zu einem späteren Zeitpunkt wird ein erkennbares Signal im
Hinblick auf Niederschlag und den Wasserkreislauf bemerkbar
werden.
5. Der regionale Klimawandel hat Wirkungen auf terrestrische und
marine Ökosysteme – im Falle der Phänologie gut vorhersehbar,
im Falle mariner Ökosysteme bisher kaum.
27. März 2008
Folie 31 - Extremwetterkongreß, Hamburg
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Hans von Storch
[email protected]
Beim Stand des Klimabüros der GKSS im
Foyer bekommen Sie Presseerklärungen zur
- Kommunikationsstrategie
- BACC Report
- Sturmflutperspektive
- Siehe auch: Woth, K. und Hans von Storch, 2008: Klima im
Wandel: Mögliche Zukünfte des Norddeutschen Küstenklimas,
Dithmarschen Landeskunde - Kultur - Natur, 1/2008, 20-31
http://coast.gkss.de/staff/storch/pdf/woth-storch.dithmarschen.2007.pdf
27. März 2008
Folie 32 - Extremwetterkongreß, Hamburg

Schleswig, 21. Mai 2007